"Ökumene ist Ursubstanz unseres Glaubens"

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Am 1. Adventsonntag begehen die Kirchen Österreichs den "Christentag": Die designierte Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, die katholische Ordensfrau Christine Gleixner, über diese Veranstaltung und ihre Perspektiven für die Ökumene.

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Am 1. Adventsonntag begehen die Kirchen Österreichs den "Christentag": Die designierte Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, die katholische Ordensfrau Christine Gleixner, über diese Veranstaltung und ihre Perspektiven für die Ökumene.

dieFurche: Ab Jänner 2000 werden Sie die Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen Österreichs sein. Erfüllt Sie das mit Stolz?

Oberin Christine Gleixner: Nein. Ich sehe das als Dienst, den ich jetzt zwei Jahre leisten möchte, um einen weiteren Schritt in der Ökumene zu setzen.

dieFurche: Welche Schwerpunkte planen Sie in diesen beiden Jahren?

Gleixner: Die Schwerpunkte folgen konsequent aus den Schritten aus den Schwerpunkten am Christentag; sie konkretisieren sich auf dem Weg ins nächste Jahrhundert: Der erste ist das Ökumenische Sozialwort der Kirchen, das in den nächsten beiden Jahren erarbeitet werden soll. Der zweite ist - und da will ich mich mit all meinen Möglichkeiten einsetzen -, daß Versöhnung auch das Verhältnis zwischen den Juden und Christen bestimmt und alle Kirchen erkennen, daß der Heilsweg des Ersten ("Alten") Testaments weiterhin gültig ist: Es geht darum, mit allen Formen des jahrhundertealten Judenhasses zu brechen. Hier ist noch viel Knochenarbeit nötig.

Einen dritten Schwerpunkt bildet die Frage einer vernünftigen Integration der Ausländer in unserem Land, wobei für mich sehr wichtig ist, daß deren Kultur und Eigenheit bewahrt und gleichzeitig eine Ebene gefunden wird, auf der ein Zusammenleben nach den Maßstäben westlicher Kultur und Normen möglich wird.

Ein weiterer Schwerpunkt ist, daß im Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich, dem die katholische Kirche nun vier Jahre als Vollmitglied angehört, mehr Kommunikation geschieht. Es ist wichtig, daß auch die Verbindung von Wien zu den einzelnen Diözesen, die sich jetzt mit dem Christentag so gut angebahnt hat - erstmals sind alle katholischen Diözesen in eine derartige Aktivität eingestiegen! - weiter verbessert. Und als letztes will ich darangehen, daß wir uns in Österreich auf die Charta Oecumenica einlassen, weil hier schon seit Jahren die Vielfalt der christlichen Traditionen im Gespräch ist.

dieFurche: Die Charta Oecumenica ist ...

Gleixner: ... der Versuch, im Sinn der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung von Graz 1997, eine Orientierungshilfe für das Zusammenleben der Kirchen in Europa zu erstellen. Hier sind nicht nur die Bezüge der Kirchen untereinander, sondern auch die gesellschaftlichen Bezüge zur Sprache gebracht. Es liegt ein Entwurf vor; jede einzelne Kirche in Österreich wird auf diesen antworten. Der Ökumenische Rat wird dann in seiner Arbeitsgruppe "Kirche und Gesellschaft" besonders die Relation prüfen, welche die Kirchen dieses Landes in die Gesellschaft hinein haben. Der Ökumenische Rat der Kirchen ist eine Arbeitsgemeinschaft. Ich werde sehr darüber wachen, daß er das weiterhin ist - und nicht mehr.

dieFurche: Man konzediert Österreich ein vorbildliches ökumenisches Klima. Auf europäischer Ebene ist das anders: Hier gibt es den - katholischen - Rat der Europäischen Bischofskonferenzen und die - nichtkatholische - Konferenz Europäischer Kirchen. In Österreich gehört auch die katholische Kirche dem Ökumenischen Rat der Kirchen an. Warum ist das hierzulande besser?

Gleixner: Österreich hat hier den möglichen Rahmen ausgeschöpft. Schon 1974 wollten nichtkatholische Mitglieder des Ökumenischen Rates der Kirchen, daß die katholische Kirche Mitglied wird. Damals war aber deutlich, daß die Zeit dafür nicht reif war. Dennoch hat die katholische Kirche im Laufe der Jahre mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen immer enger zusammengearbeitet: 1986 wurde eine Arbeitsgruppe Österreichische Bischofskonferenz-Ökumenischer Rat gebildet, um die damalige KSZE in Wien (die heutige OSZE) zu begleiten. Analog dazu wurde eine gemeinsame Arbeitsgruppe zur Vorbereitung der Ersten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Basel 1989 ins Leben gerufen.

Diese Erfahrungen der Zusammenarbeit waren so vertrauensbildend, daß immer deutlicher wurde: die Stunde ist reif. Dazu kam die Anregung im römischen "Ökumenischen Direktorium" 1993, nach der die katholische Kirche auf diözesaner oder nationaler Ebene vorhandenen oder neu zu bildenden Räten beitreten sollte.

Das war für uns grünes Licht, und in Gesprächen hat man viel Verständnis entgegengebracht. Das bedeutete konkret: Der Ökumenische Rat der Kirchen blieb bestehen, und die katholische Kirche suchte um Aufnahme an. Gleichzeitig hat der Ökumenische Rat eingesehen, daß diese katholische Kirche mehr Mitglieder bekommen muß. Man hat einen Schlüssel gesucht, um der Größe der katholischen Kirche zu entsprechen, aber auch den berechtigten Ängsten entgegenzuwirken, die katholische Kirche könnte den Rat dominieren. Am 1. Dezember 1995 ist es dann zum Vollbeitritt gekommen.

dieFurche: Am kommenden Sonntag begehen die österreichischen Kirchen den Christentag. Wie beurteilen Sie diese Veranstaltung?

Gleixner: Da geht es um mehreres: Erstens ist er etwas Neues. So etwas hat es noch nie gegeben. Es handelt sich nicht um einen Kirchentag - aber er wurde von allen Kirchen angenommen. Es war ein sehr schönes Zeichen, daß die altorientalischen und die orthodoxen Kirchen im Vorfeld des Christentages zu Nachmittagen eingeladen haben: Die Gemeinden mußten ihre letzten Stühle in die kleinen Kirchen stellen, so voll waren diese. Wie sie auf die Fragen der Gäste eingegangen sind, wie sie sich präsentiert haben, hat gezeigt: Diese Kirchen wollen sich engagieren.

Zweitens ist positiv, daß von der katholischen Kirche alle Diözesen daran teilnehmen. Wir haben gesagt: nichts Neues, aber das Vorhandene öffnen: Zum Beispiel war in einem Wiener Dekanat, wo die katholischen Pfarren noch niemals etwas gemeinsam gemacht haben, der Christentag Anlaß, um mit den anderen Kirchen auf dem Territorium des Dekanates ins Gespräch zu kommen; das hat dazu geführt, daß auch die katholischen Pfarren zueinander fanden. Diese Begegnungsebene ist etwas Positives. Es ist jetzt an uns, das weiter zu inspirieren.

dieFurche: Die öffentliche Wahrnehmung des Christentages ist aber die einer dezentralen, kleinen Veranstaltung. In Deutschland hingegen planen die Kirchen im Jahr 2003 einen großen Ökumenischen Kirchentag.

Gleixner: Wir haben immer stark den Basisbezug betont. Ich will nichts gegen den deutschen Ökumenischen Kirchentag sagen. Aber: Der Kirchentag in Deutschland wird von den beiden Instanzen, die für den Evangelischen Kirchentag und den Katholikentag bestehen, gemeinsam vorbereitet. Die anderen Kirchen sind bisher nicht einbezogen. Es ist da schon die Frage, wieweit man die Veranstaltung in Deutschland dann wirklich voll "ökumenisch" nennen kann. Das hat natürlich viel mit der anderen Situation in Deutschland zu tun. Ich maße mir da keine Kritik an.

Wir in Österreich suchten aber den Basisbezug. Wir wollten nicht innerkirchliche Fragen - auch nicht die Frage des gemeinsamen Abendmahls - zentral stellen, sondern: Wir als Christen haben dem Land eine Botschaft auszurichten - eine Botschaft der Hoffnung, der Zuversicht. Im Laufe des Jahres wurde der Christentag immer "dezentraler": Das haben wir als positiv erfahren. So bleibt jeder katholische Bischof in seiner Diözese und setzt am Christentag dort den ökumenischen Impuls: Zum Beispiel wird der Kärntner Bischof Kapellari in dortigen ökumenischen Gottesdienst ganz bewußt die ökumenische Dimension der Orthodoxie aufnehmen, die bisher in Kärnten kaum wahrgenommen wurde. Oder: In Wien haben wird aufgrund des Impulses der Evangelischen einen Segensteil im gemeinsamen Gottesdienst: Das Brot können wir noch nicht zusammen brechen, aber wir können einander den Segen spenden und können daher einander als Gesegnete erkennen. Wir müssen dahin kommen, daß Ökumene Ursubstanz unseres Glaubens ist und eine zentrale Mitte hat, wenn wir ernstnehmen, daß unser Herr mit allen verbunden ist, die sich Christen nennen.

dieFurche: Aber es gehört doch zur Bodennähe, konkrete Probleme anzugehen: So wünschen gemischt-konfessionelle Ehepaare sehnlichst die gemeinsame Abendmahlfeier. Klammern Sie dieses massive Anliegen der Basis aus?

Gleixner: Nein. Die Arbeitsgemeinschaft konfessionsverschiedener Ehepaare hat auch im Rahmen des Christentages Schritte gesetzt. Es ist notwendig, daß hier die einzelnen aktiv werden. Es schmerzt mich, hier noch immer Trennung zu erleben. Ich persönlich will alles tun, um die Hoffnung auf das gemeinsame Abendmahl wachzuhalten.

dieFurche: Sie können als katholische Frau in der Ökumene eine Spitzenposition erlangen. In der katholischen Kirche hingegen ist Ihnen dies verwehrt.

Gleixner: Es geht mir persönlich überhaupt nicht um "Spitzenpositionen". Ich habe mich immer dafür eingesetzt, daß die Frau in der katholischen Kirche in ihrer vollen Bedeutung wahrgenommen wird, und daß ihre Gaben zum Tragen kommen. Ich bin im Laufe meines Lebens oft in Situationen gekommen, wo ich etwas als erste tun mußte. Das ist auch hier wieder der Fall.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

ZUR PERSON Katholische Frau an Österreichs Ökumenespitze Christine Gleixner wurde in Wien geboren. Nach einem Biologiestudium trat sie in Nordholland in die Ordensgemeinschaft "Frauen von Bethanien" ein. Diese in der ignatianischen Spiritualität verwurzelte Gemeinschaft ist besonders der Ökumene verpflichtet. Gleixner studierte Theologie unter anderem in Nijmegen, Utrecht und Paris. In den späten fünfziger Jahren war sie in Ökumene und Glaubensverkündigung in den Niederlanden tätig. 1962 Rückkehr nach Wien. Hier leitet sie die Niederlassung ihres Ordens, die "Offene Tür". Christine Gleixner ist sowohl in Wien als auch auf österreichischer Ebene als Ökumene-Expertin tätig. Seit 1970 war sie Beobachterin im Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ). Nach dem Beitritt der katholischen Kirche 1995 wurde sie dessen stellvertrende Vorsitzende. Für die Periode 2000/01 wurde Gleixner - als erste Katholikin und als erste Frau - zur Vorsitzenden des ÖRKÖ gewählt.

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