Kirche - © Foto: Pixabay
Religion

Das Sicherste ist die Zukunft

1945 1960 1980 2000 2020

Karl Rahner entwickelte mit seinem Konzept der praktischen Theologie ein "Scharnier" zwischen Theologie und Pastoral.

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Karl Rahner entwickelte mit seinem Konzept der praktischen Theologie ein "Scharnier" zwischen Theologie und Pastoral.

Ich habe immer Theologie betrieben um der Verkündigung, um der Predigt, um der Seelsorge willen." In der Tat: Was der 76-jährige Karl Rahner hier als die letzte Triebkraft seines theologischen Arbeitens bekennt, hat sein Werk geprägt. Es waren die Bedürfnisse des Lebens und der geistigen Situation, die Fragen und Nöte der Menschen - und die Situation und der Auftrag der Kirche, denen sich Karl Rahner in seiner Theologie verpflichtet wusste.

Ich habe immer Theologie betrieben um der Verkündigung, um der Predigt, um der Seelsorge willen." In der Tat: Was der 76-jährige Karl Rahner hier als die letzte Triebkraft seines theologischen Arbeitens bekennt, hat sein Werk geprägt. Es waren die Bedürfnisse des Lebens und der geistigen Situation, die Fragen und Nöte der Menschen - und die Situation und der Auftrag der Kirche, denen sich Karl Rahner in seiner Theologie verpflichtet wusste.

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Ist seine Theologie auch heute noch Nährboden für Verkündigung und Pastoral? Was hat Rahners Theologie heutiger Pastoral zu geben? Ich konzentriere mich hier auf jenen Aspekt kirchlichen Handelns, dem Rahner in seiner praktischen Theologie zuarbeiten wollte: die grundsätzliche Ausrichtung der Pastoral im Horizont der geschichtlichen Gesamtsituation.

Pastoralplanung ist notwendig: Landauf landab wird nach dem Weg der Kirche in die Zukunft gefragt. Karl Rahner hat solche strategische Planung seit Beginn der Sechzigerjahre eingefordert: In einer durch und durch auf Zukunft hin orientierten Welt muss auch die Kirche ihre innerweltliche Zukunft planen. Mehr noch: Sie muss dies angesichts der heutigen Differenz zwischen dem Tempo der Entwicklung der profanen Welt und dem der Kirche in einer Haltung tun, der "nicht mehr die Vergangenheit, sondern die Zukunft das Sicherste ist", also getragen von einem "Tutiorismus des Wagnisses", wie Rahner seit seiner Festrede "Löscht den Geist nicht aus!" beim Österreichischen Katholikentag 1962 in Salzburg zu sagen pflegte.

Theologie und Pastoral

Nun wird zwar heute vielerorts an der Planung der kirchlichen Zukunft gearbeitet, allerdings hat die Theologie in diesen Prozessen meist keinen leichten Stand. Nur schwer gewinnt sie neben (Religions-)Soziologie und Managementwissen Bedeutung. Die distanzierte Haltung kirchlicher Verantwortungsträger trägt ebenso dazu bei wie die Zurückhaltung auf Seiten der Theologen, nicht selten ist es aber einfach die Hilflosigkeit, die wissenschaftliche Theologie in pastoralen Entscheidungsprozessen stimmig zu integrieren. Beide - Theologie und die pastorale Planung - nehmen daran Schaden.

Karl Rahner hat für diese Schnittstelle bereits in den sechziger Jahren im Umfeld des "Handbuch(es) der Pastoraltheologie" einen Gestaltungsvorschlag erarbeitet, der der anstehenden Re-Theologisierung und ReSpiritualisierung der kirchlichen Strategiearbeit Perspektiven eröffnet und einen Weg vorzeichnet. Darin sehe ich im Werk Rahners ein erstes und sehr wesentliches Lernfeld für heutige Pastoral.

Er versteht die Schnittstelle zwischen der systematischen Theologie und der Pastoralplanung als das Arbeitsfeld der praktischen Theologie. Diese soll als wissenschaftlich arbeitendes Scharnier die Bezogenheit der beiden eröffnen und organisieren. Dabei ist zum einen die systematische Theologie in die Pflicht genommen, erst einmal diejenigen dogmatischen und geschichtstheologischen Einsichten zu erarbeiten, mittels derer die gegenwärtige Situation der Kirche theologisch (!) gedeutet werden kann. Zum andern ist von Seiten der kirchlichen Einrichtungen eine Strukturierung ihrer Entscheidungsfindungsprozesse gefordert, die die Arbeit der praktischen Theologie stimmig integriert.

Diese Prozesse müssen eine Art "kollektive Unterscheidung der Geister" (Rahner) leisten, in der sich zeigen kann, ob und wie weit die von der praktischen Theologie vorgeschlagenen Prinzipien für die Gestaltung der Pastoral auch das von Gott der Kirche aktuell Aufgegebene sind. Das "weiß" die Kirche oder eine kirchliche Einrichtung letztlich nur in ihrem gemeinschaftlichen "Glaubensinstinkt".

In einem solchen spirituell dimensionierten Prozess der kirchlich-gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung käme der Theologie eine Aufgabe zu vergleichbar jener des Exerzitienmeisters in ignatianischen Einzelexerzitien. Eine solche Prozessstruktur zu erarbeiten und vorzuschlagen scheint mir eine der drängendsten Herausforderungen für die praktische Theologie. Deren Anwendung könnte für die pastorale Strategiearbeit eine neue Qualität bringen. In den Überlegungen Karl Rahners ist dieser Weg angebahnt. Nun gilt es, ihn zu gehen. Im Bild gesagt: Von Karl Rahner kann die Pastoral das theologisch orientierte Gehen lernen.

Zeichen der Zeit

Darüber hinaus gibt Rahner diesem Gehen auch einigen Proviant mit auf den Weg, der heute noch nährt. Obwohl er seine Optionen für den Weg der Kirche größtenteils in den sechziger und siebziger Jahren entwickelt hat, haben diese in ihren Grundzügen nichts von ihrer Richtigkeit und Aktualität verloren. Sie sind immer noch ein lebendiger Ort theologischen Lernens für die Pastoral. Vorausgesetzt man teilt das Grundanliegen Rahners, nämlich Christsein und Kirche in der - und nicht grundsätzlich gegen die - Moderne denken und leben zu wollen.

Vieles wäre hier zu nennen: Insbesondere Rahners Ansatz zu einem grundlegenden theologischen Verständnis der Moderne, in der die Welt dem Menschen weltlich und gottfremd geworden ist. So sehr die konkrete Gestalt dieser Moderne in einer immer versuchten und sündigen Welt viele Züge aufweist, die dem Christentum widersprüchlich gegenüberstehen, vermag Rahner in ihrer Mitte eine "geheime Christlichkeit" freizulegen. Eine solche Grunddeutung der Zeit, in der wir leben, ist für die theologisch verantwortete Inkulturation des Christentums in die Lebenswelt von fundamentaler Bedeutung. Für Rahner ist sie der Horizont für seine vielerorts übernommene Forderung einer neuen "Mystagogie" in die österliche, mystisch-solidarische Hoffnung durch, mit und in Jesus Christus.

Pluralismus, Globalisierung

Auch die anderen Grundthemen dieser Lebenswelt bezieht seine theologische Deutung der Zeichen der Zeit mit ein: der weltanschauliche Pluralismus ebenso wie die Globalisierung. Die epochale Herausforderung einer vertieften dialogischen Missionsbemühung zeigt sich ihm ebenso wie die Erfordernis einer offenen, von der Basis her wachsenden Kirche.

Die Grundperspektiven seiner Deutungen und Optionen sind manchmal durchaus überraschend, und vielleicht muss man ihnen auch nicht immer folgen. Auf alle Fälle aber markiert Rahner mit seiner praktischen Theologie den Anspruch und das Niveau theologischer Begleitung des Weges der Kirche.

Rahner sieht seine Optionen als Angebot an das Glaubensbewusstsein der Kirche, an den "Glaubensinstinkt" der TrägerInnen und GestalterInnen der Pastoral. Und das sind sie auch heute noch in erstaunlicher Aktualität.

Der Autor ist Theologe und leitet den Bereich Bildung im Pastoralamt der Kath. Kirche Vorarlberg.

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