Digital In Arbeit

Menschen-Perspektive

1945 1960 1980 2000 2020

Katholische Theologie ist Gottesrede einer Weltkirche. Sie bringt den langen Atem der Geschichte und die Kulturen der Welt ins wissenschaftliche Gespräch ein.

1945 1960 1980 2000 2020

Katholische Theologie ist Gottesrede einer Weltkirche. Sie bringt den langen Atem der Geschichte und die Kulturen der Welt ins wissenschaftliche Gespräch ein.

Mit der Frage nach der Theologie an einer vom demokratischen Rechtsstaat getragenen Universität steht nicht nur Ziel und Bestimmung der Universität zur Debatte, sondern auch die gesellschaftliche Vorstellung von Sinn und Ziel des Menschen selbst. Zwar kann daran erinnert werden, daß der Differenzierungsprozeß der europäischen Wissenschaftstradition von der Theologie ausging, und daß die Universität als autonomes Rechtssubjekt zuerst ein päpstliches Privileg war. Aber historische Reminiszenz genügt nicht.

Die Universität ist in die Krise geraten, weil der dominierende Begriff von Wissenschaft selbst fraglich geworden ist. Die Frage nach der Theologie an der Universität fordert daher eine Diskussion über den Wirklichkeitshorizont, dem wir in wissenschaftlicher Reflexion uns stellen, und mit dem wir politisch, gesellschaftlich und persönlich rechnen wollen.

Kann die Universität jenes Forum sein, auf dem sich die Gesellschaft über das für sie relevante Wissen Rechenschaft gibt? Können wir überhaupt noch einen Überblick über die sich ausweitenden Wissensbereiche gewinnen? Viele preisen die neue Unübersichtlichkeit als Botin der Freiheit. Man könnte den Sirenen folgen, wenn nicht unser Wissen im Verbund von Technik, Wissenschaft und Markt unabsehbare Konsequenzen auf das Leben aller hätte.

Die Biowissenschafter entschlüsseln den Code des Lebens und beginnen, den Menschen als Ware technischer Reproduktion zu modellieren. Mit jedem Wissensschritt wächst die Verantwortung. Wenn sich die Gesellschaft über diese Überlebensfrage Rechenschaft geben will, dann muß die Universität mehr sein als Ausbildungs- und Forschungsstätte. Dann benötigt sie eine Vorstellung von Vernunft, die umfassender ist als die technisch-funktionale. Sie braucht ein Modell, mit dem weltanschauliche Grundfragen, als Hoffnungen und Ängste der Menschen, rational, das heißt in prinzipieller Dialogbereitschaft mit allen Mitmenschen, aufgearbeitet werden können.

Die Theologie bringt in die Universität die längste Erfahrungsgeschichte in dieser Aufgabe ein: Bilder vom Menschen, Geschichten seiner Größe und seines Verhängnisses, Prinzipien und Regeln des Denkens und Handelns, aber auch Hoffnungszeichen in Grenzsituationen. Andererseits weiß sie um ihre eigene Gefährdung und will daher keine Sonderstellung, sondern stellt sich dem wissenschaftlichen Gespräch und den Kriterien des Dialogs.

Über oben gestellte Frage entscheidet aber der Anspruch der Theologie, in das mögliche Wissen ein Thema einzubringen, das für die Integrität der Universität unverzichtbar ist: das Gottesthema. Warum? Der Mensch kann nicht davon ablassen, das Ganze der Wirklichkeit zu denken und zu durchmessen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist Glück, Tod; - was kommt? Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?

Jede Wissenschaft wird mit der Frage nach dem Ganzen der Welt und des eigenen Selbst konfrontiert, weil solches Fragen den Menschen zum Menschen macht, und jede Wissenschaft an ihre Grenze stößt und zu ursprünglichem Fragen führt. Seit dem 19. Jahrhundert wird unter verschiedenen Masken die Frage nach dem Ganzen, und damit insgeheim die Gottesfrage, behandelt: die Nation, die Gesellschaft, die Klasse, der Äther, die Evolution; und derzeit: die digitale Informationsewigkeit, das Internet und die neuen Medien.

Der Versuchung zur Theologie erliegt die Wissenschaft leicht, weil die moderne Wissenschaft mit dem Heilsversprechen angetreten ist, mit der Macht über die Natur Krankheit, Not und Tod besiegen zu können. Gerade heute werden die Möglichkeiten der Gentechnologie als zweiter Schöpfungsakt, und der Mensch als Schöpfer, theologisch überhöht. Wer bedenkt die implizite Theologie?

Wir stehen im Banne eines funktional-rationalen, an wirtschaftlicher Effizienz und medialer Präsenz orientierten Wissenschaftsmodells. Die glaubende Theologie bringt eine alternative Grundhaltung in die Universität ein: die Anerkennung des Anderen, die Ehrfurcht vor dem Leben, die Annahme der eigenen Begrenztheit und Schuldbedrohtheit. Sie nennt diese Gestimmtheit Gebet, und weiß, daß der Mensch sich in aller Größe und Möglichkeit nicht selber rechtfertigen kann. Er bleibt aus sich heraus zutiefst fraglich, gefährdet, ja gefährlich.

Die Geisteswissenschaft hatte sich dieser Herausforderung gestellt. Seitdem sie aber die Wahrheitsfrage aufzugeben scheint, beraubt sie sich ihres entscheidenden Instruments. Christliche Theologie ist angetreten mit der Frage nach der Wahrheit in der Religion. Da auch die Theologie in der Gefahr steht, von ihrem Auftrag abzuweichen, muß sie sich ihres Ursprungs je neu besinnen, oder zu ihm zurückgerufen werden.

Nur eine Theologie, die sich von Gottes Wort gerufen weiß, kann sich die Entlarvungen neuer Götzen leisten. Von der Entlarvung säkularer Heilsversprechen und Letztansprüche lebt aber unsere liberale Demokratie essentiell, weil sie nur vorletzte Fragen bearbeitet. Politik, Wissenschaft und Ethik erfüllen nie die Heilssehnsucht der Menschen. Weil die Theologie zu ihrem âGegenstand' eine existentiell zustimmende und sie eine in die letzte Verantwortung rufende Beziehung hat, bringt sie eine prinzipielle Vorläufigkeit und methodische Verunsicherung in die Universität ein. Die Theologie muß daher auch umgekehrt fragen, ob die Universität die institutionalisierte Kritik des Universalanspruches moderner Wissenschaft an ihr haben möchte.

Die katholische Theologie fordert in der Universität durch ihre bloße Existenz eine Dimension ein, die seit Humboldt unter dem Schlagwort der "Freiheit der Wissenschaften" verdrängt worden ist: die unabweisbare gesellschaftliche Verpflichtung und Verflechtung allen wissenschaftlichen Tuns. Denn das bedeutet Kirchlichkeit. Die Theologie weiß sich von ihrem Ursprung in einer universalen Glaubensgemeinschaft und in ihrer Verantwortung für die Kirche und allen Menschen ihres sozialen Umfeldes verpflichtet.

Wenn alle anderen Wissenschaften ihre gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und finanziellen Verflechtungen so offen und kritisch reflektieren würden, wie die Theologie, wäre an Transparenz viel gewonnen. Je höher der finanzielle Mitteleinsatz und die direkten und indirekten Folgen des wissenschaftlichen Handelns werden, desto mehr degeneriert das Fanal von der Freiheit der Wissenschaft zur ideologischen Vokabel.

Da römisch-katholische Theologie Gottesrede einer Weltkirche ist, bringt sie neben dem langen Atem der Geschichte auch die Realität aller Kulturen der Weltgesellschaft in den wissenschaftlichen Disput ein.

Insofern christliche Gottesrede im Schatten des Kreuzes steht, hat sie aber einen bestimmenden Blickwinkel: die Perspektive der Opfer, der Schuld und der Frage nach dem Preis unserer Freiheit. Sie nimmt sich und die Kirche aus diesem kritischen Gedenken nicht aus, kann aber von der Hoffnungsrede für alle nicht lassen. Die Kirchlichkeit widerspricht nicht der Wissenschaftlichkeit der Theologie, sondern charakterisiert ihre Form.

Die Universität hat es nicht zuletzt mit Menschen zu tun. Vermittelt sie nur marktkonforme Fertigkeiten, oder bildet sie noch? John Henry Newman nannte in seiner Universitätsschrift ihr Bildungsziel jene philosophische Haltung, die er im Ideal des Gentleman verkörpert sah: Die Universität hat als ihr Ideal den Humanisten, der auch dem Fremden und Anderen mit Respekt und Anerkennung entgegentritt.

In der heutigen Weltgesellschaft wäre Newmans Bildungsziel so nötig wie nie, durch die Realität der Massenuniversität ist es aber so illusorisch wie selten. Doch intellektuelle Bildung reicht nicht hin. Wissenschaft zähmt die Riesen von Leidenschaft, Gier, Machtsucht und Haß nicht. Ist der Ruf Jesu nach Umkehr nicht realistischer?

Wenn die Universität als Ort gesellschaftlicher Reflexion die große Hoffnung offen halten möchte, wenn sie die Vorläufigkeit und die Verantwortlichkeit ihres Tuns nicht abstreitet, wenn sie meint, daß die Integrität der Wissenschaft die Ehrfurcht vor dem heiligen Geheimnis auch im Labor, am Krankenbett und in den Theoriewerkstätten verlangt, dann hat sie Theologie unter ihrem Dache nötig.

Kritische Rationalität und Glaube sind Verbündete. Theologie und Wissenschaft brauchen einander in wechselseitiger Anerkennung, um das sein zu können, was sie sein sollen.

Der Autor ist Universitätsassistent für Fundamentaltheologie und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Karl-Rahner-Archiv in Innsbruck.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau