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Zeugnis für den Vater

Bei einem ökumenischen Gottesdienst in der Stiftskirche Herzogenburg (Niederösterreich) sprach am 24. Jänner auch ein Vertreter der jüdischen Reltgiöns-gemeinschaft. Hier ein Auszug aus seinen Ausführungen:

Ich möchte als Jude vor allem danken, daß ich im Chorus der Gläubigen, denen die Offenbarung Gottes zuteil wurde, auch mein „Hineni - Hier bin ich" sprechen kann - in echter, auf der Bibel wurzelnder Ökumene!

Wir haben eine gemeinsame Wurzel, die Bibel, die wir gemeinsam lesen, und der Prophet Ma-leachi fragt: Haben wir nicht alle einen Vater im Himmel? Und beten wir nicht alle zu Gott, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs? Und das zweite Vatikanum, welches das größte Ereignis der Geistesgeschichte der letzten Dezennien darstellt, schließt die Juden in das Einheitssekretariat für die Christenheit ein! Das Konzil nimmt erstmalig die Eigendarstellung des Judentums ernst.

Zur theologischen Bekräftigung, daß die Ökumene aus Christen und Juden besteht, habe ich dem zweiten Vatikanischen Konzil ein Theologumina vorgelegt, welches bei Papst Johannes XXIII. Beachtung fand, so daß mir als Zeichen der Anerkennung das Komturkreuz des hl. Papstes Sylvester verliehen wurde. Dieses Theologumina, auf der Aussage des Konzils von Chalkedon von der Wesensgleichheit Mensch-Gott, auf der paulinischen Verkündigung und somit auf dem Lehramt der Kirche beruhend, besägt:

„Wenn die Juden mit Jesus dem Fleische nach Mitbrüder Jesu sind, so haben sie auch geistlich gleicherweise Anteil am Corpus Christi Mysticum."

Natürlich wollen wir nicht verhehlen, daß es bedeutende, ja ganz diametrale Unterschiede zwischen Christen und Juden gibt. Im Judentum ist der Mensch der Gefragte, während im Christentum Gott der Gefragte ist. Schließlich überschattet im Judentum das Reich Gottes den

Messias, während im Christentum pr. Messias, Machiachpder,, Christus, das Reich Gottes über-

Doch die Nahtstelle, die Zentralfigur, ist und bleibt Jesus! Letztlich vereint und bindet uns der Jude, der Mensch Jeschua von Nazareth, während uns der von der Kirche vorgestellte „Erhöhte Christos", der eingeborene Sohn Gottes, trennt und entzweit.

Heute, hier und jetzt wollen wir das Gemeinsame in den Vordergrund stellen und daran denken, was der Jude Saul von Tar-schisch, den die Christen Paulus nennen, den Zentralgedanken seiner Aussage nennt: Liebe, Glaube, Hoffnung.

Wir haben gehört, daß das Liebesgebot aus dem 2. Buch Moses den Mittelpunkt der Predigt Jesu darstellt. Daß Gott die Menschen liebt, ist der Grundgedanke der jüdischen Theologie. Gott hat die Welt aus Liebe erschaffen, denn Liebe bedarf zum Ich des Du. So schuf der Allmächtige sich ein Gegenüber, das sein Ebenbild trägt. Dieser Gedanke von bestechender Schönheit, sowohl moralisch wie auch theologisch, will eine Antwort sein auf die tiefe Heilsnot der meftten Menschen, sagt der jüdische Gelehrte Pinchas Lapide.

Der Schöpfer, der in jüdischer Sicht die Menschen liebt und ein gerechter Gott ist, hat in einem ewigen und unzerstörbaren Bund,, den Menschen zum Partner gewählt. Er gesteht dem Menschen das Recht zu, in jedem Moment seines Lebens frei wählen zu können zwischen Gut und Böse, und umkehren zu können.

Heute beginnen wir einzusehen, daß es ein Gebot der Stunde ist, zusammenzustehen gegenüber der ständig wachsenden Menge der Nichtgläubigen und Ungläubigen, um unser judäo-christliches Erbe gemeinsam zu wahren und zu verteidigen. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, Zeugnis abzulegen für unseren allmächtigen Vater im Himmel und die von ihm geschaffene Weltordnung.

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