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Gesellschaft

Kein Frieden im Kampf der Geschlechter

1945 1960 1980 2000 2020

Während Frauen noch vergeblich um die Gleichberechtigung kämpfen, fühlen sich bereits immer mehr Männer benachteiligt. Der Abschied von überkommenen Rollen fällt beiden Geschlechtern offensichtlich sehr schwer.

1945 1960 1980 2000 2020

Während Frauen noch vergeblich um die Gleichberechtigung kämpfen, fühlen sich bereits immer mehr Männer benachteiligt. Der Abschied von überkommenen Rollen fällt beiden Geschlechtern offensichtlich sehr schwer.

Wie die Auseinandersetzung um die von Minister Herbert Haupt installierte männerpolitische Abteilung zeigt, tobt der Kampf der Geschlechter wie nie zuvor. Das Geschäft der Eheberater floriert und die Scheidungsanwälte verdienen sich goldene Nasen. Die Beziehungen zwischen Mann und Frau sind zunehmend konfliktträchtig, das Verständnis der Geschlechter ist gestört.

In dieses Spiel kommt neuerdings vermehrt Bewegung. Denn Frauen machen Ernst damit, gleiche Rechte auch in wirkliche Gleichstellung umzuwandeln. Sie lösen sich zunehmend aus der Opferrolle und setzen ihren Willen zur Teilhabe an der Macht um. Den Mann bringt das unweigerlich in Zugzwang. Er muss aus seiner überkommenen Rolle heraus und sieht sich neuen, zum Teil beunruhigenden Herausforderungen gegenüber. "Mit dir kann man nicht reden!"

Mangelnde Gesprächsbereitschaft, fehlendes Einfühlungsvermögen und emotionaler Rückzug, - das sind die häufigsten Klagen von Frauen über Männer. Immer wenn "Sie" über Inneres, Zwischenmenschliches, über Gefühle und ihre Beziehung zu ihm reden will, dann macht "Er" zu. "Was geht in dir vor?" - Diese Frage ist für ihn wie ein rotes Tuch. "Was soll schon in mir vorgehen?"

Männer geraten unter Druck Ihrem Bedürfnis nach Auseinandersetzung begegnet er mit Unverständnis und Widerwillen. Mangelndes Einfühlungsvermögen der Männer gehört auch in Diskussionen und Veröffentlichungen beim Thema Geschlechterkampf zum Standardrepertoire der Frauenklagen. Die Männer geraten zusehends unter Druck. Da musste nicht erst die in einer aufwendigen PR-Aktion vorgebrachte Forderung nach "halbe/halbe" kommen, um die männliche Identitätskrise deutlich zu machen: Nicht nur im Haushalt sollten Sie endlich mehr tun, sie müssten zu einer neuen Rolle finden, ihre Beziehungen sanieren, das Gefühlsalphabet lernen ...

Kurzum, der Mann ist zu umfangreichen Veränderungen aufgefordert. Patriarchen, Machos, Softies. Das Unverständnis zwischen den Geschlechtern verunsichert vor allem die Männer. Wie soll es denn beschaffen sein, dieses neue Männerideal: Irgendwie anders, aber doch irgendwie gleich? Verständlich, dass viele den - weiblichen - Ruf nach dem "Neuen Mann" schon gar nicht mehr hören wollen. Irritiert flüchten sie sich hinein in starre Rollen oder sind permanent auf der Suche. Eine dieser Bastionen ist nach wie vor von den Anhängern des Patriarchats besetzt.

Männer dieses Typs weichen unter dem Druck der Ansprüche von Frauen verstärkt in die Domäne von Männlichkeit zurück und verbarrikadieren sich dort. Die Entwicklungen auf der Geschlechterebene machen ihnen Angst, insgeheim fürchten sie sich vor Machtumkehr und setzen, solange es noch geht, ihre Macht zu ihren Gunsten ein. Ähnlich dem Patriarchen verhält sich der getarnte Macho: Nach aussen hin ist er der nette Kerl, gutmütig und bemüht, immer alles recht zu machen. Er wagt es zwar nicht mehr, seine alte Position äußerlich zur Schau zu stellen, vertritt sie aber innerlich weiter, weil er nicht wirklich bereit und fähig ist, auf die Wünsche der Frauen einzugehen. Geradezu beflügelt von vorauseilendem feministischem Gehorsam dagegen ist der Soft-Mann.

Hochsensibel-psychologisierend ist er beständig auf der Suche nach seiner männlichen Rolle. Aber irgendwie unmännlich kann er sich selbst nicht ausstehen - er wirkt schlichtweg unecht. Sein bewusster Verzicht auf alle traditionellen männlichen Attribute macht ihn zu einem flauen Gegenüber für die Frau. Die gängigen Männerrollen geben der gekränkten männlichen Psyche zwar Schutz und Halt, wie Ritterrüstungen machen sie aber unbeweglich und starr.

* Frauen: Opferrolle oder zu forsch und fordernd?

Die Klagen der Frauen über die mangelnde Tauglichkeit des Mannes in Familie und Partnerschaft nehmen zu. Ausgehend von ihren Empfindungen beurteilen sie das Männerverhalten oft als Kränkung und Zurückstoßung oder Missachtung ihrer Gefühle und ihrer Offenheit. Ein fataler Kreislauf kommt in Gang: Weil sie nicht versteht, was in ihm vorgeht, beginnt sie nachzufragen. Mit ihren bohrenden Fragen nervt sie ihn, bis er - zumeist unfähig sein Innerstes nach Außen zu kehren - sich noch mehr zurückzieht.

Während er wortkarg wird, bohrt sie weiter, wird wütend oder bricht in Tränen aus, womit er erst recht nicht umgehen kann. Das frustrierende Spiel führt dazu, dass sie eines Tages nicht mehr nachfragt und auch er nichts mehr von sich gibt. Die Partner haben sich zum Verstummen gebracht, eine fruchtbare Auseinandersetzung über ihre Beziehung findet nicht mehr statt. Resümee aus der Sicht der Frau: Wir leben nicht miteinander, sondern nebeneinander.

Hilft Psychologisieren? Und wenn sie dann noch beginnt, psychologische Bücher zu lesen, Kurse zu besuchen, dann vergrößert sie zwar ihren Vorsprung an emotionalem Know-how, verbessert aber die Lage der Beziehung nur selten. Denn Männer betrachten dies nicht selten als "Aufmunitionierung der Emanzen" im Kampf gegen ihr Bollwerk.

Das einseitige Psychologisieren des Geschlechterkampfes durch die Frau führt häufig nur zu einem vermehrten Einsatz der Waffen des Mannes. Wie der Paarforscher Hans Jellouschek in seinem Buch "Mit dem Beruf verheiratet" schreibt, verbarrikadiert er sich dann hinter einseitiger Intellektualität, kämpft mit den Waffen des Zynismus oder er beginnt sogar mit der Abwertung des Weiblichen, um den "Feind" in Schranken zu weisen. So bleiben die Verhaltensmuster der Männer nicht erst im Konflikt rätselhaft: Warum fällt es manchen Männern denn so schwer, Gefühle zu zeigen und darüber zu reden. Warum haben viele von ihnen eine Neigung zum inneren Rückzug, warum ein geringeres Bedürfnis nach Nähe? Haben sie keine Gefühle, genießen sie ihre Rückzugsmanöver in Beziehungen gar, sind sie weniger bindungsfähig? Warum finden viele Intimität als Bedrohung und verhalten sich meisterhaft, wenn es um Abgrenzung in Beziehungen geht?

Aus der Neigung vieler Männer zum emotionalen Rückzug ist nicht abzuleiten,dass Männer keine Gefühle hätten und ihren sozialen Rückzug etwa gar genießen würden. Der amerikanische Psychotherapeut William Pollack versucht die Wurzeln dieser vielfach als "typisch männlich" empfundenen Verhaltensweisen aufzuzeigen. Er sieht sie in prägenden Erfahrungen in der frühen Kindheit des heranwachsenden Buben, der seine männliche Geschlechtsidentität nur durch eine klare Trennung von der Mutter erlangen kann.

Die Wurzeln von "typisch männlich" Zu allererst lernt er, dass Männlichsein heißt, nicht weiblich zu sein. Er lernt seine Geschlechtsrolle über die Negativdefinition in Abgrenzung von allem, was er für weiblich hält. Wenn er ein "richtiger" Bub werden will, muss er sich erst mühsam loslösen von seiner ersten Liebesbeziehung, der Beziehung zur Mutter, die das Weibliche verkörpert. Für ihn ist diese Abkehr von der Mutter ein traumatisches Erlebnis, ein schmerzlicher Verlust, der einen Schatten auf alle folgenden Beziehungen des Mannes zu Frauen wirft.

* Männer: Mutterproblem mit Langzeitwirkung Wie der kleine Junge, so ist der erwachsene Mann in Beziehungen unbewusst noch immer damit beschäftigt, die ursprüngliche Einheit mit der Mutter zu vermeiden. Er sucht "instinktiv" die sichere Distanz zur Partnerin, um den einmal erlebten Schmerz des Verlustes nicht erneut wieder erleben zu müssen. Und wie kleine Buben haben viele erwachsene Männer noch immer eine tiefsitzende Angst, für unmännlich gehalten zu werden. Aus dieser Sicht ist zu verstehen, dass Mädchen bzw. Frauen die Begriffe Bindung, Einfühlsamkeit und Autonomie aufgrund unterschiedlicher frühkindlicher Erfahrungen völlig unterschiedlich definieren. Mädchen machen im Erlernen und Finden ihrer Persönlichkeit ja auch gänzlich andere Erfahrungen. Sie erleben Kontinuität, durchgehende Nähe und nicht Trennung, Abgrenzung und Abkehr von der geliebten Mutter. Der männliche Umgang mit Gefühlen und Beziehungen erweckt in vielen Frauen den Eindruck, gefühlvolle Beziehungen seien den Männern überhaupt nicht wichtig und sie könnten auch gut "ohne". Diese Meinung ist absolut unzutreffend.

Zum einen erlebt man immer wieder, wie sehr Männer hinter ihrer "Ritterrüstung Männlichkeit" in Beziehungskrisen leiden. Es ergibt sich sogar der Eindruck, dass Männer mit Beziehungsabbrüchen, beispielsweise nach ungewollten Scheidungen, wesentlich schlechter umgehen können als Frauen. Nicht selten ist ihre emotionale Verunsicherung derart stark, dass sie in tiefe Depressionen versinken. Frauen scheinen auf die Beziehung zu ihren Männern weniger angewiesen als Männer.

Bei Männern sind die Themen Gefühle und Beziehung viel seltener Inhalte ihres Denkens und Sprechens als bei Frauen. Für die Beziehungsgestaltung zwischen den Geschlechtern ist ein weiterer, ein qualitativer Unterschied bedeutsam: Männer neigen dazu, ihre Beziehungs- und Gefühlsqualitäten auf andere Weise zu zeigen. Bei ihnen stehen Sachthemen, Fakten, Ziele und Ereignisse viel stärker im Vordergrund des Bewusstseins als die Beziehung selbst.

Wie der Anthropologe David Gilmor in seinem Buch vom "Mythos Mann" schreibt, ist das, was Männer als primär unterstützend für Beziehungen betrachten, vielfach entgegengesetzt zu den üblicherweise in weiblichen Teilen unserer Gesellschaft geltenden Vorstellungen. "Um seine Familie zu unterhalten, muss der Mann fern sein, jagend oder kämpfend; um zärtlich zu sein, muss er stark genug sein, um Feinde abzuwehren. Um großzügig zu sein, muss er selbstsüchtig genug sein, Güter anzuhäufen, was oft bedeutet, sich gegen andere durchzusetzen; um sanft zu sein, muss er erst stark genug, sogar rücksichtslos angesichts von Feinden sein, und um zu lieben, muss er zuvor aggressiv genug sein, um eine Frau zu umwerben, zu verführen und zu, erobern'."

Abschied vomMacho-Klischee Was können Frauen und Männer tun, damit sich ihre Unterschiedlichkeit nicht immer wieder bis zum Geschlechterkrieg auswächst? Statt sich gegenwärtig vorzuwerfen, "Du verstehst mich nicht", sollten beide Geschlechter erkennen, dass sie im Grunde so unterschiedlich gar nicht sind. Ursula Nuber meint in "Psychologie Heute", es bedürfe eines Zuwachses an Einfühlungsvermögen bei Frau und Mann gleichermaßen. Männer brauchen Frauen, die sich einfühlen können in ihren Kampf gegen Verlustangst, gegen die Einsamkeit und gegen das Schamgefühl, das mit dem Abhängigkeitsgefühl verbunden ist.

Frauen brauchen Männer, die erkennen in welchem Ausmaß sowohleinzelne Männer als auch gesellschaftliche Strukturen ihr Selbstbewusstsein aushöhlen. - Nichts als schöne Worte? Vielleicht kommt wieder etwas mehr Frieden in das Verhältnis der Geschlechter, wenn sich beide einer Neubewertung ihrer Werte nicht verschließen.

Wenn also die Frauen aus ihrer Opferrolle heraustreten und bereit sind zu akzeptieren, dass die Männer nicht weniger Schwierigkeiten auf dem Weg zum Glück zu meistern haben als sie selbst. Ich bin ich und du bist du. Es wäre sicher falsch, von den Männern zu erwarten, sich vorschnell und kritiklos in schafsköpfiger Zustimmung und vorauseilendem Gehorsam den Frauen zu unterwerfen.

Vielen Beziehungen wäre allein schon damit geholfen, wenn Männer sich etwas von dem Druck nehmen könnten, der sich daraus ergibt, sich ihre Männlichkeit - oder was sie eben so darunter verstehen - permanent - beweisen zu müssen. Der langsame Abschied vom Macho-Klischee könnte ein Gewinn sein für die Beziehung der Geschlechter. Denn das Bild vom Mann als dem Helden und Drachentöter, der die Prinzessin durch seine Tat befreit, taugt nur mehr bedingt als Vorbild für den Mann der Gegenwart.

Manchmal könnte es auch schon hilfreich sein, wenn es gelänge, den Partner etwas weniger auf eine ganz bestimmte (Geschlechts)-Rolle zu fixieren, etwa in dem Sinne wie das der amerikanische Gestalttherapeut Fritz Perls beschrieben hat: "Ich tu, was ich tu; und du tust, was du tust. Ich bin nicht auf dieser Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben, und du bist nicht auf dieser Welt, um nach den meinen zu leben. Du bist du, und ich bin ich ..." Viele werden ihm grundsätzlich zustimmen, manche imstande sein, seine Grundsätze eine Zeit lang zu leben, nicht wenige aber in ihre alten Geschlechterrollen zurückfallen, sobald die ersten Belastungen auftauchen. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis der Geschlechterkampf ausgekämpft ist.

Der Autor ist Psychologe und Psychotherapeut in Innsbruck.

Wie die Auseinandersetzung um die von Minister Herbert Haupt installierte männerpolitische Abteilung zeigt, tobt der Kampf der Geschlechter wie nie zuvor. Das Geschäft der Eheberater floriert und die Scheidungsanwälte verdienen sich goldene Nasen. Die Beziehungen zwischen Mann und Frau sind zunehmend konfliktträchtig, das Verständnis der Geschlechter ist gestört.

In dieses Spiel kommt neuerdings vermehrt Bewegung. Denn Frauen machen Ernst damit, gleiche Rechte auch in wirkliche Gleichstellung umzuwandeln. Sie lösen sich zunehmend aus der Opferrolle und setzen ihren Willen zur Teilhabe an der Macht um. Den Mann bringt das unweigerlich in Zugzwang. Er muss aus seiner überkommenen Rolle heraus und sieht sich neuen, zum Teil beunruhigenden Herausforderungen gegenüber. "Mit dir kann man nicht reden!"

Mangelnde Gesprächsbereitschaft, fehlendes Einfühlungsvermögen und emotionaler Rückzug, - das sind die häufigsten Klagen von Frauen über Männer. Immer wenn "Sie" über Inneres, Zwischenmenschliches, über Gefühle und ihre Beziehung zu ihm reden will, dann macht "Er" zu. "Was geht in dir vor?" - Diese Frage ist für ihn wie ein rotes Tuch. "Was soll schon in mir vorgehen?"

Männer geraten unter Druck Ihrem Bedürfnis nach Auseinandersetzung begegnet er mit Unverständnis und Widerwillen. Mangelndes Einfühlungsvermögen der Männer gehört auch in Diskussionen und Veröffentlichungen beim Thema Geschlechterkampf zum Standardrepertoire der Frauenklagen. Die Männer geraten zusehends unter Druck. Da musste nicht erst die in einer aufwendigen PR-Aktion vorgebrachte Forderung nach "halbe/halbe" kommen, um die männliche Identitätskrise deutlich zu machen: Nicht nur im Haushalt sollten Sie endlich mehr tun, sie müssten zu einer neuen Rolle finden, ihre Beziehungen sanieren, das Gefühlsalphabet lernen ...

Kurzum, der Mann ist zu umfangreichen Veränderungen aufgefordert. Patriarchen, Machos, Softies. Das Unverständnis zwischen den Geschlechtern verunsichert vor allem die Männer. Wie soll es denn beschaffen sein, dieses neue Männerideal: Irgendwie anders, aber doch irgendwie gleich? Verständlich, dass viele den - weiblichen - Ruf nach dem "Neuen Mann" schon gar nicht mehr hören wollen. Irritiert flüchten sie sich hinein in starre Rollen oder sind permanent auf der Suche. Eine dieser Bastionen ist nach wie vor von den Anhängern des Patriarchats besetzt.

Männer dieses Typs weichen unter dem Druck der Ansprüche von Frauen verstärkt in die Domäne von Männlichkeit zurück und verbarrikadieren sich dort. Die Entwicklungen auf der Geschlechterebene machen ihnen Angst, insgeheim fürchten sie sich vor Machtumkehr und setzen, solange es noch geht, ihre Macht zu ihren Gunsten ein. Ähnlich dem Patriarchen verhält sich der getarnte Macho: Nach aussen hin ist er der nette Kerl, gutmütig und bemüht, immer alles recht zu machen. Er wagt es zwar nicht mehr, seine alte Position äußerlich zur Schau zu stellen, vertritt sie aber innerlich weiter, weil er nicht wirklich bereit und fähig ist, auf die Wünsche der Frauen einzugehen. Geradezu beflügelt von vorauseilendem feministischem Gehorsam dagegen ist der Soft-Mann.

Hochsensibel-psychologisierend ist er beständig auf der Suche nach seiner männlichen Rolle. Aber irgendwie unmännlich kann er sich selbst nicht ausstehen - er wirkt schlichtweg unecht. Sein bewusster Verzicht auf alle traditionellen männlichen Attribute macht ihn zu einem flauen Gegenüber für die Frau. Die gängigen Männerrollen geben der gekränkten männlichen Psyche zwar Schutz und Halt, wie Ritterrüstungen machen sie aber unbeweglich und starr.

* Frauen: Opferrolle oder zu forsch und fordernd?

Die Klagen der Frauen über die mangelnde Tauglichkeit des Mannes in Familie und Partnerschaft nehmen zu. Ausgehend von ihren Empfindungen beurteilen sie das Männerverhalten oft als Kränkung und Zurückstoßung oder Missachtung ihrer Gefühle und ihrer Offenheit. Ein fataler Kreislauf kommt in Gang: Weil sie nicht versteht, was in ihm vorgeht, beginnt sie nachzufragen. Mit ihren bohrenden Fragen nervt sie ihn, bis er - zumeist unfähig sein Innerstes nach Außen zu kehren - sich noch mehr zurückzieht.

Während er wortkarg wird, bohrt sie weiter, wird wütend oder bricht in Tränen aus, womit er erst recht nicht umgehen kann. Das frustrierende Spiel führt dazu, dass sie eines Tages nicht mehr nachfragt und auch er nichts mehr von sich gibt. Die Partner haben sich zum Verstummen gebracht, eine fruchtbare Auseinandersetzung über ihre Beziehung findet nicht mehr statt. Resümee aus der Sicht der Frau: Wir leben nicht miteinander, sondern nebeneinander.

Hilft Psychologisieren? Und wenn sie dann noch beginnt, psychologische Bücher zu lesen, Kurse zu besuchen, dann vergrößert sie zwar ihren Vorsprung an emotionalem Know-how, verbessert aber die Lage der Beziehung nur selten. Denn Männer betrachten dies nicht selten als "Aufmunitionierung der Emanzen" im Kampf gegen ihr Bollwerk.

Das einseitige Psychologisieren des Geschlechterkampfes durch die Frau führt häufig nur zu einem vermehrten Einsatz der Waffen des Mannes. Wie der Paarforscher Hans Jellouschek in seinem Buch "Mit dem Beruf verheiratet" schreibt, verbarrikadiert er sich dann hinter einseitiger Intellektualität, kämpft mit den Waffen des Zynismus oder er beginnt sogar mit der Abwertung des Weiblichen, um den "Feind" in Schranken zu weisen. So bleiben die Verhaltensmuster der Männer nicht erst im Konflikt rätselhaft: Warum fällt es manchen Männern denn so schwer, Gefühle zu zeigen und darüber zu reden. Warum haben viele von ihnen eine Neigung zum inneren Rückzug, warum ein geringeres Bedürfnis nach Nähe? Haben sie keine Gefühle, genießen sie ihre Rückzugsmanöver in Beziehungen gar, sind sie weniger bindungsfähig? Warum finden viele Intimität als Bedrohung und verhalten sich meisterhaft, wenn es um Abgrenzung in Beziehungen geht?

Aus der Neigung vieler Männer zum emotionalen Rückzug ist nicht abzuleiten,dass Männer keine Gefühle hätten und ihren sozialen Rückzug etwa gar genießen würden. Der amerikanische Psychotherapeut William Pollack versucht die Wurzeln dieser vielfach als "typisch männlich" empfundenen Verhaltensweisen aufzuzeigen. Er sieht sie in prägenden Erfahrungen in der frühen Kindheit des heranwachsenden Buben, der seine männliche Geschlechtsidentität nur durch eine klare Trennung von der Mutter erlangen kann.

Die Wurzeln von "typisch männlich" Zu allererst lernt er, dass Männlichsein heißt, nicht weiblich zu sein. Er lernt seine Geschlechtsrolle über die Negativdefinition in Abgrenzung von allem, was er für weiblich hält. Wenn er ein "richtiger" Bub werden will, muss er sich erst mühsam loslösen von seiner ersten Liebesbeziehung, der Beziehung zur Mutter, die das Weibliche verkörpert. Für ihn ist diese Abkehr von der Mutter ein traumatisches Erlebnis, ein schmerzlicher Verlust, der einen Schatten auf alle folgenden Beziehungen des Mannes zu Frauen wirft.

* Männer: Mutterproblem mit Langzeitwirkung Wie der kleine Junge, so ist der erwachsene Mann in Beziehungen unbewusst noch immer damit beschäftigt, die ursprüngliche Einheit mit der Mutter zu vermeiden. Er sucht "instinktiv" die sichere Distanz zur Partnerin, um den einmal erlebten Schmerz des Verlustes nicht erneut wieder erleben zu müssen. Und wie kleine Buben haben viele erwachsene Männer noch immer eine tiefsitzende Angst, für unmännlich gehalten zu werden. Aus dieser Sicht ist zu verstehen, dass Mädchen bzw. Frauen die Begriffe Bindung, Einfühlsamkeit und Autonomie aufgrund unterschiedlicher frühkindlicher Erfahrungen völlig unterschiedlich definieren. Mädchen machen im Erlernen und Finden ihrer Persönlichkeit ja auch gänzlich andere Erfahrungen. Sie erleben Kontinuität, durchgehende Nähe und nicht Trennung, Abgrenzung und Abkehr von der geliebten Mutter. Der männliche Umgang mit Gefühlen und Beziehungen erweckt in vielen Frauen den Eindruck, gefühlvolle Beziehungen seien den Männern überhaupt nicht wichtig und sie könnten auch gut "ohne". Diese Meinung ist absolut unzutreffend.

Zum einen erlebt man immer wieder, wie sehr Männer hinter ihrer "Ritterrüstung Männlichkeit" in Beziehungskrisen leiden. Es ergibt sich sogar der Eindruck, dass Männer mit Beziehungsabbrüchen, beispielsweise nach ungewollten Scheidungen, wesentlich schlechter umgehen können als Frauen. Nicht selten ist ihre emotionale Verunsicherung derart stark, dass sie in tiefe Depressionen versinken. Frauen scheinen auf die Beziehung zu ihren Männern weniger angewiesen als Männer.

Bei Männern sind die Themen Gefühle und Beziehung viel seltener Inhalte ihres Denkens und Sprechens als bei Frauen. Für die Beziehungsgestaltung zwischen den Geschlechtern ist ein weiterer, ein qualitativer Unterschied bedeutsam: Männer neigen dazu, ihre Beziehungs- und Gefühlsqualitäten auf andere Weise zu zeigen. Bei ihnen stehen Sachthemen, Fakten, Ziele und Ereignisse viel stärker im Vordergrund des Bewusstseins als die Beziehung selbst.

Wie der Anthropologe David Gilmor in seinem Buch vom "Mythos Mann" schreibt, ist das, was Männer als primär unterstützend für Beziehungen betrachten, vielfach entgegengesetzt zu den üblicherweise in weiblichen Teilen unserer Gesellschaft geltenden Vorstellungen. "Um seine Familie zu unterhalten, muss der Mann fern sein, jagend oder kämpfend; um zärtlich zu sein, muss er stark genug sein, um Feinde abzuwehren. Um großzügig zu sein, muss er selbstsüchtig genug sein, Güter anzuhäufen, was oft bedeutet, sich gegen andere durchzusetzen; um sanft zu sein, muss er erst stark genug, sogar rücksichtslos angesichts von Feinden sein, und um zu lieben, muss er zuvor aggressiv genug sein, um eine Frau zu umwerben, zu verführen und zu, erobern'."

Abschied vomMacho-Klischee Was können Frauen und Männer tun, damit sich ihre Unterschiedlichkeit nicht immer wieder bis zum Geschlechterkrieg auswächst? Statt sich gegenwärtig vorzuwerfen, "Du verstehst mich nicht", sollten beide Geschlechter erkennen, dass sie im Grunde so unterschiedlich gar nicht sind. Ursula Nuber meint in "Psychologie Heute", es bedürfe eines Zuwachses an Einfühlungsvermögen bei Frau und Mann gleichermaßen. Männer brauchen Frauen, die sich einfühlen können in ihren Kampf gegen Verlustangst, gegen die Einsamkeit und gegen das Schamgefühl, das mit dem Abhängigkeitsgefühl verbunden ist.

Frauen brauchen Männer, die erkennen in welchem Ausmaß sowohleinzelne Männer als auch gesellschaftliche Strukturen ihr Selbstbewusstsein aushöhlen. - Nichts als schöne Worte? Vielleicht kommt wieder etwas mehr Frieden in das Verhältnis der Geschlechter, wenn sich beide einer Neubewertung ihrer Werte nicht verschließen.

Wenn also die Frauen aus ihrer Opferrolle heraustreten und bereit sind zu akzeptieren, dass die Männer nicht weniger Schwierigkeiten auf dem Weg zum Glück zu meistern haben als sie selbst. Ich bin ich und du bist du. Es wäre sicher falsch, von den Männern zu erwarten, sich vorschnell und kritiklos in schafsköpfiger Zustimmung und vorauseilendem Gehorsam den Frauen zu unterwerfen.

Vielen Beziehungen wäre allein schon damit geholfen, wenn Männer sich etwas von dem Druck nehmen könnten, der sich daraus ergibt, sich ihre Männlichkeit - oder was sie eben so darunter verstehen - permanent - beweisen zu müssen. Der langsame Abschied vom Macho-Klischee könnte ein Gewinn sein für die Beziehung der Geschlechter. Denn das Bild vom Mann als dem Helden und Drachentöter, der die Prinzessin durch seine Tat befreit, taugt nur mehr bedingt als Vorbild für den Mann der Gegenwart.

Manchmal könnte es auch schon hilfreich sein, wenn es gelänge, den Partner etwas weniger auf eine ganz bestimmte (Geschlechts)-Rolle zu fixieren, etwa in dem Sinne wie das der amerikanische Gestalttherapeut Fritz Perls beschrieben hat: "Ich tu, was ich tu; und du tust, was du tust. Ich bin nicht auf dieser Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben, und du bist nicht auf dieser Welt, um nach den meinen zu leben. Du bist du, und ich bin ich ..." Viele werden ihm grundsätzlich zustimmen, manche imstande sein, seine Grundsätze eine Zeit lang zu leben, nicht wenige aber in ihre alten Geschlechterrollen zurückfallen, sobald die ersten Belastungen auftauchen. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis der Geschlechterkampf ausgekämpft ist.

Der Autor ist Psychologe und Psychotherapeut in Innsbruck.