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Weihnachten ist mehr als ein Mythos

Weihnachten ist das erfolgreichste Fest der Welt. Dieser Feststellung mag zwar zunächst der Kommerz zustimmen. Die Kritik daran hat freilich auch eine gegenteilige Seite, denn der Weihnachtskommerz sichert manche Existenz und viele Arbeitsplätze.

Weihnachten ist aber auch deswegen das erfolgreichste Fest, weil es als Friedensbotschaft über den christlichen Kulturkreis weit hinausstrahlt. In etlichen Fällen hat der weihnachtliche Waffenstillstand schon zu tragbaren Friedensschlüssen geführt und viele Menschen vor Leid und Tod bewahrt. Weihnachten als Mahnung zur Einigung nach langen und aussichtslosen Verhandlungen auf wirtschaftlichem oder sozialem Gebiet ist immer noch wirkungsvoll. Wer wollte diese Weihnachtspraxis bis zur Gefangenen-Amnestie missen oder leugnen!

Und Weihnachten als eine der erfolgreichsten Inspirationen der Künste, vom monumentalen Bau und Bild bis zur Hauskrippe, vom großen Oratorium bis zum Volkslied, vermittelt noch immer einen unersetzlichen Beichtum der Kreativität.

In irgendeiner Form werden fast alle Menschen dieser Welt von diesem Fest berührt. Eine solche Kraft hat nur ein Mythos. Für Weihnachten ist dieser Mythos sehr vielschichtig. Es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Es beginnt lange vor der Geburt Christi. Die Empfängnis und Geburt von Göttersöhnen, der Kult von Göttermüttern ist Bestandteil vieler antiker Religionen. Der Jahreskreis der Sonne als Tod und Wiedergeburt des Lichts und damit der Fruchtbarkeit hat unsere Vorfahren stets bewegt und zu religiöser Verehrung veranlaßt. Wer sich vorstellt, was es bedeutet, in Kälte und langer Nacht in Hütten und Höhlen zu hausen, der wird auch die Freude darüber nachfühlen, die die Sonnenwende ausgelöst hat. Er wird nachempfinden können, daß die Nächte um die Sonnen- und Jahreswende erfüllt waren von geheimnisvollen Geistern, die den Menschen bedrohten oder segneten.

Unser aufgeklärter Verstand von heute hat zwar den Glauben an solche Mythen abgestreift, aber im Gefühl ist uns ein eher unbewußter Best davon geblieben. Wer vermag sich der Gewalt der Rauhnächte wirklich ganz zu entziehen! Streng genommen ist das Aberglaube, aber es gehört zum Hintergrund des Festes. Die klugen Seelenführer wissen, daß es sinnlos ist, das damit verbundene Brauchtum zu unterdrücken. Die Vermittlung des Gespürs, dafür, daß der Mensch sich dämonischen Mächten zu stellen hat, ist durchaus wertvoll. Nur daß Kram-pus und Percht nur symbolisch für die aktuellen Versuchungen der Welt stehen, das wird mitunter zu wenig betont und geht im Klamauk unter.

Die Geburt des Lebendigen, die sich heimlich in der Natur vollzieht, findet ihren Mythos in den neueren Bräuchen von Adventkranz und Weihnachtsbaum. Es ist einzig das abgestufte Anzünden von Lichtern welches sich hier aus biblischer Tradition herleitet. Aber längst sind Duft und Farbe des adventlichen und weihnachtlichen Beisigs verinnerlicht. Natur- und Umweltschutz sind eine etwas widersprüchliche Motivation zu diesem Brauchtum eingegangen. Letztlich wieder die Frage: Welcher Sinnenmensch möchte sich dem grünen Mythos entziehen?

Die Krippendarstellungen und Krippenspiele mit all ihrem Reichtum an Schönheit und Phantasie umgeben den Kern der Botschaft nicht nur mit Realität. Frömmigkeit und Humor sind da blühende Allianzen eingegangen. Im Grunde ist das nicht nur eine Armenbibel für Analphabeten, sondern auch das, was die moderne Psychologie Gestalttherapie nennt. Damit der Mensch etwas heilsam und durchdringend begreifen kann, muß er es nachstellen und nachspielen. Er muß sich das Geschehen in seiner Erfahrungswelt arrangieren. Die bildhafte Vermittlung ist selbstverständlich auch für Kinder die erste Weihnachtsbotschaft. Wer vermag sich dem Mythos dieser Ställe und Felsgrotten zu entziehen, für wen ist Weihnachten nicht auch Kindheitserinnerung, Krippen-Erinnerung, Familien -Erinnerung?

Der Mythos des Einander-Nahe-seins, der so oft vermißten Nestwärme, der ganzen oder teil weisen Familie, einschließlich liebevoller Geschenke und festlicher Speisen, ist vielleicht heute einer der wichtigsten psychischen Bestandteile des erfolgreichen Weihnachtsfestes. Die Kriegs- oder Verfolgtseins-Generation kennt den Gegensatz, weiß um jene verheulten Heimweh-Weihnachtsabende, als ein Kerzenstumpf diese Menschen beten gelehrt hat, wie es der üppigste Wohlstand nicht vermag. Weihnachten ist der Abend, an dem die Einsamkeit draußen bleibt, an dem wir uns aneinander kuscheln. Ob das gegenüber denen, die auch heute draußen stehen gar so christlich ist, das ist eine andere Frage. Der verinnerlichte Mythos ist meistens stärker.

Nach dieser kleinen Reise durch mythische Weihnachts-Geschichten nun die Heilige Schrift zur Hand. I her, im geheiligten Wort, sollte der Mythos enden und der Glaube beginnen. Doch leider, es ist nicht so. Was uns Lukas und Matthäus an Geschehnissen um die Geburt Christi als kuh turgeschichtliche Einzelheiten berichten, ist nicht in jedem Falle historische Wirklichkeit. Der zeitliche Abstand zwischen den Ereignissen und ihrer Niederschrift ist etwa so groß, wie wenn heutzutage jemand über Einzelheiten aus dem Ersten Weltkrieg erzählt. Die Evangelisten waren auf mündliche Überlieferungen aus mindestens zwei Generationen angewiesen. Vor allem aber, sie waren keine Geschichtsschreiber, sondern Vermittler einer Heilsbotschaft. Das bedeutet: weder der Ort Betlehem noch die Engel und Hirten, weder der Stammbaum, weder die Weisen aus dem Morgenland noch die Flucht nach Ägypten sind völlig sichere Wirklichkeit. Die kritische Bibelwissenschaft setzt dahinter manche Fragezeichen. Schon chronologisch gibt es zwischen Lukas und Matthäus einige Widersprüche.

Wollten uns die Evangelisten vielleicht etwas vorflunkern? Waren sie bloß dichtende Geschichtenerzähler? Nein! Sie wollten ihren auf orientalische Anschaulichkeit gestimmten Zeitgenossen die Geburt des Erlösers als eine Art Heils-Abenteuer vermitteln. Die Einzelheiten der Geburtsgeschichte sind daher auch ein Mythos. Allerdings mit gewissen Einschränkungen: Irgendwoher muß die mündliche Überlieferung oder jenes verloren gegangene Ur-Evangelium, auf das sie sich stützten, die Erzählungen ja genommen haben. So einfach, wie allzu aufgeklärte Exegeten alles Drumherum vom Tisch fegen, ist der Sachverhalt nicht. Auch daß alles nur Droh-, Hoffnungs- oder Traumbilder waren, ist bei aller orientalischen Erzählfreude nicht anzunehmen. Nach offizieller Lehre christlicher Theologie ist die Heilige Schrift vom Geist Gottes inspiriert. Und dieser ist doch nicht als Lügner vorstellbar.

Die Angst, was denn da noch zu glauben sei, ist unbegründet. Im Geheimnis bleiben die äußeren Umstände. Wir müssen uns damit abfinden, daß die Berichte nicht im Stil verifizierbarer Wissenschaft geschrieben sind. Es sind uns auch im Evangelium Mythen überliefert, die wir längst verinnerlicht haben, die aber nicht in jedem Fall den Tatsachen entsprechen müssen. Wollen wir sie missen, diese Geschichten, diesen herrlichen Friedensruf der Engel, diesen grausamen Kindermord des Herodes? Und sind diese Geschichten nicht auch Spiegelbilder unserer inneren Vorstellungen?

Was bleibt? Weihnachten ist dennoch mehr als ein Mythos. Denn wir müssen durch all diese Mythen hindurch das Wesentliche erkennen und wir dürfen uns durch die Mythen nicht verleiten lassen, uns der ganzen und harten Schwierigkeit, der völlig unidyllischen und realistischen Entscheidung zu stellen.

Es ist gerade beim Stand heutiger Naturwissenschaft nicht mehr schwierig, Gott als schöpferischen UrImpuls des Kosmos zu erkennen. Schwieriger ist es schon, eine Beziehung innerhalb dieser Gottheit anzuerkennen, die unsere Sprache mit den Begriffen Vater und Sohn umschreibt. Um diese Beziehung, zu der noch der Heilige Geist kommt und die der Glaube als Heilige Dreieinigkeit verehrt, haben die gelehrtesten Köpfe der Christenheit jahrhundertelang gestritten, gelehrt und definiert. Im Grunde sind sie nicht weitergekommen. Es ist ein in der Offenbarung angedeutetes Geheimnis. Ein etwas praktisch klingender Tip ist, daran zu glauben, weil es keine bessere und einleuchtendere Gottesvorstellung gibt.

Weihnachten ohne Mythos, das ist die Tatsache, daß im Zuge der Geschichte und Evolution dieser Gott in einem Judenknaben vor etwa 2000 Jahren den Menschen sichtbarer Bruder geworden ist. Gelehrt und gepredigt haben viele. Dieser Bruder, dieser Babbi Jeschua, hat sein Wort durch einen freiwilligen Tod besiegelt.

Auch der Termin im Dezember ist nur Tradition, einst durch die relative Verfolgungssicherheit während der römischen Saturnalien begründet. Aber der Mensch braucht Termine und Anhaltspunkte. Der Mensch braucht aber heute auch den Blick auf das Wesentliche. Es besteht eine brüderliche Verbindung zwischen Gott und Mensch, und alle unsere Vergänglichkeit und Fehlerhaftigkeit gewinnt aus dieser Verbindung Halt und Hoffnung. Das ist der wahre Kern von Weihnachten.

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