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Die Hoffnung lernt gehen

Hunderttausende nahmen vom 28. Mai bis 1. Juni in Berlin am ersten Ökumenischen Kirchentag Deutschlands teil: Eine Fanfare von Christen, die gemeinsam, nicht mehr in Konfessionen getrennt gehen wollen.

Allein die Zahlen imponierten: Rund 100.000 Menschen waren erwartet worden. Mehr als 200.000 waren schließlich aus aller Welt gekommen - zum ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin. Für den Begegnungsabend nach dem Eröffnungsgottesdienst vor dem Brandenburger Tor hatte man 200.000 Besucher erwartet. Schließlich strömten mehr als 400.000 überwiegend junge Menschen durch die Straßen und über die Plätze. Über all dem schwebten an vielen Stellen orange- und rosafarbene Plastikringe, die Zeichen für das Logo des Kirchentages sein sollten: Der Heiligenschein als Sinnbild des Mottos "Ihr sollt ein Segen sein".

Auch im Programm dominierten auf den ersten Blick die Zahlen: Das Programm-Buch umfasste mehr als 3.500 Eintragungen auf über 700 Seiten. Bereits beim Durchblättern wurde ein wesentliches Ziel der Veranstaltung offenkundig - nämlich klar zu machen, dass es für die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft keine rein katholischen, evangelischen oder orthodoxen Antworten gibt. Nur im geschwisterlichen Zusammenwirken der Christenheit liege die Chance, das Evangelium wieder neu ins Leben hereinzuholen und eine gerechtere und friedlichere Welt zu schaffen.

Imponierende Zahlen

Bisher gab es in Deutschland nur evangelische Kirchentage (29 seit 1948) und Katholikentage (94 seit 1848). Erst jetzt, durch das Fortschreiten der europäischen ökumenischen Bewegung, wurde eine Begegnung aller christlichen Kirchen möglich. Dass dies einem tiefen Bedürfnis der Gläubigen entspricht, davon zeugten nicht nur die imponierenden Zahlen, sondern auch die Stimmung, die in und zwischen allen Veranstaltungen zu spüren war. Quantitativ gesehen war sicherlich der Auftritt des Dalai Lama in der 20.000 Menschen fassenden "Waldbühne" - nahe dem alten Olympiastadion des Jahres 1936 - ein Höhepunkt; inhaltlich war es Freitag Vormittag eine Debatte auf dem Messegelände, wo der schwierige Weg von der Kirchenspaltung bis heute aufgearbeitet wurde. Am selben Tag fand in der voll besetzten Halle ein mehr als dreistündiges brillant besetztes Podiumsgespräch unter dem Titel "Zur Ökumene verpflichtet - der Beitrag der Kirchen für das Zusammenwachsen in Europa" statt, das in die feierliche Unterzeichnung der "Charta Oecumenica" durch führende Vertreter von 16 christlichen Kirchen Deutschlands mündete.

Traum von geeinter Kirche

"Die Charta ist ein Text, ist ein Prozesse, ist ein Traum", meint Günter Krusche, ehemaliger Generalsuperintendent von Berlin. Und dieser Traum von einer Einheit in der Vielfalt ist schon eine gute Weile auf dem Weg. Ich selbst bin ihm am Beginn der achtziger Jahre auf einer sonnigen Terrasse über dem Starnbergersee begegnet, als mir Carl Friedrich von Weizsäcker von seiner Pendeltour zwischen Moskau, Washington, London und Paris erzählte, wo er die Mächtigen und die Ohnmächtigen für die von Dietrich Bonhöffer stammende Idee für ein ökumenisches Friedenskonzil zu gewinnen suchte. Während der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver im Jahre 1983 kamen durch Intervention der Vertreter des Südens die Begriffe Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung hinzu, die dann 1989 im Laufe der ökumenischen Begegnung in Basel proklamiert wurden.

"In Basel passierte eine Wende in den Köpfen, es war, als ob die Hoffnung gehen gelernt hätte", meint die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen rückblickend. Ein erster Entwurf zu einer Charta wurde bei der Nachfolgeveranstaltung in Graz formuliert und nach wiederholten Umarbeitungen am 22. April 2001 in Straßburg von Metropolit Jeremie, dem Präsidenten der Konferenz Europäischer Kirchen, und Kardinal Miloslav Vlk, dem damaligen Präsidenten des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen, unterzeichnet. Unter dem Text stand die Bemerkung der beiden Unterzeichneten: "Wir empfehlen diese Charta Oecumenica' als Basistext allen Kirchen und Bischofskonferenzen von Europa zur Annahme und Umsetzung in ihrem jeweiligen Kontext."

Nachdruck durch 16 Kirchen

Diese Charta ist kein kirchenamtliches, verbindliches Dokument, aber doch eine von gemeinsamer Hoffnung getragene Empfehlung, der nun durch 16 deutsche christliche Kirchen Nachdruck verliehen wurde. Hier ist auch der Platz zu fragen: Wann wird Österreich, wann werden die christlichen Kirchen unseres Landes diesem Beispiel folgen und die "Charta Oecumenica" unterzeichnen?

Kardinal Karl Lehmann, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, nahm auf das strahlende Wetter an diesem Tag Bezug, wenn er sagte: "Dieser seidig blaue Himmel über Berlin möge ein Zeichen sein, dass Gott auf unserer Seite ist." Frenetischer Applaus brach los. "Er hat es verdient", murmelte mein Nachbar: "Nach dem neuen Papier aus Rom brauchte das schon eine gehörige Portion Mut."

In einem feierlichen Gottesdienst kamen dann auch die Stolpersteine auf dem Weg zur Einheit zur Sprache. Die heikle Frage der kirchlichen Ämter wurde ebenso angesprochen wie die Bedeutung des Gebetes füreinander und miteinander. Der Pfingstmontag wurde als Tag der Einheit der Kirchen und als Tag der auch nachts geöffneten Kirchentüren ausgerufen.

An zwei Abenden wurden die "Stolpersteine" auf dem ökumenischen Weg sehr konkret. Die Leitung der für ihren Widerstandsgeist auch in DDR-Zeiten berühmte Gethsemane-Kirche am Prenzlauerberg hatte für Donnerstag zu einem katholischen und für Samstag zu einem evangelischen Gottesdienst und einem in beiden Fällen gemeinsamen Mahl eingeladen. Gläubige beider Konfessionen sind gekommen, um ihrer Sehnsucht nach Gemeinsamkeit trotz römischen Verbotes Ausdruck zu verleihen. Mehr als 2.500 Menschen waren an jedem der beiden Abende in und um die Kirche versammelt, sangen, beteten und teilten miteinander Brot und Wein.

Schwelle des Möglichen

Am ersten Abend feierte der aus Graz stammende katholische Priester und in Saarbrücken lebende emeritierte Theologieprofessor Gotthold Hasenhüttl die Eucharistie. Die Meinungen darüber, ob er sich noch innerhalb oder bereits außerhalb des Kirchenrechts bewegte, waren geteilt. Nach Ansicht von Kardinal Lehmann befand er sich "an der unteren Schwelle" des Möglichen. Über etwaige Konsequenzen habe jedenfalls nicht die Bischofskonferenz, sondern der Berliner Ortsbischof Kardinal Georg Sterzinsky und der Trierer Bischof Reinhard Marx zu befinden. "Nun, das schau ich mir einmal an", lautete Hasenhüttls Kommentar. "Angst, nein Angst habe ich keine. Mir war das einfach wichtig und es gibt da noch so viel zu tun." Auch wenn sich der Priester am Rand des katholischen Kirchenrechts bewegte, so machte er doch Tausende glücklich. So auch zwei ältere, verwandte Frauen, die das Schicksal in verschiedene Konfessionen geführt hatte und die sich nach der Kommunion in die Arme fielen.

Dieser erste Ökumenische Kirchentag könnte mit Dorothee Sölles Buchtitel "Mystik und Widerstand" überschrieben werden: Ja, es war ein Fest der Frömmigkeit, des Glaubens und der Freude. Aber es war auch eine höchst politische Veranstaltung, in deren Verlauf die Teilnehmer auf ihre Kirchen- und Weltverantwortung verwiesen wurden. Die christlichen Kirchen, die sich in der alt-neuen deutschen Hauptstadt versammelt haben, zeigten Glaubensfreude, ein waches Problembewusstsein und Lösungskompetenz. Sie zeigten, dass sie aus dem Wurzelboden des Evangeliums heraus lebendig sind.

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