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Volk Gottes auf Wanderschaft

Im Lichte der vergleichenden Religionswissenschaften präsentiert sich „Familie" als naturgegebene Lebens* gemeinschart von Vater, Mutter und Kindern. Als elementarste Einheit in den Sozial-, Wirtschafts-, Fortpflan-zungs- und Erziehungsbereichen bildet sie die Grundzelle der menschlichen Gesellschaft.

Familie als Institution wird auch Tür die ältesten prähistorischen Epochen angenommen, da ohne ihren Zusammenklang der Fortbestand der Menschheit undenkbar wäre.

Die sogenannte „evolutionistische Theorie" von einem uranfanglichen ehe- und familienlosen Stadium mit regelloser Geschlechtsverbindung (Promiskuität), aus dem etwa später die Familie hervorgegangen wäre, ist endgültig ausgeschlossen, weil widerlegt worden.

Ethnologisch gesehen, wird die Struktur der Familie zunächst von der Eheform geprägt. Die monogame Familie hat die weiteste Verbreitung und ist an keine bestimmte Kulturform gebunden. ..

Die Familie ist die kleinste soziale Einheit in Israel, aus der sich die größeren, „Geschlecht" und „Stamm", aufbauen. Sie vereinigt als „Vaterhaus" alle, die von einem Ahnherrn abstammen, in einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl. Ihre bürgerlichen und rechtlichen Angelegenheiten nimmt sie selbst in die Hand und vertritt sie notfalls mit äußeren Machtmitteln.

überdies ist sie Kultgemeinschaft: die priesterlichen Funktionen übt der Vater aus. Daher wird es begreiflich, daß sie bemüht ist, durch Heiraten mit anderen Familien an Einfluß zu gewinnen, sich anderseits aber, um die eigenen Traditionen rein zu erhalten, gegen fremde Frauen („Töchter Kanaans") abweisend verhält. Die gegenteilige Praxis bleibt Ausnahme...

Die Familie ist im Judentum der Grundpfeiler der sittlichen Weltordnung. Das Familienleben wurde stets heilig gehalten; auf seiner Innigkeit beruhte zu nicht geringem Teil die Anziehungskraft jüdischer Spiritualität.

Neben der Hochschätzung der Frau steht die Sorge für die geistige und körperliche Erziehung der Kinder, Tür deren Wohl die Eltern verantwortlich sind. Elternautorität findet ihre Schranken in den Geboten der Religion und Sittlichkeit.

Von den Kindern wird anderseits Ge-. horsam und Dankbarkeit gefordert, aber ebenfalls nur in den Grenzen des sittlich Erlaubten. Mangel an Ehrerbietung und Elternmißhandlung gelten als todeswürdige Verbrechen.

Die Hebräische Bibel beginnt mit der Urgeschichte der Menschheit als einer Familienchronik: Es geht um Adam, seine Frau Eva und ihre ersten beiden Söhne Kain und Abel, mit denen die Sünde, die Entzweiung und der Brudermord in die Welt kamen. Die Bibel lehrt uns, daß jeder Mord ein Mord am Menschenbruder ist.

Nach dem Scheitern der ersten Menschheit, als Gott die Erde mit der Sintflut überschwemmen ließ, beginnt diezweite Menschheit wiederum mit einer Familie: Noah, seine Frau und deren drei Söhne, Sem, Harn und Japhet, die als die Begründer der heutigen Weltbevölkerung gelten.

Kein Wunder also, daß die Propheten dann von der messianischen Endzeit als der Wiedervereinigung der zerklüfteten, gespalteten Menschheit sprechen, und zwar im Rahmen einer einträchtigen Völkerfamilie, die gemeinsam, wie einst vor dem Sündenfall, dem Einen Vater-Gott dienen soll.

Doch nicht nur das Alpha und das Omega der Weltgeschichte wird auf Hebräisch im Bildnis der Familie geschildert; auch das Volk Israel hat seine Keimzelle in der Familie des Erzvaters Abraham, seiner Frau Sarah und ihrem Sohn Isaak.

Da alle Israeliten sich seit jeher als Söhne Abrahams verstehen, spricht die Bibel vom „Hause Israel", was in der Sprache der Patriarchen nichts anderes besagen will, als daß ganz Israel sich als eine Groß-Familie betrachtet - einschließlich ihrer „verlorenen Schafe", zu denen Jesus von Nazaret sich gesandt wußte.

Daß Israel als Gottesvolk kein Selbstzweck sein darf, sondern zum Dienst an der Menschheit auserkoren wurde, ist ein biblisches Fundamentalverständnis, welches in der Verheißung Ausdruck findet, die schon an Abraham ergangen war - lange bevor es das Volk der Juden gab:

„In dir sollen alle Familien des Erdbodens gesegnet werden!" Ein Wort, das unzweideutig die Heidenvölker vor allem als Sippschaften erachtet, die aus Familieneinheiten zusammengesetzt sind...

Daß der Hebräer in die Ehe tritt -und zwar dem alten Brauchtum gemäß mit 13 Jahren - ist für die Bibel selbstverständlich, denn es entspricht ja der gottgewollten Ordnung der Natur. Der Mann hängt an seiner Frau, so heißt es, und kurz darauf: „Die Frau hat Verlangen nach dem Mann". Woraus der Schöpfungsauftrag entspringt: „Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde!"

So wird also der Fruchtbarkeitsauftrag, der an das erste Menschenpaar erging, als Gebot der Familienbildung zum göttlichen Geheiß erhoben ...

Mann, Frau und Kinder - das ist die gegebene Grundgemeinschaft, auf der die Weltordnung der Bibel fußt. So wichtig sind Kinder, daß Kinderlosigkeit als Fluch oder zumindest als Unglück empfunden wurde ...

Die Bedeutung des Heimes im Judentum ist gar nicht hoch genug anzuschlagen. Von ihm geht seit Jahrtausenden alle Kraft der Ausdauer aus, die nicht nur die Zerstörung des Tempels, sondern auch häufige Brandschatzungen und Niedermetzelungen überwinden konnte.

Daß der Tisch der Familienvater ist, ist keine Stilblüte, sondern eine religiöse Tatsache, da jedes Mahl durch Gebete geweiht und durch Danksagung beendet wird. Die regelmäßige Krönung erhält jede Woche durch den siebenten Tag, den Sabbath ...

Diese Rolle der Sabbath-Heiligung im Judentum findet sich auch im Christentum, wo das Vorbild des häuslich festlich gedeckten Tisches zur Selbstbesinnung auf die Familie als „Kirche im Hause" wird.

Wenn wir im Judentum die Familie als Kernstück Israels werten, so wird im christlichen Verständnis die Familie zur „Hauskirche". Im gemeinsamen Gebet der Familie kann - genau so wie im Judentum - von unseren christlichen

Brüdern erfahren werden, daß Gott mit uns ist und tatsächlich in unserem Leben wirkt. Im Gebet bekommt menschliches Leben seinen letzten Sinn und seine letzte Tiefe,

Ehegatten, die miteinander beten, Eltern, die mit ihren Kindern beten, lernen sich in neuer Weise achten und schätzen: nämlich als einmalige Geschöpfe und Partner Gottes, hier in dieser Welt.

Hier erweist sich wieder einmal, daß im Judentum und Christentum ein Begriff zwei Deutungen zuläßt. Während der Jude sich an Gott im Gebet wendet, meint der Christ: „Wer den Namen Jesu anruft, wird gerettet werden."

Im Judentum wie im Christentum, die ihre Existenz gemeinsam der Offenbarung des Gottes I sraels verdanken, erwacht zunehmend ein „geistliches" Interesse aneinander. Juden und Christen bekennen sich zu der gemeinsamen Offenbarung durch eben dieses Interesse. „Ihr Interesse aneinander ist deshalb selbst ein Akt der Verehrung Gottes", wie es jüdische und christliche Gesprächspartner formulierten.

Möge im Schoß der Familien der Segen des Ewigen und Einzigen Harmonie bewirken - und eine wirkliche Ökumene brüderlicher Liebe von Juden und Christen zueinander als das wandernde Gottesvolk auf dem gemeinsamen Wege der Hoffnung im Reiche Gottes.

DIESER BEITRAG ist gekürzt einem Aufsatz entnommen, der zusammen mit 40 anderen den Sammelband „Apostolat und Familie" füllt. Univ.-Prof. Herbert Schambeck, der unglaublich fruchtbare Autor und Sammelwerkherausgeber, hat diesen Kardinal-Erzbischof Opilio Rossi, dem langjährigen und verdienten Apostolischen Nuntius in Wien, zu dessen 70. Geburtstag gewidmet.

Der weite Bogen der darin abgehandelten Thematik spannt sich innerhalb der Abschnittstitel „Apostolat" und „Familie" von der Darstellung vielfacher Möglichkeiten des Laienwirkens in der Kirche, Soziallehre, Akademiker-, Medien-, Schul- und Ordensapo-stolat bis zur Ausleuchtung der Grundfunktionen der Familie in Staat und Kirche, Geschichte und Zukunft.

APOSTOLAT UND FAMILIE. Hrsg. Herbert Schambeck. Duncker& Humblot.öS 1216.-.

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