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Im Spiegel der Natur

Als vor kurzem vatikanische Theologen die Evolutionstheorie als nicht im Widerspruch zum Glauben stehend erklärten, war manch säkularer Zeitgenosse erstaunt - hatte gerade die katholische Kirche in der Evolutions-Diskussion einmal eine hart ablehnende Haltung eingenommen: So durfte der vor 50 Jahren verstorbene Theologe und Naturwissenschafter Teilhard de Chardin, der Glauben und Evolution zu harmonisieren suchte, zeitlebens nichts dazu veröffentlichen. - Ein Dossier zu einigen Aspekten der Auseinandersetzung Naturwissenschaft- Glauben. Redaktion: Otto Friedrich Evolution und Schöpfung - eine theologische Bilanz.

Die Bibel lehrt uns, wie wir in den Himmel kommen, aber nicht, wie die Himmelskörper sich bewegen." Vor 400 Jahren versuchte Galileo Galilei mit dieser klugen Unterscheidung seinen theologischen Gegnern klar zu machen, dass Theologie und Naturwissenschaft miteinander auskommen können, wenn sich beide Seiten auf ihren je eigenen Erkenntnisbereich beschränken. Aber dazu müssten beide Seiten von nun an empirische Wahrheit und religiös-existenzielle Wahrheit unterscheiden und einander zugestehen können.

Nun, wir kennen den Ausgang und die Folgen dieses Konflikts. Im Rückblick zeigt sich, dass sowohl der offenbarungstheologische als auch der naturwissenschaftliche Positivismus eine Sackgasse waren. Weder erklärt religiöser Glaube auch nur den geringsten Vorgang der Evolution, noch kann und darf Naturwissenschaft Antwort geben auf den Sinn des Seins. Religion ist nicht Welterklärung, und Wissenschaft taugt nicht als Sinnstiftung und Ersatzreligion. Diese strikte Grenzziehung hat schließlich Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus besiegelt: "Wir fühlen, daß, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind."

Zuständigkeitsgrenzen

Naturerklärung und Sinnverstehen sind also zwei unterschiedliche Wege und Methoden des Menschen, seinen Ort im Kosmos zu erkennen und dessen Sinn zu verstehen. Beides gehört zur Idee einer verständlichen Welt. Aber mit der Entstehung der Naturwissenschaften ist zwischen dem empirischen Erkenntnisweg und der religiösen Sinnerkenntnis ein Riss entstanden, der weder kosmologisch noch theologisch geschlossen werden kann. Seit Galilei müssen wir auf Erden den "Himmel der Theologie" vom "Himmel der Kosmologie" unterscheiden. Die Theologie hat erst im 20. Jahrhundert diese Differenz akzeptiert: Der Protestant Karl Barth und der Katholik Karl Rahner haben die theoretische Konfliktfreiheit von Theologie und Naturwissenschaft ratifiziert und eingemahnt, dass keine Partei die Grenzen ihrer Deutungszuständigkeit verletzen dürfe.

Und so ist es nur folgerichtig, wenn kürzlich auch die Internationale Theologenkommission, das Beratungsgremium der vatikanischen Glaubenskongregation, Schöpfung und Evolution für vereinbar erklärt. Denn, so spricht das Dokument in scholastischer Diktion, Gott sei die transzendente Ursache, nicht die endliche Wirk-Ursache der Evolution, was heißt, dass der Begriff "Schöpfung" eine allzeit bestehende Beziehung bezeichnet, nicht eine empirische Kausalität, wie immer angenommen.

Schöpfung aus Urknall?

Darum ist auch der Urknall als solcher noch kein Beweis für den Kosmos als Schöpfung, denn die Schöpfung sei ja "ex nihilo", aus dem "Nichts" hervorgebracht - und dies könne eben nur "im Glauben", in der Beziehung zu Gott erkannt werden.

Und dennoch: Seit Isaac Newton wird diese strikte Grenzziehung zwischen Glauben und Naturwissenschaft immer wieder unterlaufen und versucht, eine neue Synthese von Religion und Wissenschaft wiederherzustellen. Es gibt Naturwissenschafter, die glauben, auf einen beinahe empirischen Beweis des Göttlichen in ihren Formeln gestoßen zu sein.

Der französische Jesuit und Paläontologe Teilhard de Chardin hat seinerzeit eine kühne, aber haltlose Harmonie von Offenbarung und Evolution entwickelt. John Polkinghorne, Arthur Peacocke (beide Naturwissenschafter und anglikanische Theologen), oder Proponenten der New-Age-Bewegung in den usa wie der aus Wien stammende Fritjof Capra und Ken Wilber haben sich in den letzten Jahrzehnten mit ähnlich umstrittenen Versuchen einen Namen gemacht.

Glaubende Wissenschafter

Aber alle diese Synthesen scheitern an Kants Erkenntnis, dass Gott kein Phänomen des Verstandes, sondern ein "Ereignis" der Vernunft oder des "Herzens" ist, um mit Pascal zu sprechen. Darum kann die Evolution als Schöpfung ohne jeden empirischen Beweis gedeutet werden, denn wer an Gott glaubt, sieht ihn "in allen Dingen". Und wer Natur empirisch erklärt, hat Transzendenz zu Recht als Erklärung ausgeschlossen. Gerade darum kann ein Wissenschafter auch ein Glaubender sein, und ein Glaubender die wissenschaftliche Weltdeutung anerkennen. Was unserer Kultur vielmehr fehlt, sind Wissenschafter, die nicht nur "methodische Atheisten", sondern auch "existenzielle Theisten" zugleich sein können!

Doch auch im religiösen Lager sammeln sich noch immer Anhänger eines voraufgeklärten Weltbildes, für die Schöpfung geoffenbarte Welterklärung ist. Während in den usa die Kreationisten die Evolutionstheorie mit der biblischen Schöpfungstheologie bekämpfen, ist bei uns häufiger die Neigung zu anzutreffen, "Gott" dort noch als Erklärung für Naturphänomene heranzuziehen, die naturwissenschaftlich noch nicht zureichend erklärt werden können: den Urknall, die Entstehung des Lebens und des menschlichen Geistes. Aber dieser "Lückenbüßer-Gott" ist auch theologisch unakzeptabel, denn genau er ist eine Projektion, die im Dialog von Religion und Naturwissenschaft nicht weiterführt.

Die wesentliche Herausforderung ist meines Erachtens nicht, ob Religion und Naturwissenschaft wieder eine Einheit bilden, sondern ob und wie sie sich aufeinander wieder beziehen können, nachdem die Ausdifferenzierung erfolgt ist.

Ein ganzes Bündel von Fragen stellt sich hierbei: In welchem Verhältnis stehen wissenschaftliches Wissen und religiöser Sinn? Welche Folgen ergeben sich für unsere Kultur, wenn wir die Schöpfung nur mehr als Evolution, die Evolution aber nicht mehr als Schöpfung lesen können? Was heißt es für den Menschen, wenn er sich im Spiegel der Natur als zufälliges Geschöpf der Evolution erkennt? Welcher Rationalitätsbegriff soll in Zukunft leitend sein, nachdem sich eine globale technologische Zivilisation durchgesetzt hat, die die Biosphäre nachhaltig schädigen wird? Gerade an den Folgen einer vom naturwissenschaftlichen Erkenntnisparadigma geprägten Welt sehen wir, dass ethisches Orientierungswissen und religiöses Sinnwissen keine verzichtbaren Quellen menschlicher Existenz sind.

Meiner Meinung müsste der Dialog von Naturwissenschaft und Religion auf drei Ebenen fortgeführt werden.

Objektiv und subjektiv

Erstens: Wir müssen einen differenzierten Wissensbegriff wiedergewinnen. Naturwissenschaftliches Verfügungswissen ist nicht der einzige Kern unserer Rationalität. Religiöses Sinnwissen gehört ebenso dazu, aber wir beziehen dieses Wissen nicht aus der empirischen Dritten-Person-Perspektive, sondern aus personalen Existenzerfahrungen der Ersten-Person-Perspektive.

Das heißt: Evolution wird nur dann jemand als Schöpfung deuten können, wenn sich für ihn, für sie die Immanenz von Natur und Person auf einen transzendenten Grund hin "ge-lichtet" hat. Genau solche Existenzerfahrungen bilden den Kern des Schöpfungsglaubens, auf die jeder Mensch in seinem Leben stößt: etwa die Erfahrung des plötzlichen Staunens darüber, dass überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts (G. W. Leibniz), oder die Erfahrung des "Gutseins des Seins" (Peter Strasser), oder die Erfahrung der Schönheit und Einfachheit des Universums (Albert Einstein).

Aus solchen Erfahrungen kondensieren sich dann die besonderen Transzendenz-Erfahrungen der Weltreligionen, deren christliche Gestalt ich die Erfahrung des bedingungslosen Geliebtseins von Gott bezeichnen würde. Nicht nur das Beobachter- sondern auch das Teilnehmerwissen bringt eine eigene "Objektivität" hervor, eine Sinn-Gewissheit, die Wittgenstein "absolute Geborgenheit" nannte. Dieses subjektive Wissen halte ich für eine humane und zukunftsfähige Kultur für unabdingbar.

Neue Wege des Vertrauens

Zweitens: Der Schöpfungsglaube übte seit jeher drei Funktionen aus: Er leistete eine theologische Rationalisierung des Weltbildes, eine ethische Handlungsorientierung im Umgang mit den Geschöpfen und eine existenzielle Stabilisierung des Menschen angesichts seiner Verletzbarkeit und Endlichkeit. Besonders die dritte Funktion wird auch in Hinkunft nur vom "System Religion" erfüllt werden können.

Die Religion muss aber heute neue Wege des Existenzvertrauens erschließen. Die Naturwissenschaften lassen den Menschen einen faszinierenden und erschreckenden Blick in den Spiegel der Natur werfen. Und was sieht er? Mit dem Evolutionsbiologen Jacques Monod gesprochen: Dass er ein Wesen ist, das nun weiß, dass ihn die Natur nicht gemeint hat und dass die Evolution für seine unverwechselbare Einzigartigkeit, für seine Schönheit und Leiden, aber auch Grausamkeit und Bestialität keine Antwort hat. Wenn er dann vor der Absurdität seines eigenen schicksalhaften Lebens steht, in welchen Spiegel kann er noch blicken, wenn nicht in den Spiegel eines göttlichen "Du", das ihn unbedingt um seiner selbst willen meint?

Und eben vor diesen Spiegel stellt der biblische Glaube den Menschen, mag er ihn für heilig und heilsam anerkennen oder als naive Projektion abtun.

Ethik und Religion

Drittens: Im dritten Jahrtausend entzündet sich der Konflikt von Wissenschaft und Religion nicht mehr an theoretischen Fragen über die Naturgesetze, sondern an den praktischen Fragen über die Folgen einer naturalistischen und technologischen Wissensgesellschaft. Denn welches Weltbild leitend ist, ob ein naturalistisches oder ein spirituelles, das bestimmt allemal das menschliche Selbstverständnis und das Handeln.

Nicht was die Wissenschaften erforschen dürfen, sondern welche Folgen sie für unsere Zivilisation und die Zukunft des Lebens haben, wird intensiv zur Debatte stehen müssen. Nach der Entzauberung der Natur hat die Entzauberung der Wissenschaften begonnen.

Welche anderen Orientierungs-Ressourcen neben dem theoretischen Wissen stehen uns in dieser Situation zur Verfügung? Auch hier hat Kant schon eine Antwort entwickelt, die wir noch keineswegs ausgeschöpft haben: Ethik und Religion.

Der Autor ist Professor für Systematische Theologie an der Kath.-Theol. Privatuniversität Linz.

Die Illustrationen dieses Dossiers sind einer bibliophilen Kostbarkeit entnommen, in der "Schöpfung" im Sinn von Kunst und "Natur" einmalig zusammenkomponiert wurden. "Gehen über den Hügel von St. Margarethen von Stein zu Stein" - der Titel gibt bereits das Programm des Bandes vor: Die Steinskulpturen beim Römersteinbruch von St. Margarethen im Burgenland, wo - auf Initiative des Bildhauers Karl Prantl - von 1959 an Bildhauersymposien stattfanden, deren Ergebnisse die Skulpturen darstellen, sind atemberaubend fotografiert und im aufwändig gebundenen Buch zusammengestellt. Der von Prantls Tochter, der Malerin Katharina Prantl, herausgegebene Band wurde kürzlich mit dem Staatspreis "Schönstes Buch Österreichs 2004" ausgezeichnet. "Die Verschränkung von Fotografie und Typografie ist auf eine sehr eigenständige Weise gelungen ... Das Thema des fortlaufenden Gehens wird auch durch buchbinderische Elemente sichtbar gemacht. Das Buch hält die Spannung über 200 Seiten", heißt es unter anderem in der Begründung der Staatspreisjury. ofri

GEHEN ÜBER DEN HÜGEL VON ST. MARGARETHEN VON STEIN ZU STEIN

Hg. von Katharina Prantl, Gestalter: Walter Bohatsch, Zita Bereuter. Passagen Verlag, Wien 2004. 206 Seiten, zahlr., tw. farbige Abb., geb., e 29,-

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