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Ökumene - nicht nur bei Schönwetter

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Zur Ökumene, zu der es keine Alternative gibt, gehört der wechselseitige Respekt der Konfessionen. Den lässt Rom vermissen.

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Zur Ökumene, zu der es keine Alternative gibt, gehört der wechselseitige Respekt der Konfessionen. Den lässt Rom vermissen.

Wie rasch sich doch die Zeiten ändern. Noch vor einem Jahr feierten der Lutherische Weltbund und die römisch-katholische Kirche das vermeintliche Ende des jahrhundertlangen Zwistes in der Rechtfertigungslehre und den Anbruch einer neuen ökumenischen Ära. Nach Tische, will sagen: in der Anfang September veröffentlichten Erklärung der römischen Glaubenskongregation Dominus Iesus, liest man manches anders. Führende Vertreter der evangelischen und anderer Kirchen reagieren teils verstört, teils verärgert, obwohl das neue Dokument doch nur die hinlänglich bekannte offizielle römische Lehre einschärft, wonach es nur eine einzige von Christus gestiftete Kirche gibt, nämlich die römische.

Gewiss, ganz so grobschlächtig, wie man es teilweise den Medien entnehmen kann, kommt die katholische Kirchenlehre nicht daher. Gerechtigkeitshalber sollte man ihre theologischen Feinheiten nicht unterschlagen. So werden die Gläubigen "angehalten zu bekennen, dass es eine geschichtliche, in der apostolischen Sukzession verwurzelte Kontinuität zwischen der von Christus gestifteten und der katholischen Kirche gibt". Neben dieser existieren nach römischer Sprachregelung andere echte "Teilkirchen", die - wie die orthodoxen Kirchen - zwar von Rom getrennt leben, jedoch in der apostolischen Sukzession stehen, und schließlich "kirchliche Gemeinschaften", die mangels gültiger Bischofsweihe und vollgültiger Eucharistie leider "nicht Kirchen im eigentlichen Sinne" sind. Hierzu gehören - nach wie vor - die Kirchen der Reformation. Das muss natürlich jene evangelischen Kirchenführer schmerzen, die noch zu Jahresbeginn für den zum Heiligen Jahr ausgerufenen Ablass ein gutes Wort einlegten und mit dem Papst an die Heilige Pforte pochten, hinter der sie das ökumenische Paradies wähnten.

Soweit so schlecht. Damit nicht genug hat Kardinal Ratzinger, der Präfekt der Glaubenskongregation, in einer internen Note seinen bischöflichen Brüdern im Amte ein wenig Nachhilfe in kirchenpolitischer "Correctness" gegeben. "Schwesterkirche", als welche sich und die römisch-katholische Kirche gern die Protestanten bezeichnen, sei eine lediglich für die orthodoxen oder mit Rom unierten Kirchen reservierte Bezeichnung. Und selbstverständlich sei die römisch-katholische Kirche streng genommen keine Schwester, sondern die Mutter aller übrigen Kirchen - sofern diese die Bezeichnung "Kirche" verdienen.

Selbst oberflächliche Kenner der diversen lehramtlichen Verlautbarungen des Vatikan zum so genannten Ökumenismus aus den vergangenen Jahrzehnten kann der Inhalt des neuen Dokumentes kaum überraschen. Verwunderlich ist einzig das ökumenische Wunschdenken, das nicht selten auf evangelischer Seite, aber auch unter katholischen Christen herrscht. Papst Johannes Paul II. und seine Theologen stehen jedenfalls voll auf dem Boden des Zweiten Vatikanischen Konzils. Nicht die römische Kirche ist "im Sprung gehemmt", wie ein in Österreich viel beachtetes Buch behauptet. Im Absprung gehemmt sind vielmehr viele katholische Christen, die noch immer die theologischen Grundentscheidungen ihrer Kirche einfach nicht wahrhaben wollen und sich in immer neuen Kirchenvolksbegehren an der Hierarchie abarbeiten.

In der allgemeinen Erregung geht beinahe völlig unter, dass eigentliches Thema der Erklärung Dominus Iesus nicht die römische Haltung zu den Kirchen der Reformation, sondern die umstrittene sogenannte pluralistische Theologie der Religionen ist, die vor allem außerhalb Europas, in Nordamerika, aber auch in Ländern der so genannten Dritten Welt zahlreiche Anhänger hat. Will man dem umstrittenen Dokument gerecht werden, sollte man die Kirche - welche immer das nun sein mag - im Dorfe lassen und sich dem eigentlichen Sachthema stellen.

Was dazu aus der Feder der Glaubenskongregation beziehungsweise Kardinal Ratzingers zu lesen ist, hat es freilich nicht weniger in sich als die Einschärfung der offiziellen Kirchendoktrin in Sachen Reformation. Man darf sich auf ähnlich harte Auseinandersetzungen wie um die Befreiungstheologie gefasst machen. Wer angesichts des postmodernen Pluralismus und Synkretismus im selben Glashaus wie die römische Kirche sitzt, sollte allerdings besser nicht mit Steinen werfen. Davon, wie konfliktträchtig das Reizthema der pluralistischen Religionstheologie ist, weiß auch der Weltrat der Kirchen ein Lied zu singen.

Wie immer man zu den Ausführungen der Glaubenskongregation stehen mag: dass die Problematik einer Ökumene der Religionen mit der Ökumene der Konfessionen in einem unmittelbaren Zusammenhang steht, ist zutreffend und bedarf einer eingehenden Diskussion. Rom ruft ein Sachproblem in Erinnerung, für das die übrigen Kirchen noch keineswegs eine überzeugendere Antwort gefunden haben. Sie alle stehen vor der gemeinsamen Aufgabe, eine wahrhaft ökumenische Ekklesiologie im Kontext des heutigen religiösen Pluralismus zu formulieren, welche sich nicht länger um die missionarische Dimension des Christentums herummogelt.

Es gehört zum Beispiel zu den Absurditäten nicht weniger Dialogveranstaltungen, dass der universale Geltungsanspruch des Christentums massiv attackiert wird, während es das Publikum bereitwillig akzeptiert, wenn die Vertreter anderer Religionen das Podium völlig ungeniert zu einer Missionsveranstaltung umfunktionieren.

Alles Verständnis für die Nöte der Glaubenskongregation macht die Sache freilich nicht besser. Es rächt sich eben, dass grundlegende Fragen der Ekklesiologie, bei denen es ans Eingemachte geht, bislang im ökumenischen Dialog ausgeklammert wurden. Die derzeitige Krise der ökumenischen Bewegung hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die Zielperspektive der verschiedenen Einigungs- und Verständigungsprozesse unklar bleibt.

Dennoch gibt es zur Ökumene der Kirchen keine Alternative. Zu ihren Voraussetzungen gehört allerdings der wechselseitige konfessionelle Respekt. Den lässt die Vorgangsweise der Glaubenskongregation vermissen.

Der Autor'ist Professor für Systematische Theologie H.B. an der Evang.-Theol. Fakultät der Universität Wien.

Zum Thema Dominus Iesus Anfang September veröffentlichte die vatikanische Glaubenskongregation das Dokument Dominus Iesus. Darin wird dem Relativismus - insbesondere der "pluralistischen Religionstheologie" - eine Absage erteilt. Dominus Iesus löste aber auch einen ökumenischen "Wirbel" aus, weil es die Einzigartigkeit der römisch-katholischen Kirche bekräftigt und den Protestanten die Bezeichnung "Kirche" verweigert (vgl. furche 37, Seite 2 & 7). Der Wiener katholische Dogmatiker Bertram Stubenrauch und sein evangelisches Vis-a-vis, der Systematiker Ulrich Körtner, bewerten das Dokument aus ihren Blickwinkeln. ofri Wesentliche Passagen aus Dominus Iesus sind auf Seite 17 dieser furche dokumentiert.

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