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Scheidung als letzte Konsequenz

1945 1960 1980 2000 2020

In vielen Ehen scheint heute eine grundsätzliche Dimension von Liebe und Freundschaft zu fehlen, der wir in der Bibel immer wieder begegnen: die der ganz persönlichen Annahme des anderen.

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In vielen Ehen scheint heute eine grundsätzliche Dimension von Liebe und Freundschaft zu fehlen, der wir in der Bibel immer wieder begegnen: die der ganz persönlichen Annahme des anderen.

Die Beziehungsfähigkeit vieler ist durch das Konsum-Denken eingeschränkt. Man liebt den anderen aufgrund seiner Eigenschaften beziehungsweise seiner Rolle, die er spielt; aber man liebt ihn nicht in seiner ganz persönlichen Einmaligkeit. Den anderen lieben sollte heißen: du bist mir aufgrund meiner Erfahrungen mit dir so vertraut geworden, daß ich behaupten kann, du seist ein Stück meiner selbst; du gehörst zu mir, zu meinem Leben. Die Eigenschaften mögen dazu beigetragen haben, daß du mir so vertraut wurdest, doch ich liebe nicht sie, sondern dich. Meine Liebe ist nicht der notwendige Preis, den ich eben zahlen muß, um deine von mir geschätzten Eigenschaften besitzen zu können, sondern sie ist jene unberechenbare Hingabe, die in erster Linie dein — und nicht mein - Leben bereichern soll.

Besonders im Alten Testament wird diese ganz persönliche Hinwendung Gottes zu uns Menschen in eindrucksvollen Bildern beschrieben. Einer der schönsten Texte steht im Buch Jesaja. Hier klagt die Bevölkerung Jerusalems

angesichts des babylonischen Exils: „Der Herr hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen.“ Darauf antwortet Jahwe: „Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht. Sieh her: ich habe dich eingezeichnet in meine Hände“ (Jes 49,14-16). Was hier von Jerusalem gesagt wird, gilt für die Annahme jedes Menschen durch Gott: er kann mich gar nicht vergessen, weil ich so unwiderruflich zu ihm gehöre wie ein Kind zu seiner Mutter. Den anderen lieben, ihn (sie) als Ehepartner und Freund annehmen, bedeutet: ihn (sie) zu einem Stück des eigenen Selbst werden zu lassen.

In der jüdischen Bibel wird häufig die Beziehung Jahwes zu seinem Volk Israel in dem Bild von Braut und Bräutigam ausgedrückt. Die Ehe wurde so zum Idealbild der Liebe Gottes zu den Menschen. In dieser durch und durch personalen Sicht der Ehe lebte auch Jesus. Für ihn gehören Mann und Frau so un trennbar zusammen, daß die ursprünglichste Form seiner Aussage über die Ehescheidung wohl lautete: „Jeder, der seine Frau entläßt, liefert sie dem Ehebruch aus“ (vergleiche Mt 5,32). Dementsprechend erklärt auch Paulus als Gebot Jesu: „Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen … und der Mann darf die Frau nicht verstoßen“ (1 Kor 7,1 Of)- Jesus dürfte zunächst nicht einmal die Trennung akzeptiert haben. In einer Zeit der auch unter Christen immer zahlreicher werdenden Ehescheidungen muß angesichts dieses Befundes gefragt werden, wie die in der Ehe Gescheiterten vor dem Anspruch Jesu bestehen können.

Eine erste Konsequenz müssen wir freilich aus der Vorgabe Jesu ziehen: das Zerbrechen einer bewußt und freiwillig eingegangenen christlichen Ehe ist immer schuldhaft. Es liegt zwar nicht an uns, darüber zu richten oder die Anteile der Schuld den einzelnen Partnern zuzumessen; doch wir sollten uns gegen eine Verharmlosung der Scheidung wehren. Diese scheint dann gegeben, wenn man vom (schuldfreien) Auseinanderleben in der Ehe spricht. Aus dem persönlichen Umgang mit gescheiterten Beziehungen bin ich davon überzeugt, daß nicht immer beide gleichermaßen Schuld tragen. Es gibt Ehen, aus denen nur einer ganz brutal und einseitig aussteigt.

KEIN KORSETT FÜR ENTLASSENE

Trotz der radikalen Sicht Jesu und der daraus sich ergebenden Schuldhaftigkeit der Trennung darf allerdings nicht übersehen werden, daß sich Jesus andererseits gerade um die Sünder gekümmert hat und ihnen - die innere und äußere Umkehr vorausgesetzt — auch immer wieder eine neue Chance eingeräumt hat.

Kehren wir nochmals zu den Aus sagen Jesu zu Ehe und Ehescheidung zurück: zu den entsprechenden Passagen der Bergpredigt (Mt 5, 27- 32) und dem Streitgespräch mit den Pharisäern über die Erlaubtheit der Entlassung der Frau durch den Ehemann (Mk 10,1-12). Bei der Diskussion über die Bedeutung dieser Texte für die Ehe heute scheint weithin die begrenzte angesprochene Zielgruppe, an die sich diese Weisungen richten und mit der sie sich auseinandersetzen, übersehen zu werden. Jesus wendet sich nämlich immer gegen diejenigen, die den anderen entlassen (nach jüdischer Tradition konnten dies nur die Männer). Seine Aussagen richten sich gegen diejenigen, die nur halbherzig eine Ehe eingehen und/oder diese Gemeinschaft ebenso weiterführen. Er möchte ihnen jede Hintertür versperren, die einer dauerhaften ganzheitlichen Hingabe abträglich ist. Es ist jedoch mehr als fraglich, ob Jesus mit seinen Worten für jene ein Korsett schaffen wollte, deren Partner sich zunächst innerlich und dann auch nach außen hin aus der versprochenen Beziehung davongemacht hat.

Die biblischen Schriftsteller haben das Scheidungsverbot Jesu offensichtlich nicht als eisernes Gesetz verstanden, das für jeden und jede beliebige Situation gleichermaßen gilt. Sonst hätte Matthäus sich nicht die Freiheit nehmen und dem Scheidungsverbot eine Ausnahme hinzufügen können: daß nämlich die Scheidung im Falle der Unzucht sehr wohl gerechtfertigt sei (vergleiche Mt 5,32; 19,9). Paulus erlaubt die Trennung (und wahrscheinlich auch die Wiederheirat), wenn ein Christ einen ungläubigen Partner hat und dieser sich von ihm trennen möchte (1 Kor 7,15).

Für heute stellt sich die Frage, ob in den Gemeinden im Hinblick auf eine Wiederheirat nicht ein deutlicherer Unterschied zwischen denen, die nichts oder zu wenig in ihre Freundschaft investiert haben, die das Gespräch einseitig abgebrochen haben, die sich nicht mehr hinterfragen lassen und jenen, die trotz ehrlichen Bemühens ihrerseits von einem Menschen enttäuscht wurden, gemacht werden sollte. Es wäre viel damit erreicht, würde man sich vermehrt dessen bewußt, daß nicht alle, deren Ehe zerbrochen ist und die nochmals geheiratet haben, über einen Kamm zu scheren sind. Nicht nur bei der verwehrten Zulassung zu den Sakramenten, sondern auch durch dienstrechtliche Benachtei- lungen kirchlicher Arbeitnehmer bei Wiederheirat wird manche unnötige Verletzung den ohnedies schon schwer Getroffenen zugefügt.

Es gibt auch biblische Texte, in denen Gott einen Schlußstrich unter die Beziehung zu Menschengruppen zieht. Im Buch Exodus sagt Gott: „Den, der gegen mich gesündigt hat, streiche ich aus meinem Buch“ (Ex 32,33). Wenn es also auch ein endgültiges Nein Gottes trotz aller Geduld gibt, darf nicht auch ein Ehepartner, für den der andere trotz seines wiederholten Bemühens nicht mehr hinterfragbar ist, daraus seine Konsequenzen ziehen?

Aus den frühchristlichen Schriften könnte auch dem heutigen Trend entgegengewirkt werden, sich in Ehe und Familie in die eigenen vier Wände zurückzuziehen. Lukas und Paulus etwa schildern die christlichen Familien als offene Gemeinschaften: ihre Häuser waren die ersten Versammlungsstätten der Gemeinden (vergleiche Apg 12,12; 1 Kor 16,3- 5 und andere). In der nachpaulini- schen Tradition ist die Familie Modell und Vorbild für das kirchliche Leben: die Kirche wird als Familie Gottes beschrieben (1 Tim 3,15). Es wäre wünschenswert, könnte die Kirche durch intakte Ehen und Familien bereichert werden und andererseits die Ehen durch den Halt in der umfassenden Gemeinschaft größere Festigkeit gewinnen.

Der Autorist

Pfarrer in Wien (Am Schöpfwerk).

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