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Der wahre Gott aller

1945 1960 1980 2000 2020

Die frohe Botschaft von der Geburt Christi hat universellen Charakter: Die Rettung wird über alle Religionsgrenzen hinweg allen Menschen guten Willens verkündet.

1945 1960 1980 2000 2020

Die frohe Botschaft von der Geburt Christi hat universellen Charakter: Die Rettung wird über alle Religionsgrenzen hinweg allen Menschen guten Willens verkündet.

Das Weihnachtsfest nimmt unter den christlichen Festen einen besonderen Platz ein. Gelegentlich wird es sogar als das christlichste aller Feste apostrophiert. In einem ganz anderen Sinn und Ausmaß, als es für den eigentlichen Höhepunkt des Kirchenjahres, das Osterfest, gilt, an dem das alles entscheidende Glaubensgeheimnis der Christenheit feierlich begangen wird, nämlich die Auf-erweckung des Herrn und also die Uberwindung des Absurdesten

der menschlichen Existenz, des Sterben-Müssens in ewigen Tod hinein (vgl. 1 Kor 15,12-19), bestimmt das Weihnachtsfest einige Wochen lang das Leben nicht nur im engeren kirchlichen Raum.

So kritisch wir alle dem gegenüberstehen sollen, wozu das Weihnachtsgeheimnis und die von ihm ausgehenden religiösen Bewußtseinsinhalte und Traditionen mißbraucht werden, so eindringlich sollten wir uns um die Erneuerung oder gar Wiedergewinnung eines entscheidenden Elementes der Weihnachtsbotschaft bemühen. Denn sie kündet von weltenwendender, das Leben neu gestaltender Wirklichkeit.

Wenn wir die mannigfaltigen Texte der Heiligen Schrift, die gerade an den Weihnachtsfesttagen verkündet werden, deutlicher betrachten, dann fällt etwas auf, dem wir, wenn überhaupt, so in solchem Ausmaß sonst im Laufe des Kirchenjahres nicht begegnen, nicht einmal am Osterfest. Mehr nämlich als je sonst wird das Angekommensein des Heils kundgemacht, und dieses mit allem Nachdruck als ein solches, das aller Welt, allen Völkern und Nationen, allen Religionen und Kulturen zugedacht, ja jetzt für sie angekommen ist — in dem geborenen Kind.

Und tatsächlich, schaut man näher auf die Inhalte der Lieder, Antiphonen, Lesungen, ja auch z. B. auf das lukanische Weihnachtsevangelium, so springt es einfach in die Augen: Alle Welt, aller Menschen, mögen sie nun zum alten Israel, mögen sie zur Kirche gehören, wären sie Glieder eines welchen Volkes oder einer welchen Religion auch immer, alle sollen, alle dürfen wissen: Unser aller Retter ist da! Das Heil; der, der aller Menschen Sehnsucht erfüllt.

Es ist bezeichnend und allen Nachdenkens wert, daß es besonders die aus den alttestamentli-chen Propheten ausgewählten Texte der Heiligen Schrift sind, die entgegen allem Heilspartikularismus oder gar esoterisch sich verschließendem individuellen oder völkischen Heilsegoismus, diese Universalität des angekommenen Heils verheißen und jetzt dazu dienen, die geschehene Erfüllung kundzutun und, gerade wegen dieser ungeahnten Universalität, zu überschwenglicher Freude aufzurufen.

Läßt man sich davon beeindrucken und die Botschaft solcher weihnachtlicher Verkündigung an sich herankommen, dann werden einem die Augen für Zusammenhänge menschlicher Seinserwartungen und göttlichen Heilswirkens in der Menschheitsgeschichte geöffnet, die wir allzu oft übersehen, zu unserem eigenen wie zum Schaden eines richtig verstandenen christlichen Engagements im Dienst an den tiefsten eigentlich-menschlichen, eben re-

ligiösen Daseinshoffnungen der Menschen aller Regionen und Religionen. Ja, manche brennende, oft Zweifel wachrufende Fragen können eine Antwort erhalten, die, so vorläufig sie auch noch sein mag, die Berechtigung weihnachtlicher Freude zu aller Zeit, auch in unserer gegenwärtigen Geschichtsausweglosigkeit (wie wir oft meinen sagen zu müssen), erkennen läßt.

1. Das Weihnachtsgeheimnis verkündet: Es ist der eine und allein wahre Gott aller Menschen, der von sich aus allen Gott ist und jenseits allen menschlich-selbstherrlich behaupteten Anspruchsdenkens, aber auch jenseits aller bangen Daseinsangst und blinden Schicksalsfurcht von sich aus das Heil geschenkhaft zuteil werden läßt, und das eben allen Menschen, ohne jeden Unterschied, sofern sie sich nur der Wahrheit öffnen. Der Grund: Gott, der Schöpfer, ist es ja selbst, der in alle Menschen die Erwartung des Heils und das Beginnen religiös hingebungsvollen Lebens eingesenkt hat. Er hat sich von sich aus entschlossen, zu erfüllen, was er selbst an Hoffnung in des Menschen Geist und Herz wachgerufen hat. Weihnachtsbotschaft heißt daher: Was immer es an Religionen geben mag, sie sind nie schlechthin außerhalb dessen angesiedelt, dem sich Gott schon immer, jenseits allen menschlichen Verdienstes oder Unverdienstes, heilvoll zugewendet hat und ständig zuwendet.

2. Im Weihnachtsgeheimnis bestätigt sich, was Gott selbst auf seinem Weg zu den erlösungsbedürftigen Menschen begonnen hat: Die Auserwählung des einen

Volkes Israel aus den vielen Völkern zum Dienst an dem einen Heil für alle. Wer immer die Weihnachtsbotschaft hört und aufnimmt, erkennt Gottes Freiheit und den aus ihr stammenden Bund mit Israel an, der gerade weil er kein Vorübergehendes ist, die Gewißheit des göttlichen Verheißungswortes für alle wirkmächtig werden läßt. Gottes geschichtlich gewirktes Heil nimmt seinen Weg von Israel her und mündet in jenen Zeit-Raum, in dem alle Völker im himmlischen Jerusalem mit Gott versammelt sein werden.

Die Erfüllung der Verheißungen Gottes an alle Menschen ereignet sich im Bund mit Israel, geht aus ihm hervor. In diesen einen Bund sollen sich alle Religionen hineinrufen und sich mit ihren eigenen geistig-religiösen Werten einbringen lassen.

3. Gott läßt die heilvolle Begegnung mir dem Verheißungsvolk Israel wie mit allen Völkern und Religionen Wirklichkeit werden durch die Menschwerdung seines Sohnes. Näherhin: Als Kind wird allen das Heil geschenkt; durch Kind-werden und Kind-sein zuerst, und also nicht durch machtvoll-herrscherliches oder gar gewalttätiges Auftreten kommt Gott in diese unheile Welt. Das bedeutet: Er will zunächst aufgenommen und angenommen sein wie ein Kind, in jener Unauf-dringlichkeit, wenn nicht gar Hüf-losigkeit, mit der sich Liebe kindhaft darreicht. Das Heil überfällt niemanden, weder das alte Israel noch die Völker, zu welchen Zeiten sie auch immer von ihrem Heil in Christus erfahren.

Und: Weder Israel noch die Re-

ligionen bringen das Heil, das Gotteskind hervor. Gott selbst sucht seine Völker auf, unscheinbar als ihr wahrer Gott erscheinend, um mit ihnen den Lebensweg aus Kindheit ins Erwachsenwerden zu gehen. Das von den Christen besungene Heil beseitigt Religionen nicht, zerstört keine Kulturen, noch wendet es physische oder geistige Gewalt an, erfüllt vielmehr, was längst von Gott selbst grundgelegt ist, und verleiht ihm Wachstum.

4. Von diesem Geist der Weihnacht hat daher alle christlich motivierte Mission beseelt zu sein. Was schon selbst als Kind kindlich angenommen wurde, kann nicht egoistisch bei sich behalten bleiben. Es will vielmehr ausgesungen und den anderen mit-ge-teilt sein. Wer an der Krippe seine Lieder singt, läßt alle Völker und Religionen ihre Gaben herantragen, auf daß alle, durch gegenseitiges Geben reich geworden, die eine Gottesgemeinde werden und sich mit dem Kind beschenken lassen, mit dem, den niemand fassen kann, kein Heide, kein Jude, kein Christ, und der sich doch allen schenkt: der wahre Gott aller.

Professor Raphael Schulte OSB lehrt am Institut für Dogmatische Theologie der Universität Wien.

Rückkehr

Auf unerwartete Weise kehrt die Kirche in die politische Arena zurück. Wo immer es heute Konflikte gibt, der Kontakt mit der Kirche, ihr Dienst der Versöhnung, wird gesucht.

Das gilt für die große weite Welt siehe Chile oder El Salvador. Das gilt aber auch für den heimischen Bereich, siehe den bewußt als Zeichen der Versöhnung angelegten Gottesdienst in der Stopfen-reuther Au.

Diese Rückkehr in die politische Arena ist voll von möglichen Mißverständnissen. Immer besteht die Gefahr der sogenannten Instrumentalisierung", der einseitigen Indienstnahme der Kirche.

All diese Bedenken sind ernstzunehmen. Aber in Ereignissen wie dem Versöhnungsdialog in El Salvador oder auch im Gottesdienst in der Stopfenreuther Au zeigt sich doch, daß die Trennung zwischen Glauben und Leben, zwischen Engagement im Diesseits und jenseitiger Hoffnung im Schwinden ist. Diese Trennung war ein Erbe des Aufklärungsdenkens und des 19. Jahrhunderts. Religion und Kirche sollten bestenfalls Privatsache, Anstalt zur Seelenrettung sein. Daß das wieder der Vergangenheit angehört, daran müssen sich alle erst gewöhnen. E. LEITENBERGER

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