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Kein Bedarf an neuem Konzil

1945 1960 1980 2000 2020

Von „Reif auf den Blüten des Konzils" war in letzter Zeit manchmal zu hören. Zweifellos war das II. Vatikanische Konzil (11. Oktober 1962 bis 8. Dezember 1965) ein kirchenhistorisches Ereignis von ungeheurer Bedeutung. Seine Folgen sind auch 25 Jahre nach der Schlußfei­er noch nicht abzusehen.

1945 1960 1980 2000 2020

Von „Reif auf den Blüten des Konzils" war in letzter Zeit manchmal zu hören. Zweifellos war das II. Vatikanische Konzil (11. Oktober 1962 bis 8. Dezember 1965) ein kirchenhistorisches Ereignis von ungeheurer Bedeutung. Seine Folgen sind auch 25 Jahre nach der Schlußfei­er noch nicht abzusehen.

FURCHE: Herr Kardinal, was empfanden Sie, als Sie hörten, daß Papst Johannes XXIII. ein Konzil einberufen will?

KARDINAL FRANZ KÖNIG: Zunächst war es auch für mich eine ganz große Überraschung. Der Papst hat mir später einmal erzählt, daß er sich in der Weltgebetsoktave im Jänner des Jahres 1959 in seinen Meditationen plötzlich mit dem Gedanken konfrontiert sah, eigent­lich müßte man jetzt wieder ein Konzil einberufen, und er hätte das zunächst wie eine Einflüsterung des bösen Geistes angesehen. Er hätte dann, so erzählte er mir, um Klar­heit gebetet, und der Gedanke sei immer nachdrücklicher gekommen, sodaß er zu der Erkenntnis kam, daß könne nicht aus dem Bereich des Bösen stammen, das sei eine Einwirkung des Heiligen Geistes.

Die Vorbereitungen begannen dann trotz aller Skepsis und Ein­wände zu laufen. Ich war Mitglied der „Commissio antepraeparato-ria". Es kamen etwa 60 Themen­vorschläge, die man dem Konzil vorlegen wollte. Das Konzil selber hat praktisch alle Vorschläge die­ser Kommission beiseite geschoben und dann die Themen behandelt, die heute in den 16 offiziellen Konzilsdokumenten zu finden sind.

FURCHE: Hat das Konzil nicht überhaupt viel Vorbereitetes bei­seite geschoben?

KÖNIG: Es kam erst im Konzil selber Klarheit zustande. Man hat sich zunächst auf das liturgische Thema geeinigt, weil man sich ge­sagt hat Das ist das leichtere The­ma, inzwischen wird sich das ande­re herauskristallisieren. Schon während der ersten Konzilssession 1962 - die Generalversammlungen fanden immer im Herbst statt -kam das Thema von der Kirche: Kirche, was sagt du über dich selbst? Für die Christen, für die Nichtchri-sten, für die Welt draußen?

Der Wechsel von Johannes XXIII. zu Paul VI. war die erste Krise des Konzils. Wenn ein Papst während eines Konzils stirbt, wird es abge­brochen, und der Nachfolger hat zu entscheiden, ob er es fortsetzt. Paul VI. hatschon kurz nach seiner Wahl verlauten lassen, daß er das Konzil, so wie es Johannes XXIII. begon­nen hatte, fortsetzen wird. Johan­nes XXIII. hat die Ehre, das Konzil begonnen zu haben, Paul VI. hatte die undankbare Aufgabe, die Last des Konzils zu tragen.

Man hat schon zu Beginn des Kon­zils gemerkt, daß es zwei Richtun­gen gibt: die Ängstlichen, die nichts ändern, keine Gefahren heraufbeschwören wollten, und die ande­ren, die sagten: Wir müssen die großen Anliegen der Kirche auf­greifen, müssen Mut und Zuver­sicht haben. Die Reden Johannes XXIII. vom „aggiornamento" mein­ten ja nicht: die Glaubenssubstanz ändern, sondern: das Glaubensgut in einer Sprache für heute präsen­tieren. Dieses Fenster-Öffnen und Frische-Luft-Hereinlassen hat die Stimmung charakterisiert, die dann auch im Konzil vorherrschend war: Wir müssen den Mut haben, die großen Anliegen aufzugreifen.

FURCHE: Welche waren solche große Anliegen?

KÖNIG: Ich nenne hier die Reli­gionsfreiheit, das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen in einer Welt, die immer mehr zusam­menrückt, und vor allem das Anlie­gen mit den Juden, dann den Or­densstand, die Priesterausbildung und vor allem das Laienapostolat. Die Kirche ist nicht eine Zwei-Klassen-Gesellschaft von Klerus und Laien, sondern es gibt das amtliche und das allgemeine Prie-stertum im Gottesvolk, dem der Priester, Bischof zu dienen hat und in dem die Laien in Zukunft eine viel größere Verantwortung als Zeu­gen des Glaubens in ihren ver­schiedenen Berufen haben.

FURCHE: Wie liefen die Ent-scheidungsprozesse ab?

KÖNIG: Die Temperamente der Konzilsteilnehmer waren natürlich verschieden. Die Redezeit für jeden Konzilsteilnehmer war acht Minu­ten. Eine der Schwierigkeiten war schon die Zusammensetzung der theologischen Kommissionen für die einzelnen Sparten. Es wurden dem Konzil Listen mit Namen vor­gelegt, in der Meinung, damit behilflich zu sein. Es gab allerdings dann Bedenken, daß das Konzil nicht von außen gesteuert werden kann, sondern sich selbst den Weg suchen muß. Das Konzil hat dann abgestimmt und selber die Namens­listen festgelegt.

Die einzelnen Konzilsdokumente kamen zu einer ersten Lesung in die Generalversammlung. Zuerst war Unsicherheit, aber als es dann um die konkreten Vorlagen ging, war es sehr lebendig: den einen waren sie zu subtil, andere wieder haben sich heftig gegen bestimmte For­mulierungen gewehrt. Die Wort­meldungen waren sehr verschieden in Gewicht und Qualität. Am Schluß hat man versucht, den Text so zu formulieren, daß diejenigen, die nicht mitgingen, eine ganz kleine Zahl waren.

Ökumenismus, Laien, nicht­christliche Religionen, Religions­freiheit, Kirche und Welt - das sind nach meiner Meinung unter den 16 Texten die besonders großen aktu­ellen, aber auch schwierigen Kon­zilsthemen gewesen. Zum Doku­ment über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen - das kürzeste, wobei das Kapitel über die Juden darin nur eine Seite umfaßt - hat Karl Rahner ge­schrieben: „Wir dürfen nicht über­sehen, daß die Erklärung nach ih­rem vorliegenden Wortlaut und nach ihrer inneren Dynamik in der Geschichte der Kirche, ihrer Kon­zilien und ihrer Theologie einzigar­tig ist."

FURCHE: Wie sehen Sie die Kri­tiker des Konzils, zum Beispiel den „Fall Lefebvre"?

KÖNIG: Ich hatte mit Lefebvre wiederholt gesprochen. Er war früher Erzbischof in Dakar und galt als vorbildlicher Missionsbischof. Mir ist auch bei privaten Gesprä­chen aufgefallen, daß er starr an seiner Meinung festhielt, sich auf einen Dialog kaum eingelassen hat. Er hat aber alle Konzilsdokumente unterschrieben - mit Ausnahme von zweien: Religionsfreiheit und Welt und Kirche.

Die liturgische Erneuerung -Mut­tersprache, Priester zum Volk - war für viele ein Schock. Vielleicht wäre eine längere Übergangsphase, wie sie Paul VI. zunächst wollte, besser gewesen. Die Ängstlichen sagen, man habe so reformiert, daß die Glaubenssubstanz der Zeit ange­paßt wurde - aber davon kann wohl keine Rede sein. Manche meinten, der Glaube werde schon geändert, wenn man „libera nos a malo" mit „Erlöse uns von dem Bösen" statt „...von dem Übel" übersetze.

Lefebvre wurde später zum Sam­melpunkt aller, die mit Mißtrauen die Konzilsdokumente betrachte­ten, und er ist dann sicher weiter­gegangen als am Anfang.

FURCHE: Wo stehen wir 25 Jahre nach dem Ende des Konzils? Haben Tendenzen zu einem Zurück hinter das Konzil eine Chance?

KÖNIG: Das letzte Konzil, das 21. in der Reihe der Konzilien, sod man nicht isolieren von der Kir­chengeschichte. Alle Konzilien ha­ben Geschichte gemacht und alle haben große Aufgaben gelöst. Je­des Mal ist es die nachkonziliare Zeit, in der die Kirche sich die hauptsächlichen Konzilsbeschlüsse zueigen machen soll. Das hat im­mer lange gedauert, und es wird noch lange nicht soweit sein, daß wir sagen können, das Konzil ist re­zipiert worden. Die Einwände, die vor allem für Westeuropa gemacht werden, halte ich für stark über­trieben.

Natürlich sind zwei Dinge zu beachten: 1. Umstrittene Themen aus der Zeit vor dem Konzil sind jetzt nach dem Konzil wieder auf­getaucht, liturgische Detailfragen und theologische Diskussionen, etwa Muttersprache oder Zölibat. Das ist nicht eine Folge des Kon­zils. 2. Die Texte des Konzils sind fast unbekannt. Aus meinen Er­fahrungsbereichen muß ich fest­stellen, daß wenige Katholiken Teile der Konzilstexte gelesen und sich damit beschäf­tigt haben.

FURCHE: Wo sehen Sie heute die großen Span­nungsfelder in der Welt­kirche?

KÖNIG: Karl Rahner sagte, für ihn sei das größ­te Konzilserlebnis die Erkenntnis gewesen, daß die Kirche zur Weltkirche geworden ist. Ich halte deshalb auch die Papstrei­sen für wichtig, weil der Papst damit in allen Kul­turen hinweist, daß die katholische Kirche in die Kulturen der einzelnen Kontinente eingewurzelt gehört - also Inkulturation -, und er selber die Einheit durch seine Person in Er­scheinung treten läßt. Das Problem heute ist Vielfalt in der Einheit. Das erzeugt ganz natürlich Spannun­gen.

Dann gibt es auch das Problem Kollegialität der Bischöfe mit dem Papst. Beim Konzil wurde das sehr schön geklärt. Der Papst hat im Kollegium der Bischof e die besondere Verantwortung des Petrus für die Einheit.

Wie kann heute der Papst mit einem Episko­pat in allen Kontinenten so wie damals beim Konzil ins Gespräch kommen? Ich glaube, die Bischofs­konferenzen müßten den Kontakt mit dem Bischof von Rom mehr als früher herstellen können. Das ist leicht gesagt, aber nicht so leicht getan.

FURCHE: Besteht die Gefahr, daß vom Konzil vorgegebene Linien wieder verlassen werden könnten?

KÖNIG: Jedes Konzil ist ein Ereignis, das die ganze Kirche an­geht, und jedes Konzil hat sein Er­gebnis in Dokumenten niederge­legt - die kann man nicht ändern. Man kann natürlich versuchen -manche Gruppen tun das -, zu rein­terpretieren, was das an dieser oder jener Stelle bedeutet. Aber Konzil ist Konzil, und die Dokumente sind Dokumente der Weltkirche und bin­den die gesamte Kirche. Schließ­lich hat auch Papst Johannes Paul II . die Dokumente unterzeichnet und bejaht wie seine Vorgänger das Konzil.

FURCHE: Sie sehen also keinerlei Bedarf, in nächster Zeit ein Konzil einzuberufen?

KÖNIG: Nein, den sehe ich nicht, und das wäre auch in höchstem Maße unklug. Diese Wogen, die da hochgehen - was hat die Kirche nicht schon alles überstanden?

FURCHE: Waren Sie 1965 auf dem Rückweg von Rom mit dem Aus­gang des Konzils zufrieden?

KÖNIG: Ich war sehr zufrieden. Ich bin mit Begeisterung als Kon­zilsvater zurückgekehrt. Ich denke als Bestätigung an den Vortrag, den der protestantische Theologe Os­car Cullmann als Konzilsbeobach­ter gehalten hat. Er hat gesagt, das Konzil habe die gesteckten Ziele voll erreicht, in manchem sogar übertroffen.

Ich erinnere an die Zeitschrift „Ecclesia" der griechisch-ortho­doxen Kirche - unter den ortho­doxen Kirchen sind ja die Griechen besonders kritisch gegenüber Rom und gegenüber der katholischen Kirche -, die auch zu einer ähnli­chen Äußerung kam: Die katholi­sche Kirche präsentiert sich eigent­lich anders, als wir sie uns vorge­stellt haben.

Das Gespräch mit dem Wiener Alt-Erzbischof führte Heiner Boberski.

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