Kreuz - © Foto: Pixabay

Die Wahrheit muss auch verstehbar sein

1945 1960 1980 2000 2020

Nicht nur die Religion sucht nach Wahrheit. Auch Kunst oder Wissenschaft bemüht sich darum: Wie das Schreiben "Dominus Iesus" Wahrheit definiert, können viele Zeitgenossen nicht nachvollziehen.

1945 1960 1980 2000 2020

Nicht nur die Religion sucht nach Wahrheit. Auch Kunst oder Wissenschaft bemüht sich darum: Wie das Schreiben "Dominus Iesus" Wahrheit definiert, können viele Zeitgenossen nicht nachvollziehen.

Die Erklärung der Glaubenskongregation "Über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche", die nach den Anfangsworten "Dominus Iesus" genannt wird, hat viel Kritik provoziert. Dies zeigt, dass von ihr ein bedeutsames Thema aufgegriffen worden ist. Man wird diesem aber nicht gerecht, wenn man die Kritik auf periphere Aspekte beschränkt.

Daher möchte ich mich nicht einlassen auf die Frage, ob für die Erklärung der klügste Zeitpunkt gewählt worden ist. Mich interessiert auch nicht so sehr die Debatte, ob hier der richtige Ton angeschlagen worden ist, ob eine ausgewogenere, weniger katechismushafte Darstellung des Gemeinten nicht mehr Verständnis ermöglicht hätten.

Letztlich möchte ich - mangels Kompetenz in theologicis - auch nicht auf die Frage eingehen, ob die Erklärung theologisch auf der Höhe der Zeit steht, ob die Konzilstexte in ihrer ursprünglichen Intention richtig ausgelegt werden (was viele Kommentatoren - insbesondere im Hinblick auf die Bedeutung des Wortes "subsistit"*) bezweifeln), beziehungsweise wie sehr echte inhaltliche Fortschritte im interreligiösen Dialog in der Erklärung ignoriert oder sogar unterlaufen werden, wie ebenfalls einige gewichtige Stimmen recht überzeugend darstellen.

Christentum - die absolute Religion Mich interessiert vor allem das Thema und damit der Inhalt der Erklärung. Dieser lässt sich, aufs äußerste abgeschlankt, auf wenige Sätze reduzieren: Das Christentum versteht sich nicht als eine Religion unter vielen, sondern als die absolute, letztlich für alle Menschen richtige und bestimmte Religion, deren Glaubensinhalten absolute Wahrheit und damit universale Geltung zukommt. Dieser ungeheure Anspruch wird dadurch begründet, dass es sich nicht um eine von Menschen autonom entwickelte, konstruierte oder interpretierte Wahrheit handelt, sondern dass die Basis dieser Religion die - in Christus kulminierende - Selbstmitteilung Gottes ist, die letztlich in der absoluten Annahme der Menschen und der Welt durch Gott besteht. In logischer Fortentwicklung dieser Grundlage wird ferner geschlossen, dass die von Christus gewollte Trägerin der Botschaft, die Kirche, eine einzigartige und universale Rolle als Bringerin des Heils der Menschen spielt. Und diese Kirche ist in der katholischen Kirche verwirklicht.

In dieser Kürze dargestellt werden die Aussagen den meisten (katholischen) Christen noch vom Katechismus her bekannt sein und von ihnen letztlich auch geglaubt werden. Es werden sich zwar viele nicht einverstanden zeigen mit der qualitätsmäßigen Unterscheidung von katholischer Kirche, anderen "echten" Teilkirchen und so genannten "kirchlichen Gemeinschaften", aber sie werden diese Punkte als nicht besonders bedeutsam erachten, schon weil die Fundamente der zu Grunde liegenden theologischen Debatten undeutlich oder kontrovers erscheinen.

Warum also die große Aufregung, die massive Ablehnung, gerade auch bei engagierten Christen? Was macht die in "Dominus Iesus" vorgelegte Zusammenstellung von Lehrsätzen heute so unbefriedigend? Es ist, so meine ich, der Kontrast dieser Aussage zu unserer heutigen Grunderfahrung von der kulturellen, weltanschaulichen und religiösen Pluralität der Welt, in der wir uns als Christen vorfinden. Nicht nur die christliche Religion als ganze, sondern auch die einzelnen Christen in ihren jeweiligen individuellen Lebensbereichen werden zunehmend konfrontiert mit anderen Religionen oder areligiösen Weltvorstellungen, und sie erleben sich als absolute Minderheit in der modernen Weltgesellschaft.

Nur ein Promille der Geschichte ...

Verstärkt wird diese Erfahrung noch durch das Bewusstsein, dass auch rein historisch die Periode des Christentums innerhalb der (hier einmal mit ein bis zwei Millionen Jahren angesetzten) Menschheitsgeschichte nur einen verschwindenden Anteil von gerade ein bis zwei Promille ausmacht. Das heißt: 500- bis 1000-mal mehr Menschengenerationen als Generationen in christlicher Zeit haben ihre Erfahrungen mit dem Heiligen unabhängig vom Christentum gemacht, haben so ihre je individuelle Beziehung zum Göttlichen gelebt und entfaltet, haben diese in verschiedensten Religionen gesellschaftlich institutionalisiert und diese Religionen gegeneinander verteidigt. Dabei gibt es aber auch noch den fundamentalen Glaubenssatz vom allgemeinen Heilswillen Gottes allen Menschen gegenüber.

Wie soll man angesichts dieser Fakten und Überzeugungen den Absolutheitsanspruch der christlichen Botschaft verstehen? Es tut sich hier ein Problem auf, das nicht nur das Lehramt oder die Theologie herausfordert, sondern jeden einzelnen existenziell berührt, will er auf persönlichen Überzeugungen beharren und nicht durch einen totalen Relativismus der Frage entkommen. Denn zu jeder Glaubensüberzeugung gehört die Hoffnung, dass das Geglaubte nicht eines Tages sich als Schimäre, als durch andere Glaubenssätze überbietbar entpuppt.

Hier liegt meines Erachtens das wirkliche Thema der Erklärung, das angegangen werden muss, wenn die restlichen Sätze verstehbar sein wollen. Die Theologie hat sich mit diesem Thema der Pluralität im Religiösen angesichts von Absolutheitsansprüchen wohl immer schon schwer getan. Jedenfalls galten im einfachen innerkirchlichen Verständnis die nichtchristlichen Religionen eher als so etwas wie heilsgeschichtliche Betriebsunfälle, bestenfalls als religiöse Notrationen für die erlösungsbedürftigen Heiden. Erst das letzte Konzil hat hier einige - zaghafte - Fortschritte gebracht. Dass eine solche Einschätzung heute nicht mehr ausreicht, wird angesichts der oben genannten Erfahrungen klar.

Die Erklärung der Glaubenskongregation "Über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche", die nach den Anfangsworten "Dominus Iesus" genannt wird, hat viel Kritik provoziert. Dies zeigt, dass von ihr ein bedeutsames Thema aufgegriffen worden ist. Man wird diesem aber nicht gerecht, wenn man die Kritik auf periphere Aspekte beschränkt.

Daher möchte ich mich nicht einlassen auf die Frage, ob für die Erklärung der klügste Zeitpunkt gewählt worden ist. Mich interessiert auch nicht so sehr die Debatte, ob hier der richtige Ton angeschlagen worden ist, ob eine ausgewogenere, weniger katechismushafte Darstellung des Gemeinten nicht mehr Verständnis ermöglicht hätten.

Letztlich möchte ich - mangels Kompetenz in theologicis - auch nicht auf die Frage eingehen, ob die Erklärung theologisch auf der Höhe der Zeit steht, ob die Konzilstexte in ihrer ursprünglichen Intention richtig ausgelegt werden (was viele Kommentatoren - insbesondere im Hinblick auf die Bedeutung des Wortes "subsistit"*) bezweifeln), beziehungsweise wie sehr echte inhaltliche Fortschritte im interreligiösen Dialog in der Erklärung ignoriert oder sogar unterlaufen werden, wie ebenfalls einige gewichtige Stimmen recht überzeugend darstellen.

Christentum - die absolute Religion Mich interessiert vor allem das Thema und damit der Inhalt der Erklärung. Dieser lässt sich, aufs äußerste abgeschlankt, auf wenige Sätze reduzieren: Das Christentum versteht sich nicht als eine Religion unter vielen, sondern als die absolute, letztlich für alle Menschen richtige und bestimmte Religion, deren Glaubensinhalten absolute Wahrheit und damit universale Geltung zukommt. Dieser ungeheure Anspruch wird dadurch begründet, dass es sich nicht um eine von Menschen autonom entwickelte, konstruierte oder interpretierte Wahrheit handelt, sondern dass die Basis dieser Religion die - in Christus kulminierende - Selbstmitteilung Gottes ist, die letztlich in der absoluten Annahme der Menschen und der Welt durch Gott besteht. In logischer Fortentwicklung dieser Grundlage wird ferner geschlossen, dass die von Christus gewollte Trägerin der Botschaft, die Kirche, eine einzigartige und universale Rolle als Bringerin des Heils der Menschen spielt. Und diese Kirche ist in der katholischen Kirche verwirklicht.

In dieser Kürze dargestellt werden die Aussagen den meisten (katholischen) Christen noch vom Katechismus her bekannt sein und von ihnen letztlich auch geglaubt werden. Es werden sich zwar viele nicht einverstanden zeigen mit der qualitätsmäßigen Unterscheidung von katholischer Kirche, anderen "echten" Teilkirchen und so genannten "kirchlichen Gemeinschaften", aber sie werden diese Punkte als nicht besonders bedeutsam erachten, schon weil die Fundamente der zu Grunde liegenden theologischen Debatten undeutlich oder kontrovers erscheinen.

Warum also die große Aufregung, die massive Ablehnung, gerade auch bei engagierten Christen? Was macht die in "Dominus Iesus" vorgelegte Zusammenstellung von Lehrsätzen heute so unbefriedigend? Es ist, so meine ich, der Kontrast dieser Aussage zu unserer heutigen Grunderfahrung von der kulturellen, weltanschaulichen und religiösen Pluralität der Welt, in der wir uns als Christen vorfinden. Nicht nur die christliche Religion als ganze, sondern auch die einzelnen Christen in ihren jeweiligen individuellen Lebensbereichen werden zunehmend konfrontiert mit anderen Religionen oder areligiösen Weltvorstellungen, und sie erleben sich als absolute Minderheit in der modernen Weltgesellschaft.

Nur ein Promille der Geschichte ...

Verstärkt wird diese Erfahrung noch durch das Bewusstsein, dass auch rein historisch die Periode des Christentums innerhalb der (hier einmal mit ein bis zwei Millionen Jahren angesetzten) Menschheitsgeschichte nur einen verschwindenden Anteil von gerade ein bis zwei Promille ausmacht. Das heißt: 500- bis 1000-mal mehr Menschengenerationen als Generationen in christlicher Zeit haben ihre Erfahrungen mit dem Heiligen unabhängig vom Christentum gemacht, haben so ihre je individuelle Beziehung zum Göttlichen gelebt und entfaltet, haben diese in verschiedensten Religionen gesellschaftlich institutionalisiert und diese Religionen gegeneinander verteidigt. Dabei gibt es aber auch noch den fundamentalen Glaubenssatz vom allgemeinen Heilswillen Gottes allen Menschen gegenüber.

Wie soll man angesichts dieser Fakten und Überzeugungen den Absolutheitsanspruch der christlichen Botschaft verstehen? Es tut sich hier ein Problem auf, das nicht nur das Lehramt oder die Theologie herausfordert, sondern jeden einzelnen existenziell berührt, will er auf persönlichen Überzeugungen beharren und nicht durch einen totalen Relativismus der Frage entkommen. Denn zu jeder Glaubensüberzeugung gehört die Hoffnung, dass das Geglaubte nicht eines Tages sich als Schimäre, als durch andere Glaubenssätze überbietbar entpuppt.

Hier liegt meines Erachtens das wirkliche Thema der Erklärung, das angegangen werden muss, wenn die restlichen Sätze verstehbar sein wollen. Die Theologie hat sich mit diesem Thema der Pluralität im Religiösen angesichts von Absolutheitsansprüchen wohl immer schon schwer getan. Jedenfalls galten im einfachen innerkirchlichen Verständnis die nichtchristlichen Religionen eher als so etwas wie heilsgeschichtliche Betriebsunfälle, bestenfalls als religiöse Notrationen für die erlösungsbedürftigen Heiden. Erst das letzte Konzil hat hier einige - zaghafte - Fortschritte gebracht. Dass eine solche Einschätzung heute nicht mehr ausreicht, wird angesichts der oben genannten Erfahrungen klar.

Nun ist Religion nicht der einzige Ort, wo nach Wahrheit gesucht wird. Dieses Suchen geschieht auch in der Kunst, in meditativen Erlebensformen und vor allem in der Wissenschaft.

Wahrheit ausserhalb der Religion

Die Erklärung "Dominus Iesus" weist tatsächlich an mehreren Stellen auf dieses Grundproblem hin, sie zitiert dazu einige einschlägige Konzilstexte (insbesondere "Gaudium et Spes") und lädt die Theologen ein, "über das Vorhandensein anderer religiöser Erfahrungen und ihrer Bedeutung, im Heilsplan Gottes nachzudenken ...". Aber sie tut es - und das wird wohl jedem unvoreingenommenen Leser so erscheinen - in einer der Radikalität des Problems völlig unangemessenen, in marginalisierender Weise.

Meines Erachtens hängt das damit zusammen, dass hier eine Vorstellung von Wahrheit, genauer: von Umgang mit Wahrheit, Annahme von Wahrheit, Wahrheitssuche zu Grunde liegt, die eine Lösung des Problems unmöglich macht. Es ist, kurz gesagt, ein extrem statisches, quasi materialistisches Konzept von Wahrheit: eine wohl definierte (daher abgeschlossene, endliche), eindeutig dokumentierbare Wahrheit, die man annehmen und dann besitzen kann.

Nun ist aber Religion nicht der einzige Ort, wo nach Wahrheit gesucht wird. Dieses Suchen geschieht auch in der Kunst, in meditativen Erlebensformen und vor allem in der Wissenschaft. Die jeweiligen Wege sind vielleicht verschieden, und die Zielsetzung wird gerade in den Wissenschaften etwas bescheidener formuliert (Abbau von Unkenntnis, von Verblendung, Irrtümern, Illusionen ...), aber es bleibt dasselbe Bestreben und damit auch ein einziges Verständnis vom besten Umgang mit Wahrheit. Dieses Verständnis legen die Menschen unserer Zeit auch zu Grunde, wenn sie nach dem wahren Gehalt ihrer religiösen Überzeugung fragen.

Nun könnte die Kirche zwar (unter Verweis auf ihre absolute Lehrkompetenz, eventuell sogar auf Unfehlbarkeit) grundsätzlich für sich beanspruchen, dass sie allein - ohne Rückgriff auf die Erfahrung anderer Erkenntnisformen - schon wisse, welcher Wahrheitsbegriff der richtige sei, dass sie also nicht nur inhaltlich die Wahrheit besitze sondern auch endgültig festlegen könne, was mit dem Begriff "Wahrheit" abstrakt gemeint sein muss. Aber sie würde dann völlig verzichten auf "Verstehbarkeit", "Nachvollziehbarkeit" ihrer Botschaft in der modernen Welt, sie würde also ihren Missionierungsauftrag auf reine Formelverkündigung reduzieren und somit verraten.

Aus der Sicht des Wissenschafters ...

Nachstehend soll - ausgehend von Sicht und Erfahrungen des (Profan-) Wissenschafters - angedeutet werden, wo ich Defizite in diesen Wahrheitsverständnissen sehe, beziehungsweise wie Fortschritte bei der Lösung des Grundproblems (der Pluralität im Religiösen) erhofft werden können.

I. Wahrheit wird zur Wahrheit erst im Kontext. Eine alte Erfahrung, die aber dennoch nicht nur in der Erklärung "Dominus Iesus" - etwa bei der Aufforderung, einzelne (Lehr-) Sätze fest für wahr zu halten -, sondern auch schon früher (etwa in der Antimodernismusdebatte) immer wieder ignoriert worden ist.

Daher scheint es nicht müßig, auf den erkenntnistheoretischen Grund dafür hinzuweisen: Erkenntnisse sind nicht in einzelnen Sätzen, sondern in Theorien formulierbar. Und letztere bedürfen immer der Verwendung geeigneter Begriffe (so genannter theoretischer Terme), deren volle Bedeutung nicht aus der zu Grunde liegenden Empirie allein (etwa aus der einzelmenschlichen religiösen Erfahrung), sondern erst aus der Theorie als ganzer erschlossen werden kann. Daher ist auch die in "Dominus Iesus" als Abgrenzungskriterium verwendete Unterscheidung zwischen "theologalem (christlichen) Glauben" ("die Annahme der ... geoffenbarten Wahrheit") und "inneren Überzeugungen in den anderen Religionen" nicht wirklich hilfreich, weil sich das erstere auf eine ganze Theorie bezieht, das letztere aber zweifelsohne nur als die empirischen (erfahrbaren) Wurzeln einer solchen verstanden werden kann.

II. Wahrheitssuche geschieht notwendig ohne Wissen um das Ziel. Sie kann daher nicht wirklich kanalisiert werden durch einen vorgegebenen begrifflichen oder lehrsatzmäßigen Rahmen. Beim Denken, insbesondere bei seiner systematischen Form, der Forschung, steht immer das "Ganze" (die ganze Theorie) zur Disposition. Das bedeutet nicht, dass jedes Denken zum Umsturz führt; denn natürlich wird es durch Verstehenserwartungen und Vorerfahrungen geprägt. Aber die grundsätzliche Offenheit muss bestehen bleiben.

Dem widerspricht nicht die christliche Hoffnung, dass ein (auch noch so radikales) Denken im Religiösen, welches die Instanzen der Offenbarung ernst nimmt (dazu zählt auch das Gewissen), letztlich nicht in die Irre geht, weil der Glaube (und zwar auch in seiner rational vermittelbaren Form) ein Geschenk Gottes selbst ist. Jedenfalls erscheint der in der Erklärung "Dominus Iesus" den Theologen gestellte Auftrag (Erhellung des Phänomens des Pluralismus im Religiösen) in anbetracht des vorgegebenen engen Rahmens kaum einlösbar.

III. Jede Erkenntnis ist nur verstehbar als vorläufige, als vertiefbare und überbietbare. Jede Theorie ist zumindestens prinzipiell falsifizierbar, denn eine Theorie, die grundsätzlich alles zu erklären vermag, ist nicht überzeugend, sondern letztlich aussageleer. Das gilt auch für Glaubenserkenntnis. Das Neue Testament ist voll von Zeugnissen für diesen Prozesscharakter der christlichen Wahrheitserkenntnis (Joh 16,13: "Der Geist ... wird euch in die ganze Wahrheit führen" - nicht: wird euch die Wahrheit zum Besitz geben; 1 Kor 13,12: "Jetzt erkenne ich nur unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen").

Hinzuweisen ist auf einen wichtigen Teilaspekt: Auch die bei der Wahrheitssuche verwendeten Begriffe unterliegen einer Weiterentwicklung. Das Beharren auf einem statischen Begriffsreservoir kann schnell dazu führen, dass die Aussagen einer Theorie immer weniger verstehbar werden. Paulus beschreibt das im ersten Korintherbrief (1 Kor 14) sehr schön, wenn er feststellt, dass das Reden "in Zungen" (meint hier wohl: "in einem nur mir selbst oder einer kleinen Gruppe von ergriffenen Insidern verständlichen Idiom") für die Gemeinde von wesentlich geringerem Wert ist als "fünf Worte mit klarem Verstand" (und moderner klarer Diktion).Von einem Bewusstsein dieser Unfertigkeit jeder Theorie und der damit zusammenhängenden Vorläufigkeit unserer Erkenntnisse ist in der Erklärung "Dominus Iesus" wenig zu spüren.

IV. Auch wenn wir in unserem denkerischen Bemühen immer nach einer letzten und - irgendwie - endgültigen Wahrheit suchen, so kommt dennoch der Vielfalt der Ansätze, der Pluralität von Theorien ein genuiner Wert zu. Im Bereich der profanen Wissenschaften hängt das damit zusammen, dass "Verstehen" noch nicht erreicht ist, wenn eine erklärende Theorie vorliegt, sondern sich erst ergibt aus einer Gesamtschau, die - wenn möglich - aus mehreren kompatiblen oder inkompatiblen Theorien zum selben Phänomenbereich resultieren kann. In Analogie dazu wird man hoffen, dass die Existenz verschiedener Konzepte, Bilder und Theorien im Religiösen nicht nur ein Ärgernis ist, sondern auch einen genuinen positiven Wert besitzt, der durch geduldige Arbeit der Theologen aktualisiert werden kann. Es ist dies die Hoffnung, dass - trotz oder gerade wegen des Glaubens an die endgültige und absolute Wahrheit der Offenbarung - unser Verständnis von dieser Wahrheit nie am Ende ist sondern immer noch wachsen kann.

Der Autor ist Professor für Theoretische Physik an der Universität Bielefeld.

*) vgl. diesbezüglich das Interview mit Hans Küng, FURCHE 1/2001. Zuvor setzte sich unter anderen der Grazer Dogmatiker Bernhard Körner in furche 49/2000, Seite 6, mit "Dominus Iesus" auseinander. Die Diskussion wird fortgesetzt.

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