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Gesellschaft

ES BRENNT im Pfarrhaus

1945 1960 1980 2000 2020
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Ein boshafter Witz zum Thema Klerus und Sex, in welchem es um den allgemein vermuteten Zölibatsbruch des Dorfpfarrers geht, den man dadurch überprüfen will, dass nächtens die Feuerwehr anrückt und der Pfarrer tatsächlich aus dem "falschen Schlafzimmerfenster", nämlich jenem seiner Haushälterin, herausschaut, findet seine Pointe in folgendem abschließenden Dialog: Pfarrer: "Wo brennt's denn Herr Feuerwehrhauptmann?" Darauf dieser: "Bei Ihnen, Herr Pfarrer!"

Zumindest beim höheren Klerus scheint das Thema Sexualität tatsächlich noch zu brennen. Nicht Soziales oder Umwelt, wie Laien wohl von Papst Franziskus erwartet hätten, wurde zum Thema der ersten großen Synode, sondern Ehe und Familie, zwei Schlagworte, hinter denen sich schon seit Gaudium et spes Aussagen und Normen zur katholischen Sexualmoral verbergen. Ja, es kursierten gar Fragebögen unter dem gläubigen Kirchenvolk zu verschiedenen Problembereichen. Wenn diese Befragung, wie überhaupt der Anspruch der Synode, ernst gemeint ist, muss man dem hohen Klerus zu seinem Mut zur brutalen Realitätskonfrontation aufrichtig gratulieren. Wer heute jenes Dokument liest, das wohlmeinenden Theologen und Theologinnen als progressiver Meilenstein gilt, eben die Artikel 47-52 aus dem Konzilsdokument Gaudium et spes aus dem Jahr 1965, kann nur nüchtern feststellen, dass dieses selbst für kirchenaffine junge Menschen der Generation 1980ff schlicht nicht mehr verständlich ist. Einleitend wird dort bereits vor den "Entartungen wilder Ehe, freier Liebe und um sich greifenden Ehescheidungen" gewarnt. Die verwirrte Reaktion einer Theologiestudentin auf die ironische Frage in einem Pausengespräch, ob sie denn etwa in "wilder Ehe" mit ihrem Freund lebe, fasst den Graben zusammen, der die gutgemeinte Ehelehre der katholischen Kirche von der Lebenswirklichkeit trennt: "Nein, wir sind schon lange zusammen" lautete die abschlägige Antwort zur unterstellten wilden Ehe und freien Liebe.

In wohl keinem Bereich haben sich die Gläubigen so sehr von der kirchlichen Lehre emanzipiert, man könnte auch sagen verabschiedet, wie in der Sexualmoral und nirgends ist der Pawlow'sche Reflex des Episkopates und des römischen Lehramtes derart ausgeprägt, wenn es um rechtliche Veränderungen, aber auch Äußerungen seiner eigenen Lehrenden geht wie in sexualibus. Dies alles, befeuert durch eine Medienwelt, in der das altbekannte Motto Sex sells nur noch durch Clerical sex sells zu toppen ist, führt zu einer Gemengelage, in welcher nicht wenige Theologen, aber auch einfache Priester, das Thema Sexualität tunlichst vermeiden und sich durch die wohlmeinenden Fragebögen und synodalen Ankündigungen in einem mühsam errungenen Stillhalteabkommen mit den Gläubigen ("Ich frage nichts und ihr auch nicht") arrangiert hatten. Und jetzt brennt es bei den Herren in den Ordinariaten und in Rom schon wieder.

Ideologische Konflikte seit Jahrzehnten

Die neu aufgeflammte Diskussion um zwischenmenschliche Beziehungen und ihr Verhältnis zur kirchlichen Lehre macht seit Jahrzehnten schwelende ideologische Konflikte offenbar, in denen es um Pastoralmacht und -ohnmacht, Weltordnung und -unordnung, Geschlechterrollenbilder, Sünde und Autonomie, ja um Anthropologie und Ekklesiologie überhaupt geht, und an deren Schnittstelle befindet sich ausgerechnet jener Bereich, den viele Menschen heute als den privatesten erachten: die Sexualität.

Ein anderer klerikaler Witz fasst zusammen, was mittlerweile von Pastoral-wie (progressiveren) Moraltheologen gleichermaßen konstatiert wird: Papst Paul VI. ruft seinen Kammerdiener, weil sein Papstthron zu wackeln scheint. Dieser bückt sich, hebt etwas auf und zeigt es seiner Heiligkeit: "Da haben wir es, eine Pille." Die Enzyklika Humanae vitae, veröffentlicht im geschichtsträchtigen Jahr 1968, markiert das Ende der kirchlichen Pastoralmacht nicht nur über die Schlafzimmer, sondern viel weiterreichend über die Gewissensbildung der Gläubigen. Hatten bis dahin sich die meisten Katholiken beiderlei Geschlechts redlich bemüht, den lehramtlichen Aussagen zur Ordnung des Geschlechtslebens zu folgen (oder zumindest so zu tun), so verweigerten auch treue Kirchgänger nach 1968 sukzessive den Gehorsam, wenn es um die künstliche Empfängnisverhütung ging, zunächst noch mit schlechtem Gewissen, bald aber in offenem Ungehorsam und ohne das Bedürfnis, sich in der Beichte rechtfertigen zu müssen. Ja, die Bespiegelung der Intimsphäre im Rahmen des Bußsakramentes, seit Jahrhunderten kirchliches Führungsinstrument, fand ihr Ende im Wegbleiben der Beichtkinder, die emotional und moralisch erwachsen geworden waren.

Die Pille entwickelte sich zum verdichteten Symbol für einen fundamentalen Umbruch der Geschlechterrollen und des gesellschaftlichen Verständnisses von Sexualität: Sex um der Lust willen, ohne die Angst vor der Konsequenz einer unerwünschten und gesellschaftlich geächteten Schwangerschaft, bisher Männern mit Geld und Macht vorbehalten, wurde demokratisch allen, insbesondere auch Frauen, zugänglich. Sexuelles Begehren und Handeln werden spätestens seit der Generation der 1970 Geborenen mit Lust, aber auch mit Beziehung und Liebe assoziiert, nicht mit Fortpflanzung. Was es in Folge schwierig macht, alternative Sexualitäten, sprich vor allem die auch in der Synode dann doch nicht wirklich behandelte Homosexualität, als so fundamental anders-und abartig zu sehen, wie es für Generationen davor auch in einem kirchenkritischen Milieu oft genug der Fall war.

Vollends in den Bereich bizarrer Exotica gerückt ist die aus lehramtlicher Sicht unabdingbare Verknüpfung von sakramental geschlossener Ehe und gelebter Sexualität. Dass wiederverheiratete Geschiedene von der Kommunion ausgeschlossen sind, weil sie in schwerer Sünde leben, ebenso wie alle anderen, die ohne kirchlichen Trauschein miteinander schlafen, ist eine Denkfigur, die für die meisten Katholiken nicht weniger abstrakt geworden ist als eine thomistische Fußnote zu den klassischen Gottesbeweisen. Den soeben ausgeführten Befund zur zeitgenössischen Wahrnehmung und Praxis werden wohl viele Kleriker bis zum Präfekten der Glaubenskongregation teilen. Die Frage ist, ob man darob Sodom und Gomorra angebrochen sieht oder vielleicht doch ernsthafte Anfragen an die kirchliche Lehre, ja gar an die christliche Anthropologie.

Sodom und Gomorra sind nicht ausgebrochen

Denn, um in dem biblischen Bild zu bleiben: Sodom und Gomorra sind eben nicht ausgebrochen. Im Gegenteil: Das dort verurteilte Verhalten des versuchten sexuellen Übergriffs auf schutzlose Fremde ist heute mehr denn je tabuisiert, wie generell sexuelle Gewalt zu den gesellschaftlich verpönten Verfehlungen gehört. Die von vielen Klerikern und konservativen Laien so sehr befürchtete Anarchie des totalen Libertinismus findet nicht statt, das berühmt-berüchtigte Motto der 68er "Wer zweimal mit dem gleichen pennt, gehört schon zum Establishment" blieb für die meisten ein revolutionäres Bonmot (und jene, die ihm nachkamen, gab es auch vor 1968 aus wenig ideellen Gründen) - ja, Wertestudien der letzten Jahre belegen, dass Liebe, Treue, Partnerschaft gerade bei jungen Menschen weit oben rangieren.

Der fundamentale Unterschied zur vermeintlich guten alten Zeit großer Pastoralmacht und zu den kirchlichen Idealvorstellungen liegt in der Begründung dieser Werte: Nicht mehr detaillierte Normen und Verbote, was mit wem zu welchem Zweck zu tun und zu lassen sei, oder eine in Gott begründete hierarchische Ordnung der Geschlechter stellen die Basis einer Liebesbeziehung dar, sondern gegenseitige Anerkennung, Diskurs und Aushandeln dessen, was in puncto Sexualität gefällt, kurz: nicht mehr Akt-, sondern Verhandlungsmoral.

Diese wiederum setzt mündige, selbstverantwortliche Individuen voraus, was Sex mit Unmündigen, Abhängigen ausschließt. Die hohe gesellschaftliche Sensibilität gegenüber dem Missbrauch von Kindern, aber auch die breite Ablehnung von sexueller Belästigung auf der Basis eines hierarchischen Verhältnisses ist die logische Folge dieser Wende. Nicht minder logisch ist die Möglichkeit des Scheiterns einer Beziehung, die nicht von Furcht und materieller oder gesellschaftlicher Abhängigkeit zusammengehalten wird, sondern vom freien Willen der Partner.

Eben diesem freien Willen misstrauten und misstrauen Theologen und insbesondere kirchliche Leitungsinstanzen seit Augustinus zutiefst. Die zahlreichen Normen und Normierungen kirchlicher Sexualmoral, ein schmaler, hoch umzäunter Korridor, innerhalb dessen sich menschliches Begehren zu bewegen habe, seien doch nur zu seinem Besten, wurde und wird argumentiert, sie garantierten Stabilität, moralische GewissheitundminimiertendieGefahrderdiesund jenseitigen Verdammnis.

Diskurs zur Sexualität ist nur zu begrüßen

Noch Humanae vitae argumentiert das Pillenverbot mit dem Schutz der Frau vor den unkontrollierbaren Begierden des Mannes, der, wäre die Angst vor ungewollter Schwangerschaft weg, sofort über sie herfallen würde.(Das Männerbild der Verfasser dieser Enzyklika kommentiert frau hier besser nicht.) Eine christliche Anthropologie, die den Menschen zumindest so ernst nimmt, wie Gott in Genesis 3, kann aber eigentlich den gegenwärtigen Diskurs zur Sexualität nur begrüßen: Selten waren die Würde und die Freiheit des Menschen jedweden Alters und Geschlechts so unverbrüchliche Voraussetzung für gesellschaftlich akzeptierte Sexualität, selten waren wir so nahe an der Intentionsethik der Evangelien. Die Sünde in sexualibus gibt es sehr wohl noch, sie liegt aber nicht mehr in der Übertretung einer vorgegebenen hierarchischen Ordnung, sondern in der willentlichen und bewussten Verletzung des Gegenübers. Und endlich erwarten die Menschen von der Kirche das, was sie ihnen seit Jahrhunderten predigt: Die Möglichkeit der Vergebung und des Neuanfangs -auch nach dem Scheitern von Beziehungen.

Es brennt tatsächlich im römischen Pfarrhaus. Hoffentlich lässt der Pfarrer die Fenster noch lange offen, damit der Geist der Gegenwart das Feuer am Brennen halten kann.

Die Autorin ist Prof. für Religionswissenschaft an der Kath.-Theol. Fakultät Graz