Papst Synagoge - © AFP / Vincenzo Pinto  -  Besuch von Papst Franziskus in der Großen Synagoge von Rom, 17. Jänner 2016

Juden und Christen: Verschiedenheit nicht überbrücken

1945 1960 1980 2000 2020

Am 17. Jänner begehen die christlichen Kirchen den Tag des Judentums. Ein jüdische Stimme zum Stand des christlich-jüdischen Gesprächs.

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Am 17. Jänner begehen die christlichen Kirchen den Tag des Judentums. Ein jüdische Stimme zum Stand des christlich-jüdischen Gesprächs.

Heute scheinen sich Juden und Christen auf den ersten Blick näher denn je. Diesen Eindruck vermitteln öffentliche Erklärungen von der Spitze der Kirchen, allen voran die bahnbrechende Erklärung Nostra Aetate des II. Vatikanischen Konzils von 1965. Das verdeckt die Tatsache, dass der jüdisch-christliche Dialog erst nach 1945 zu einem zentralen Thema kirchlichen Nachdenkens geworden ist: unter dem Eindruck großen moralischen Versagens der Kirchen während des Nationalsozialismus.

Heute scheinen sich Juden und Christen auf den ersten Blick näher denn je. Diesen Eindruck vermitteln öffentliche Erklärungen von der Spitze der Kirchen, allen voran die bahnbrechende Erklärung Nostra Aetate des II. Vatikanischen Konzils von 1965. Das verdeckt die Tatsache, dass der jüdisch-christliche Dialog erst nach 1945 zu einem zentralen Thema kirchlichen Nachdenkens geworden ist: unter dem Eindruck großen moralischen Versagens der Kirchen während des Nationalsozialismus.

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20 Jahre vom Ende der Schoa bis zu Nostra Aetate und weitere 20 Jahre bis zu einer echten inneren Annäherung, wie sie Papst Johannes Paul II. exemplarisch versinnbildlicht. Dieser sagte 1986 vor der jüdischen Gemeinde Roms: "Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas 'Äußerliches', sondern gehört in gewisser Weise zum 'Inneren' unserer Religion."

Absagen an christliche Judenmission

Wie aber kann die legitime Existenz jüdischer Identität als notwendige Voraussetzung für christliche Identität verstanden werden? Ein großer Schritt war, dass der für den Dialog mit dem Judentum zuständige Kardinal Kurt Koch 2015 zum 50. Jahrestag von Nostra Aetate jede institutionalisierte Form der Judenmission verurteilt hat. Der emeritierte Grazer Bischof Egon Kapellari sagte im gleichen Jahr unter Bezug auf Norbert Lohfink, der Begriff "Mission" gegenüber dem Judentum sei verletzend. Denn der Bund Gottes mit Abraham sei nicht aufgehoben und könne "für das Judentum durch den neutestamentlichen Bund nicht relativiert" werden.

Das sind erfreulichen Entwicklungen. Doch nach wie vor wirken traditionelle Vorstellungen in der Kirche: bei Theologen und vielen Gemeindemitgliedern ebenso. Umso wichtiger ist hier der Hinweis des Wiener Dogmatikers Jan-Heiner Tück, bei den Juden handle es sich um den "Augapfel Gottes" (Sacharja 2,12). Dieses Bild lässt keinen Raum für Substitution oder Enterbung, es ist ja ein Wort aus der Bibel Israels. Aber auch die nachkonziliare Rede vom "neuen Gottesvolk" oder vom "neuen Bund" birgt aus jüdischer Warte die Gefahr der Enterbung.

Tück erkennt: Wenn das Kirchenvolk als novus Israel bezeichnet wird, entreißt man dem Judentum seinen ureigenen Würdenamen. Er sagt weiter: "Wer Israel angreift, tastet Gott selbst an" und fragt damit letztlich nach den Möglichkeiten für eine christliche Theologie, die einer fatalen Alternative entgeht: zwischen einem christlichen Exklusivitätsanspruch, der die Universalität Gottes verneint, und einem Pluralismus, der die Besonderheit des christlichen Gottesverständnisses und die Eigenheit religiöser Traditionen, einschließlich des Christentums, gefährden könnte. Akzeptieren Christen aber die Konsequenzen, die aus der Immanenz des Judentums in ihrer Religion folgen? Besonders sinnfällig wird das, wenn man nach den Auswirkungen des christlich-jüdischen Gesprächs für die Christologie fragt.

Die gegenseitige Kenntnis unseres geistlichen Erbes, die Wertschätzung dessen, was wir gemeinsam haben, und die Achtung dessen, was uns trennt, können den Weg weisen für die zukünftige Weiterentwicklung unserer Beziehungen, die wir in Gottes Hand legen.

Rabbiner Walter Homolka

Für christliche Theologen war bis in jüngste Zeit möglich zu behaupten, dass Jesus mit seiner Verkündigung den Boden des Judentums verlassen habe. Kardinal Walter Kaspar formulierte es erst 1974 noch so: "Jesus [...] überbietet das Gesetz [...] und überschreitet damit den Boden des Judentums. Er stellt sein Wort zwar nicht gegen, aber doch über die höchste Autorität des Judentums, über das Wort des Mose. Hinter der Autorität des Mose steht jedoch die Autorität Gottes. [...] [Jesus] beansprucht [...], das endgültige Wort Gottes zu sagen, welches das Wort Gottes im Alten Testament zu seiner überbietenden Erfüllung bringt."

Hoffnung auf Heilung statt auf einen Erlöser

Andererseits hat eine jüdische Jesusforschung Jesus als Juden "heimgeholt", als einen der andernorts "Karriere" gemacht hatte und dessen Wirkungsgeschichte im Christentum über das Judentum viel Leid, Elend und Tod gebracht hat. Die Wissenschaft des Judentums war Anfang des 19. Jahrhunderts begründet worden, um Ansichten wie der Schleiermachers entgegenzutreten, das Judentum sei eine "tote Religion" oder eine "unverwesliche Mumie".

Ist die Beschäftigung mit Jesus von beiden Seiten zu einer Brücke für beide Religionen geworden? Das kann man nicht behaupten. Es wird christliche Gesprächspartner enttäuschen, dass die Messiasvorstellung in der jüdischen Theologie der Moderne als Deutungsmuster sehr an die Peripherie gerückt ist. Die Hoffnung auf eine einzelne Erlösergestalt ist für viele Juden heute nicht mehr Teil ihrer Vorstellungen. Kaum jemand verwendet das Konzept vom messianischen Zeitalter, wenn er über das Ziel spricht, an der Vervollkommnung von Gottes Schöpfung mitzuarbeiten. Stattdessen sprechen Juden von tikkun olam, der Notwendigkeit, die Heilung der Welt voranzubringen. Damit bietet Jesus als christos und Anwärter auf den Messiastitel auch keine wirkliche Brücke zwischen Judentum und Christentum. Die christliche Hoffnung, dass Jesus am Ende auch der Messias für Israel sein würde, trifft aus den genannten Gründen auf gar kein jüdisches Verständnis.

Mir war wichtig zu zeigen: Neben unserer Verwandtschaft bleibt eine Differenz zwischen Judentum und Christentum bestehen: im Verständnis von Messias und Jesus, im Menschenbild, im Gottesverständnis, in der Schriftauslegung Aber das Ziel unseres Dialogs sollte auch nicht sein, unsere Verschiedenheit zu überbrücken. Es geht um den wechselseitigen Respekt und um die gemeinsame Bewältigung aktueller Probleme: der Bewahrung menschlicher Würde und den Werten unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Auch das Eintreten füreinander gehört dazu. Als wohltuenden Schulterschluss in schwieriger Zeit hat das Judentum im Jänner 2013 Kardinal Christoph Schönborns Beitrag zur Beschneidungsdebatte verstanden: "Wie man nicht Christ sein kann ohne die Taufe, so ist für (männliche) Juden die Beschneidung ein wesentliches Kennzeichen des Jude-Seins." Am Neujahrstag gedenke die Kirche unter anderem der Tatsache, dass Jesus und seine Familie Juden waren. Die Christen dürfen daher ihre jüdischen Wurzeln nicht verleugnen.

Gemeinsames Eintreten für die Welt

Die Ebenen unserer Gemeinsamkeit hat Papst Franziskus am 26. Mai 2014 in der Jerusalemer Synagoge Heichal Shlomo sehr schön zusammengefasst: "Es geht nicht nur darum, auf einer menschlichen Ebene Beziehungen gegenseitiger Achtung zu pflegen: Als Christen und als Juden sind wir berufen, uns eingehend nach der geistlichen Bedeutung des Bandes zu fragen, das uns miteinander verknüpft. Es handelt sich um eine Verbindung, die von oben kommt, die über unseren Willen hinausgeht und die unversehrt bleibt, trotz aller Beziehungsschwierigkeiten, die es in der Geschichte leider gegeben hat.

Die gegenseitige Kenntnis unseres geistlichen Erbes, die Wertschätzung dessen, was wir gemeinsam haben, und die Achtung dessen, was uns trennt, können den Weg weisen für die zukünftige Weiterentwicklung unserer Beziehungen, die wir in Gottes Hand legen. Gemeinsam können wir einen wichtigen Beitrag für die Sache des Friedens leisten; gemeinsam können wir in einer in raschem Wandel begriffenen Welt die ewige Bedeutung des göttlichen Schöpfungsplans bezeugen; gemeinsam können wir entschieden jeder Form von Antisemitismus und den verschiedenen anderen Formen von Diskriminierung entgegentreten. Der Herr helfe uns, mit Zuversicht und Seelenstärke auf seinen Wegen zu gehen. Schalom!"

Veranstaltungen zum Tag des Judentums: www.christenundjuden.org

Der Autor ist Direktor der School of Jewish Theology der Universität Potsdam sowie Mitglied im Gesprächskreis Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken

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