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Stärkung des Glaubens gepaart mit Ratlosigkeit

Benedikt XVI. in Deutschland: Viele kamen, beteten und feierten. Andere waren enttäuscht. Diskussionen zwischen Konservativen und Reformern werden nun erst recht aufflammen.

D ie Erwartungen waren riesig, doch sie wurden enttäuscht. Nach dem offiziellen Besuch Papst Benedikts XVI. in seiner deutschen Heimat werden die Diskussionen zwischen Konservativen und Reformern erst richtig aufflammen.

Gleich bei seiner Ankunft in Berlin wird der Papst mit den Problemen konfrontiert: "Wie barmherzig geht die Kirche mit Brüchen in den Lebensgeschichten von Menschen um? Wie mit den Brüchen in ihrer eigenen Geschichte und mit dem Fehlverhalten von Amtsträgern?“ fragt der katholische, geschiedene und wiederverheiratete Bundespräsident Christian Wulff Benedikt offen: "Welchen Platz haben Laien neben Priestern, Frauen neben Männern? Was tut die Kirche, um ihre eigene Spaltung in katholisch, evangelisch und orthodox zu überwinden?“

Die schärfsten Auseinandersetzungen hat im Vorfeld der Auftritt des Pontifex im Bundestag ausgelöst. Tatsächlich bleiben rund 80 Abgeordnete der Papstrede fern. Benedikt nutzt die Gelegenheit und gibt den Politikern Maßstäbe für ethisch begründetes Entscheiden mit auf den Weg: Politik müsse Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Frieden schaffen. In den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen gehe, reiche das Mehrheitsprinzip nicht aus. Verblüffung löst der Papst mit seinem Lob für die ökologische Bewegung aus. Am Ende bekommt er Beifall aus allen Fraktionen.

Am Abend, beim großen Gottesdienst im Berliner Olympiastadion, geht der Papst erstmals indirekt auf die Reformdiskussionen in der Deutschen Kirche ein und kritisiert diejenigen, die nur die äußerliche Gestalt der Kirche sähen und sie nur als eine der vielen Organisationen innerhalb der demokratischen Gesellschaft betrachteten.

Ökumenische Erwartungen nicht erfüllt

Tags darauf besucht Benedikt XVI. Erfurt und begibt sich als erster Papst an eine Wirkungsstätte Martin Luthers: Im Augustinerkloster, in dem der Reformator als katholischer Mönch gewirkt hat, kommt es zur Begegnung mit den Spitzen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), zu der es besonders hohe Erwartungen gab: Benedikt selbst hatte vor einigen Monaten höchstpersönlich ins Reiseprogramm eingegriffen und gewünscht, er wolle "einen stärkeren Akzent“ in der Ökumene setzen. Vor Ort belässt er es aber bei der Symbolik der Gesten und einem allgemein gehaltenen Appell an die beiden Kirchen, gemeinsam Zeugnis für den Glauben abzulegen. Dazu zählt er vor allem auch die Verteidigung der Menschenwürde - von der Empfängnis bis zum Tod, in Fragen der Präimplantationsdiagnostik (PID) bis zur Sterbehilfe. Gerade bei der PID aber hatte die evangelische Kirche zuletzt eine andere, liberalere Position vertreten als die katholische Kirche. Diesem verdeckten Rüffel lässt Benedikt die eigentliche kalte Dusche folgen: Er habe kein "ökumenisches Gastgeschenk“ mitgebracht, denn es sei "ein politisches Missverständnis des Glaubens und der Ökumene“, zu glauben, man könne wie Diplomaten eines Staates über Glaubensinhalte verhandeln.

Immerhin hat der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider, der den Papst als "Bruder in Christus“ anredet, die katholische Kirche ausdrücklich eingeladen, sich am Reformationsjubiläum im Jahr 2017 zu beteiligen. Der Papst aber greift diese Einladung nicht auf. Er findet lobende Worte für die brennende Frage Luthers nach einem gnädigen Gott, aber nicht für die Antworten des Reformators.

Von Station zu Station wird die kirchenpolitische Position stärker präsent. Spätestens im katholisch geprägten Freiburg ist klar, dass der Papst die strittigen Themen, die die Menschen in und außerhalb der Kirche bewegen, nicht direkt aufzugreifen gedenkt. Zu einem Schlüsselerlebnis wird in dieser Hinsicht die Zusammenkunft mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Wie bei allen anderen Begegnungen bleibt Benedikt hier freundlich und verbindlich im Ton und bekundet dem obersten deutschen Laiengremium seine Wertschätzung. Doch dann spricht er Klartext und bemängelt, in der katholischen Kirche Deutschlands gebe es einen "Überhang an Strukturen gegenüber dem Geist“. Was Benedikt vom kirchlichen Dialogprozess in Deutschland erwartet? Er versteht darunter "neue Wege der Evangelisierung“ durch kleine geistliche Gemeinschaften, in denen Freundschaften gelebt und in der regelmäßigen Anbetung vor Gott vertieft werden sollen.

Kopfwäsche für "kirchliche Routiniers“

Am letzten Tag seines Besuchs wird der Papst noch deutlicher. Auf dem Freiburger Flugplatzgelände, wo er die größte Messe seiner Visite feiert und mit großem Jubel empfangen wird, nimmt er erneut Bischöfe wie Laien ins Gebet: Agnostiker, die von der Frage nach Gott umgetrieben werden, sind seiner Ansicht näher am Reich Gottes als kirchliche Routiniers, die in ihr nur noch den Apparat sehen. Und er gibt den 100.000 Gläubigen unmissverständliche Worte mit auf den Weg: "Die Kirche in Deutschland wird für die weltweite katholische Gemeinschaft weiterhin ein Segen sein, wenn sie treu mit den Nachfolgern des Heiligen Petrus und der Apostel verbunden bleibt.“ Nahtlos schließt sich daran am Nachmittag eine Grundsatzrede im Freiburger Konzerthaus an (vgl. gegenüberliegende Seite).

Zweifelsohne hat Benedikt alle ohnehin überzeugten Katholiken in ihrem Glauben bestärkt, zugleich aber auch viele kritische Geister enttäuscht und ratlos zurückgelassen. Ein Jahr nach dem Missbrauchsskandal, der einen nie da gewesenen Vertrauensverlust und eine große Kirchenaustrittswelle ausgelöst hat, ist Benedikt auf dieses unangenehme, aber höchst wichtige Thema nirgendwo umfassend und konkret eingegangen. Immerhin hat er sich in Erfurt mit fünf Missbrauchsopfern getroffen und zeigte sich tief erschüttert über das, was ihnen angetan worden sei. Aber auch alle brennenden Fragen, die Gläubige und weniger Gläubige derzeit so stark bewegen - Priestermangel, Zölibat, Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und konfessionsverschiedenen Ehen, die Rolle der Frau in der Kirche - hat der Landsmann aus Rom völlig ignoriert.

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