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"Keine Änderung der Ökumene-Politik Roms"

1945 1960 1980 2000 2020

Einen Tag, nachdem der Papst seine Ernennung zum Kardinal verkündet hatte, nahm Walter Kasper, Sekretär des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, an einem ökumenischen runden Tisch in Wien teil. Zuvor äußerte sich der künftige Kardinal zur Situation der Ökumene.

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Einen Tag, nachdem der Papst seine Ernennung zum Kardinal verkündet hatte, nahm Walter Kasper, Sekretär des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, an einem ökumenischen runden Tisch in Wien teil. Zuvor äußerte sich der künftige Kardinal zur Situation der Ökumene.

Das römische Schreiben "Dominus Iesus" hat für einigen Wirbel gesorgt: War das ein Rückschlag für die Ökumene?

Bischof Walter Kasper: Das Dokument "Dominus Iesus" hat zunächst nicht die Ökumene zum Ziel, sondern den interreligiösen Dialog. Die Christologie mit Christus als einziger und universaler Größe - das ist gegen relativistische Tendenzen gerichtet. In diesem Punkt vertritt das Dokument eine ökumenisch gemeinsame These, nämlich, dass Jesus Christus der eine und einzige universale Heilsmittler ist. Das sagen auch die Protestanten.

Es ist dann ins vierte Kapitel noch ein Teil über die Einheit und Einzigkeit der Kirche eingearbeitet worden. Hier wurden wesentliche Aussagen des II. Vatikanums zusammengefasst. Das war nichts Neues. Im Übrigen beanspruchen ja alle Kirchen, "wahre Kirche Jesu Christi" zu sein. Diesen Wahrheitsanspruch kann keine Kirche vernachlässigen. Das Problem dieses Kapitels ist vielmehr ein Sprachproblem; es ist auf dreieinhalb Seiten zusammengefasst in einer abstrakten, doktrinären, etwas ausgrenzenden Sprache: Der Ton ist sicher nicht gelungen. Das zweite ist, dass die Ergebnisse des ökumenischen Dialogs seit dem II. Vatikanum nicht genannt werden - wie der Papst das in seiner Ökumene-Enzyklika "Ut unum sint" (1995) getan hat, wo er ausdrücklich von den "Früchten des Dialogs" spricht.

Vor allem hat die Aussage Schwierigkeiten gemacht, dass die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen keine eigentlichen Kirchen im Sinn des Wortes sind. Das hat die anderen verletzt - und mich verletzt es auch, wenn Freunde von mir verletzt sind. Insofern ist diese Aussage bedauerlich, sie ist nicht geglückt und missverständlich. Es ist damit aber gemeint - so hat es Kardinal Ratzinger auch erklärt: Sie haben ein anderes Verständnis von Kirche als wir. Das ist ebenfalls unbestritten: Diese Kirchen wollen nicht Kirchen wie die katholische sein, sie haben nicht den Episkopat in der historischen Sukzession oder das Petrusamt, das für uns wesentlich ist. "Dominus Iesus" bedeutet jedoch keine Änderung der Ökumene-Politik des Vatikan, sondern ist eine Art Zwischenruf gegenüber relativistischen Tendenzen: Leute passt auf, schaut, was Lehre des Konzils ist!

Neben "Dominus Iesus" gab es auch Kritik an der Seligsprechung von Pius IX.

Kasper: Der Papst selbst hat dazu das Entscheidende gesagt: Seligsprechung bedeutet nicht, dass man alle einzelnen Akte eines Menschen analysiert. Sondern es wird seine subjektive Frömmigkeit und Heiligkeit bewertet - und nicht solche Akte, die man heute aus einer völlig anderen historischen Perspektive anders beurteilt. Es hat Verstimmung bei Orthodoxen und Protestanten ausgelöst, weil Pius IX. der Papst des I. Vatikanums war: Über das 1. Vatikanische Konzil ist noch zwischen uns und den anderen zu diskutieren. Man darf aber nicht vergessen, dass zugleich mit Pius IX. Johannes XXIII. selig gesprochen wurde. Man kann all diese Dinge verschieden beurteilen. Es ist ja niemand verpflichtet, einen Seligen oder Heiligen in besonderer Weise anzurufen oder zu verehren.

Wie ist denn Ihre Nähe zu Pius IX.?

Kasper: Ich habe nie ein besonderes Bedürfnis gehabt, diesen Papst als ein Vorbild für mein eigenes christliches Leben zu sehen. Bei Johannes XXIII. hingegen habe ich das. Diese Art mit Mut, Fröhlichkeit und Gottvertrauen nach vorn zu gehen - bei allem Traditionellen, das bei ihm auch da war.

In der Erzdiözese Salzburg hat es vor Weihnachten weitere ökumenische Verstimmung gegeben. Bringen Sie da eine Botschaft aus Rom mit?

Kasper: Ich werde mich sicher nicht in die österreichischen Verhältnisse einmischen. Was ich als Botschaft mitbringen kann: Der Papst ist ganz eindeutig entschieden, auf dem Weg der Ökumene weiterzugehen - in einer verantwortlichen Weise. Immerhin hat auch das 2. Vatikanische Konzil gesagt: Die ökumenische Bewegung ist eine Frucht des Wirkens des Heiligen Geistes.

Mindestens drei Reisen des Papstes sollen dieses Jahr in Länder mit orthodoxer Bevölkerungsmehrheit führen. Sie stehen daher unter einer starken ökumenischen Vorgabe. Zur Zeit hat man ja den Eindruck, dass das Verhältnis zur Orthodoxie stark auf der Stelle tritt.

Kasper: Es gibt Schwierigkeiten mit den Orthodoxen, aber nicht nur: Ich hatte letztes Jahr in Moskau sehr herzliche Begegnungen mit dem Patriarchen und seinen Mitarbeitern, auch die Begegnung beim Fest des heiligen Andreas in Konstantinopel war überaus freundlich: es wird nicht nur auf der Stelle getreten.

Es sind Schwierigkeiten da, die auch bei der Vollversammlung der internationalen theologischen Kommission zwischen Katholiken und Orthodoxen im Juni 2000 in Baltimore klar waren. Dies betrifft vor allem das Verhältnis mit den so genannten unierten Kirchen. Wir waren noch nicht in der Lage, das in Baltimore zu lösen. Aber alle waren einmütig der Meinung, mit dem Dialog weiterzufahren, daran hat niemand einen Zweifel gelassen. Man muss viel Geduld haben und bedenken, dass diese Kirchen 50 bis 70 Jahre unter kommunistischer Herrschaft waren. Sie kamen aus den Katakomben und haben große Aufbauleistungen vollbracht, stehen jetzt aber einer völlig veränderten Situation gegenüber. Da gibt es eben Schwierigkeiten. Ich würde das nicht überschätzen. Wir haben uns ja nicht an einem bestimmten Punkt getrennt - 1054 ist ja nur eine symbolische Jahreszahl -, sondern man hat sich auseinandergelebt über Jahrhunderte. Und jetzt müssen wir uns wieder zusammenleben.

Was aber versteht der Papst unter Ökumene? Geht es darum, dass sich die anderen in die katholische Kirche eingliedern? Die jüngsten Dokumente deuten genau in diese Richtung ...

Kasper: Die Entscheidung des II. Vatikanums, zu der der Papst steht, ist ganz klar: Wir verstehen Ökumene heute nicht mehr im Sinn der Rückkehr-Ökumene, nach der die anderen sich "bekehren" und "katholisch" werden müssen. Das ist vom II. Vatikanum ausdrücklich aufgegeben worden. Man sieht das heute als gemeinsamen Weg nach vorn: Alle müssen sich bekehren - auf Christus hin, und in Christus kommt man dann am Ende zusammen. Freilich gehen wir davon aus, dass sich die Grundgestalt des Katholischen in dieser einen Kirche wiederfinden wird, aber das wird angereichert sein durch sehr vieles, das wir voneinander gegenseitig lernen. Der Papst selber beschreibt in "Ut unum sint" Ökumene unter anderem als einen Austausch der Gaben. Ich finde das sehr schön: Jede Kirche hat ihre Reichtümer und Geistesgaben, und um diesen Austausch geht es - nicht darum, dass wir "protestantischer" oder die anderen "katholisch" werden im Sinn der konfessionellen Gestalt des Katholischen. Gut, wir möchten schon das, was wir mit der apostolischen Sukzession und mit dem Petrusamt haben, einbringen, weil wir überzeugt sind, das ist ein Geschenk des Geistes, ein Reichtum, etwas, das die Kirche heute braucht. In einer sich globalisierenden Welt brauchen wir einen - profan gesagt - Bezugspunkt, einen Sprecher der Christenheit. Die Orthodoxen zeigen ja, wie schwierig es ist, wenn man das nicht hat. Das Petrusamt hat Potentialitäten auch ökumenischer Art.

Ist es ökumenisches Ziel, dass katholische Bischöfe dann protestantischen Priestern die Hände auflegen?

Kasper: Sicher ist der apostolische Episkopat etwas, das wir in die Einheit der Kirche einbringen wollen. Es gibt auch da schon Fortschritte: Die nordischen lutherischen Kirchen und die Anglikaner haben ein Abkommen, indem sie auf den so genannten historischen Episkopat zugehen, etwas ähnliches existiert in Nordamerika zwischen Lutheranern und der Episkopalkirche.

Was die Einladung, die Johannes Paul II. in "Ut unum sint" ausgesprochen hat, über den Primat des Papstes beziehungsweise über dessen konkrete Ausübung zu sprechen: Da gibt es Stellungnahmen von den Anglikanern oder von den Presbyterianern der USA sowie eine Menge von Artikeln, Symposien und Büchern. Ich halte es für einen revolutionären Vorgang, dass der Papst sagt: "Ich weiß, das Petrusamt ist von Christus gegeben - aber da gibt es ja eine große Entwicklung und verschiedene Gestalten im Lauf der Geschichte. Und das kann sich ja auf Zukunft hin gestalten in einer ganz neuen, globalen Situation. Und ich lade alle ein: Reden wir darüber, wie wir das machen wollen."

Bedeutet Ihre Kardinalserhebung, dass Sie bald dem Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen vorstehen werden?

Kasper: Das ist mir so gesagt worden. Der Termin dafür ist aber noch nicht genau festgelegt.

Auszug aus dem Journalistengespräch mit Bischof Kasper am 22. Jänner 2001in Wien. Redaktion: Otto Friedrich Zur Person: Der neue Ökumene-Kardinal Ökumene war ihm schon in Tübingen selbstverständlich: Immerhin ist diese Universität, an der Walter Kasper - zuerst als Assistent des später vom Papst gemaßregelten Hans Küng, dann als Dogmatikprofessor - lehrte, für das fruchtbare Nebeneinander einer evangelischen und einer katholischen Fakultät bekannt. Als Kasper 1989 zum Oberhirten von Rottenburg-Stuttgart wurde, erlangte einer der renommiertesten Theologen des deutschen Sprachraums (unter anderem als Hauptautor des Erwachsenenkatechismus und als Herausgeber des "Lexikons für Theologie und Kirche") die Bischofswürde. 1999 wechselte er als Sekretär zum Päpstlichen Einheitsrat nach Rom, wo er wesentlich am Zustandekommen der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" zwischen Rom und dem Lutherischen Weltbund beteiligt war. Der heutige 67-jährige Kasper gilt nicht nur in der Ökumene als ein offener Gesprächspartner - und theologischer Gegenspieler Kardinal Ratzingers, dessen Positionen er in Bezug auf den römischen Zentralismus oder auf die Sprache im Dokument "Dominus Iesus" auch widerspricht. Mit Walter Kasper wird - nach dem legendären Einheitsrat-Chef Augustin Bea (1881-1968) - zum zweiten Mal ein Deutscher der "Ökumene-Kardinal" der katholischen Kirche: Den derzeitigen Präsidenten des Rates, Kardinal Edward I. Cassidy, wird Kasper - wie er auch nebenstehend ausführt - in Kürze beerben.

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