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Diakonat der Frau als erster Schritt

1945 1960 1980 2000 2020

Frauen in der Kirche und die bevorstehende „Wallfahrt der Vielfalt” nach Mariazell aus Sicht der Chefin der Katholischen Aktion Österreichs.

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Frauen in der Kirche und die bevorstehende „Wallfahrt der Vielfalt” nach Mariazell aus Sicht der Chefin der Katholischen Aktion Österreichs.

DIEFURCHE: Fühlen sich Frauen in der katholischen Kirche ernst genommen? Eva petrik: Das ist schwer pauschal zu beantworten. Wenn ich sehe, daß Frauen von zentralen Ämtern, die an Weihen gebunden sind, ausgeschlossen und daher auch von zentralen Diensten ausgeschlossen sind, dann meine ich, daß bei aller Betonung, daß Frauen gleichwertig seien, diese Gleichwertigkeit aus der theologischen Sicht der Geschöpflichkeit vor Gott einfach so nicht verwirklicht ist. Ich finde keine theologische Begründung für Weiheunfähigkeit der Frau, die ich akzeptieren könnte. Ich muß sagen, daß ich andere Begründungen, daß jetzt und derzeit Weihe sehr schwierig wäre, schon akzeptiere, weil das eine Spaltung oder zumindest in manchen Bereichen große pastorale Schwierigkeiten bringen würde, aber ich meine, daß diese Frage eine zentrale ist, die im Gespräch bleiben muß. Es geht auch nicht anders, man kann solche Gespräche ohnehin nicht stoppen durch Beglement von oben.

Ich kann mir als einen Schritt gut vorstellen, daß man den ständigen Diakonat diskutiert und neu bewertet, und der müßte dann natürlich für Frauen und Männer in gleicher Weise offen sein. Ich glaube, daß wir sowieso eine grundlegende Amtsdebatte führen müßten: Was bedeutet Priesteramt, Preisterweihe auch für die Frau? Was ich nicht möchte, ist, daß diese Debatte geführt wird aus der • Sicht des Mangels, weil wir zu wenig Priester haben, und ich meine, wir Frauen sollten nicht die Klerikalisie-rung noch verstärken, indem wir in ein Amt drängen, daß wir so gar nicht wollen. Auf der anderen Seite sehe ich natürlich eine tradierte Benachteiligung von Frauen überall dort, wo Frauen weniger vertreten sind, als es dem Prozentsatz ihrer Zugehörigkeit zu unserer Kirche entspricht.

DIEFURCHE: Es gibt viele Frauen, die darutiter nicht leiden ... petrik: Die Stimmung der Frauen ist sehr vielfältig. Es gibt durchaus die zufriedenen Frauen, die man nicht künstlich unzufrieden machen sollte, und es gibt das Gros der unzufriedenen Frauen, die aber auch verschiedene Wege gehen. Es gibt Frauen, die einfach resignieren und sagen: Das ist eine Männergesellschaft, sie wird nicht zu ändern sein. Es gibt solche Frauen, die ihren Unmut in der Kirche äußern und hoffen, in dieser Kirche etwas verändern zu können, zu denen gehöre ich auch. Wenn ich überhaupt etwas verändern kann an dieser Kirche, dann nur in dieser Kirche. Von außen kann ich nur raunzen. Ich merke selber seit 40 Jahren, wie zäh und langsam es geht, ich merke allerdings auch: In den 40 Jahren hat sich etwas verändert. Männer in dieser Kirche haben sich zum Teil gewaltig geändert. Es gibt Bischöfe, von denen ich mich als Frau durchaus ernstgenommen fühle.

DIEFURCHE: Zur Europäischen Frauensynode in Gmunden kommen Christinnen aus allen Konfessionen zusammen. Sind das aus Ihrer Sicht eher Leute, die in ihrer Kirche etwas verändern wollen, oder besteht die Gefahr, daß die etwas Eigenes machen wollen? petrik: Ich kann nicht absehen, wie es in Gmunden sein wird, auf der letzten Frauensynode auf Österreichebene wollte die ganz große Mehrheit der Frauen, zum Teil sehr radikal, Veränderungen innerhalb ihrer Kirche. Was die Europäische Frauensynode betrifft, kann ich mir vorstellen, daß das vorher von den Frauen gar nicht so festgelegt wird und festzulegen ist. Es sind viele Bestrebungen, die sich erst dann außerhalb der Kirche stellen, wenn sie das Gefühl haben, innerhalb keine Chance mehr zu haben. Meine große Hoffnung wäre, daß Frauen doch das Wissen gegeben würde, daß ihre Erneuerungsbestrebungen innerhalb der Kirche Platz haben. Ich weiß, daß das gerade bei Bestrebungen von Feministinnen gar nicht so leicht ist, was bestimmte Sektoren anbelangt, etwa den Sektor Liturgie. Es gibt von Frauen gestaltete Liturgie, die sich sehr typisch von klassischen Liturgieformen abhebt, aber durchaus im Rahmen des katholisch oder evangelisch liturgisch Möglichen bewegt. Und es gibt religiöse Ausdrucksformen von Frauen, die ich nur mehr sehr schwer einordnen könnte in den liturgisch-möglichen Rahmen christlicher Kirchen.

DIEFURCHE: Manche Kleriker wagen Prognosen, wann es zu Diakonat. und Priesterweihe für Frauen kommen wird Riskieren Sie eine Prognose? petrik: Nein, ich würde mir wünschen, daß der Dialog weitergeht in eine Richtung, wo man sieht, daß etwas vorwärtsgeht. Das wäre für mich auch der Weg der kleineren Schritte. Mein Wunsch ist, daß zumindest meine Enkeltöchter Diakonin werden können, ßei der Priesterweihe traue ich mich nicht Prognosen abzugeben.

DIEFURCHE: Besteht Grund zur Befürchtung, daß innerhalb der Kirche eine deutliche Spaltung eintritt' petrik: Ich glaube, daß diese Befürchtungen überhaupt nicht von der Hand zu weisen sind, daß man sie nicht bagatellisieren sollte. Die Möglichkeiten sind gegeben, die Möglichkeiten werden auch stärker. Ich habe

KA-Chefin Eva Petrik:

„Es gibt liturgische Ausdrucksformen von Frauen, die nur sehr schwer in den möglichen Rahmen christlicher Kirchen passen.” immer noch genug Optimismus, daß es dazu nicht kommt, aber die Gefahr nehme ich sehr ernst. Ich sehe auch die Gefahr, daß es nicht zu der einen Spaltung kommt, aber zu vielen Spaltungen. Die Gefahr einer Spaltung in der Dritten Welt hat wahrscheinlich in manchem andere Ursachen als die Gefahr einer Spaltung in den europäischen Ländern oder in Nordamerika. Es ist doch nicht wie seinerzeit, als Luthers Beformbewegung zu einer Spaltung geführt hat, die er nie wollte. Ich glaube nicht, daß es heute noch so gehen könnte, daß eine reformierte Kirche sich von der nicht reformwilligen abspaltet. Die Gefahr, daß das, was sich jetzt spalten würde, zugleich oder bald danach fast zerbröseln würde, ist meiner Meinung nach die noch größere Gefahr, dann hört jede Katholizität im Sinn von „katholisch ist allumfassend” überhaupt auf.

DIEFURCHE: Was erwarten Sie sieh in dieser Situation von der „ Wallfahrt der Vielfalt” nach Mariazell? petrik: Ich erwarte mir nichts, sondern ich würde mir erhoffen, daß es wirklich gelingt, Vielfalt so anzunehmen, daß der Versuch des Miteinander von jedem einzelnen gestaltet wird. Vielfalt bringt dann nichts, wenn die Bandbreite für die Vielfalt nur für die einen sehr groß und für die anderen sehr schmal ist. Vielfalt bringt dann nichts, wenn das nur heißt, Konkurrenz und einer gegen den anderen. Vielfalt bringt auch nichts, wenn es zu einem Nebeneinander kommt, das letztere ist etwas, was ich am meisten befürchte, denn dann wird das Ganze zu einer Alibihandlung.

Wenn alles das, was uns im letzten Jahr passiert ist, dazu führt, daß wir Vielfalt ernst nehmen, weil wir einander ernst nehmen und lernen, auch kultiviert miteinander zu streiten, dann hat es etwas gebracht. Es hat auch nur dann etwas gebracht, wenn dieses Mariazell ein Schritt bleibt, nicht der erste Schritt, es hat ja schon einige Schritte und Bausteine gegeben sowohl von den Initiatoren des Kirchenvolksbegehrens her als auch von jenen, die darauf eingegangen sind. Wenn Mariazell ein Schlußpunkt ist, wo man alles hängen läßt und sagt, jetzt haben wir unsere Schuldigkeit getan, das wäre schlechter, als wenn nichts gewesen wäre.

DIEFliRCHE: Gibt es nicht auch die berechtigte Sorge, daß die katholische Kirche zu sehr auf Vielfalt setzt und an Einheit und Identität verliert? petrik: Ja und nein. Ich verstehe die Sorge mancher: Wo sind denn die Ränder? Natürlich wird man sich überall dort, wo Vielfalt herrscht, fragen müssen, was gehört jetzt noch dazu und was nicht mehr. Man wird das nur im Einzelfall entscheiden können. Das Unkraut in einer Blumenwiese ist schwerer zu definieren als in einem englischen Rasen. Aber in der Rlumenwiese herrscht Leben. Ich bin eine leidenschaftliche Verfechterin von Vielfalt, die man aber sicher nicht mit Reliebigkeit verwechseln darf.

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