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Minderheiten als Chance

Nur mehr 60.000 Deutsche leben heute in Rumänien. 250.000 waren es noch 1990. Was dieser Exodus für die Evangelische Kirche Siebenbürgens bedeutet und vor welchen Aufgaben die deutsche Minderheit in Rumänien steht, erläutert der evangelische Bischof Christoph Klein.

Die Furche: Herr Bischof Klein, wie ist heute die Situation der deutschen Minderheit in Rumänien, speziell die der Sachsen in Siebenbürgen?

Christoph Klein: Das Hauptproblem ist die große Schrumpfung nach der Wende durch die Öffnung der Grenzen. Dazu kam es, weil durch die Diktatur in 50 Jahren sehr viele Leute dem Land entkommen wollten und auch, weil inzwischen viele Familien getrennt waren. Da sollte eine Familienzusammenführung stattfinden. So haben wir heute - laut Volkszählung im Vorjahr - 60.000 Deutsche in Rumänien; zwischen den Weltkriegen waren es 850.000, nach 1945 an die 450.000, vor der Wende 250.000.

Die Furche: Wird es da nach der großen Vergangenheit zukünftig überhaupt eine deutsche Minderheit in Rumänien geben?

Klein: Die große Vergangenheit bleibt auf alle Fälle auch durch das Kulturerbe erhalten. Und sie bleibt, wie wir hoffen, auch als sehr kleiner Kern auch in Zukunft gefragt - durch seine Eigenart und die spezifischen Gaben, die er einbringt.

Die Furche: Was kann die Minderheit in die rumänische Gesellschaft von heute einbringen?

Klein: Dadurch, dass es eine deutsche Minderheit ist, die ihre Kultur und Ausbildung vor Hunderten von Jahren vom Westen Europas mitgebracht hat, sind diese Gaben noch immer präsent. Wir glauben, dass die Vermittlung durch Sprache und Kultur, aber auch durch ein offenes Wesen in Rumänien gefragt ist. Und dann gehören auch die kirchlichen Gaben dazu: die ökumenischen Beiträge, die gerade eine Minderheit, die zwischen den Ethnien und Religionen steht, einbringen kann. Es ist nämlich meiner Beobachtung nach so, dass gerade die Minderheitskirchen die Ökumene suchen, weil sie sie brauchen, während die Mehrheitskirchen - das ist die orthodoxe bei uns - vielleicht weniger darauf achten müssen.

Die Furche: Gibt es von Seiten der orthodoxen Kirche noch Bestrebungen, quasi Staatskirche zu sein?

Klein: Ja, das wollen die Orthodoxen. Sie sagen zwar nicht Staatskirche - also im Sinne der schwedischen Staatskirche oder der englischen. Sie sagen Volkskirche, also Kirche für das Volk, Kirche des Volkes, und sie wollen das auch in der neuen Verfassung, vor allem im Kultusgesetz, verankern. Das wird aber von den anderen Kirchen, auch der griechisch- und römischkatholischen sowie den vielen Freikirchen, nicht akzeptiert.

Die Furche: Ist die Ökumene seit 1989 leichter geworden?

Klein: Es konnten zwar alte Probleme begraben werden, aber es sind neue Gräben aufgebrochen. Es gibt die Furcht vor den anderen, die sich jetzt ebenso entwickeln können - ich beziehe mich vor allem auf die griechisch-katholische Kirche, die von 1948 bis 1989 verboten war. Man könnte jetzt in ihnen auch Rivalen sehen, die eventuell abwerben, die aber auch Forderungen nach Rückgabe von Gebäuden und Kirchen stellen. Da gibt es interessanterweise Gräben eher unter den Rumänen als mit den Minderheiten, weil das die schwierigste Herausforderung für die Orthodoxen ist.

Die Furche: Wie ist es bei den Siebenbürger Sachsen mit den Gebäuden? Da wurden im Zuge der Abwanderungen evangelische Pfarrhöfe und Kirchen leer. Was geschieht mit diesen?

Klein: Wir versuchen, die Kirchen anderen zu überlassen, wenn wir glauben, dass jemand sie übernehmen kann - gerade den Griechisch-Katholischen, die 1948 ihre Kirchen verloren haben. Wir bemühen uns auch, sie weiter zu erhalten, selbst wo wenige Gläubige geblieben sind, wenn es sich um wertvolle Baudenkmäler handelt.

Die Furche: Welche Rolle spielt heute die politische Vergangenheit? Es gibt wahrscheinlich Priester und Gläubige, die vom Ceausescu-Regime kompromittiert sind. Kann man darüber offen sprechen?

Klein: Es sind auch sehr viele Pfarrer ausgewandert. Zur Zeit der Wende waren es noch 120, heute sind es 40. Von diesen sind fast die Hälfte erst nach der Wende Pfarrer geworden. Die Zahl derer, die in der Vergangenheit gelebt haben, ist sehr klein. Trotzdem haben wir gleich nach 1990 eine Umfrage gemacht. Da hat sich herausgestellt, dass einige - viel weniger, als man vermutet hatte - Informanten waren. Sie sind längst nicht mehr in unserer Kirche. Wie es in anderen Kirchen steht, weiß ich nicht genau. Auch in der orthodoxen Kirche kam es vereinzelt dazu, dass jemand eine solche Vergangenheit eingestanden hat. Da gibt es beeindruckende Bekenntnisse: Der Patriarch der orthodoxen Kirche trat schon 1990 zurück, um ein Zeichen zu setzen, ist aber dann zurückgerufen worden, weil man ohne ihn nicht gut hätte weitermachen können. Diese Arbeit ist aber vielleicht in den großen Kirchen noch durchzuführen, bei uns, wie gesagt, sind die Leute gar nicht mehr da.

Die Furche: Ist die Gesamtsituation in Rumänien erfreulich? Ist man glücklich darüber, dass man sich auf dem Weg in die EU befindet?

Klein: Ja, man ist sehr froh, dass man auf dem Weg in die EU ist. Quer durch die Parteien und unter dem Volk herrscht Einigkeit darüber, dass die Aufnahme in die EU wichtig und notwendig ist. Wenn man mit Wirtschaftsleuten aus dem Ausland spricht, sehen sie die Entwicklung positiv. Am Lebensstandard der einfachen Menschen erkennt man das jedoch nicht. Allerdings gibt es eine Schicht, die schon sehr gut lebt und sich alles leisten kann. Sie ist aber sehr klein. Eine breite Schicht führt ein sehr schweres Leben, besonders die Rentner und die Arbeitslosen. Durch Umstrukturierungen ist ihre Zahl sehr groß. Früher hat es das nicht gegeben.

Die Furche: Für die deutsche Minderheit ist es sicher ein Vorteil, wenn bestehende Grenzen und Barrieren zum deutschen oder österreichischen - soll man sagen "Mutterland" - wegfallen...

Klein: Ja, und das wird auch begrüßt - im Unterschied zu früher, wo man sich verdächtig gemacht hat, wenn man als Deutscher mit Deutschen oder als Ungar mit Ungarn zu tun hatte. Heute sieht man eine Chance darin, dass man solche Minderheiten im Lande hat. Das motiviert auch viele. Wir haben deutsche Schulen mit 90 Prozent rumänischen Kindern. So konnten wir unsere Schulen überhaupt erhalten. Dadurch kommen Kinder zu einer Bildung und zu einer Wesensart, die Europa näher ist: Sie können perfekt Deutsch und sind für die Kultur und die Begegnung offen, ohne die eigene Identität aufzugeben. Sie können eher Brücken zwischen den Ländern schlagen als andere.

Die Furche: In einem Europa der Zukunft bringt das sicher große Vorteile.

Klein: Wir glauben, dass dies besonders in der Kultur und in der Kunst einen befruchtende Möglichkeit ist, sich gegenseitig zu beschenken und nicht die Gegensätze zu sehen. In der Ökumene sprechen wir von der Verschiedenheit, die versöhnt ist, und von den Differenzen, die nicht zu Trennungen führen müssen. Das ist auch eine gute Formel für die Politik und das Leben der Völker.

Das Gespräch führte Cornelius Hell.

Vorkämpfer für die Ökumene

Bischof DDr. Christoph Klein kam am 20. November 1937 in Hermanstadt in Siebenbürgen (Rumänien) zur Welt. Seit dem 24. Juni 1990, also seit der Wende in Rumänien, ist er Bischof der Evangelischen Kirche A.B. des Landes. Seit 1994 bekleidet er eine Reihe von ökumenischen Funktionen: als Vizepräsident des Ökumenischen Vereins der Kirchen in Rumänien, als Mitglied des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf, wo er auch dem Rat des Lutherischen Kirchenbundes angehört. Seit dem Jahr 2000 ist er Mitglied der Sonderkommission des Ökumenischen Rates der Kirchen für die Teilnahme der Orthodoxen an diesem Rat. 1990 wurde Bischof Klein das Ehrendoktorat der Universität Wien verliehen.

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