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Weite Horizonte und neue Aspekte

Anläßlich des Rückblickes auf sein 175jähriges Schaffen hat sich der Verlag Herder - der „theologische Verlag des deutschen Katholizismus“ - selbst ein beachtliches Jubiläumspräsent beschert: Die Publikation des schon lange erwarteten Werkes Karl Rahners, eine „Einführung in den Begriff des Christentums“. Der Verlag nimmt von ihr in Anspruch, daß es hierbei nicht um theologische Einzelfragen gehe, sondern „das Ganze des Christentums (neu) zusammengedacht wird mit dem Ganzen der menschüchen Existenz, ausgelegt auf das Daseins- und Weltverständnis des heutigen Menschen hin“. Durchdacht mit der denkerischen Dynamik und der gesammelten Lebenserfahrung eines Mannes, der das christliche Denken unserer Epoche entscheidend mitgeprägt hat, eines führenden Kon-züstheologen, Mitglied der päpstlichen Theologenkommission, Konsultor mehrerer nachkonziliarer Kommissionen und Sekretariate, einer der literarisch fruchtbarsten Autoren seines Fachgebietes, den Hans Urs von Balthasar als „die stärkste theologische Potenz unserer Zeit“ und Otto Schulmeister als eine „geistige Schlüsselfigur über seine Kirche hinaus“ bezeichnete.

Der Verfasser, der sich an „einigermaßen gebüdete“ und die .Anstrengung des Begriffs“ nicht scheuende Leser wenden möchte, hofft, daß es diesem „weder zu hoch noch zu primitiv vorkommt“. Damit sind die beiden Pole abgesteckt, zwischen denen sich das Gros der theologischen Literatur dem katholischen Laien - „Laie“ in beiden Wortbedeutungen! - heute präsentiert. Karl Rahner wül weder einfach katechismusartig und in den traditionellen Formulierungen wiederholen, was das -Christentum verkündigt. Es soü seine Botschaft vielmehr „in die Verständnishorizonte eines Menschen von heute“ eingerückt werden. - Genau, was der intellektueU Engagierte schon lange gesucht hat!

Obwohl ein derartiges Unternehmen in einer größeren Nähe zu einer persönlichen Entscheidung zum Glauben steht, als andere wissenschaftliche oder theologische Publikationen, handelt es sich aber dennoch um eine Einführung „im Rahmen einer intellektuellen Überlegung“ und nicht direkt und unmittelbar um religiöse Erbauung und wird daher vom Verfasser selbst als Experiment empfunden. Es zeugt von seinem Ringen um die Gestalt des Christentums, des christlichen Glaubens und Lebens als des einen Ganzen, das „in die dunklen Abgründe der Wüste dessen hineinführt, den man Gott nennt“ (S. 14), wobei der Verfasser zeigen wül, daß man Christ sein kann, ohne das Ganze dieses Christentums in einer wissenschaftlich adäquaten Weise durchreflektiert zu haben.

Der äußere Anlaß für die Frage nach dem Wesen und Sinn einer „Einführung in den Begriff des Christentums“ als eines Grundkurses innerhalb der Theologie ist für den Autor das Dekret über die Priesterausbildung des Vaticanum II, das bei der Neugestaltung der kirchlichen Studien eine innere Einheit von Philosophie und Theologie verlangt.

Der Adressat Karl Rahners ist demnach - anders als vor 30 bis 40 Jahren -der junge Theologe, der einen angefochtenen, einen gar nicht selbstverständlichen, einen heute immer neu zu erringenden, einen erst aufzubauenden Glauben hat. Um so mehr gut das für den heutigen katholischen Intel-lektueUen im allgemeinen. Dabei geht der Autor von der nüchternen Feststellung aus, daß wir heute nicht nur einen interdisziplinären Zerfaü der Theologie und nicht nur einen Pluralismus der Phüosophien haben, der nicht mehr vom einzelnen aufgearbeitet werden kann. Es kommt noch dazu, daß die Philosophien gar nicht mehr die einzigen für die Theologie bedeutsamen Selbstinterpretationen des Menschen liefern, sondern heute die Theologen notwendigerweise in einem durch die Philosophie nicht mehr vermittelten Dialog mit den pluralistischen Wissenschaften historischer, soziologischer und naturwissenschaftlicher Art stehen müssen, die sich gar nicht mehr dem Anspruch der Phüo-sophie beugen, phüosophisch vermittelt, phüosophisch geklärt zu sein oder auch nur geklärt werden zu können.

Die geseUschaftspolitische Potenz des Christentums hegt im Verständnis des Menschen als Wesen der Verantwortung und Freiheit in einer weltgeschichtlich und gesellschaftlich konkreten „Verfaßtheit“, in die er nicht zufällig geraten ist. Die Weltgeschichte ist Heils- und Offenbarungsgeschichte. Trotz des theologischen Axioms -das von den Kirchenvätern bis in unsere Zeit gut -, daß außerhalb der Kirche kein Heil sei, spricht Karl Rahner dem Christen wegen des allgemeinen HeüswÜlen Gottes das Recht ab, das faktische Ereignis des Heus auf die alt-oder neutestamentliche explizite Heilsgeschichte zu begrenzen (S. 152). - Christentum kann heute wohl nur unter so weit gesteckten Horizonten verstanden, gelebt werden, es können nur unter solchen Aspekten andere Alternativen an ihm gemessen werden, wie sie Rahner auch für die Aussage des alten christlichen Dogmas für eine dringende Notwendigkeit hält (S. 258).

Rahner teilt die Auffassung, daß die konkrete Situation der Glaubenspredigt bei den einzelnen Völkern in den verschiedenen Kulturen, sozialen Milieus und wegen der sehr verschiedenen Mentalität der Hörer zu verschieden ist, als daß man in sie überall mit demselben monotonen und uniformen Katechismus hineinsprechen könnte. Er spricht sogar von einem „Pluralismus von Theologien“ in der einen Welt-kirche, die sich zwar nicht widersprechen müssen und dies letztlich auch nicht dürfen, aber konkret vom einzelnen und von einzelnen Gruppen nicht mehr adäquat in eine einzige Theologie hineinintegriert werden können (S. 432).

Mit Blickrichtung auf die verschiedenen christlichen Bekenntnisse meint der Autor, daß die Lehre von der Kirche und ihrer gesellschaftlichen Verfaßtheit nicht der Kern der letzten Wahrheit des Christentums ist (S. 315). Er spricht daher auch von der positiven Bedeutung evangelischen Christentums auch für die katholische Kirche (S. 354).

Hier fehlt der Raum, auch nur Schwerpunkte dieses umfangreichen Bandes aufzuzeigen. Was als ein solcher erlebt wird, wird davon abhängen, wo das theologische Welt- und GottesbUd des Lesers besonders desolat und erhellungsbedürftig ist, der dieses Werk Karl Rahners nicht leicht wieder aus der Hand legt, wenn er einmal danach gegriffen hat.

GRUNDKURS DES GLAUBENS -EINFÜHRUNG IN DEN BEGRIFF DES CHRISTENTUMS. Von Karl Rahner SJ., Vertag Herder, Frei-burg-Basel-Wien 1976, 448 Seiten, S304.-.

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