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Brauchen wir eine neue Sexualmoral?

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Jetzt sind alle Zweifel zerstreut: Die sexuelle Liberalisierung hat das Verhalten und die Einstellung der Jugendlichen voll erfaßt. Eine umfassende Untersuchung belegt dies mit Zah-lenr Müssen sich nun endlich tradierte Moralvorstellungen ändern?

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Jetzt sind alle Zweifel zerstreut: Die sexuelle Liberalisierung hat das Verhalten und die Einstellung der Jugendlichen voll erfaßt. Eine umfassende Untersuchung belegt dies mit Zah-lenr Müssen sich nun endlich tradierte Moralvorstellungen ändern?

Wie sieht die Situation also aus? Zwischen 1975 und 1979 befragte die Ärztin Adeline Husslein rund 2900 Jugendliche in Österreich über ihre Einstellung zu Fragen der Sexualität und über ihr Sexualverhalten. Das Ergebnis: 41 Prozent der Mädchen und 36 Prozent der Burschen gaben an, sexuelle Erfahrungen zu haben. Mit dem Alter steigt auch der Anteil der Erfahrenen: Mit 17 Jahren sind es schon 50 Prozent, mit 19 sogar 75, wobei der Anteil bei Mädchen und Burschen gleich hoch ist.

Unter den Berufsschülern ist die sexuelle Betätigung besonders weit verbreitet: 61 Prozent der Mädchen und 52 Prozent der Burschen bezeichneten sich als sexuell erfahren. In den allgemeinbildenden höheren Schulen liegen die Werte deutlich darunter: 19 bzw. 23 Prozent.

Regionale Unterschiede lassen sich nicht feststellen, auch keine zwischen ländlichem und städtischem Raum.

Verständlich, daß die Einstellung der Jugendlichen zum Vorehelichen Geschlechtsverkehr positiv ist: 85 Prozent der jungen Leute meinen, daß er für beide Geschlechter in gleicher Weise zulässig sei. Die sexuell Unerfahrenen machen da im allgemeinen keine Ausnahme. Sie warten noch auf die Gelegenheit, auf die „große Liebe”.

Liebe ist auch das Schlüsselwort, wenn nach den Voraussetzungen für intime Beziehungen gefragt wird: 90 Prozent der Mädchen und 76 Prozent der Burschen können sich Verkehr ohne Liebe nicht vorstellen. Allerdings sind sich auch beide Geschlechter darin einig, daß Liebe und Zärtlichkeit für Mädchen wichtiger sei.

Daß dies tatsächlich zutrifft, wird daraus erkennbar, daß 82 Prozent der Mädchen ihren ersten Geschlechtsverkehr mit einem geliebten Partner erlebt haben. Gleiches berichtet jedoch nur jeder zweite Bursch. Man versteht dies besser, wenn man die Motive näher betrachtet: Da spielt auf einmal der Wunsch nach sexueller Entspannung (40 Prozent) und der, das Selbstbewußtsein zu stärken (40 Prozent), eine ganz bedeutende Rolle.

Beachtlich ist auch der Anteil derjenigen, die regelmäßigen Verkehr haben: 37 Prozent der Mädchen, 22 Prozent der Burschen. Das Wissen der jungen Leute im biologischen Bereich ist beachtlich, über Schwangerschaft und Empfängnisverhütung sind sie weniger gut informiert.

Es ließen sich noch viele Details anführen. Interessanter erscheint mir jedoch eine Auseinandersetzung mit dem dahinterstehenden Grundproblem: Müssen wir unsere Moralvorstellungen an diese Realität anpassen?

Denn um eine realistische Beschreibung der Situation handelt es sich da. Diese Erfahrung konnte ich in mehreren Seminaren mit jungen Leuten machen: Voreheliche Beziehungen sind kein Tabu mehr. Mit dem Begriff Enthaltsamkeit kann kaum jemand etwas anfangen.

Den Befund nicht ernst zu nehmen, wäre falsch. Falsch ist aber auch das, was die „Wochenpresse” aus der Erhebung gemacht hat. Auf einen einfachen Nenner gebracht zog sie den messerscharfen Schluß, daß, wenn 75 Prozent so handeln, es wohl richtig sein müsse, hurra! Also wird die Kirche wegen ihrer veralteten Moral verulkt, die Aufgeschlossenheit der Jugend gefeiert, die der Liebe freien Raum gibt.

Nur, stimmt das mit der Liebe wirklich? Sicher, die jungen Leute haben schon das richtige Gefühl, wenn sie als Vorbedingung für sexuelle Bindung Liebe und Treue nennen. Darf man aber daraus, wie Husslein das tut, den Schluß ziehen, „daß die konventionellen Wertvorstellungen, wie,

Gefahr durch neue Moral? sie bisher für die überlieferte Sexualmoral bestimmend waren, durch die neue Moral nicht in Gefahr sind”?

Das erscheint mir eher wie ein Trostpflaster für aufgescheuchte Eltern. Da wird doch mit Begriffen hantiert, deren wesentlicher Inhalt zu klären wäre. Mir kommt aber vor, daß das zentrale Merkmal von Liebe und Treue ihre Unbedingtheit ist.

Das Wesentliche im Leben ist unbedingt: Man kann nicht auf Probe leben, auf Probe glauben und hoffen, auf Probe sterben, aber auch nicht auf Probe lieben, wie Papst Johannes Paul II. einmal feststellte.

Liebe ist bedingungslos, wenn sie wahr ist. Das spüren gerade die jungen Menschen. Nur befinden sie sich in einer Entwicklungsphase und in Lebensumständen, die die Verwirklichung dieses Anspruchs extrem erschweren.

Intensive Verliebtheit wird dann als Liebe gedeutet. Weil man zu lieben glaubt, sucht man die sexuelle Vereinigung, jene höchste körperliche Ausdrucksform der Liebe. Nur meistens ist die Basis zu schmal und die Beziehungen gehen wieder in Brüche. Das passiert nicht nur Jugendlichen, wie Untersuchungen aus den USA zeigen: Zwei Drittel der Paare, die ohne Eheschließung miteinander leben, trennen sich wieder.

Solches Auseinandergehen geht jedoch nicht schmerzlos vor sich. Es hinterläßt schwere „Verwundungen”, vor allem bei den Mädchen, die sich emotional im allgemeinen viel mehr engagieren. In der Folge ist man entweder ein „gebranntes Kind” oder man paßt seine Ideale an. Letzteres dürfte häufig geschehen, denn 50 Prozent der sexuell erfahrenen, älteren Mädchen können sich Geschlechtsverkehr auch ohne ausdrückliche Liebe vorstellen.

Damit geht aber gerade das verloren, was der berühmte Wiener Psychiater Viktor Frankl als das eigentlich Menschliche am Sexualakt bezeichnet, „daß er Vehikel transsexueller, personaler Beziehungen ist”.

Sex allein ist zuwenig

Ohne diesen personalen Hintergrund aber wird das äußere Geschehen des- Sexualaktes schal. Wenn Umarmung, Zärtlichkeit, Lächeln, Streicheln nicht mehr Boten für Hingabe, Vertrautheit, Beschützen sind, wird daraus reine Sexualtechnik, ein Instrumentarium zur Erzielung sexueller Höhepunkte - aber auch das nur solange, man sich in der Illusion wiegt, daß die Zeichen etwas bedeuten.

Wechselt man den Partner, kann die Sensation des Neuentdeckens, können neue Zeichen die Leere übertünchen. Auf die Dauer befriedigt auch das jedoch nicht, wenn sich im vordergründigen Geschehen nicht die dahinterstehende unbedingte Liebe ausdrückt.

„Je mehr die Aufmerksamkeit vom Partner abgewendet und dem Sexualakt selbst zugewendet wird, umso mehr ist dieser auch schon gehandicapt”, stellt Frankl dazu fest.

Die Herauslösung der Sexualität aus dem Rahmen verbindlicher Beziehungen schadet letztlich der Sexualität selbst. So stellt ein Bericht von Jerome Abrams an den internationalen Gynäkologenkongreß 1974 in Tel Aviv aufgrund ärztlicher Erfahrungen folgendes fest: Immer mehr Frauen werden frigid oder haben Libidostörungen, weil sie nach zunächst ernsten Bindungen, die in Brüche gehen, von darauffolgenden wechselnden Partnerschaften enttäuscht sind. Andererseits wiederum steigt die Häufigkeit von Impotenzfällen bei jungen Männern, die sich allzu häufigen eindeutigen Avancen von Frauen gegenübersehen.

Untersuchungen von Hällstrom in Göteborg wiederum machen deutlich, daß häufiger Partnerwechsel Frauen selbstmordanfälliger macht und ihre sexuelle Erfüllung beeinträchtigt.

Diesen an sich logischen Konsequenzen der freizügigen Jugendsexualität geht die Untersuchung von Husslein jedoch nicht nach. Wohl stellt sie fest, daß „das Alter beim ersten Verkehr immer weiter nach vorne verlegt (wird)” und daß junge Leute „Geschlechtsverkehr auch bei Freundschaften verlangen, die nicht ausschließlich auf Ehe ausgerichtet sind”.

Welche persönlichen Schicksale jedoch hinter dieser Situation stehen, bleibt unbeantwortet. Wir erfahren hur die Reaktion auf die angenehmen Aspekte der ersten lustvollen Phase sexueller Begegnung.

Nur der weitere Weg, die nächsten Etappen könnten darüber Auskunft geben, ob sich die Moral an die Gegebenheiten anzupassen hat. Da schaut das Bild aber weniger rosig aus: neben den oben erwähnten sexuellen Störungen müßten außerdem noch die unehelichen Geburten (mehr als 20 Prozent in Österreich, mehr als 35 in Schweden), die aufgrund falscher Erwartungen in Brüche gegangenen Ehen (jede vierte in Osterreich), die Scheidungswaisen, usw... erwähnt werden.

Brauchen wir also eine neue, liberale Moral? Ich meine nein. Wir brauchen aber bessere Argumente, mehr positive Vorbilder unter den Erwachsenen, die es den jungen Menschen erleichtern, daran zu glauben, daß sexuelle Hingabe zum Wohl des Menschen nur im Raum bedingungsloser Liebe Erfüllung findet.

VOREHELICHE BEZIEHUNGEN. Von Adeline Husslein. Herder Verlag Wien 1982. 202 Seiten. öS 198,-.

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