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200 Jahre Privatisierung

1945 1960 1980 2000 2020

Wo Gott und Religion aus dem Bewußtsein verschwinden, werden sie durch Pseudoreligionen und Götzen ersetzt. Von wo aus soll da die kritische Reflexion erfolgen?

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Wo Gott und Religion aus dem Bewußtsein verschwinden, werden sie durch Pseudoreligionen und Götzen ersetzt. Von wo aus soll da die kritische Reflexion erfolgen?

Nicht nur die immer wieder begonnene Diskussion über das Konkordat zeigt das veränderte gesellschaftliche Klima an. Die Selbstverständlichkeit mit der man die Existenz der Theologischen Fakultäten an den öffentlichen Universitäten akzeptiert hat und die Überzeugung von deren kulturpolitischen Notwendigkeit schwinden von Tag zu Tag. Die Entwicklung stellt auch eine allzu konsequente Folge eines neuzeitlich-aufklärerischen Umgangs mit der Religion dar.

Religion sei Privatsache, lautete da die Devise. Was soll darunter noch verstanden werden?

Die Tatsache, daß der Staat sich in die Sachen der Religion - solange sie die öffentlich relevante Ordnung nicht stören - nicht einzumischen habe? Oder aber das Faktum, daß jeder seine Religion frei wählen, inzwischen auch frei basteln kann? Immer mehr Durchschnittsösterreicher scheinen dem zweiten Teil der Alternative ihre Zustimmung zu geben: Was Gott, Religion und das Heilige ist, das entscheide allein ich. Und niemand mehr!

Ein Glaubensbekenntnis dieses Zuschnitts hat aber zweierlei Konsequenzen für unser Thema.

Zum einen wendet sich diese modernste Art des Umgangs mit der Religion geradezu allergisch gegen all jene Glaubensgemeinschaften, die eine bindende Tradition und einen Wahrheitsanspruch erheben. Sie werden systematisch an den Pranger gestellt. Ohne Wenn und Aber werden sie alle unter dem Prädikat einer "fundamentalistischen Religiosität" subsumiert.

Deswegen kann selbst in der österreichischen Öffentlichkeit immer wieder problemlos die älteste und immer noch die größte organisierte Religionsgemeinschaft der Welt - der Katholizismus - wegen des von ihm erhobenen Wahrheitsanspruches global als "gestrig" und "gefährlich" qualifiziert werden. Die Frage, ob und wie dieser Anspruch im Katholizismus gerechtfertigt und auch eingelöst wird, fällt da allzu oft unter den Tisch.

Damit aber auch die katholische Theologie! Im gesellschaftlich relevanten Diskurs taucht sie nur noch im Kontext der Diskussion über kirchliche Privilegien auf. Katholische Theologie und die Ideologie einer religiösen Gruppierung verschmelzen damit immer mehr im öffentlichen Bewußtsein. Die dem Ideal einer religiösen Bricolage-Identität (zusammengebastelten Identität, Anm.) verpflichtete Haltung kann eben nur mit einem "kastrierten" Theologiemodell etwas anfangen: * Als Religionswissenschaft würde auch die theologische Wissenschaft noch Zustimmung finden. Sie müßte "objektiv" über Religionen informieren und das Material für die vom Individuum zu leistende Auswahl "wissenschaftlich" aufarbeiten.

* Auch als eindeutig kirchenkritische Theologie würde sie noch vorläufig Beifall ernten.

* Nicht aber als "kritische Theologie" im umfassenden Sinn des Wortes, als jene Theologie, die den Wahrheitsanspruch nicht unter den Tisch kehrt, ihn auch nicht einfach als gestrig hinwegerklärt, sondern diesen auch rational nachvollziehbar zu erklären versucht.

Diese katholisierende Dimension am theologischen Denken, dessen Verbindung zur Philosophie und anderen wissenschaftlichen Disziplinen (Universitäten sind ja die Frucht der päpstlichen Bildungspolitik), stellt auch eine systematische Herausforderung an das gegenwärtige religiöse Ideal.

Die zweite Konsequenz des modernen Glaubensbekenntnisses - was Religion ist, das entscheide ich allein - für das Thema "Theologie und Öffentlichkeit" besteht ja in der prinzipiellen Entpflichtung der Religiosität von einer rationalen, allgemein nachvollziehbaren Verantwortung dieser Glaubensweise.

Das Bekenntnis zu einer rein subjektivistischen Religiosität macht die Theologie geradezu obsolet: Wenn jeder doch glauben kann, was er will, wozu dann die allgemein überprüfbare, teures Steuergeld kostende Theologie? Wozu Bemühung um die begriffliche Strenge? Auf dem medial strukturierten Markt der weltanschaulichen Angebote sind auch inzwischen Hellseher, Wahrsager, Möchte-gern-Mystiker, Esoteriker, Kirchenwürdenträger und akademisch gebildete Theologen austauschbar geworden.

Diese Tatsache macht auf die entscheidende kulturpolitische Veränderung, die in den letzten Jahren in unserer Öffentlichkeit vor sich gegangen ist, aufmerksam. Das durchkommerzialisierte Mediensystem bringt weltweit nicht nur die neue Lebensart, die sich im Traum der Bricolage-Identität verdichtet, zustande.

Unter der Hand entsteht da auch eine neue Art von "Oberreligion", die alles andere als privat ist. Einheitsbilder und -geschichten dieser Kultur strukturieren den Wahrnehmungshorizont der Jugend und entscheiden über die Standards dessen, was als rational, plausibel und wertvoll in unserer Welt zu gelten hat; die medial zelebrierte "Event-Kultur" ersetzt bei breiten Schichten der Bevölkerung das liturgische Geschehen, oder verdängt dieses an die Ränder des gemeinschaftlichen, kulturpolitisch relevanten Lebens.

Implizit erhebt diese "Oberreligion" einen Anspruch, der durchaus mit dem traditionellen Anspruch der Kirche zu vergleichen wäre: "Extra mercatum et media nulla vita nec salus" ("Außerhalb des Marktes und der Medien gibt es kein Leben und kein Heil"). Sie besetzt ja die Vorstellungskraft der Menschen in einem Ausmaß, wie dies die traditionelle Religion nur selten vermochte. Die Zweihundert-Jahre-Tradition der Privatisierung des Christentums mündet in Mitteleuropa in eine beispiellose religiöse Überhöhung gesellschaftlicher Teilbereiche.

Auf eine neue Art und Weise wiederholt sich das uralte Dilemma: Dort wo Gott und Religion aus dem kulturellen Bewußtsein vertrieben werden, werden sie durch Götzen und Pseudoreligionen ersetzt. Von welchem Standpunkt aus soll nun die kritische Reflexion auf die neuen Götzen und die Pseudoreligiositäten erfolgen?

Der Standpunkt der "kritischen Öffentlichkeit" entpuppt sich immer wieder als Spiegelbild des wirtschaftlichen Erfolgs und der medialen Präsenz. Vor der Gefahr solcher Spiegelbildlichkeit bei der Behandlung der Frage nach dem Charakter ihrer Wissenschaftlichkeit sind weder die Humanwissenschaften noch Kulturwissenschaften gewappnet.

Auf dem Hintergrund solcher Veränderungen braucht es in der gegenwärtigen bildungspolitischen und demokratiepolitischen Debatte einer Revision bewährter Denkschemata. Die kirchliche Bindung der Theologie stellt genauso wie die kirchliche Bindung des Glaubens nicht eine Bedrohung der pluralistischen Kultur dar, sondern deren Bereicherung, unter Umständen stückweise auch deren Rettung.

Eine klar definierte religiöse Institution muß auch als Kritik (= Förderung und Forderung) an individuellen Ansprüchen gesehen werden. Diese haben sich halt an einer großen und langen Tradition zu bewähren.

Bei dieser Bewährung wird es in den nächsten Jahrzehnten darum gehen, ob es gelingt, jene Werte zu retten, die zum selbstverständlichen Kodex des demokratischen Verhaltens gehören, und von denen die gegenwärtige Bricolage-Religiosität auch profitiert.

Eine zunehmende Ignoranz macht sich gerade in Europa und im Westen im Hinblick auf den religiösen Ursprung dieser demokratischen Kultur breit: Die dabei eminent bedeutende Frage der Menschenrechte und der Menschenwürde hat einen religiösen Hintergrund, der unmöglich auf die subjektivistische Sicht der Religion reduziert werden kann. Wie lange kann aber das dabei zugrunde liegende Menschenbild ohne das dieses Menschenbild erst möglich machende Gottesbild kulturell lebendig bleiben?

Die Forschungs- und Bildungspolitik ist gegenüber den kulturellen Tagesmoden zwar nicht immun. Sollen die Trends nicht zu einer religiösen Falle für unsere Kultur werden, braucht es auch bewußter politischer Entscheidungen zugunsten der Tradition, aus der wir alle kommen.

Ansonsten droht die Gefahr, allzuleicht die Leiter, die uns zu unserer kulturell-politischen Gegenwart geführt hat, abzuwerfen. Das würde bedeuten, daß wir uns aber von den Quellen entfernen, aus denen wir - wenn auch meistens unbewußt - noch trinken.

Der Autor ist Professor für Dogmatik und leitet an der neustrukturierten Innsbrucker Theologischen Fakultät die Abteilunung für Praktische Ekklesiologie, Ästhetik und neue Medien.

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