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Heiligkeit menschlicher Liebe!

Ich weiß alles, was man da sagen kann. Ich kenne die Probleme von so vielen christlichen Familien. Ich kenne die große Idee, die sie von der christlichen Liebe und Ehe haben. Ich kenne auch ihren Wunsch, so viele Kinder zu haben, als sie aufziehen können. Ich weiß auch, daß, wenn sie die Kinderzahl beschränken, sie es nur tun, um ihre Sendung besser mit der Lehre der Kirche in Einklang zu bringen. Ich weiß, daß es gerade bei ihnen der Fall sein wird, daß die Enzyklika „Humanae vitae“ schwierige Gewis- serusfälle bereiten wind.

Nichtsdestoweniger fühle ich — und viele andere fühlten es ebenso, ohne zu wagen, es auszusprechen — wie sehr Paul VI. recht hatte, so zu sprechen, wie er es getan hat. Ja, was auf dem Spiele stand, war schließlich von unermeßlicher Bedeutung. Um Liebe und Ehre war eine der größten Schlachten unserer

Zeit im Gange. Alle Teufel waren losgelassen mit ihren Scheingründen. Es war die Verschwörung der Technokraten und der Libertiner. Die einen wollten auch auf das Gebiet der Familie ihre Universalplani- fikation ausdehnen. Die anderen sahen in der sexuellen Freiheit eine von den Grundformen, die errungen werden müssen. Der dunkle Einfluß der Psychoanalyse wollte weis- machen, Keuschheit sei ein Mythos und sexuelle Perversion gebe es überall.

Um all diesen Kräften zu begegnen, um diesen Strom aufzuhalten, brauchte es einen außerordentlichen Mut. Und wir werden Paul VI. niemals genug dankbar sein können, weil er entgegen allen Meinungen und gegen alle Meinungen und sogar gegen gewisse Theologen die Partei des Menschen gegen sich selbst ergriffen hat.

Mut zur Wahrheit

Was auf dem Spiel stand, ist viel ernster, als im ersten Augenblick sichtbar war. Vordergründig waren die rechtmäßigen Mittel der Geburtenregelung von den abzulehnenden antikonzeptionellen Praktiken zu unterscheiden. Aber eine solche praktische Frage umfaßt die ganze Frage nach dem Menschen.

Es handelt sich — vor allem — um die innere Bezogenheit von Geschlechtlichkeit und Weitergabe des Lebens. Gewiß, nicht jeder Geschlechtsakt schließt Fruchtbarkeit ein. In der Emanzipation dieses physiologischen Aktes von der Fruchtbarkeit liegt eine ungeheure Drohung. Ob man das nun wollte

oder nicht, die Zulassung dieser antikonzeptionellen Praxis sanktionierte diese Emanzipation. Sicher, man konnte auch aus rechtmäßigen Gründen antikonzeptionelle Praktiken verwenden. Sie konnten sogar im Einklang zu stehen scheinen mit den höheren Ehezwecken. Das konnte aber nicht hindern, daß in sich selbst solche Praktiken nicht in genügender Weise die menschliche Geschlechtlichkeit ihrem Sinn nach

zeigen, sondern gerade das Gegenteil davon. Und das reicht eben nicht für einen wirklichen Begriff von der menschlichen Natur. Gerade die moderne Anthropologie sagt uns, daß die menschliche Person nicht getrennt werden kann von ihrem körperlichen Ausdruck.

Gegen die Technokratie

Wer sieht nicht, daß hier der Grund des ganzen Problems an einem wesentlichen Punkt berührt wird? Die Frage ist tatsächlich, ob der Mensch über sich selbst disponieren kann, willkürlich, nach einem Plan, den er sich selbst auferlegt hat, ohne sich auf eine objektive Ordnung zu beziehen, oder ob es einen Sinn gibt, der der Wirklichkeit selbst eingeschrieben ist, in einer Weise, die der Mensch nicht verwirklichen kann, wenn er sich nicht dieser den Dingen innewohnenden Ordnung unterwirft. Es kommt wenig darauf an, ob diese objektive Norm nun Natur oder Gesetz genannt wird. Sie nimmt auf jeden Fall ihren Wert aus der Tatsache, daß sie Ausdruck göttlichen Planes ist. Es 1st die innere Notwendigkeit, mit dem Willen Gottes in Einklang zu stehen, der von Grund auf den Dingen ihren Sinn gibt. Leider ist für viele Moderne jede objektive Moral nur Unterdrückung oder Verfremdung. Und doch ist sie im Gegenteil Bedingung für die wahre Freiheit.

Die Lehne Pauls VI. hat uns übri

gens den heiligen Charakter der menschlichen Liebe verständlich gemacht in einem Zeitpunkt, zu dem, wie in vielen Dingen, die Zivilisation dazu drängt, alles zu entsakraliisieren und seines Geheimnischarakters zu entkleiden. Die Enzyklika behauptet feierlich, daß die Technik keine souveränen Rechte hat und daß es eine Schwelle gibt, die auch für sie eine Grenze darstellt.

Die Enzyklika stellt so die Revolte dar gegen die Technokratie.

Aber diese Revolte drückt sich nicht nach dem Typ der Studentenrevolten in der Anarchie des Instinkts oder der Phantasie aus, wie im Falle Marcuse, sondern unter dem Gesichtspunkt des Menschen in seinen Tiefen. Hier ergibt sich ein Anschluß an die Erwartungen der

jährigen Christen, die wieder einmal christliche um eine Haltestelle zu spät dran stod.

Es geht um eine grundsätzliche Begegnung. Entweder nimmt man grundsätzlich die These an, die Geschlechtlichkeit sei nur ein einfaches Produkt der Konsumgesellschaft, deren Gebrauch bloß rationell organisiert sein müßte; oder man denkt, daß die Liebe immer eine Begegnung Gottes mit den Menschen

ist, daß sie grundsätzlich der Punkt ist, an dem sich das Heilige der menschlichen Existenz mititeilt; daß sie zu einem wesentlichen Teil dem Geheimnis angehönt; und daß sie schließlich jedem menschlichen Versuch willkürlicher Einflußnahme sich entwindet. Mit anderen Worten: Sie ist ein Sakrament! Diese Heiligkeit menschlicher Liebe muß die Kirche bis zu ihrem Grund verteidigen. Und sie wird sie verteidigen, weil sie auf diese Art die Werte des Menschen verteidigt. Die Frage der Geburtenregelung ist nicht die einzige, hinsichtlich der die Kirche auf diesem Gebiet den Ansprüchen des Säkularismus begegnet. Sie' ist ebenso intransigent, wenn sie die Scheidung verurteilt und die Unauflöslichkeit der Ehe verteidigt.

Der Zorn der Welt

Sie weiß, daß sie auch hier dramatische Situationen verursacht. Hier könnte sie Anhänger gewinnen,

wenn sie Konzessionen machte den Bräuchen gegenüber, die nun fest zu werden beginnen. Aber eine Kirche, die sich so in ihrer Sittenlehre degradiert, verlöre auch ebenso an Wert wie eine ihrer Glaubenssätze entleerte Kirche, die ja tatsächlich einige haben wollen.

Die gewaltigen Erschütterungen, die die Enzyklika hervorgerufen hat, zeugen dafür, wie weit sie tatsächlich einen wesentlichen Punkt berührt hat. Sie hat die Wut aller entfesselt, die unter dem Vorwand der Versöhnung der Kirche mit der Welt die Kirche der Welt angleichen wollten. Alle „Slogans“ haben sich bei dieser Gelegenheit wieder vereinigt: von der Geringachtung des Leibes in der Kirche, von nachkonziliarem Integralismus, wie auch vom ängstlichen Charakter Pauls VI. Der aufwieglerische Charakter dieser Argu-

und nichtchristliche Familien auf dem Wege bestärkt, den ihnen der Instinkt ihrer Liebe gewiesen hat, im selben Moment, da Sophismen und Zwang begonnen haben, ihn zu erschüttern. Allen denen, die sich mit den Problemen beschäftigen, die die Bevölkerungsentwicklung aufwirft, bietet die Enzyklika ein hauptsächliches Element, das bei der Vorlage einer Lösung berücksichtigt werden muß.

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