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Kann Liebe Sünde sein?

1945 1960 1980 2000 2020

Früher einmal schien die Kirche in der Frage der Sexualität „alles verboten” zu haben. Heute denken auch Moraltheologen differenzierter über dieses Thema - aber heute hören die meisten Jugendlichen überhaupt nicht mehr auf die Stimme der Kirche in dieser Frage. Ein Thema, an dem man nicht vorübergehen kann. Wilhelm Graß, Jahrgang 1916, Stadtpfarrer in Eisenstadt und Geistlicher Assistent des Katholischen Bildungswerkes, hat ein Buch geschrieben, das als „Information in wichtigen Lebensfragen” gedacht ist: „Glaubensprobleme, neugesehen” (Styria-Verlag, öS 178,-). A us ihm stammt der nebenstehende Kapitelauszug.

1945 1960 1980 2000 2020

Früher einmal schien die Kirche in der Frage der Sexualität „alles verboten” zu haben. Heute denken auch Moraltheologen differenzierter über dieses Thema - aber heute hören die meisten Jugendlichen überhaupt nicht mehr auf die Stimme der Kirche in dieser Frage. Ein Thema, an dem man nicht vorübergehen kann. Wilhelm Graß, Jahrgang 1916, Stadtpfarrer in Eisenstadt und Geistlicher Assistent des Katholischen Bildungswerkes, hat ein Buch geschrieben, das als „Information in wichtigen Lebensfragen” gedacht ist: „Glaubensprobleme, neugesehen” (Styria-Verlag, öS 178,-). A us ihm stammt der nebenstehende Kapitelauszug.

In diesen Darlegungen geht es nicht um das ganze, vielschichtige Sexualverhalten junger Menschen, sondern vor allem um die Intimbeziehungen vor der Ehe. Dabei darf freilich nicht übersehen werden, daß man einen Teil des Sexualverhaltens nicht einfach vom Gesamtverhalten trennen kann. Es kann sich also nur um eine gewisse Schwerpunktsetzung handeln.

Seit etwa 15 oder 20 Jahren hat sich im Bereich der Jugendsexualität ein starker Liberalisierungsprozeß vollzogen, der noch nicht abgeschlossen zu sein scheint. In dieser Zeit sind die vorehelichen intimen Sexualbeziehungen stark angestiegen. Es ist schon fast so, daß voreheliche Intimbeziehungen weithin als selbstverständlich gelten und zumeist auch toleriert werden.

Dies gilt nicht nur von den jungen Menschen selbst, sondern auch von der Erwachsenengeneration. Immer mehr wird es schon zu einer Selbstverständlichkeit, daß Burschen und Mädchen miteinander Urlaub machen. Es gibt bereits Eltern, die jungen

Menschen in ihrer eigenen Wohnung Gelegenheit zum Intimverhalten geben. Was soll man zu dieser Entwicklung sagen? Schweigen und sie einfach zur Kenntnis nehmen? Was sagt die Kirche dazu? Gilt ihr Wort überhaupt noch etwas? Es handelt sich hier um ein Problem, das man nicht einfach übergehen sollte.

Was das Problem von Religiosität und Sexualverhalten anbelangt, so ist eine Antwort darauf nicht leicht zu geben, da die Religiosität auf das Sexual-verhalten früher einen wesentlich größeren Einfluß ausübte als heute. Die kirchliche Bindung wirkte sich durch eine weniger freizügige Einstellung im sexuellen Bereich aus.

Heute scheint es so zu sein, daß im allgemeinen die orthodoxe kirchliche Lehrmeinung auch Tür „religiös Uberzeugte” im Hinblick auf die Einstellung zum vorehelichen Geschlechtsverkehr nur noch eine verhältnismäßig geringe Bedeutung besitzt. Diesbezüglich dürfte es unter den Jugendlichen keine allzu großen Unterschiede geben, was nicht heißen soll, daß es nicht auch Jugendliche ohne intime Sexualerfahrung gibt.

Die Gegenwart muß auch die Last der Vergangenheit tragen. Dies gilt auch von der katholischen Kirche im Hinblick auf ihre Haltung dem Leib und der Sexualität gegenüber.

Die Auffassungen des hl. Augustinus zu Fragen der Sexualität waren für die Haltung der Kirche im Laufe der Geschichte von großer Bedeutung. Augustinus war vom neuplatonischen und stoischen Denken stark beeinflußt. Sein ganzes Denken war von einer Abwertung des Körpers und der Sexualität, vom Manichäismus mit seiner Geschlechts- und Leibfeindlichkeit geprägt. Die Lust betrachtete er als ein Übel.

Die mittelalterlichen Theologen, besonders Thomas von Aquin, bauten die Lehre des hl. Augustinus weiter aus. Geschlechtliche Beziehungen in der Ehe galten nur dann als erlaubt, wenn die Zeugung eines Kindes beabsichtigt wurde. Fortpflanzung galt als einziger Sinngehalt der Ehe.

Das Mittelalter war auch von einer Abwertung der Frau gekennzeichnet. Thomas von Aquin meinte, die Frau sei geschaffen, um dem Manne zu helfen, aber einzig und allein bei der Zeugung. Der Mann brauche die Frau also nur zur Fortpflanzung.

Der Fortpflanzungsaspekt spielte Jahrhunderte hindurch die zentrale Rolle. Der Aspekt der gegenseitigen Liebe und geistigen Bereicherung wurde kaum beachtet. „Sittlichkeit” wurde als sexuelle Sittlichkeit verstanden, als ob sich darin das ganze Sittengesetz erschöpfe und etwa Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit nicht zum Sittengesetz gehörten.

Übertretungen des 6. Gebotes galten lange Zeit als die schwerste Sünde, daß die Liebe das größte Gebot ist und die Sünden gegen die Liebe zu den größten Sünden gehören, hatte man scheinbar übersehen.

Papst Alexander VII. bestimmte im 17. Jahrhundert, daß alle freigewollten

Sünden gegen das 6. Gebot Todsünden seien und daß es im 6. Gebot keinen geringfügigen Gegenstand (keine „parvi-tas materiae”) gäbe. Nach dem bekannten Moraltheologen Jone ist jede direkt gewollte Sexuallust außerhalb der Ehe als schwere Sünde anzusehen.

Wenn man an die hier angedeuteten Ansichten und Forderungen denkt, ist es verständlich, daß sich vor allem junge Menschen mit solchen Forderungen nicht mehr identifizieren. Sie lehnen die Kirche als zuständige Autorität in den Fragen der Sexualität zumeist ab.

Während früher im 6. Gebot fast nur von schwerer Sünde die Rede war, scheint es heute in diesem Bereich bei vielen Menschen überhaupt keine Sünde mehr zu geben. Das Pendel schlägt also wieder in das Gegenteil aus. Man darf aber auch nicht übersehen, daß heute in der Kirche im Hin-

„Man sollte das ganze Problem nicht in erster Linie und ausschließlich von der Sünde her sehen.” blick auf die Sexualmoral Entwicklungen im Gange sind, die all diese Fragen in einem anderen Licht sehen, als dies in früheren Zeiten der Fall war.

Der junge Mensch, der die Geschlechtsreife bereits erlangt hat, findet zumeist noch keinen andersgeschlechtlichen Partner und versucht sehr oft durch Selbstbefriedigung einen Ersatz Tür die Beziehung zu einem Du. Es besteht die Gefahr, daß der junge Mensch durch eine übertrieben häufige Selbstbefriedigung sich auf seinen Leib und seine Lust fixiert, daß seine partnerschaftliche Liebesfähigkeit umfunktioniert wird.

Dieser Gefahr der Fixierung auf sich selbst (Narzißmus) muß rechtzeitig begegnet werden, zu dem ein zu junger Mensch ja gar nicht reif ist. Ohne eine gewisse Selbstbeherrschung und Uberwindung läßt sich das in Frage stehende Problem nicht lösen.

Freundschaftliche Beziehungen sollen im Hinblick auf die Einübung der personalen Begegnung gesehen werden. Koedukation, gemeinsame Veranstaltungen wie Parties u. a. tragen dazu bei, die Polarität zwischen den Geschlechtern abzubauen, und schaffen die Möglichkeit der Entfaltung und Selbstbestätigung.

Trotz aller Gefahren, die solche Begegnungen auch mit sich bringen können, darf ihr positiver Sinn nicht übersehen werden. Eine völlige Isolierung und gegenseitige Abschirmung junger Menschen kann dann plötzlich zu ganz unerwarteten, explosionsartigen Ausbrüchen führen.

Intime Begegnungen sind in diesem Alter jedenfalls abzulehnen, nicht aber Begegnungen in Gemeinschaften, die ein unbefangenes Miteinander, Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme ermöglichen.

Eine sachgemäße Vermittlung der notwendigen Kenntnisse im Sexualbereich ist unbedingt notwendig. Junge Menschen wissen oft viel weniger, als man allgemein annimmt. Elternhaus und Schule hätten hier eine besondere Aufgabe zu erfüllen, ebenso die kirchliche Jugendarbeit. Geschlechtliche Erziehung darf jedoch nicht wertfrei sein. Sexuelle Betätigung darf nicht als wertneutral angesehen werden.

Man sollte das ganze Problem nicht in erster Linie und ausschließlich von der Sünde her sehen. Zuerst wäre es notwendig, den positiven Sinn und die Bedeutung der Sexualität für das menschliche Leben und die Gesellschaft aufzuzeigen.

Die öffentliche Meinung ist ja fast so, daß die Kirche nur dagegen sei. Sie vergönne den Menschen nicht ihre Freude und ihr Glück. Zuerst muß gleichsam wieder eine Gesprächsbasis gefunden werden. Die Ergebnisse der heutigen Anthropologie und die Darlegungen von Moraltheologen wie Häring, Grün-del und Böckle werden dabei sicher eine wertvolle Hilfe sein.

Die Sexualität muß in einem neuen Licht gesehen werden. Sie stellt ja nicht nur eine Gefährdung für den Menschen dar, sondern eine große Chance zu einer echten Lebenserfüllung und zum wahren Glück. Wenn die Kirche diesen Aspekt deutlich zum Ausdruck bringt, kann sie auch eher zu den Gefährdungen und Fehlentwicklungen etwas sagen. Ihr Wort wird dann wieder ernster genommen werden.

Es ist nicht leicht, im gegenwärtigen Zeitpunkt einen Katalog aufzustellen und festzulegen, wo im Sexualbereich eine schwere, eine läßliche oder keine Sünde vorliegt. Vielleicht wäre es sinnvoller, Zielvorstellungen aufzuzeigen und wesentliche Richtlinien anzugeben.

Feste Beziehungen zwischen den Geschlechtern sollen nicht schon mit 14 oder 15 Jahren aufgenommen werden. Es fehlt da noch die Reife zur Liebe und zur Bindung. „Möglichst lange warten”, das sollte die Parole sein.

Selbstbeherrschung ist sehr sinnvoll. Wann sollte man es lernen, wenn nicht in der Jugend? Sie ist auch in der Ehe notwendig. Jungen Menschen soll der Sinn für die Enthaltsamkeit erschlossen werden. Es gilt, entsprechende Motive hierfür geltend zu machen.

Der Ruf zur Selbstbeherrschung und Enthaltsamkeit richtet sich nicht nur an die 14- und 15jährigen, sondern auch an die älteren Jugendlichen. Man sollte ihn wieder deutlicher erheben. Geschlechtsbeziehungen ohne Liebe sind auf jeden Fall abzulehnen.

Beziehungen zu einem Partner sollten ernst genommen und nicht als Spielerei betrachtet werden. Eine Ehe dürfte zumindest nicht von vornherein direkt ausgeschlossen werden. Sollte aber feststehen, daß eine Ehe mit einem Partner nie in Frage kommt, wäre es nicht zu verantworten, ein Verhältnis mit ihm zu beginnen.

Grundsätzlich ist wohl daran festzuhalten, daß die geschlechtliche Ganzhingabe den Raum der Ehe voraussetzt. „Gerade ein umfassendes personales Verständnis der Geschlechtlichkeit vermag zu zeigen, daß die geschlechtliche Liebeshingabe in voller Sinnerfüllung den Raum einer gesicherten ehelichen Bindung verlangt.

Geht man von der Überzeugung aus, der Geschlechtsakt sei in seinem erfüllten anthropologischen Sinn das umfassende Zeichen der gegenseitigen und vollen Hingabe der ganzen Person, dann muß die Person auch mit ihrer Erkenntnis und ihrem Willen dahinterstehen, sonst wissen wir nicht, was denn das Gerede von der ganzen Person noch an sich haben soll. Solche Liebe fordert Totalität: sie will den Geliebten ganz und für immer” (Böckle, „Ehe in Diskussion,” S. 266).

Außereheliche Geschlechtsgemein-

„Grundsätzlich ist wohl daran festzuhalten, daß die geschlechtliche Ganzhingabe den Raum der Ehe voraussetzt.” schaft kann nicht einfachhin als berechtigt angesehen werden. Böckle meint, dies bedeute noch nicht, daß die Ganzhingabe in jedem Fall schon ein schweres Unrecht darstellt („Geschlechtliche Beziehungen”, S. 33).

Auf dem Weg zur Ehe, während einer ernsthaften Bekanntschaft wird es wohl andere erotisch-geschlechtlich bestimmte Zeichen und Erweise der Liebe geben (z. B. Zärtlichkeiten verschiedener Art). Sie sollten der Prüfung der rechten Liebe, der Selbstbeherrschung und so auch der Vorbereitung auf die Ehe dienen.

Im einzelnen Fall wird sich jedoch eine differenzierte Beurteilung im Hinblick auf eine geschlechtliche Begegnung als notwendig erweisen. Die geschlechtliche Hingabe Verlobter Partner, die in einer ganzheitlich-personalen Beziehung zueinander stehen, wird anders zu bewerten sein als in jenen Fällen, wo kaum echte Bindungen da sind und der Partner häufig gewechselt wird...

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