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Gott läßt wachsen

1945 1960 1980 2000 2020

Die Promulgation des Öku-menismus-Dekretes „Unita-tis redintegratio“ durch das Konzil am 21. November 1964 war.ein großer Tag für Kardinal Augustin Bea. Wie ging und geht es weiter?

1945 1960 1980 2000 2020

Die Promulgation des Öku-menismus-Dekretes „Unita-tis redintegratio“ durch das Konzil am 21. November 1964 war.ein großer Tag für Kardinal Augustin Bea. Wie ging und geht es weiter?

In Rom empfangen wir oft ökumenische Gruppen zum ökumenischen Gespräch, und da fällt oft das Wort „Stagnation“. Nach den großen Ereignissen des Konzils und den Hoffnungen, die diese geweckt haben, müsse man heute von „Stagnation“ sprechen.

Diejenigen, die die ökumenische Arbeit verfolgen, bleiben durch das Stichwort „Stagnation“ zunächst überrascht, obgleich wir nicht blind sind für die Wirklichkeit und diesen Eindruck auch verstehen. Es besteht wirklich kein Zweifel, daß uns die Zeit nach dem Konzil eine

sehr fruchtbare und sogar schöpferische Entwicklung gebracht hat.

Wer konnte sich noch vor 30 Jahren denken, daß der Papst eine pastorale Reise in die nördlichen, lutherischen Länder macht und dort von allen mit Liebe empfangen wird...

Schon seit zwei Jahrzehnten führen wir einen eingehenden Dialog mit der Anglikanischen Gemeinschaft. Wir hatten jetzt diesen Besuch des Erzbischofs von Can-terbury in einem Augenblick, wo es tiefschürfende Probleme gibt, die das Sakrament der Ordination berühren, das von Anglikanern und von Katholiken wirklich als ein Sakrament verstanden wird. Können wir sagen, es gibt zwar eine lange Tradition, aber in unserer Zeit, ändern wir - wie so vieles -auch das, so daß auch die Frauen das Sakrament der Ordination empfangen?

Da geht eigentlich die Frage tiefer, die Frage geht nach meiner Meinung nicht direkt um die Frau, sondern um das Sakrament. Eine Tradition von 2000 Jahren wird man nicht leichtsinnig aufgeben, aber an sich ist diese lange Dauer auch noch nicht entscheidend für den Glauben...

Andererseits war dieser Besuch ein sehr guter Besuch,... das war wirklich eine Begegnung von Brüdern und wenn einer in Schwierigkeiten ist, soll man als Brüder einander helfen. Das ist die Aufgabe der Fortsetzung des Dialogs, daß wir solche Fragen auch gemeinsam studieren, damit wir einander im Verständnis des Evangeliums helfen können.

Seit mehr als 20 Jahren führen wir einen fruchtbaren theologischen Dialog mit dem Lutherischen Weltbund, weiters seit 1967 einen Dialog mit dem Methodistischen Weltrat und seit 1970 einen Dialog mit dem Reformierten Weltbund, seit 1972 mit den Pfingstgemein-den, seit 1977 mit der Kirche Christi („Disciples“) und seit 1984 einen Dialog mit dem Baptistischen Weltbund.

Wir haben so ungefähr zwölf dieser internationalen Dialoge. Gott sei Dank gibt es auch viele Dialoge an Ort und Stelle. Sonst bliebe das etwas zu weit entfernt vom direkten Leben, und andererseits müssen wir auch genährt werden von lokalen Dialogen...

Seit Anfang der 70er Jahre sind in verschiedenen Formen Dialoge mit alt-orientalischen Kirchen, besonders mit der Koptischen und der Syrischen, im Gange.

Auch hier werden unvermeidlich Schwierigkeiten aufkommen. Ich spreche hier nicht über das Judentum, aber die Wendung im Konzil durch das Dekret „Nostra aetate“ ist sehr wesentlich. Wir sind beina-

he 20 Jahrhunderte auseinander und gegeneinander aufgewachsen. Da werden immer Schwierigkeiten sein, kleine Schwierigkeiten - an sich ist auch die Frage Auschwitz eine kleine Schwierigkeit. Aber die verweisen unmittelbar auf die große Schwierigkeit Juden und Christen...

Die Kirche in ihrem Mysterium, in ihren Wurzeln ist nicht zu verstehen und kann nicht leben ohne die Wurzeln in der jüdischen Offenbarung, in der jüdischen Religion. Dort hat das alles angefangen. Wir sind aufeinander angewiesen. Und auch dort wird der Dialog weitergehen, und dazu ist Gebet, Vertrauen, Glauben und schließlich Liebe notwendig.

Zuletzt: Seit 1965 haben wir eine vielseitige Zusammenarbeit mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen. Wieso kann man da von Stagnation reden?

Ein erster Grund dürfte in der unzweifelhaften Tatsache zu suchen sein, daß die stürmische Entwicklung während des Konzils in vielen Kreisen Illusionen geweckt hat. Der im Konzil geschehene Durchbruch war eben wirklich gewaltig und grundlegend. Den breiten Kreisen fehlte aber weitgehend die Kenntnis der wahren Lage; auch die Art und Weise, wie dieser Durchbruch durch die Medien dargestellt worden ist, war oft von demselben Mangel an Kenntnis geprägt...

Ein anderer Grund, warum manche von Stagnation reden, ist der Manger an Information über das, was auf dem Gebiet der Ökumene tatsächlich geschieht und im Gange ist. Während des Konzils handelte es sich um Ereignisse, die für die Verbreitung durch die Medien geeignet waren, und daher waren die Medien voll davon. Der nach-konziliare theologische Dialog ist dagegen für Schlagzeilen wenig geeignet, und so dringen die Nachrichten darüber nicht in breite Kreise...

Mit dem eben Gesagten hängt ein weiterer Grund zusammen: ...Der heutige Mensch wird von allen Seiten mit einem solchen Ansturm von Ideen verschiedensten Ursprungs und Wertes „beschossen“, daß er einfach an der Möglichkeit der Erkenntnis der Wahrheit irre wird. Diese Lage wirkt sich auch auf die religiösen Kenntnisse und

Überzeugungen aus. Die Folge ist die Flucht in die Praxis, die sogenannte Orthopraxis.

Auf dem ökumenischen Gebiet wirkt sich diese geistige Haltung vor allem auf dem Gebiet der sogenannten Interkommunion aus. Da man wenig Vertrauen auf die Klärung der unter den Konfessionen bestehenden theologischen Differenzen hat, ist man versucht, - und erliegt oft der Versuchung - „kurzen Prozeß“ zu machen, das heißt zum gemeinsamen Handeln überzugehen bis an die „gegenseitige Einladung“ der Angehörigen verschiedener Konfessionen zum Tisch des Herrn...

Eine solche Hinwendung zur Praxis ist weder einfach falsch noch

unnütz. Bekanntlich wird die prak-tische Zusammenarbeit Angehöriger verschiedener Konfessionen auf dem sozialen und karitativen Gebiet, um gemeinsam Zeugnis für Christus zu geben, seit dem bekannten Kongreß von Uppsala „Leben und Aktion“ (1925) immer mehr anerkannt und in die Tat umgesetzt.

Auch das Zweite Vatikanische Konzil hat diese Zusammenarbeit wärmstens empfohlen (Ökumenismusdekret N. 12). Es kommt aber darauf an, daß diese Zusammenarbeit - ich rede vom katholischen Standpunkt aus -inbe-zug auf die Sakramente in den von der Glaubenslehre gesetzten Schranken bleibt...

Infolge all der so dargestellten Faktoren entsteht vielfach gerade bei ehrlich ökumenisch Gesinnten,

einerseits ein Zustand der Müdigkeit und andererseits der Entmutigung. Ich möchte infolge der Behandlung dieses Phänomens nicht mißverstanden werden. Ich spreche von diesem Phänomen, nicht als ob ich die jetzige Lage der Ökumene überhaupt negativ beurteilen würde. Wie gesagt, bewerte ich sie im allgemeinen sehr positiv...

Es hat mich immer tief beeindruckt, ... mit welchem Realismus Bea jeweils die ökumenische Situation gesehen und beurteilt hat. Das ist die Haltung, die für alle seine Vorträge bezeichnend ist. Er warnt sehr eindringlich vor Illusionen...

Was die „Interkommunion“ artgeht, ist zu bemerken, daß damals die Frage noch nicht so brennend war. Es ist aber wichtig, daß Bea mit dem Ökumenismusdekret den Grundsatz betont: „Man darf die Gemeinschaft beim Gottesdienst nicht als ein allgemein und ohne Unterscheidung gültiges Mittel zur Wiedervereinigung der Einheit ansehen“...

Zu Ungeduld: „Die Ungeduld ist der Fehler des heutigen Menschen. Jedes Übertreiben und jede Hast sind unvermeidlich schädlich. Die ersten Apostel wurden ausgesandt, die Welt zu bekehren, aber die

römische Welt brauchte dazu 500 Jahre, und es fehlte nicht an Rückschlägen. So wird es auch in unserem Bereich sein“.

Nun, Geduld soll nie als etwas Passives verstanden werden, Geduld in der Ökumene ist nicht abwartend, sondern ausharrend, durchsetzend. Perseverantia - das ist wirklich christliche Geduld.

Einmal fragte man mich auch: Was hast du eigentlich erreicht? Was sind die Ergebnisse? Ich habe dann geantwortet mit einem Wort des heiligen Paulus: Ich habe den guten Kampf gestritten, ich habe den Glauben bewahrt. Das ist die Aufgabe eines Christen. Gott wird Wachstum geben.

Auszüge aus dem Referat des Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen zur Präsentation der Kardinal- Augustin-Bea-Bio-graphie von Stjepan Schmidt (Styria) am 12. Oktober auf der Buchmesse in Frankfurt.

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