"Ich stehe hinter den Ungeduldigen"

1945 1960 1980 2000 2020

Sie war die zweite Frau in der Evangelischen Kirche Österreichs, die zur Superintendentin, also zur Diözesanleiterin, gewählt worden ist. Worin sie ihre besondere Aufgabe sieht, wie sie zur Ökumene steht und was ihre Zukunftspläne sind, sind Themen dieses Gesprächs.

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Sie war die zweite Frau in der Evangelischen Kirche Österreichs, die zur Superintendentin, also zur Diözesanleiterin, gewählt worden ist. Worin sie ihre besondere Aufgabe sieht, wie sie zur Ökumene steht und was ihre Zukunftspläne sind, sind Themen dieses Gesprächs.

dieFurche: Vor vier Jahren wurden Sie zur Superintendentin der evangelischen Diözesen Salzburg und Tirol gewählt. Wie hat das Ihr Leben verändert?

Luise Müller: Mein Leben ist noch unruhiger geworden, als es vorher schon war. Doch es ist eine Art zu leben, die mir sehr zusagt. Ich mag die Unruhe, den Ortswechsel. Zufrieden hinsetzen und warten was geschieht, oder die Dinge kommen lassen, das liegt mir nicht. Ich denke auch, es steht einem Christen gut an, immer wieder hinauszugehen zu den Menschen, sich am Ort des Geschehens zu überzeugen, was los ist.

dieFurche: Sie sind zwar in diesem Fall nicht am Ort des Geschehens - trotzdem, was sagen Sie zum Kosovo?

Müller: Ich habe in meiner Osterpredigt ein Wort zitiert: "Krieg bedeutet, Gott nicht mehr die Ehre zu geben." Unsere Aufgabe ist es jetzt, Gott wieder die Ehre zu geben, indem wir nicht immer bei der eigenen Befindlichkeit hängenbleiben, sondern unseren christlichen Auftrag wahrnehmen. Wir sollen für diese Menschen jener Engel sein, der die Auferstehung verkündet. Es geht jetzt nicht darum, daß wir uns durch die Osterbotschaft trösten lassen, sondern wir sind herausgefordert, Trost zu spenden, zu helfen. Zum "evangelischen Profil" gehört: Mut haben und die Freiheit die das Evangelium bietet, einfach nützen. Wir sollen fragen, wozu uns das Evangelium freisetzt - es ist immer etwas anderes. Wir dürfen uns nicht scheuen, Dinge öffentlich zu machen. Klar zu sagen, das geht mit unserem Verständnis von christlichem Glauben nicht zusammen.

dieFurche: Was die Gleichstellung der Frauen betrifft, wird die evangelische Kirche oft als beispielhaft genannt. Sind Sie mit dem bisher Erreichten zufrieden?

Müller: Wir haben in der Diözese einen hohen Anteil an Pfarrerinnen. Das ist nicht überall so! Aber momentan haben wir drei, die Babys erwarten, die müssen ersetzt werden. An diesem Punkt, wo so das Urweibliche zum Tragen kommt, nämlich das Kinderkriegen, stoßen wir noch an Grenzen. Das ist eine besondere Herausforderung, nachzudenken, inwieweit Kirchengesetze geändert gehören, um solche Karenzvertretungen leichter zu ermöglichen.

dieFurche: Spüren Sie einen besonderen Erwartungsdruck, dadurch daß Sie eine Frau Superintendentin sind?

Müller: Gerade von einer Frau in meiner Stellung wird erwartet, daß sie Rechte von Frauen noch besser durchsetzt. Ich bemühe mich auch, das zu tun. Auch höre ich immer wieder Leute sagen, Kirche wird unkomplizierter dadurch, daß eine Frau in meiner Funktion ist. Ich kann nicht beurteilen, ob das eine spezielle Fraueneigenschaft ist oder eine der Luise Müller. Aber ich wehre mich dagegen, zu schnell aufzugeben. Wenn ich etwas möchte oder für jemanden erreichen will, tue ich das ziemlich konsequent und mit Nachdruck.

dieFurche: Zum Beispiel die Grenzen zwischen den Kirchen. Sind Sie auch der Meinung, daß die Ökumenische Bewegung ins Stocken geraten ist?

Müller: Gerade in Salzburg zeigen wir mit einem gut funktionierenden Ökumenischen Arbeitskreis, daß in der Ökumene viel möglich ist. Aber schon in Tirol gehen die Sachen nicht so einfach - nicht aus bösem Willen der Katholischen Kirche, sondern weil man einfach gewohnt ist, alleine da zu sein. Es gibt zwar einen Ökumenischen Arbeitskreis der Diözese - zu dem evangelische Pfarrer eingeladen sind - aber das ist nicht dasselbe, als wenn gleichberechtigte Partner an einem Tisch sitzen. Doch in Tirol ist der gute Wille da, in diesem Punkt weiter zu arbeiten, und mit Bischof Kothgasser habe ich einen sehr aufgeschlossenen ökumenischen Partner.

dieFurche: Wie ist diese Partnerschaft mit Erzbischof Eder in Salzburg? Ich frage, da es zwischen Ihnen beiden immer wieder Unstimmigkeiten gibt. Er kam nicht zu Ihrer Amtseinführung, sie kritisierten seine Äußerungen zum Kirchenvolks-Begehren und blieben der 1200-Jahr-Feier der Erzdiözese fern.

Müller: Das ist schwer zu beantworten. Ich habe zum Teil sehr gute Erfahrungen mit Erzbischof Eder gemacht. Ich glaube nicht, daß man sagen kann, wir beide passen nicht zusammen. Ich kann mir vorstellen, daß es gerade für ihn eine besondere Herausforderung ist, eine Frau als evangelisches Gegenüber zu haben. Das darf man nicht unterschätzen. Es ist für manche Bischöfe und Pfarrer in der katholischen Kirche einfach ein Problem, daß ich eine Frau bin. Die hätten nicht so viele Probleme, wenn ein Mann in der Funktion wäre. Frauen in diesen Position sind für manche führende Katholiken eine Anfechtung.

dieFurche: Das klingt ganz so, als ob Sie durch ihr Frausein eine Erschwernis für die Ökumene sind?

Müller: Ja durchaus, glaube ich schon. Das ist aber nicht mein Problem! Ich habe diese Stellung, meine Kirche hat sie mir gegeben, die Menschen in meiner Diözese haben mich gewählt - also ist es nicht mein Problem, und ich werde kein Problem daraus machen. Ich bemühe mich, auf meine katholischen und anders konfessionellen Gesprächspartner zuzugehen, die Vorurteile - das Frauen eben diese Funktion nicht machen sollen - langsam und beständig und hartnäckig abzubauen. Und es geht! Die evangelische Kirche beweist: es ist möglich, Frauen in allen Ämtern zu haben. Ich bin ein winziger Teil dieses Beweises.

dieFurche: Orten Sie in Ihrem Bereich so etwas wie eine "Geheim-Ökumene", die die Basis bereits betreibt?

Müller: Natürlich gibt's die, und Gott sei Dank gibt's die, die vorpreschen und auch ungehorsam sind gegenüber dem Kirchenrecht. Und ich stehe hinter diesen Leuten und hinter ihrer Ungeduld in diesen Fragen. Natürlich sage ich auf der einen Seite, was schon alles geht, und betone das, wie weit wir schon sind. Auf der anderen Seite muß ich diese Ungeduld fördern, die da ist, und muß sie ein biß'l mitschüren, damit etwas weitergeht. Darum suche ich die Begegnung mit diesen Gruppen.

dieFurche: Erleben Sie auch, daß sich die verschiedenen Konfessionen gegenseitig ausspielen?

Müller: Ja, vor allem von einzelnen Leuten, die mit ihrer jeweiligen Konfessionskirche nicht mehr zufrieden sind. Eben Katholiken, die sagen, ich kann mit diesem extrem konservativen Kurs nicht mehr mit. Ich erlebe es auch bei Evangelischen, die sagen: Ihr mit eurer Liberalität, die ihr sogar homosexuelle Partnerschaften anerkannt haben wollt - das ist doch nicht mehr evangelisch. Die Aufgabe ist, unsere progressive oder konservative Einstellung klarzumachen. Daß wir das, was wir tun, aus der Überzeugung des Evangeliums tun. Wenn wir das nicht können, dann sind wir auf dem falschen Weg. Wenn ich meine Progressivität lebe, ohne den Rückhalt des Evangeliums, dann stimmt etwas nicht. Wenn ich es aber mit dem Rückhalt des Evangeliums tue, dann möchte ich eigentlich, daß es anerkannt wird. Meine Zielvorstellung wäre, uns nicht mehr gegenseitig auszuspielen, sondern daß wir für unsere jeweilige Progressivität oder Konservativität ein Lebensrecht haben.

dieFurche: Das große ökumenische Ereignis dieses Jahres ist der "Christentag" am 27./28. November. Was erhoffen Sie sich von dieser Veranstaltung?

Müller: Mir ist der Christentag sehr wichtig und zwar aus dem einfachen Grund, weil im säkularen Umfeld der Jahrtausendwechsel mit so viel Pomp und Hysterie versehen ist. Da ist es notwendig, daß wir als kirchliche Institutionen dem etwas entgegensetzen. Insofern gefällt mir auch, daß der Christentag an den Anfang des Kirchenjahres, zum ersten Advent hin, gerückt ist. Was besseres kann uns nicht passieren, als daß wir immer wieder neue ökumenische Anlässe finden, um miteinander in die Öffentlichkeit zu gehen. Wir haben ja den Auftrag, etwas zu sagen: Der einzige Jahrtausendwechsel, der eine Rolle gespielt hat, war der Beginn der neuen Zeit, mit Christus. Leute verfallt doch nicht in eine Hysterie, nur weil das Jahr 2000 beginnt. Erinnert euch, daß wir in einer großen Geschichte stehen, die mit Jesus von Nazareth begonnen hat und die enden wird - wann auch immer - mit Jesus.

dieFurche: Was planen Sie für Ihre persönliche Zukunft in dieser großen Geschichte?

Müller: Ich hab was ganz Tolles geplant, da bin ich richtig stolz drauf: einen Zukunftspreis für meine Gemeinden. Wir haben in der evangelischen Kirche eine ziemliche Geldkrise; wir haben viel zu wenig Geld, um alles bezahlen zu können, was wir uns gerne leisten würden. Da wäre natürlich eine Reaktion: Dann müssen wir eben Gemeinden zusammenlegen! Ich möchte für meine Diözese einen anderen Weg gehen und habe meine Gemeinden aufgefordert, Konzepte zu entwickeln, wie die evangelische Arbeit forciert werden kann. Dazu wird ein Preis ausgeschrieben, der die Eigeninitiative, das Vorwärtsdenken der evangelischen Pfarrgemeinden honorieren soll. Meine weitere Zukunft: Ich bin noch zehn Jahre Superintendentin, ich könnte mir vorstellen, daß ich dann noch einmal was ganz anderes mache, daß ich noch einmal in die Seelsorge, in ein Krankenhaus oder in ein Altersheim gehe.

Das Gespräch führte Wofgang Machreich.

Zur Person: Seelsorgerin für 30.000 Christen Luise Müller wurde 1952 in Weissenstadt in Oberfranken geboren und lebt seit ihrem Theologiestudium in Österreich. Sie ist mit dem evangelischen Pfarrer Karlheinz Müller verheiratet und hat drei Kinder. 1995 wurde sie zur Superintendentin der evangelischen Diözese Salzburg und Tirol gewählt. Sie war die zweite Frau in einem bischöflichen Amt der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich. Vor ihrer Wahl war sie in der Gemeindearbeit tätig, als Religionslehrerin an 30 Schulen. In Müllers Diözese leben rund 30.000 Evangelische. Die seelsorgerische Arbeit in den 13 Gemeinden ist durch eine starke Diasporasituation gekennzeichnet.

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