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Ostereier und Auferstehung

"Am dritten Tage auferstanden von den Toten“ heißt es im Apostolischen Glaubensbekenntnis: Versuch eines heutigen Gesprächs über einen zentralen Satz der Christ(inn)en über Jesus.

Dass Ostereier heidnisch sind, wusste ich schon als Kind. Ich erinnere mich, dass meine Älteren manchmal mit ironischem Unterton sagten, sie seien halt Heiden. Dadurch habe ich zwei Dinge gelernt: zum einen, dass es Leute gibt, die verdächtig finden, was sie "Heidentum“ nennen. Und zum anderen, dass es möglich ist, sich über solche Bewertungen heiter hinwegzusetzen.

Heiden und Heidinnen sind die jeweils anderen. Im alten Israel zum Beispiel war "Kanaan“ gemeint, das nicht an JHWH, den Einzigen glaubte. In den ersten christlichen Gemeinden hießen die Anhängerinnen und Anhänger griechischer und römischer Kulte Heiden. Während der Kreuzzüge meinte man vor allem die Muslime, die ihrerseits Christinnen und Juden als ungläubig bezeichneten. Luther meinte "die Papisten“. Die spätere christliche Mission hatte Indianer, Animistinnen und andere im Visier, die man primitiv fand. Heute sprechen Theologen manchmal von "Neuheidentum“ wenn sie esoterische Gruppen bezeichnen wollen, die positiv an naturreligiöse Traditionen, zum Beispiel das Erbe Kanaans oder die Hexen der frühen Neuzeit anschließen.

Ostereier sind heidnisch, weil sie nicht in der Bibel vorkommen. Wer Ostern vor allem als Hasen- und Eierfest begeht, überlagert Christi Auferstehung mit Fruchtbarkeitssymbolik und wird deshalb von den Rechtgläubigen verdächtigt, den überlegenen Kern des Evangeliums nicht verstehen zu wollen. Zwar hat man Ostereiersucher nicht als Ketzer verfolgt. Man hat den heidnischen Brauch freundlich integriert - im Sinne eines Zugeständnisses an den "unreifen“ Glauben der Kinder. Trotzdem wollte der Pfarrer mir im Konfirmandenunterricht mit dem apostolischen Glaubensbekenntnis den Osterhasen austreiben. Warum eigentlich?

Eigenes und Fremdes. Höheres und Niederes

Abgrenzung spielt in der Geschichte der monotheistischen Religionen eine große Rolle. Durch beide biblische Testamente, den Koran und die Auslegungsgeschichte der drei heiligen Bücher zieht sich eine Linie von Texten, die sich damit befassen, Feinde zunächst zu identifizieren, dann zu verunglimpfen.

In der griechischen Antike erfand man zusätzlich zu den üblichen Abgrenzungen zwischen dem Eigenen und dem Fremden eine Weltsicht, die grundsätzlich zwischen höheren und niederen Sphären der Wirklichkeit unterscheidet. Im christlichen Mittelalter hat man diese griechische Vorstellung von einer ewigen hierarchischen Ordnung alles Seienden auf die Auslegung der Heiligen Schrift übertragen, mit dem Ergebnis, dass alles, was in der Bibel, insbesondere im Neuen Testament, als fremd ausgegrenzt ist, jetzt zusätzlich als niedrig und sündig erscheint: fremde Völker, häufig auch das Judentum und später der Islam, und die Frauen. Man konstruierte, im Gefolge der zweigeteilten Seinslehre, die Welt als eine Pyramide, an deren Spitze der dreieinige Gott, gefolgt von seinen männlichen Vertretern auf Erden, thronte. Die Basis der Pyramide bildet die unbelebte Materie und, nur wenig darüber erhaben, Pflanzen, Tiere und das vermeintlich Tierische am Menschen: Sexualität, Fruchtbarkeit, Weiblichkeit, Geburt, Körperlichkeit, Wandel. - Und weil diese Weltordnung nie ausdrücklich außer Kraft gesetzt wurde, mache ich mich nun eben des Irrglaubens verdächtig, wenn ich mich allzu eifrig den "niederen Geschöpfen“, zum Beispiel Ostereiern zuwende.

Neue Sympathie mit "heidnischen“ Religionen

Heute sympathisiert aber ein großer Teil der europäischen Gesellschaft mit den ältesten "heidnischen“ Religionen: mit dem "Erbe Kanaans“. Nicht etwa, weil Europa die Errungenschaften der Monotheismen grundsätzlich in Abrede stellen würde. Vielmehr erkennen wir im Zeitalter der ökologischen Krisen auch die Mängel des patriarchal vereinnahmten Glaubens an den Einen Herrgott und versuchen, das Ausgegrenzte neu anzunehmen, im Interesse eines pfleglicheren Umgangs mit uns selbst und unserer natürlichen Mitwelt.

Die Liebe zu unseren religiösen Bindungen müssen wir deshalb nicht aufgeben. Gefordert ist aber die Bereitschaft zum Zuhören und zur Erweiterung des eigenen Horizonts - nicht nur auf die jeweils anderen großen Monotheismen zu, sondern auch auf das hin, was Monotheisten gern als "Kanaan“, "Esoterik“ oder "Naturromantik“ abtun.

In einem Buch über das, was er "vertikale Ökumene“ nennt, schreibt der katholische Altorientalist Othmar Keel: "Das Christentum hat sich in einem bitteren Streit von seiner Mutter, dem Judentum, getrennt. Das ist - mehr als 60 Jahre nach Auschwitz - bekannt. Weniger bekannt ist, dass das Judentum sich ähnlich wie das Christentum - wenn auch mit anderen Folgen - im 7./6. Jahrhundert vor Christus von seinem Ursprung gewalttätig gelöst hat. Um heil zu werden, müssen die Erben der altorientalisch-israelitisch/jüdischen-christlichen Tradition sich der beiden Brüche mit ihren Verletzungen und Verlusten bewusst werden. Sie müssen versuchen, das zu Unrecht Getrennte zusammenzufügen und die verlorenen Werte, wenn nicht zu integrieren, so wenigstens geschwisterlich neben sich anzuerkennen.“ (zitiert aus: "Vertikale Ökumene“, Hg. Thomas Staubli, Fribourg 2005)

Freundschaft mit Kanaan

Eine Hypothek lastet schwer auf der notwendigen Rehabilitation des polytheistisch-naturreligiösen kanaanäischen Erbes: seine Vereinnahmung durch faschistische Ideologien. Wenn ich zum Beispiel im Internet über die heidnischen Wurzeln des Christentums recherchiere, stoße ich auf Abhandlungen, die den Respekt für jahreszeitliche Zyklen oder für mütterliche Großzügigkeit an erschreckende Blut- und-Boden-Mythologien koppeln. Vor allem in Ländern, die eine antisemitische Vergangenheit aufzuarbeiten haben, werden deshalb Leute, die das Tabu des "Antikanaanismus“ zu brechen versuchen, mit guten Gründen misstrauisch beobachtet. Umso wichtiger ist es, die im Zeitalter der ökologischen Umkehr anstehende Erinnerungsarbeit mit der notwendigen Sorgfalt voranzutreiben.

Für mich sind und bleiben Ostereier mit der Auferstehung des Heilands freundschaftlich verbunden. In der Schule und vor allem im Theologiestudium habe ich gelernt, die verbotene Verbindung aus meinem Gemüt zu verbannen. Heute strenge ich mich nicht mehr an, sie zu vergessen oder geheim zu halten. Weshalb sollte ich? Ist es denn nicht erfreulich, dass die Auferstehung Jesu Christi und die menschliche Erfahrung, dass nach jedem Winter der natürliche Neuanfang und nach den Wehen die Geburt kommt, einander bereichern? Auch die Rückkehr des Gott-Menschen ins Leben hat heidnische Wurzeln, zum Beispiel in griechischen Mysterienkulten. Tut es dem befreiten Osterlachen Abbruch, sich daran zu erinnern?

An einem verheißungsvoll hellgrün-durchsichtigen Ostermorgen singe ich im Gottesdienst dieses Lied: Christ ist erstanden von der Marter alle. / Des solln wir alle froh sein; / Christ will unser Trost sein. / Kyrieleis. Das Erwachen der Natur mischt sich mit dem Erwachen des Christus: Die Befreiung von dem Zwang, das vermeintlich Höhere vom angeblich Niederen, den Gottesdienst vom Ostereiersuchen, GOTT vom Körper der Welt, Religion von politischer Hoffnung - auch nach Reaktorkatastrophen - zu trennen, ist selbst eine Auferstehung.

* Die Autorin, FURCHE-Kolumnistin, ist evang. Theologin und Schriftstellerin. Mehr zu ihrem Buch "Ich glaube an GOTT und so weiter“ siehe umseitig

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