Digital In Arbeit

Die göttliche Gerechtigkeit

Die Frage nach dem Leid beschäftigt auch islamische Theologen. Hinweise auf Denkansätze zur Theodizee-Frage im Islam.

Die Geschichte der Menschheit ist nicht selten eine dramatische und leidvolle. Kriege und Massaker, aber auch Naturkatastrophen, Überschwemmungen, Dürreperioden und Krankheiten stellen den Menschen immer wieder vor neue Herausforderungen. Ist angesichts solcher Verhältnisse in der Welt die göttliche Gerechtigkeit nicht infrage zu stellen? Gott, der Allmächtige, hätte all das doch verhindern können. Die Religionsphilosophie bzw. die philosophische Theologie ist gefordert, diese und andere grundsätzliche Fragen über die Religion zu beantworten.

Solche Fragestellungen wurden von islamischen Gelehrten schon in der Frühzeit gestellt. Die islamische Theologie ist dabei durch eine entscheidende Polarisierung charakterisiert. Eine erste Tendenz ist, die eine göttliche Vorherbestimmung und die Unterlegenheit der gesamten Schöpfung eines unvermeidbaren Fatalismus predigt. Mensch und Natur werden hier als Schöpfungswerk Gottes verstanden, die letztendlich nur eine irreale Selbstständigkeit besitzen. Alles, was dem Menschen und der Natur geschehen kann, ist auf unmittelbares kontinuierliches Gotteswirken zurückzuführen.

Dies steht keinesfalls für sie im Widerspruch zum Prinzip der Gerechtigkeit, denn jede Handlung von Gott ist gerecht, nur weil sie Gottes Handlung ist. Sie meinen, dass es für die göttliche Gerechtigkeit keinerlei Verbindlichkeiten gebe: Sollte Gott die Frommen belohnen und die Sündigen bestrafen, so sei dies gerecht. Und wenn er umgekehrt die Sündigen belohnt und die Frommen bestraft, so sei das auch gerecht. Wenn Gott die Fortentwicklung seiner Schöpfung fördert, sei es gerecht. Und wenn er das nicht tut, sei es auch gerecht. Denn die Gerechtigkeit ist das, was Gott tut.

Das Spektrum theologischer Diskurse, die diese Ansichten vertreten, umfasst viele Schulen wie Dschabriten, Aschariten, Salafiten etc.

Gott ist nicht ungerecht

Im Gegensatz zu dieser Darstellung standen andere Schulen, die für den freien Willen des Menschen eintraten, aber auch für das Prinzip der Gerechtigkeit als Schöpfungsprinzip.

Stellvertretend dafür sind theologische Diskurse, die im Bezug auf die Zentralstellung der Frage der göttlichen Gerechtigkeit, auf die Mutazila und die Schia zurückzuführen sind. Sie leugnen nicht den freien Willen und das freie Handeln des Menschen. Sie nehmen auch die Einheit Gottes und seine Allmächtigkeit in seinen Handlungen nicht zum Anlass, die Ungerechtigkeiten des Menschen zu entschuldigen. Nach der Ansicht der Mutaziliten ist die Gerechtigkeit eine vernünftige Tatsache, von der die Verhältnismäßigkeiten in der Schöpfung geprägt sind. Die Mutaziliten sind der Überzeugung, dass genauso wie die menschlichen Handlungen als gut oder schlecht, gerecht oder ungerecht bewertet werden können, auch Gottes Handeln mit diesen Begriffen bemessen werden kann. Sie betrachten Gut und Schlecht als moralische Grundsätze, auf die sie in Theologiefragen immer wieder zurückgreifen. Sie meinen: Weil die Gerechtigkeit an sich gut ist und Ungerechtigkeit schlecht, wird Gott, der allwissend ist, niemals etwas unterlassen, was die Vernunft gutheißt und etwas unternehmen, was unvernünftig wäre. In der Polemik zwischen Offenbarung (bzw. den religiösen Überlieferungen) und der Vernunft vertraten die Mutaziliten ganz deutlich und klar die Meinung, dass in einem Streitfall der Vernunft die Priorität gegeben werden sollte.

Eine neue Lesart des Koran

Moderne Neomutaziliten versuchten, die Denkansätze der Mutaziliten weiterzuentwickeln. Unter diesem Gesichtspunkt gewann der Begriff „Gerechtigkeit“ weitere Aspekte. Charakteristisch für diese Bemühungen ist, eine neue Leseart des Koran und der religiösen Schriften zu entwickeln. In diesem Sinne wird festgestellt, dass der Begriff Gerechtigkeit etymologisch in verschiedenen Symbolen, Variationen und Ableitungen im Koran verwendet wird.

In der Sure 55: 3–8 wird der Begriff Gerechtigkeit kosmologisch ausgelegt: Er hat den Menschen geschaffen, Er hat ihn gelehrt (einen Sachverhalt) darzulegen, Die Sonne und der Mond sind Gesetzen unterworfen, Und die Sterne und Bäume werfen sich anbetend nieder, Und den Himmel hat er erhöht und die Waage aufgestellt, Auf dass ihr in der Waage euch nicht vergeht. Denn durch die Gerechtigkeit ist die gesamte Schöpfung, Mensch und Natur bestimmt. Der Mensch hat hier die Pflicht, sich in diese Harmonie der Schöpfung einzubetten, dem Gleichgewicht zuzugehören und dieses nicht zu zerstören.

In einer weiteren Stelle im Koran wird auf die gefährlichen Konsequenzen der ungerechten Taten Bezug genommen und auf die Natur deutlich hingewiesen, Sure 30:41: Unheil ist auf dem Festland und auf dem Meer sichtbar geworden für das, was die Hände der Menschen begangen haben, Gott wollte sie (auf diese Weise) etwas von dem spüren lassen, was sie getan hatten, damit sie sich vielleicht bekehren würden.

Hier sind zwei Aspekte zu beachten: erstens, dass die ungerechten Taten der Menschen bzw. die Zerstörung des Gleichgewichtes der Natur konsequenter Weise zu Unheil und Katastrophen führen. Zweitens, der Mensch wird diese Konsequenzen und die Verantwortung für seine Taten tragen müssen, die sich als Unheil und Katastrophen auf sein Leben auswirken werden. Der Mensch muss also bewusst und verantwortungsvoll mit der Schöpfung bzw. mit der Natur umgehen und sich selbst als Teil dieser Schöpfung betrachten.

Eine islamische Geschichtsphilosophie

Der irakische Islam-Gelehrte und Philosoph Mohamed Baqir Sadr (1935–80) führt diese Überlegungen basierend auf dem Koran weiter und versucht, die Grundlagen für eine islamische Sozial- und Geschichtsphilosophie zu entwickeln, in der er das Verhältnis Gott, Mensch und Natur erörtert.

Er beruft sich dabei auf die Koranstelle Sure 2:30: Und als dein Herr zu den Engeln sagte: Ich werde auf der Erde einen Nachfolger einsetzen, Sie sagten: Willst du auf ihr jemand (vom Geschlecht der Menschen) einsetzen, der auf ihr Unheil anrichtet und Blut vergießt, wo wir (Engel) Dich loben und preisen und rühmen Deine Heiligkeit, Er antwortete: ich weiß, was ihr nicht wisst.

Aus dieser Koranstelle entnimmt Baqir Sadr drei Elemente, die nach dem Koran-Verständnis eine Gesellschaft konstituieren: 1. den Menschen, 2. die Erde oder die Natur im Allgemeinen und 3. die Beziehung, die zwischen Menschen und Natur aber auch zwischen den Menschen existiert. Diese wird in der Koranterminologie mit dem Begriff istikhlaf – „Nachfolgerschaft“ bezeichnet. Istikhlaf ist nach Baqir Sadr ein Konzept für die sozialen Lebensformen, die in den verschiedenen Gesellschaften variieren können und unterschiedlich strukturiert und konzipiert werden. Die Aufgabe des Menschen ist, letztendlich im Sinne dieses Auftrages zu agieren und sein Leben entsprechend zu gestalten.

In einer anderen Koranstelle, Sure 33:72, heißt es: Wir (Gott) haben die Verantwortung (für istikhlaf) den Himmeln und der Erde und den Bergen angeboten, doch weigerten sie sich, diese zu tragen und schreckten davor zurück. Jedoch der Mensch lud sie sich auf, denn er ist ungerecht und unwissend. Hier wird darauf hingewiesen, wie schwer und gefährlich diese Aufgabe ist. Der Mensch hat aber – im Gegensatz zu anderen Geschöpfen – aufgrund seiner Vernunft die Voraussetzungen und die Fähigkeiten, trotz seiner Mängel und Schwächen, diese Aufgabe auf sich zu nehmen und die Verantwortung dafür zu tragen.

Zusammengefasst kann Folgendes festgestellt werden: Grundlegend und bestimmend für das Verhältnis Mensch zur Natur ist die Konzeption der Schöpfung in ihrer Gesamtheit und das Prinzip der Gerechtigkeit kosmologisch verstanden.

Die Einheit der Schöpfung

Der iranische Gelehrte und Philosoph Mortaza Motahhari (1920–79) weist auf diese Ideen in seinem Werk „Die göttliche Gerechtigkeit“ hin. Er meint, dass man – um die Schöpfung besser zu verstehen und die Ereignisse in der Welt besser beurteilen zu können – bei seinen Überlegungen unbedingt die Einheit der Schöpfung berücksichtigen soll. In gewisser Hinsicht könne man die Schöpfung mit einem Reisezug vergleichen, der über viele Stationen ein bestimmtes Ziel erreichen soll. Alle Teile, aus denen der Zug gebaut worden ist, sind so geformt und angelegt, dass die Funktion des Zuges gewährleistet ist. Jeder einzelne Teil hat eine eigene spezielle Aufgabe, welche in Verbindung mit anderen Teilen die Funktion des Zuges ergeben. Auf diese Weise bekommen auch die einzelnen Teile ihre Existenzberechtigung und dürfen dabei sein, weil sie einen Nutzen haben und eine Rolle in der Gemeinschaft erfüllen. Grob gesehen könnte man diese Verhältnisse auch in der Schöpfung vorfinden. Der Zug der Schöpfung fährt auf seiner Entwicklungsreise entlang der Zeit und strebt die Vollkommenheit an. Alles, was diesen Zug beschleunigt, ist positiv, und alles, was ihn aufzuhalten versucht, ist negativ und ungerecht. Auf diesem Fundament kann man zwischen gut und schlecht, Logik und Unlogik, schön und hässlich, gerecht und ungerecht unterscheiden. Alles steht in einer Wechselwirkung zueinander.

Jeder versucht auf seine Art und entsprechend seines Wesens etwas besser als vorher zu sein. Dieser Prozess wird immer fortgesetzt und die Vollkommenheit ist das Ziel. Mit anderen Worten, die relative Schöpfung sucht den absoluten Gott, Sure 84:6: Oh Mensch, du strebst mit all deinem Bemühen deinem Herren zu, und so wirst du ihm begegnen.

* Der Autor ist Islamwissenschafter an der Universität Wien

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau