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Wie Frauen heute die Kirche erfahren

Wie erleben Frauen heute die Kirche? Wie erleben sie sich selbst in ihr? Persönlich Erlebtes, schmerzvoll Erfahrenes färbt diese engagierten Ausführungen, die als Anstoß zur Diskussion, zum Nachdenken gedacht sind.

Zunächst möchte ich auf die Gefahr aufmerksam machen, über Frauen zu sprechen als ob sie eine übersichtliche Gruppe einander Ahneinder seien.

Es besteht eine große Ungleich-zeitigkeit in den Entwicklungsprozessen, in denen Frauen gerade stehen. Dies gilt nicht nur für die verschiedenen Generationen, sondern ebenso für das Tempo, die Art und die Intensität der Be-wußtwerdungsprozesse, die in Frauen ablaufen.

Ich möchte also darauf hinweisen, daß wir über mindestens drei Kategorien von Frauen sprechen können, die quer durch alle genannten Unterschiede in Rasse, Klasse usw. zu finden sind:

# die Frauen, die zufriedene und angepaßte Kirchenmitglieder sind, die weder Schwierigkeiten haben mit der Kirche an sich, noch mit ihrer Position darin;

# die unzufriedenen Frauen, die rebellisch geworden sind, und die

entweder mit Schmerz im Herzen —oder gleichgültig geworden—die Kirche verlassen haben;

# die aufständischen Frauen, die sich der einengenden und unterdrückenden Rolle bewußt geworden sind, die die Kirche Frauen gegenüber einnimmt, die aber trotzdem in der Kirche bleiben.

Ich muß wohl kaum erwähnen, daß ständig Verschiebungen zwischen diesen drei Kategorien stattfinden, daß Frauen von der einen Phase in eine andere gelangen können. Aber es geht mir nun um die zweite und dritte Kategorie von Frauen, über deren Erfahrungen ich etwas sagen möchte: über die Aufständischen also, die entweder doch in der Kirche bleiben oder die schon aus ihr ausgewandert sind.

„An die offizielle Institution glaube ich nicht mehr", so lassen sich eine Reihe Erfahrungen zusammenfassen. Die Kirche als Institution knüpft besonders bei Frauen kaum bei deren Gefühlsund Erfahrungswelt an. Die männliche römische Institution denkt nicht an konkrete Menschen und ihre Welt, wo auch immer diese Welt sein mag. Als Frau zählt man in dieser Institution nicht In bezug auf die örtliche Kirchengemeinschaft, die Gemeinde, sind die Erfahrungen differenzierter. Wo Kirche mehr als Gemeinschaft erlebt wird, wo das Evangelium verbunden wird mit der tatsächlichen Situation der Gesellschaft, da fühlen Frauen sich mehr zuhause.

Frauen fühlen sich von der Kirche diskriminiert, unterdrückt, verkannt, nicht ernst genommen, vor allem weil sie unter dem negativen Bild leiden, das die Kirche von der Frau hat. In ihrer Erfahrung sieht Kirche die Frau als eine Gefahr, als Verführerin, natürlich auch als Mutter, als dem Mann untergeben.

Was die Priesterweihe für die Frauen betrifft: die Kirche sollte Frauen das kirchliche Amt zugänglich machen. Aber darüber hinaus müßte die Amtsstruktur selbst verändert werden: weniger formal-hierarchisch, näher bei Menschen und deutlicher auf deren Heil hin orientiert. Die Frauen selbst würden an diesen Veränderungen gerne mitarbeiten. Eine weitere Folge der Tatsache, daß Frauen das kirchliche Amt verschlossen ist, besteht in ihrer nahezu völligen Abwesenheit auf den Ebenen der kirchlichen Verwaltung. Dadurch fließen die Erfahrungen von Frauen nicht direkt in die Verwaltung der Kirche ein und zusätzlich lernen die entsprechenden Männer nicht, mit Frauen zusammenzuarbeiten.

Außerdem erfahren diese Frauen die Aussagen des Papstes als verletzend und erniedrigend und weisen sie dann auch oft ab, obwohl sie das manchmal große Uberwindung kostet. Es findet kein Dialog zwischen dem Papst und den Frauen statt Vor allem bei Fragen der Familienplanung, Sexualität und Mutterschaft und wenn es um den Ort und die Aufgabe der Frau geht, möchten Frauen selbst ihre Verantwortung tragen und ihrem eigenen Gewissen folgen.

Global kann man behaupten, daß die Frauen, die aus der Kirche ausziehen, nicht mehr darauf hoffen, daß die Kirche sich noch verändert. Sie wenden sich von der männlichen, patriarchalischen, hierarchischen Machtinstitution ab, zu der die Kirche geworden ist. Nach anfänglichem Einsatz und nachdem sie eine Zeitlang gehofft haben, daß sich der Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils durchsetzen würde, ist für sie das Maß nun voll.

Dafür, warum Frauen doch bleiben, finde ich vor allem drei Motive. Das erste ist: Glaube an Veränderung und Hoffnung auf eine Veränderung, von der sie ab und zu schon Symptome spüren; wachsende Solidarität mit den Armen, ein vertrauterer Sprachgebrauch und die Haltung einiger Bischöfe und Priester, aber auch daß sie erkennen, daß andere Frauen die gleichen Mankos und dieselbe Besorgtheit erfahren.

Ein zweites Motiv sehe ich darin, daß Frauen das Bedürfnis nach einer Kirche als Liebesgemeinschaft um Christus haben. Frauen können starke religiöse Erfahrungen haben und sehr empfindsam sein in bezug auf Tradition. Dies alles wollen sie sich nicht dadurch nehmen lassen, daß sie aus der Kirche austreten. Darum entwickeln sie einen starken Willen, um an den notwendigen Veränderungsprozessen teilzunehmen, sie in Gang zu bringen, beziehungsweise sie zu fördern.

Abgesehen davon, daß Frauen es nicht missen wollen, daß sie selbst Kirche sind, lebt in ihnen auch—und das ist das dritte Motiv - eine grundlegende Sorge um die Gebrochenheit und Halbheit der Kirche, weil diese ja überwiegend durch Männer bestimmt wird. Deshalb ist es gerade der Einsatz für das Heil der Kirche selbst, der die an den Rand gedrängten Frauen wieder in die Mitte zieht und wodurch das Antlitz Christi besser erkennbar wird.

Mein Vorschlag ist, eine Kirche zu werden und eine Theologie zu betreiben, die zuhört, und zwar den Erfahrungen von Frauen zuhört, die sich bemühen, diese Erfahrungen in Worten zu kleiden, eine Kirche, die eine Zeitlang nicht definiert, ja nicht einmal allgemein umschreibt. Wenn wir die Frage nach dem Selbstverständnis von Frauen in der Kirche heute ernstnehmen wollen, dann wird jeder von uns erst einmal Zeit brauchen, um diesem Selbstverständnis auf die Spur zu kommen. Dann geht es darum, über dieses Selbstverständnis zur Selbstbestimmung zu kommen.

Welches Bild der Frau die Kirche geformt hat, äußert sich sehr subtil in der biblischen und in der theologischen Sprache, besonders im Gottesdienst. Leider kann ich hier nicht auf die gesamte Problematik eingehen, aber angesichts , Gottes als allmächtiger Patriarch, Jesus als Mann, der nicht durch Frauen repräsentiert werden kann, Maria als Jungfrau und Mutter, als demütige Dienerin, angesichts der Kirchenväter, Beichtväter, Konzilsväter, des Heiligen Vaters, ist wohl deutlich, in welcher Richtung wir religiös sozialisiert sind.

Aus der Befreiungstheologie wissen wir, was es bedeutet, wenn Menschen aus einer Sprache verschwinden - die Geschichtsbeschreibung ist bis vor kurzem immer die Geschichtsbeschreibung der Sieger gewesen.

Auch ich selbst bin in den letzten Jahren immer empfindlicher geworden dafür, was unserer Liturgie fehlt. Ich begegne mir dort nicht, nichts in der Sprache oder in den Zeichen läßt erkennen, daß Frauen auch dazugehören. Die Namen von Frauen erklingen nicht, unser Gott ist der Vater von Abraham, Isaak und Jakob, von Noah, von Jesus.

Für den notwendigen Beitrag der Frauen in der Kirche gibt es einige Ansatzpunkte des Zweiten Vatikanischen Konzils. Ein erster Ansatzpunkt liegt im Selbstbewußtsein der Kirche als Volk Gottes, das durch die Zeit pilgert „Volk Gottes" beinhaltet Geschichtlichkeit, den Auftrag in jeweils veränderten Umständen und ständig wechselnden Nöten das Evangelium neu Gestalt werden zu lassen. Frauen scheinen ausgesprochen empfindsam zu sein für die Forderungen, die sich verändernde Umstände an das Leben stellen.

Einen zweiten Ansatzpunkt sehe ich darin, daß der Heilige Geist nicht allein im Amt, sondern ebensosehr in den Charismen wirkt, die allen Glaubenden geschenkt werden, das bedeutet also, auch allen Frauen. Dies bedeutet aber weiter, daß diese Gaben eine eigene Qualität bekommen je nachdem, ob sie Männern oder Frauen geschenkt werden, wenigstens insofern als sie durch unterschiedliche Sozialisation auch in unterschiedlichen konkreten Umständen leben.

Ein dritter Ansatzpunkt könnte dann noch im Begriff der „Com-munio" (Gemeinschaft) liegen, dessen negative Entsprechung die Ex-Kommunikation ist Wenn Frauen sich immer weniger mit der Kirche identifizieren können, könnte das möglicherweise auf eine Art Exkommunikation deuten: nicht formell oder offiziell, sondern existentiell, nämlich für ihr Gefühl, ihr Erleben. So eine teilweise Exkommunikation läuft dann parallel mit einer teilweisen Identifikation und entwickelt sich leicht zu Nicht-Identifikation.

Ich bin auch überzeugt, daß das, was ich die Menschwerdung von Frauen nenne, nur dann humanisierend wirken kann, wenn unsere Kultur und unsere Kirche diese respektieren; wenn sie aufhören, Frauen Vorschriften zu machen und ihnen Freiraum lassen; und wenn sie selbst Zeichen von Be-wußtwerdung und Bekehrung erkennen lassen.

Die Autorin ist Dozentin für Feminismus und Christentum an der Universität Nijmwegen/ Holland

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