Chalupka - © APA /  Roland Schlager
Religion

„Pfarrer für alle Evangelischen“

1945 1960 1980 2000 2020

Michael Chalupka, lutherischer Bischof von Österreich, wird am Sonntag in sein Amt eingeführt. Im FURCHE-Antrittsinterview äußert er sich zur aktuellen Politik und dazu, wie er sein Amt anlegen wird.

1945 1960 1980 2000 2020

Michael Chalupka, lutherischer Bischof von Österreich, wird am Sonntag in sein Amt eingeführt. Im FURCHE-Antrittsinterview äußert er sich zur aktuellen Politik und dazu, wie er sein Amt anlegen wird.

Bereits als Direktor der „Diakonie“ (1994–2018) war Michael Chalupka, 59, einer der prominentesten Evangelischen im Land. Seit 1. September ist er Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich. Am 13. Oktober feiert er seine Amtseinführung.

Die Furche: Ihr Amtsantritt ist von der Tagespolitik mitgeprägt: Sie kämpfen weiter gegen die Abschaffung des Karfreitags als ­Feiertag für die Evangelischen.
Michael Chalupka: Die Debatte war wichtig, weil sie bewusst gemacht hat, dass der Karfreitag kein „evangelischer“ Feiertag ist, sondern einer der höchsten Feiertage des gesamten Christentums. Das hat, glaube ich, in der Bevölkerung etwas ausgelöst, auch bei den politischen Parteien. Wir haben diese im Wahlkampf befragt, und alle
Parteien – mit Ausnahme der Österreichischen Volkspartei – haben gesagt, sie möchten den Karfrei­-
tag als zusätzlichen Feiertag. Wir werden sie beim Wort nehmen.

Die Furche: Aber der Wahlgewinner ÖVP ist nicht Ihr Verbündeter.
Chalupka: Auch der Wahlgewinner hat gesagt, dass er den Dialog sucht. Die derzeitige Lösung ist ja für alle unbefriedigend. Deswegen haben wir ja auch beim Verfassungsgerichtshof eine Klage eingebracht. Das heißt, es braucht auf jeden Fall einen Dialog. Und da sind wir guter Hoffnung.

Die Furche: Einer der prominentesten evangelischen Politiker ist Norbert Hofer, der Parteichef der FPÖ. Als die Karfreitagsregelung beschlossen wurde, ist er in der Regierung gesessen und hat diese Regelung nicht verhindert.
Chalupka: Die Freiheitliche Partei hat im Wahlkampf klar gesagt, dass sie den Karfreitag will. Und wir nehmen sie so, wie es gesagt worden ist, nämlich: ernst.

Die Furche: Aber auch, wenn der prominenteste Evangelische im Land der FPÖ vorsteht …
Chalupka: ... der prominenteste evangelische Politiker ist wohl Alexander Van der Bellen! …

Die Furche: … jedenfalls fällt auf, dass die Positionen der evangelischen Kirche etwa in der Flüchtlingsfrage oder beim Klimaschutz ganz anders sind als jene der FPÖ.
Chalupka: Wir vertreten als Kirche, wie es etwa schon Kardinal König gesagt hat, die Position einer Äquidistanz zu den politischen Parteien. Das heißt, dass die politischen Parteien wie auch jeder Einzelne die Nähe zum Evangelium definiert. Es ist daher nicht an uns, den Richter zu spielen, sondern die Kirche verkündet ihre Botschaft, und die Einzelnen haben es mit ihrem Gewissen auszumachen, wieweit sie dazu stehen können.

Die Furche: Aber wie definieren Sie das innerkirchlich? Sie haben eben die Bandbreite von rechts bis links.
Chalupka: Die evangelische Kirche hat das große Privileg, dass sie ihre Position in einem presbyterial-synodalen Prozess erarbeitet, das heißt, der synodale Weg, der anderswo diskutiert werden muss, ist bei uns in der DNA. Kirchliche Positionen werden also nicht von Einzelnen entschieden, auch nicht vom Bischof, sondern von den Synoden, die demokratisch aufgebaut sind – im Gespräch mit dem, was uns trägt: die Bibel und unsere Bekenntnisschriften.

Bereits als Direktor der „Diakonie“ (1994–2018) war Michael Chalupka, 59, einer der prominentesten Evangelischen im Land. Seit 1. September ist er Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich. Am 13. Oktober feiert er seine Amtseinführung.

Die Furche: Ihr Amtsantritt ist von der Tagespolitik mitgeprägt: Sie kämpfen weiter gegen die Abschaffung des Karfreitags als ­Feiertag für die Evangelischen.
Michael Chalupka: Die Debatte war wichtig, weil sie bewusst gemacht hat, dass der Karfreitag kein „evangelischer“ Feiertag ist, sondern einer der höchsten Feiertage des gesamten Christentums. Das hat, glaube ich, in der Bevölkerung etwas ausgelöst, auch bei den politischen Parteien. Wir haben diese im Wahlkampf befragt, und alle
Parteien – mit Ausnahme der Österreichischen Volkspartei – haben gesagt, sie möchten den Karfrei­-
tag als zusätzlichen Feiertag. Wir werden sie beim Wort nehmen.

Die Furche: Aber der Wahlgewinner ÖVP ist nicht Ihr Verbündeter.
Chalupka: Auch der Wahlgewinner hat gesagt, dass er den Dialog sucht. Die derzeitige Lösung ist ja für alle unbefriedigend. Deswegen haben wir ja auch beim Verfassungsgerichtshof eine Klage eingebracht. Das heißt, es braucht auf jeden Fall einen Dialog. Und da sind wir guter Hoffnung.

Die Furche: Einer der prominentesten evangelischen Politiker ist Norbert Hofer, der Parteichef der FPÖ. Als die Karfreitagsregelung beschlossen wurde, ist er in der Regierung gesessen und hat diese Regelung nicht verhindert.
Chalupka: Die Freiheitliche Partei hat im Wahlkampf klar gesagt, dass sie den Karfreitag will. Und wir nehmen sie so, wie es gesagt worden ist, nämlich: ernst.

Die Furche: Aber auch, wenn der prominenteste Evangelische im Land der FPÖ vorsteht …
Chalupka: ... der prominenteste evangelische Politiker ist wohl Alexander Van der Bellen! …

Die Furche: … jedenfalls fällt auf, dass die Positionen der evangelischen Kirche etwa in der Flüchtlingsfrage oder beim Klimaschutz ganz anders sind als jene der FPÖ.
Chalupka: Wir vertreten als Kirche, wie es etwa schon Kardinal König gesagt hat, die Position einer Äquidistanz zu den politischen Parteien. Das heißt, dass die politischen Parteien wie auch jeder Einzelne die Nähe zum Evangelium definiert. Es ist daher nicht an uns, den Richter zu spielen, sondern die Kirche verkündet ihre Botschaft, und die Einzelnen haben es mit ihrem Gewissen auszumachen, wieweit sie dazu stehen können.

Die Furche: Aber wie definieren Sie das innerkirchlich? Sie haben eben die Bandbreite von rechts bis links.
Chalupka: Die evangelische Kirche hat das große Privileg, dass sie ihre Position in einem presbyterial-synodalen Prozess erarbeitet, das heißt, der synodale Weg, der anderswo diskutiert werden muss, ist bei uns in der DNA. Kirchliche Positionen werden also nicht von Einzelnen entschieden, auch nicht vom Bischof, sondern von den Synoden, die demokratisch aufgebaut sind – im Gespräch mit dem, was uns trägt: die Bibel und unsere Bekenntnisschriften.

Michael Chalupka - © APA /  Roland Schlager

Bischof Michael Chalupka

Geb. 1960 in Graz, Studium der evang. Theo­logie in Wien u. Zürich. 1989 Pfarrer in Mistel­bach, dann evang. Schulinspektor in der Steiermark. 1994–2018 Direktor der Diakonie Österreich. Seit 1. September Bischof.

Geb. 1960 in Graz, Studium der evang. Theo­logie in Wien u. Zürich. 1989 Pfarrer in Mistel­bach, dann evang. Schulinspektor in der Steiermark. 1994–2018 Direktor der Diakonie Österreich. Seit 1. September Bischof.

Die Furche: Als Bischof müssen Sie aber – Beispiel Flüchtlinge – auch persönlich Stellung beziehen.
Chalupka: Aber gerade die Flüchtlingsfrage zeigt, wie klar die evangelische Kirche und die anderen Kirchen über die letzten 30 Jahre geblieben sind. In der Frage „Wie werden Menschen behandelt, die fremd, auf der Flucht oder unbehaust sind“, waren sich die Kirchen immer einig. Die evangelische Kirche hat fast keine Synode vergehen lassen, wo sie nicht eine Stellungnahme zum Schutz der Flüchtlinge abgegeben hat. Die Kirchen sind so klar, weil die Bibel da so klar ist: Den Fremdling zu schützen, ist eine zentrale Botschaft.

Die Furche: Es ist aber offenbar nicht möglich, diese Position der Christen, der größten Religion im Land, mehrheitsfähig zu halten.
Chalupka: Wir sollten nicht mehr davon träumen, dass die Kirchen politisch bestimmend sind. Diese Zeiten gab es, sie waren nicht gut. Davon sollten wir uns verabschieden. Für uns ist wichtig, dass wir dem Evangelium treu bleiben. Die Kirchen sollten sich nicht von der Politik vereinnahmen lassen, sie sollten aber auch der Versuchung widerstehen, Politik zu machen. Jedoch sollten sie immer dort ihr Stimme erheben, wo die Menschenwürde bedroht ist.

Die Furche: Sie wollen aber schon, dass in Österreich eine andere Politik gegenüber Flüchtlingen oder Muslimen etc. gemacht wird?
Chalupka: Das eine ist die Praxis. Das heißt, möglichst viele Begegnungs- und Kontaktmöglichkeiten zu finden, die vielen Ehrenamtli-chen, die 2015 und danach in der In-
tegrationsarbeit tätig sind, auch sichtbar zu machen. Und das andere ist, auch die Argumente zu stärken.

Die Furche: Vor einigen Tagen wurde eine Studie über die negative Stimmung gegenüber Muslimen in Österreich diskutiert. Laut dieser Studie will die Hälfte der Österreicher, dass die Religionsausübung von Muslimen beschnitten wird, und fast ebenso viele wollen, dass die Muslime weniger Rechte als die anderen in Österreich haben.
Chalupka: Ich finde das besorgniserregend, vor allem wo es um die Religionsfreiheit geht. Die Religionsfreiheit ist eines der grundlegenden Menschenrechte. Wir müssen bewusst machen, dass man diese Rechte nicht individuell interpretieren kann – für mich gelten sie, für dich nicht. Und Religionsfreiheit heißt nicht nur, die Religion
im stillen Kämmerlein auszuüben, sondern sie auch sichtbar in der Gesellschaft ausüben zu können.

Die Furche: Sie sind Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche. Wie legen Sie Ihr Amt an?
Chalupka: Das Amt des Bischofs in der evangelischen Kirche ist ein Pfarramt. Das heißt, der Bischof ist der Pfarrer für alle Evangelischen in Österreich. Das bischöfliche Amt ist ein synodales, das heißt, der Bischof vertritt das, was die Syn­ode ausmacht.

Unsere Pfarrgemeinden sind wirklich Orte, wo Menschen miteinander feiern, soziale Arbeit machen, ihr Leben teilen.

Die Furche: Viele Menschen entfernen sich von den Institutionen. Auch die evangelische Kirche verliert viele Mitglieder. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?
Chalupka: Wichtig ist, den Blick auf die lebendigen Gemeinschaften zu legen. Das heißt, nicht auf die Zahlen alleine zu starren, sondern zu sehen, was vor Ort in den Pfarrgemeinden geschieht. Da sehe ich durchaus eine umgekehrte Entwicklung. Ich bin als Direktor der Diakonie viel herumgekommen und war auch eingeladen von Ortsgruppen aller Parteien. Ich habe dort nie solche Lebendigkeit erlebt wie in unseren Pfarrgemeinden: Wir haben wirklich Orte, wo Menschen miteinander feiern, soziale Arbeit machen, ihr Leben teilen. Das ist das, was wir sonst immer inszenieren müssen. Zeitungen inszenieren das zurzeit oft, indem sie sagen: Menschen mit ganz unterschiedlichen Auffassungen sollen miteinander ins Gespräch kommen. Bei unseren Pfarrgemeinden brauchen wir das nicht inszenieren. Sondern die singen miteinander, die feiern miteinander, die sitzen dann danach beim Kirchenkaffee und streiten auch über politische Themen: Diese Orte müssen wir stärken.

Die Furche: In der evangelischen Kirche findet man auch Gemeinden, die dem evangelikalen oder freikirchlichen Bereich nahe sind, der ja zunehmend präsenter wird – ich erinnere an das „Awakening Europe“-Event in der Wiener Stadthalle vor dem Sommer.
Chalupka: Alle Kirchen haben eine große Breite in sich. Ich finde es wichtig, dass wir diese nicht vergessen und sehr genau darauf schauen, dass alle mit dabei sind. Da müssen wir gerade in der evangelischen Kirche wachsam sein, weil wir ein demokratisches System sind. In der Demokratie wählen immer Mehrheiten. Aber die, die dann gewählt sind, müssen sich sehr bewusst sein, dass sie nicht nur für die da sind, die sie gewählt haben, sondern dass sie alle repräsentieren und wertschätzen müssen. Natürlich stellt sich auch die Frage, wo es Grenzen gibt. Wenn Sie dieses „Awakening Europe“ ansprechen: Die evangeli­sche Kirche war da nicht eingeladen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Die Furche: Diese Spannung der Breite hat sich zuletzt bei der Frage der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare gezeigt. Seit einem guten halben Jahr gibt es eine Entscheidung der Synode dazu – gleichgeschlechtliche Verbindungen werden da als „eheanalog“ bezeichnet, in Pfarrgemeinden, die einer Segnung gleichgeschlechtlicher Verbindungen zustimmen, können diese stattfinden.
Chalupka: Es war ein Kompromiss – und ich werde nicht müde zu sagen, dass es die Würde des Kompromisses gibt. In einer demokratisch verfassten Kirche ist der Kompromiss etwas Wesentliches, weil alle sich bewegt haben. Aber er hat für beide Seiten Gewissenskonflikte ausgelöst. In der evangelischen Kirche ist das Gewissen, das sich an der Bibel ausrichtet, ein sehr hoher Wert. Es ist daher wichtig, anzuerkennen, dass es in der Kirche Menschen gibt, die ihr Gewissen beschwert sehen, aber sich trotzdem durchgerungen haben zu diesem Kompromiss. Und mit dem werden wir leben können.

Die Furche: Sie sind zwar schon seit 1. September im Amt, ihre Amtseinführung findet nun am 13. Oktober in Wien statt. Gibt es schon ein erstes Ziel, das Sie sich gesetzt haben?
Chalupka: Mein erstes Ziel ist, die Gemeinden zu stärken. Ich habe zu meinem Amtsantritt zwei exemplarische Gemeinden besucht, die eine hat sich besonders für Menschen auf der Flucht und für Menschen mit Behinderung engagiert. Und die zweite Gemeinde war eine, die schon viele Schritte für die Bewahrung der Schöpfung und Klimagerechtigkeit gesetzt hat. Auch der Einführungsgottesdienst am 13. Oktober steht unter dem Motto „Bewahrung der Schöpfung“. Da ist es mir wichtig zu zeigen, dass die Kirchen dazu schon sehr lange mit dem Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung beitragen. Die Kirchen sind auch eine internationale Gemeinschaft: Wir sind so mit unseren Schwestern und Brüdern auf Kiribati oder wo auch immer verbunden. Das heißt, es geht uns etwas an, wenn auf den Kiribati-Inseln die Menschen bedroht sind, weil das Land dort verschwindet. Das ist nicht weit weg, sondern das sind unsere Schwestern und Brüder.