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"Berührt vom GÖTTLICHEN"

Die Kirche müsse anknüpfen an das, was an kulturreligiöser Prägung vorhanden ist, dürfe aber nicht dabei stehen bleiben, so P. Karl: "Wir müssen gleichsam über der Krippe schweben und den Leuten - lauter als je zuvor -zurufen: Ehre sei Gott in der Höhe! Heute ist euch der Retter geboren!"

DIE FURCHE: Wie lässt sich Weihnachten - jenseits des gängigen Vorrats an Floskeln und Formeln -erklären?

P. Karl Wallner: Wenn man beim Philosophischen beginnt, dann ist es eigentlich ein unmögliches Fest. Wir Christen glauben ja, dass der unendliche Gott seine Ferne aufgegeben hat, um uns Menschen nahe zu sein. Das ist denkerisch nicht möglich, es ist nicht vorstellbar, dass sich das Absolute in Gestalt eines Partikulären vorstellt. Wenn Gott Gott ist, dann ist er unendlich, fern -wie er in anderen religiösen Modellen auch gesehen wird: etwa als abstraktes Universales wie im Pantheismus, oder als wirklich weltenfern wie im Islam. Aber wir Christen glauben eben, dass Unendlichkeit in Gestalt der Endlichkeit auftritt -und da fällt mir immer Tertullian ein, ein Philosoph des 2. Jahrhunderts, der zum christlichen Glauben gefunden hat. Der hat gesagt, ich glaube das, weil es menschlich nicht ausdenkbar ist: credo quia absurdum. Es ist schon ein Glaubensakt, vor einer Krippe zu stehen, mit der ganzen Kulisse, wie das im Lukasevangelium beschrieben ist, und das dann religiös zu interpretieren. Geburt ist immer etwas Schönes -und deshalb ist Weihnachten ja auch zum Weltfest geworden, das auch jenseits des christlichen Glaubensbereiches gefeiert wird, samt Ersatzmythologien wie dem Weihnachtsmann - aber das Glaubensfest ist natürlich noch einmal etwas anderes. DIE FURCHE: Viele Zeitgenossen werden wohl eher sagen: Ich glaube NICHT, weil es (zu) absurd ist

Wallner: Ich habe dafür durchaus Verständnis, weil es denkerisch nicht einholbar ist. Ich möchte allerdings noch dazusagen, dass Inkarnation nicht das Letzte ist, sondern dass das Christentum eine Erlösungslehre ist, die darin besteht, dass Gott nicht nur an einem bestimmten Punkt in der Geschichte auftritt, sondern dass er eine Existenzform wählt, die dramatisch arm, dramatisch anders ist und die schlussendlich - äußerlich gesehen -am Kreuz scheitert. Das ist noch einmal unerfindlicher, aufregender - und das Symbol der Christen ist demnach auch nicht die Krippe sondern das Kreuz, an dem sich der letzte Zweck der weihnachtlichen Menschwerdung erfüllt. Mir scheint allerdings, dass die meisten Menschen über diese Dinge gar nicht soviel nachdenken, sondern dass man sich da eher in eine oberflächliche Feierkultur hineinbegibt, die jetzt schon im Oktober beginnt -und dass man die eigentliche Provokation tunlichst vermeidet.

DIE FURCHE: Was Sie sagen, wird auch durch jährlich wiederkehrende Umfragen bestätigt: Weihnachten ist das Fest der "good vibrations", der Entspannung mit Familie, Freunden -von "Gloria in excelsis Deo" ist nicht viel die Rede. Das ist doch eine Herausforderung für die Kirche, ihre Amtsträger, letztlich jeden einzelnen Christen

Wallner: Ich habe in meiner Zeit als Pfarrer versucht, gewissermaßen das Beste aus Weihnachten herauszuholen. Und da gab es schon schöne Erlebnisse, wie etwa, als mir jemand nach einer Krippenlegung gesagt hat: Jetzt habe ich zum ersten Mal wirklich verstanden, worum es da geht. Wir sind natürlich total zugeschaufelt durch das ganze Drumherum. Aber ich glaube, es geht auch darum, anzuknüpfen an das, was da ist. Es ist ja auch etwas Schönes, dass Weihnachten so sehr in der Kulturgenetik von uns Österreichern und Europäern drinnen steckt, dass es das wichtigste Fest des Jahres ist. Das ist auch eine Chance für die Verkündigung -aber ich muss eben auch klar verkündigen. Bei den good vibrations stehen zu bleiben, wäre zu wenig, dann würden wir unseren Sinn als Kirche verfehlen. Wir müssen gleichsam über der Krippe schweben und den Leuten -lauter als je zuvor - zurufen: Ehre sei Gott in der Höhe! Heute ist euch der Retter geboren!

DIE FURCHE: Lässt sich der Glutkern des Glaubens überhaupt vom kulturchristlichen Drumherum, wie Sie es genannt haben, lösen?

Wallner: Das scheint mir heute zumindest in Europa die größte Herausforderung zu sein, weil wir auch deshalb alt geworden sind in unserem Glauben: weil das Christentum über Jahrhunderte eine große Selbstverständlichkeit geworden ist, sodass diese Gänsehaut, die man bekommt, wenn man den Kern freilegt, verloren gegangen ist. Auf der anderen Seite ist unsere kulturelle Prägung natürlich auch etwas zutiefst Positives. Ich freu' mich einfach über die Weihnachtsbeleuchtung, wie die Leute durch die Straßen strömen, man spürt in diesen dunklen, kurzen Tagen die Sehnsucht nach dem Licht - deshalb feiern wir ja auch Weihnachten zur Wintersonnenwende. Ich bin also kein radikaler Anti-Kulturchrist, unsere Aufgabe ist es aber, die Ausgewogenheit wieder herzustellen zwischen Tradition und Festkern. Das beginnt ja schon bei der Mythologie des Christkinds -das nicht für die Geschenke oder fürs Aufputzen des Christbaums zuständig ist.

DIE FURCHE: Kardinal Koch hat in einem Interview mit der "NZZ am Sonntag" kürzlich gesagt: "Wahrscheinlich sind viele Menschen irgendwie gläubig, aber sie haben kaum mehr einen Bezug zur Kirche." Hat er Recht?

Wallner: Es ist eine dogmatische Wahrheit -wir lesen das etwa bei Karl Rahner -, dass der Mensch von einer Sehnsucht nach Transzendenz geprägt ist. Deswegen glaube ich, dass wir wirklich unrettbar religiös sind. Wir haben halt große Verschüttungen. Von Heiligenkreuz aus läuft gerade ein Gründungsprojekt für Ostdeutschland: Wir besiedeln dort wieder ein Kloster in Brandenburg -dort sind nur sechs Prozent getauft. Die Menschen bezeichnen sich dort frank und frei als Atheisten; andererseits: die Mönche beten dort, und die Kirche ist immer voll. Die Sehnsucht ist also da, aber wir haben ein zu großes Trara um uns herum, das diese Sehnsucht vielfach verdrängt. Es ist ja auch der Advent völlig verkommen; es wäre eigentlich die Zeit, wo man zur Ruhe kommt, wo man vielleicht auch eine Roratemesse besucht, um ein bisschen zu sich zu kommen. Ich ertappe mich aber selbst dabei, wie ich immer wieder in Versuchung komme, auf mein Smartphone zu schauen, ob nicht ein neues Mail gekommen ist

DIE FURCHE: Muss aber nicht auch die Kirche sich in dieser digitalen Welt zeitgemäß präsentieren?

Wallner: Ja, sicher. Ich habe mich selbst schon sehr früh entschieden, die sozialen Medien zu nutzen, weil die Reichweite einfach sehr groß ist. Es schauen mehr Menschen die Gottesdienste in den kirchlichen Kanälen als tatsächlich in den Kirchen sitzen. Das ist einfach eine Realität, die wir haben. Es gibt das schöne Wort von Paulus, wo er sagt, wir "wollten euch nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen, sondern auch an unserem eigenen Leben; denn ihr wart uns sehr lieb geworden"(1 Thess 2,8). Man gewinnt ja Menschen nicht dadurch, dass man ihnen manipulativ etwas aufs Aug' drückt, sondern man gewinnt sie dadurch, dass man Zeugnis davon gibt, dass man in diesem Glauben an Jesus lebt und darin glücklich ist. Und das ist auch durch die neuen Medien sehr gut möglich.

DIE FURCHE: Inwieweit hat die Kirche selbst Anteil an der Verdunkelung ihrer Botschaft? Wallner: Ich sehe sehr große Schuld bei der Kirche. Wir reden nicht über Gott, wir werden nicht mit Gott und der Botschaft, die Christus gebracht hat, identifiziert. Die Leute gehen eher zum Esoteriker oder zum buddhistischen Meditationsseminar, um die Antworten auf ihre Fragen zu finden.

DIE FURCHE: Aber woran liegt das genauer? Dass die Kirche zu starr, zu unbeweglich ist, sich zu wenig der heutigen Zeit anpasst - oder ist es eher umgekehrt, wie beispielsweise Kardinal Müller meint, dass die Kirche zu wenig glaubenstreu, glaubensfest ist, zu wenig Mut hat, zu ihrer Botschaft quer zum Zeitgeist zu stehen?

Wallner: Der deutsche Religionsphilosoph Rudolf Otto meint, dass die Kategorie des Heiligen tiefer in uns verwurzelt ist als der Begriff Gott. Und ich glaube, dass wir diese Dimension des Heiligen sehr stark vernachlässigt haben. Die Menschen sind ja auch nicht Jesus nachgelaufen, weil sie dort eine sozialethische Lehre gehört haben, sondern weil er gesagt hat: "Steh auf, nimm Deine Bahre und geh." Weil er gesagt hat: "Deine Sünden sind Dir vergeben", und weil das, was er gesagt hat, gedeckt war durch sein Leben, indem er ans Kreuz gegangen ist. Und warum gehen die Menschen zu Weihnachten in die Kirche? Nicht, damit sie mit irgendwelchen moralischen Forderungen konfrontiert werden, sondern weil sie eine Gänsehaut bekommen, wenn die Trompeten erklingen und "O du fröhliche" oder "Stille Nacht" erklingt. Es ist eine zutiefst menschliche Kategorie: eine Berührung durch das Göttliche zu erfahren. Das ist ja auch das Zentrum des christlichen Glaubens: dass das Göttliche in Gestalt des Jesus von Nazareth zu uns gekommen ist. Diese Dimension haben wir sehr vernachlässigt. Wir sehen es in Afrika oder Lateinamerika, wo die Freikirchen boomen, weil sie den Menschen diese Dimension des Heiligen vermitteln. Primär müssen wir den Menschen die Botschaft bringen, dass es einen Gott gibt, der dich in deiner Endlichkeit will, der dir nahe sein möchte, und dass das etwas Sensationelles ist.

DIE FURCHE: Kardinal Koch beklagt in dem Interview auch, dass Europa seine christlichen Wurzeln weitgehend vergessen habe. Gibt es so etwas wie eine christlich-europäische Leitkultur? Soll man daran festhalten oder ist das obsolet?

Wallner: Es gibt eine Überlegung von Karl Rahner schon aus den siebziger Jahren, wie eine Kirche ohne Europa aussehen würde, und er kommt zum Schluss, dass die Kirche auch in den nächsten Jahrzehnten nicht auf das europäische Erbe verzichten kann. Heute, da hat Kardinal Koch dramatisch Recht, ist Europa Krisengebiet Nummer eins, nicht nur für die Kirche, sondern für das Christentum als solches. Das gilt nicht für die Religiosität generell, da hat man sich Surrogate geschaffen, z. B. in der Esoterik. Durch die Migration haben wir einen sehr selbstbewussten Islam bekommen, der hier oft noch viel bewusster gelebt wird als in den Herkunftsländern. Das Christentum ist jedenfalls extrem schwach geworden. Seit der Aufklärung, da hat die Kirche ja viele Fehler gemacht, traut man uns gar nichts mehr zu. Man sieht uns als großen Hemmschuh des Fortschritts. Wir haben zwar in einem Land wie Österreich unsere Reservate, die Kirche hat bestimmte Rechte, Stichwort: Religionsunterricht. Wir haben unsere kulturellen Reservate, aber es sind eben Reservate geworden. Da haben wir freilich viele Fehler selbst begangen. Wir haben beispielsweise in Europa nicht das Laientum entwickelt, wie es in Afrika der Fall ist. Wo es keine Konkurrenz zwischen Laien und geweihtem Amt gibt. Da ist ein großes mea culpa, das wir in der Kirche sprechen müssen. Wir brauchen dringend einen Umkehrschub. Vom Heiligen Geist ist er schon gewirkt, wir haben einen Papst aus einem Missionsland, der an die Ränder geht, der aber Europa ein bisschen außen vor lässt. Das heißt jedenfalls, dass wir uns hier in Europa überlegen müssen, wie wir eine neue Dynamik der Glaubensverkündigung finden.

DIE FURCHE: Haben Sie unter den vielen Bibelstellen der Advent-und Weihnachtszeit eine Lieblingsstelle?

Wallner: Ich bekomme immer eine Gänsehaut, wenn ich höre, wie der Engel ruft: "Ich verkünde euch eine große Freude." Das ist der Eröffnungsruf für das Christentum. Und ich stehe in dieser Kontinuität seit über 2000 Jahren. Das ist eine Geschichte der Freude. Der Engel hat nicht gerufen: "Ich verkünde euch ein großes Problem." Es geht im Christentum, wie auch Papst Benedikt bei seinem Besuch in Heiligenkreuz gesagt hat, nicht um ein Dogmen-oder Moralsystem, sondern um eine Person: Jesus Christus.

DIE FURCHE: Wie werden Sie persönlich Weihnachten feiern?

Wallner: Ich freue mich schon sehr auf die Tage nach Weihnachten, weil ich ein Buch schreiben möchte. Der 24. und 25. gehört meinen Mitbrüdern. Am Christtag selbst werde ich dann meine fast 80-jährige Mutter besuchen. Und dann gibt es eine feststehende Tour zu Verwandten, darauf freue ich mich auch, weil das Menschen sind, denen ich in Liebe verbunden bin.

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