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Ökumenischer Realitätssinn gefragt

"Vielleicht kehrt nach der Franziskus-Begeisterung, die es auch unter Evangelischen gab, endlich wieder die Nüchternheit ein, welche die Ökumene braucht."

Im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 wurden weltweit hohe ökumenische Erwartungen geweckt. Viele Hoffnungen richteten sich namentlich auf Papst Franziskus. Der aber hat den hoch gespannten Erwartungen kurz vor seiner "ökumenischen Pilgerreise" zum Weltrat der Kirchen nach Genf gleich mehrere gehörige Dämpfer versetzt. Bei einer Audienz mit Vertretern des Lutherischen Weltbundes sprach er sich für ein langsameres Tempo in der Ökumene aus. Am selben Tag wurde der Brief an Kardinal Marx bekannt, mit dem die Zulassung evangelischer Ehepartner in konfessionsverschiedenen Ehen zur katholischen Kommunion vorerst vom Tisch ist.

Nur wenige Tage zuvor hatte der - von Franziskus berufene -Präfekt der Glaubenskongregation die Debatte über Frauenordination ein für alle Mal für beendet erklärt. Ohne Anerkennung der Ordination von Frauen bleiben die Abendmahlsgemeinschaft von Katholiken und Protestanten und damit die vollwertige Anerkennung der evangelischen Kirchen in weiter Ferne.

Auch für die EKD peinlich

Roms Entscheidung in der Kommunionsfrage bedeutet nicht nur für Kardinal Marx einen Gesichtsverlust, sondern ist auch für die EKD-Spitze peinlich, die ganz auf den Münchener Erzbischof gesetzt und sich im Vorfeld mit ihm abgestimmt hatte. Der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, der im Zuge des Reformationsjubiläums auf Biegen und Brechen einen handfesten ökumenischen Erfolg präsentieren wollte, steht nun düpiert mit leeren Händen da.

Auf einen deutschen Sonderweg, der in anderen Teilen der Weltkirche auf Unverständnis oder Ablehnung stößt, wollte sich Rom am Ende doch nicht einlassen. Er könnte übrigens auch Roms Ökumene mit den orthodoxen Kirchen belasten, wie der griechisch-orthodoxe Metropolit von Deutschland, Augoustinos, verlauten ließ. Nun bleibt alles wie gehabt: In der Praxis scheren sich viele Gläubige, Priester und bisweilen auch Bischöfe nicht um die reine katholische Lehre -solange alles schön in der "pastoralen" Grauzone bleibt und nichts schriftlich fixiert wird.

Lehrreich sind die jüngsten Vorgänge für außenstehende Beobachter auch deshalb, weil sie deutlich zeigen, wie begrenzt der Stellenwert der akademischen Theologie in der katholischen Kirche ist. Von einem eigenständigen Magisterium neben dem bischöflichen und päpstlichen Lehramt, wie es manche im Zweiten Vatikanum angelegt sehen, kann wohl kaum die Rede sein. Reformerisch gesonnene Theologinnen und Theologen monieren, Rom habe für die Ablehnung der Frauenordination keine stichhaltigen theologischen Argumente aufzubieten. Als ob es bei kirchlichen Machtfragen jemals um die besseren Sachargumente gegangen wäre!

Der Neutestamentler Thomas Söding, der zu den Autoren der vom Papst zurückgewiesenen Handreichung gehört, meint tapfer, endgültig sei ja noch nichts entschieden. Und Wortführerinnen der Frauenordination wollen die Hoffnung nicht aufgeben, dass vielleicht wenigstens die Weihe von Diakoninnen in absehbarer Zeit möglich werden könnte. Die Klimmzüge, welche reformorientierte Theologen machen, um aus den jüngsten vatikanischen Verlautbarungen irgendetwas Positives herauszulesen, zeigen, wie misslich die Lage selbst derer unter ihnen ist, die am Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit nicht rütteln wollen.

Franziskus nicht so progressiv

Im Jubiläumsjahr 2017 hat es offenkundig mancherorts an Realitätssinn gemangelt. Franziskus ist eben doch nicht so progressiv, wie viele glauben. Nachdem er zunächst selbst dazu beigetragen hat, dass die römische Zentralmacht in Frage gestellt wird, hat er nun die Reißleine gezogen und genauso wie seine Vorgänger eine rote Linie markiert, wo es in lehramtlichen Fragen ans Eingemachte geht. Besser spät als nie, werden die Konservativen im Vatikan sagen, auch wenn der von Franziskus geschasste ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation Gerhard Ludwig Müller moniert, Franziskus habe die Dinge zu lange laufen lassen.

Der Ökumene hat der Papst durch sein Lavieren, das ja auch sonst seine Taktik ist, jedenfalls geschadet. Unter seinem Vorgänger wäre Derartiges wohl nicht passiert. Anhänger des Papstes mögen seine Vorgangsweise als Kabinettsstück jesuitischer Taktik rühmen. Auf die Dauer kann dergleichen aber nicht gutgehen. Was soll man zum Beispiel von einer Enzyklika wie "Amoris laetitia" halten, die das Problem der Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen in einer Fußnote versteckt und alles im Ungefähren lässt?

Wie zwiespältig die ökumenischen Signale des Papstes sind, zeigt ein weiterer, in der Öffentlichkeit kaum bemerkter Vorgang. Mit der Einführung des Festes "Maria, Mutter der Kirche" am Pfingstmontag setzte Franziskus einen neuen Akzent, den man schwerlich als ökumenisch bezeichnen kann. Die Betonung der Rolle Marias bei der Geburtsstunde der Kirche stärkt die katholische Identität und den Geltungsanspruch Roms, fördert aber nicht die Ökumene mit den Kirchen der Reformation.

Vielleicht kehrt jetzt ja nach der anfänglichen Franziskus-Begeisterung, die es auch unter evangelischen Christen gab, endlich wieder die Nüchternheit ein, welche die Ökumene braucht. Auch auf evangelischer Seite ist man an der diffusen Situation nicht schuldlos, weil manchen Repräsentanten, die auch die jüngsten Volten des Papstes schönreden, mehr an guter ökumenischer Stimmung als an theologischer Klarheit gelegen ist. Aus meiner Sicht ist das Reformationsjubiläum zum Gradmesser einer theologischen Orientierungskrise des Protestantismus geworden.

Theologischer Murks

Auf evangelischer wie auf katholischer Seite müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass nicht etwa nur der Reformwille, sondern die objektiven Reformmöglichkeiten der katholischen Kirche Grenzen haben. Sie könnten nur um den Preis überschritten werden, dass letztlich das ganze römisch-katholische Lehrgebäude in sich zusammenbricht. Nur wenn man das endlich begreift, ist eine realistische Ökumene möglich, die gelassen mit den zwischen den Konfessionen bestehenden Grunddifferenzen umgehen kann. Sie betreffen nicht nur das Kirchenverständnis, sondern auch das Offenbarungsverständnis. Daran hat sich auch durch das Zweite Vatikanischen Konzil und die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre im Kern nichts geändert.

Konfessionsverbindende Ehepaare haben schon seit Langem die Möglichkeit, ganz offiziell gemeinsam am evangelischen Abendmahl teilzunehmen. Wer als evangelischer Christ unbedingt zur katholischen Kommunion gehen will, soll es meinetwegen tun. Aber dafür braucht man keine gewundenen Rechtfertigungsgründe wie eine "schwere geistliche Notlage". Das alles ist theologischer Murks, der die Ökumene substanziell nicht voranbringen wird.

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