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Religion

Kardinal König: "Typisch Rahner!"

1945 1960 1980 2000 2020

Auf dem II. Vaticanum war Rahner "sein" Experte: Kardinal König erzählt über seinen Berater und spricht über Rahners theologische Bedeutung - vom "anonymen Christen" bis zu Vorwürfen, die heute noch zu hören sind.

1945 1960 1980 2000 2020

Auf dem II. Vaticanum war Rahner "sein" Experte: Kardinal König erzählt über seinen Berater und spricht über Rahners theologische Bedeutung - vom "anonymen Christen" bis zu Vorwürfen, die heute noch zu hören sind.

Die Furche: Wie haben Sie Karl Rahner kennengelernt?
Kardinal Franz König: Meine Verbindungen mit Rahner hängen weitgehend mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zusammen: Als ich erfahren habe, jeder Konzilsteilnehmer kann einen Berater mitnehmen, habe ich an Karl Rahner gedacht. Ich habe ihn in Wien 1938 kennengelernt, als die Innsbrucker Fakultät aufgehoben war und er im Wiener im Seelsorgeamt bei Prälat Rudolf arbeitete, er hielt Vorlesungen und Vorträge; auch ich selbst war für Rudolf tätig und habe Rahner da als einen kennen gelernt, der einerseits ein solider Theologe und andererseits offen für die Fragen der Zeit war. Vor Konzilsbeginn 1961 habe ich ihn in Innsbruck angerufen und gesagt: "Kommen Sie bitte mit mir nach Rom!" Da war er überrascht und hat gemeint: "Ja, was fällt Ihnen denn ein, ich bin in Rom nicht gern gesehen! Die denken doch, dass ich zu liberal, zu modern bin."

So hat er sich zuerst gewehrt. Dann ist er mit etwas Unsicherheit, aber doch mitgekommen und hat sehr rasch mit den Theologen in den Konzilskommissionen Kontakt gefunden. Er selbst gehörte der Theologischen Kommission an - einer der wichtigsten, weil dort alle Beratungen des Plenums geordnet und für die Weiterführung vorbereitet wurden. Da hat er die Gelegenheit gehabt, sich einzuschalten. Ich selbst habe auf dem Konzil ja auch zu verschiedenen Themen das Wort ergriffen - und habe das oft mit ihm vorbesprochen.

Rahner hatte also Gelegenheit, für seine Ideen und sein Interesse tätig zu werden - im Besondern waren dies das Verhältnis zu den nicht christlichen Religionen, dann das Kirchendokument "Lumen gentium": Sein "anonymer Christ" kommt in "Lumen gentium" zwar nicht wörtlich, aber dem Sinn nach vor - nämlich in der Frage, was mit denen geschieht, die nicht der Kirche angehören. Natürlich hat er auch am Pastoraldokument "Gaudium et spes" und am Ökumene-Dekret mitgearbeitet. Und da waren die vielen Gesprächsmöglichkeiten, Einladungen, deutschsprachigen Konferenzen - der Kardinal Döpfner von München wollte ihn mir gar abspenstig machen...

Die Furche: Hatten Sie theologische Gründe, gerade Rahner mitzunehmen?
König: Ich habe einerseits nicht viele Theologen gekannt, die als Experten in Frage gekommen wären. Rahner erlebte ich als einen sehr offenen, an den Fragen der Zeit Interessierten. Insgesamt waren es aber keine dogmatischen Aspekte, die mich zu dieser Wahl bewogen haben. Es war mehr die allgemeine Kenntnis der Situation. Rahner hatte schon viel geschrieben, war mir von den Salzburger Hochschulwochen und durch Bücher wie "Worte ins Schweigen" (1938) oder "Von der Not und dem Segen des Gebets" (1949) bekannt. Er hat auch immer wieder erklärt, die Pastoraltheologie müsse sich auch öffnen für andere Fragen - etwa die Naturwissenschaft. Ich habe Rahner dann auch im Zusammenhang mit der Paulusgesellschaft, wo er das Gespräch mit der Naturwissenschaft und später mit Marxisten geführt hat, erlebt: Ab 1965 war ich in Rom ja der Präsident des Sekretariates für die Nichtglaubenden.

Die Furche: Was ist das Anliegen von Rahners Theologie?
König: Ein Hauptanliegen Rahners war die Gnadenlehre: Was bietet Gott uns an, und was suchen wir, was wollen wir - und wie antwortet der Mensch in der Geschichte. Auch sein "anonymer Christ" hat ihn sehr bekannt gemacht.

Die Furche: Wie interpretieren Sie diesen von Rahner geprägten Begriff?
König: Rahner greift damit auf, was durch die Diskussionen mit den Nichtchristen aufkam. Das Konzil war ja auch durch den ökumenischen und den interreligiösen Dialog und das Gespräch mit den Nichtglaubenden - charakterisiert. Der anonyme Christ ist eine typische Rahner-Idee, die einerseits die Offenbarung als irreversibel für die ganze Menschheit sieht, andererseits darauf eingeht, dass es viele Nichtchristen gibt. Rahner hat da gemeint, viele Nichtchristen würden Christen sein, wenn sie das Christentum wirklich kennen würden. Er wurde angegriffen, er würde damit alles unter einem Namen gleich machen. Er wird aber auch von heutigen Theologen wie Jacques Dupuis abgelehnt, die meinen, er sei davon ausgegangen, die anderen Religion hätten gegenüber dem Christentum keine Bedeutung.

Die Furche: Es ist interessant, dass Rahner sowohl von konservativer Seite angegriffen wird - sein Konzept des anonymen Christen würde das Christentum relativieren - als auch von sehr "modernen" Theologen, die Rahner vorwerfen, er würde damit die anderen Religionen vereinnahmen.
König: Beide Einwände sind auch berechtigt. Wobei Rahner selber weder das Christentum relativieren noch andere Religionen vereinnahmen wollte. Aber man kann, wenn man will, das auch so interpretieren.

Die Furche: Hat jener Satz in der Konziserklärung über die nicht christlichen Religionen, Nostra aetate, wo es heißt, dass auch andere Religionen "einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet", mit Rahners "anonymen Christen" zu tun?
König: Der Satz in Nostra aetate stammt nicht direkt von ihm, aber er hat darauf positiv aufmerksam gemacht. Kardinal Lehmann, Rahners Schüler, schreibt über seinen Lehrer im "Lexikon für Theologie und Kirche", dass der Ansatzpunkt seiner vielen Themen "den immer wieder überraschenden Reichtum" seines Denkens zeige.

Rahner selbst hat einmal geschrieben: "Das Konzil geht alle Christen an, denen an der Kirche etwas gelegen ist." Persönlich finde ich diesen Passus deswegen beachtlich, weil sich das Konzil als Ganzes eine neue Aufgabe gestellt hat. Für Rahner ist die Kirche auf dem Konzil zum ersten Mal als Weltkirche in Erscheinung getreten. Vorher, so meinte er, wäre die Kirche eine europäische, abendländische gewesen. Er aber hat genau erkannt: Wir sind nicht eine europäische Kirche!

Und so hat sich - bei ihm und anderen - eine "Theologie des Konzils" herausgebildet, die etwa durch eine einfache Sprache gekennzeichnet war. Auch die scholastische Philosophie wurde da modifiziert - bei Rahner etwa in seinen Auseinandersetzungen mit Heidegger. Mich hat beeindruckt, dass sich Rahner als Theologe mit Heidegger intensiv beschäftigt hat.

Die Furche: Die Gottesfrage hat Rahner mit der Frage nach dem Menschen verbunden.
König: Auf die Frage nach Gott oder nach Jesus Christus gibt er- typisch Rahner! - oft zwei Antworten: eine dogmatische und eine existenzielle. Auch da findet man eine Entsprechung in Nostra aetate, wo es heißt, die Religionen versuchen eine Antwort auf die letzten Fragen des Lebens zu geben. Und in diesem Sinn geht es da nicht um Dogmatik, sondern es geht den Menschen an.

Die Furche: Sie selbst gehen in den letzten Jahren der Frage nach, ob Religion zum Wesen des Menschen gehört: Ist das etwas Ähnliches?
König: Rahner hat diese Frage nicht in dieser Form gestellt. Aber das Anliegen war nicht unähnlich. Einerseits war Rahner Seelsorger, andererseits war er Professor. Er hat gemerkt: Der Dogmatiker hat seine Bücher, sucht neue Formulierungen. Rahner spürte aber, dass die Theologie zuviel "Kopf" hat. Auf der anderen Seite fehlt oft die Verbindung mit dem Herzen, Rahner hat das schon früh formuliert- etwa in seiner Schrift über die Schwierigkeit des Betens. Er wusste aus vielen Einzelgesprächen, wie sehr die Leute darunter leiden, dass die Antworten da sehr vage sind und sie oft hängen gelassen werden. Die, die sich mit Theologie beschäftigen, wissen wirklich viel. Aber was ist mit dem Herzen? Schon Pascal hat ja gesehen: Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt.

Die Furche: Es gibt auch heute Theologen, die Rahner stark ablehnen. Ein Hauptvorwurf lautet: Rahner habe die Theologie anthropozentrisch (einseitig auf den Menschen bezogen) gemacht, wogegen sie früher theozentrisch gewesen wäre; kurz: Rahner & Co hätten die Theologie weg von Gott gebracht.
König: Das stimmt so nicht! Rahner hat etwas Richtiges entdeckt: Man kann sich nicht theoretisch mit der Gottesfrage, mit der Christusfrage, ja mit der religiösen Frage insgesamt beschäftigen, ohne den Menschen im Blick zu haben. Wenn man etwas aus seinem Werk herausnimmt, kann das natürlich einseitig sein. Die Anthropozentrik ist ein Kennzeichen Rahners, aber er ist da nicht einseitig geblieben - übrigens hat das Konzil selber (Nostra Aetate) solche gemeinsame existenzielle menschliche Wurzeln der religiösen Frage angedeutet, wenn es sagt: "Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie von je die Herzen der Menschen im Tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? ... Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?"

Die Furche: Was ist die theologische Bedeutung Rahners?
König: Meine Hauptkenntnis bezieht sich vor allem auf das Konzil, wo er - beispielsweise bei Nostra aetate - selbst auch bei jeder Formulierung mitgerungen hat - dass da am Schluss so schöne Sätze über das neu geordnete Verhältnis vom Christentum zum Judentum gestanden sind. Rahner wurde in der Theologischen Kommission des Konzils sehr beachtet, weil man ihn da kennen gelernt hat. Früher wurden seine Schriften gelesen, und viele haben gemeint, das verstehen wir nicht, weil er oft fünf Ideen in einen Satz hineingepackt hat: Rahner wäre ohne Teilnahme am Konzil wohl nicht so bekannt geworden.

Die Furche: Von den Kritikern heißt es ja auch, Theologen wie Rahner hätten das Konzil manipuliert...
König: ... aber Rahner konnte auf dem Konzil ja nicht selbst reden, er konnte nur Konzilsväter gewinnen! Natürlich versuchte er da, seine Ideen an den Mann zu bringen. In den Kommissionen, bei den Formulierungen, als alles in eine lesbare Fassung zu bringen war, da brachte er seine Art mit hinein. Er hat als Zuhörer im Konzilsplenum aber auch oft arg gelitten, wenn etwas gar gegen seine Meinung war.

Die Furche: Es gibt aber nicht nur Rahner-Gegner: In einer Kirche in San Francisco ist Rahner in einem Glasfenster gar als Kirchenlehrer dargestellt. Glauben Sie, dass Rahner so ein "Titel" zukommen könnte?
König (lacht): Das ist schon dick aufgetragen: Rahner ist ein sehr bekannter Konzilstheologe, einer, der das Konzil erklärend begleitet hat, der seine Vorstellungen mit hineingebracht hat. Man darf Rahner aber auch nicht "verhimmeln" - er selber hat viel gestritten und mit anderen Theologen debattiert. Allerdings gibt es in Innsbruck bereits - das möchte ich auch anmerken - ein großes Rahner-Archiv.

Die Furche: Wie haben Sie Karl Rahner kennengelernt?
Kardinal Franz König: Meine Verbindungen mit Rahner hängen weitgehend mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zusammen: Als ich erfahren habe, jeder Konzilsteilnehmer kann einen Berater mitnehmen, habe ich an Karl Rahner gedacht. Ich habe ihn in Wien 1938 kennengelernt, als die Innsbrucker Fakultät aufgehoben war und er im Wiener im Seelsorgeamt bei Prälat Rudolf arbeitete, er hielt Vorlesungen und Vorträge; auch ich selbst war für Rudolf tätig und habe Rahner da als einen kennen gelernt, der einerseits ein solider Theologe und andererseits offen für die Fragen der Zeit war. Vor Konzilsbeginn 1961 habe ich ihn in Innsbruck angerufen und gesagt: "Kommen Sie bitte mit mir nach Rom!" Da war er überrascht und hat gemeint: "Ja, was fällt Ihnen denn ein, ich bin in Rom nicht gern gesehen! Die denken doch, dass ich zu liberal, zu modern bin."

So hat er sich zuerst gewehrt. Dann ist er mit etwas Unsicherheit, aber doch mitgekommen und hat sehr rasch mit den Theologen in den Konzilskommissionen Kontakt gefunden. Er selbst gehörte der Theologischen Kommission an - einer der wichtigsten, weil dort alle Beratungen des Plenums geordnet und für die Weiterführung vorbereitet wurden. Da hat er die Gelegenheit gehabt, sich einzuschalten. Ich selbst habe auf dem Konzil ja auch zu verschiedenen Themen das Wort ergriffen - und habe das oft mit ihm vorbesprochen.

Rahner hatte also Gelegenheit, für seine Ideen und sein Interesse tätig zu werden - im Besondern waren dies das Verhältnis zu den nicht christlichen Religionen, dann das Kirchendokument "Lumen gentium": Sein "anonymer Christ" kommt in "Lumen gentium" zwar nicht wörtlich, aber dem Sinn nach vor - nämlich in der Frage, was mit denen geschieht, die nicht der Kirche angehören. Natürlich hat er auch am Pastoraldokument "Gaudium et spes" und am Ökumene-Dekret mitgearbeitet. Und da waren die vielen Gesprächsmöglichkeiten, Einladungen, deutschsprachigen Konferenzen - der Kardinal Döpfner von München wollte ihn mir gar abspenstig machen...

Die Furche: Hatten Sie theologische Gründe, gerade Rahner mitzunehmen?
König: Ich habe einerseits nicht viele Theologen gekannt, die als Experten in Frage gekommen wären. Rahner erlebte ich als einen sehr offenen, an den Fragen der Zeit Interessierten. Insgesamt waren es aber keine dogmatischen Aspekte, die mich zu dieser Wahl bewogen haben. Es war mehr die allgemeine Kenntnis der Situation. Rahner hatte schon viel geschrieben, war mir von den Salzburger Hochschulwochen und durch Bücher wie "Worte ins Schweigen" (1938) oder "Von der Not und dem Segen des Gebets" (1949) bekannt. Er hat auch immer wieder erklärt, die Pastoraltheologie müsse sich auch öffnen für andere Fragen - etwa die Naturwissenschaft. Ich habe Rahner dann auch im Zusammenhang mit der Paulusgesellschaft, wo er das Gespräch mit der Naturwissenschaft und später mit Marxisten geführt hat, erlebt: Ab 1965 war ich in Rom ja der Präsident des Sekretariates für die Nichtglaubenden.

Die Furche: Was ist das Anliegen von Rahners Theologie?
König: Ein Hauptanliegen Rahners war die Gnadenlehre: Was bietet Gott uns an, und was suchen wir, was wollen wir - und wie antwortet der Mensch in der Geschichte. Auch sein "anonymer Christ" hat ihn sehr bekannt gemacht.

Die Furche: Wie interpretieren Sie diesen von Rahner geprägten Begriff?
König: Rahner greift damit auf, was durch die Diskussionen mit den Nichtchristen aufkam. Das Konzil war ja auch durch den ökumenischen und den interreligiösen Dialog und das Gespräch mit den Nichtglaubenden - charakterisiert. Der anonyme Christ ist eine typische Rahner-Idee, die einerseits die Offenbarung als irreversibel für die ganze Menschheit sieht, andererseits darauf eingeht, dass es viele Nichtchristen gibt. Rahner hat da gemeint, viele Nichtchristen würden Christen sein, wenn sie das Christentum wirklich kennen würden. Er wurde angegriffen, er würde damit alles unter einem Namen gleich machen. Er wird aber auch von heutigen Theologen wie Jacques Dupuis abgelehnt, die meinen, er sei davon ausgegangen, die anderen Religion hätten gegenüber dem Christentum keine Bedeutung.

Die Furche: Es ist interessant, dass Rahner sowohl von konservativer Seite angegriffen wird - sein Konzept des anonymen Christen würde das Christentum relativieren - als auch von sehr "modernen" Theologen, die Rahner vorwerfen, er würde damit die anderen Religionen vereinnahmen.
König: Beide Einwände sind auch berechtigt. Wobei Rahner selber weder das Christentum relativieren noch andere Religionen vereinnahmen wollte. Aber man kann, wenn man will, das auch so interpretieren.

Die Furche: Hat jener Satz in der Konziserklärung über die nicht christlichen Religionen, Nostra aetate, wo es heißt, dass auch andere Religionen "einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet", mit Rahners "anonymen Christen" zu tun?
König: Der Satz in Nostra aetate stammt nicht direkt von ihm, aber er hat darauf positiv aufmerksam gemacht. Kardinal Lehmann, Rahners Schüler, schreibt über seinen Lehrer im "Lexikon für Theologie und Kirche", dass der Ansatzpunkt seiner vielen Themen "den immer wieder überraschenden Reichtum" seines Denkens zeige.

Rahner selbst hat einmal geschrieben: "Das Konzil geht alle Christen an, denen an der Kirche etwas gelegen ist." Persönlich finde ich diesen Passus deswegen beachtlich, weil sich das Konzil als Ganzes eine neue Aufgabe gestellt hat. Für Rahner ist die Kirche auf dem Konzil zum ersten Mal als Weltkirche in Erscheinung getreten. Vorher, so meinte er, wäre die Kirche eine europäische, abendländische gewesen. Er aber hat genau erkannt: Wir sind nicht eine europäische Kirche!

Und so hat sich - bei ihm und anderen - eine "Theologie des Konzils" herausgebildet, die etwa durch eine einfache Sprache gekennzeichnet war. Auch die scholastische Philosophie wurde da modifiziert - bei Rahner etwa in seinen Auseinandersetzungen mit Heidegger. Mich hat beeindruckt, dass sich Rahner als Theologe mit Heidegger intensiv beschäftigt hat.

Die Furche: Die Gottesfrage hat Rahner mit der Frage nach dem Menschen verbunden.
König: Auf die Frage nach Gott oder nach Jesus Christus gibt er- typisch Rahner! - oft zwei Antworten: eine dogmatische und eine existenzielle. Auch da findet man eine Entsprechung in Nostra aetate, wo es heißt, die Religionen versuchen eine Antwort auf die letzten Fragen des Lebens zu geben. Und in diesem Sinn geht es da nicht um Dogmatik, sondern es geht den Menschen an.

Die Furche: Sie selbst gehen in den letzten Jahren der Frage nach, ob Religion zum Wesen des Menschen gehört: Ist das etwas Ähnliches?
König: Rahner hat diese Frage nicht in dieser Form gestellt. Aber das Anliegen war nicht unähnlich. Einerseits war Rahner Seelsorger, andererseits war er Professor. Er hat gemerkt: Der Dogmatiker hat seine Bücher, sucht neue Formulierungen. Rahner spürte aber, dass die Theologie zuviel "Kopf" hat. Auf der anderen Seite fehlt oft die Verbindung mit dem Herzen, Rahner hat das schon früh formuliert- etwa in seiner Schrift über die Schwierigkeit des Betens. Er wusste aus vielen Einzelgesprächen, wie sehr die Leute darunter leiden, dass die Antworten da sehr vage sind und sie oft hängen gelassen werden. Die, die sich mit Theologie beschäftigen, wissen wirklich viel. Aber was ist mit dem Herzen? Schon Pascal hat ja gesehen: Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt.

Die Furche: Es gibt auch heute Theologen, die Rahner stark ablehnen. Ein Hauptvorwurf lautet: Rahner habe die Theologie anthropozentrisch (einseitig auf den Menschen bezogen) gemacht, wogegen sie früher theozentrisch gewesen wäre; kurz: Rahner & Co hätten die Theologie weg von Gott gebracht.
König: Das stimmt so nicht! Rahner hat etwas Richtiges entdeckt: Man kann sich nicht theoretisch mit der Gottesfrage, mit der Christusfrage, ja mit der religiösen Frage insgesamt beschäftigen, ohne den Menschen im Blick zu haben. Wenn man etwas aus seinem Werk herausnimmt, kann das natürlich einseitig sein. Die Anthropozentrik ist ein Kennzeichen Rahners, aber er ist da nicht einseitig geblieben - übrigens hat das Konzil selber (Nostra Aetate) solche gemeinsame existenzielle menschliche Wurzeln der religiösen Frage angedeutet, wenn es sagt: "Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie von je die Herzen der Menschen im Tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? ... Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?"

Die Furche: Was ist die theologische Bedeutung Rahners?
König: Meine Hauptkenntnis bezieht sich vor allem auf das Konzil, wo er - beispielsweise bei Nostra aetate - selbst auch bei jeder Formulierung mitgerungen hat - dass da am Schluss so schöne Sätze über das neu geordnete Verhältnis vom Christentum zum Judentum gestanden sind. Rahner wurde in der Theologischen Kommission des Konzils sehr beachtet, weil man ihn da kennen gelernt hat. Früher wurden seine Schriften gelesen, und viele haben gemeint, das verstehen wir nicht, weil er oft fünf Ideen in einen Satz hineingepackt hat: Rahner wäre ohne Teilnahme am Konzil wohl nicht so bekannt geworden.

Die Furche: Von den Kritikern heißt es ja auch, Theologen wie Rahner hätten das Konzil manipuliert...
König: ... aber Rahner konnte auf dem Konzil ja nicht selbst reden, er konnte nur Konzilsväter gewinnen! Natürlich versuchte er da, seine Ideen an den Mann zu bringen. In den Kommissionen, bei den Formulierungen, als alles in eine lesbare Fassung zu bringen war, da brachte er seine Art mit hinein. Er hat als Zuhörer im Konzilsplenum aber auch oft arg gelitten, wenn etwas gar gegen seine Meinung war.

Die Furche: Es gibt aber nicht nur Rahner-Gegner: In einer Kirche in San Francisco ist Rahner in einem Glasfenster gar als Kirchenlehrer dargestellt. Glauben Sie, dass Rahner so ein "Titel" zukommen könnte?
König (lacht): Das ist schon dick aufgetragen: Rahner ist ein sehr bekannter Konzilstheologe, einer, der das Konzil erklärend begleitet hat, der seine Vorstellungen mit hineingebracht hat. Man darf Rahner aber auch nicht "verhimmeln" - er selber hat viel gestritten und mit anderen Theologen debattiert. Allerdings gibt es in Innsbruck bereits - das möchte ich auch anmerken - ein großes Rahner-Archiv.

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