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"Worauf können wir heute ein Leben bauen?"

1945 1960 1980 2000 2020

Affäre Groer, Papstbesuch, "Dialog für Österreich", Querelen an der Kirchenspitze: nur einige Beispiele des Auf und Ab der Kirche Österreichs im Jahr 1998. Für Kardinal Schönborn geht es nun um Grundsätzliches: um Umkehr, um Bekehrung - die bei jedem selber beginnt.

1945 1960 1980 2000 2020

Affäre Groer, Papstbesuch, "Dialog für Österreich", Querelen an der Kirchenspitze: nur einige Beispiele des Auf und Ab der Kirche Österreichs im Jahr 1998. Für Kardinal Schönborn geht es nun um Grundsätzliches: um Umkehr, um Bekehrung - die bei jedem selber beginnt.

dieFurche: Herr Kardinal, 1998 war ein schwieriges Jahr für die österreichische Kirche. Welche positiven Perspektiven sehen Sie für das Jahr 1999?

Kardinal Christoph Schönborn: Wir können ins Jahr 1999 vor allem dann in der Erwartung hineingehen, daß es etwas anders wird, wenn wir uns sehr viel entschiedener, radikaler auf das Wesentliche des Christentums besinnen, auf das, was das christliche Leben ausmacht, was es nährt und fördert, und was es wachsen läßt. Wir wissen nicht, was 1999 bringen wird, weil es in Gottes Hand ist, aber wenn wir es als Jahr der Gnade nehmen, dann wird diesem Jahr sicher nicht die Gnade fehlen. Was ist zu tun? Ich glaube, das Entscheidende des christlichen Lebens spielt sich nicht in den Medien, sondern im täglichen christlichen Leben ab.

Und da stelle ich fest, daß das vergangene Jahr bei vielen Menschen auch ein Jahr der Besinnung war. Gerade weil wir durch Schwierigkeiten gehen, sind viele neu und tiefer mit der Frage konfrontiert, was ihnen eigentlich der Glaube für ihr Leben bedeutet. Darin sehe ich eine große Chance. Diese Vertiefung ist die Frage, die mich persönlich - und ich glaube auch viele Christen in diesem Land - bewegt.

dieFurche: Blickt man aber auf die Kirchenaustrittsstatistik, erscheint die Situation weniger positiv: es werden für die Kirche "vertrauensbildende Maßnahmen" notwendig sein. Wie könnten diese Ihrer Meinung nach ausschauen?

Schönborn: Leider fehlt bei diesen Statistiken, auch das Ergänzungsstück dazu zu nennen: die Zahl der Kircheneintritte ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, auch 1998. Ich glaube, das gibt uns zu denken, warum in einer Zeit, in der diese Kirche doch äußerlich sehr, vielleicht auch innerlich, in Turbulenzen ist, dann doch immer mehr Menschen in dieser Kirche Beheimatung finden.

Wir haben bei der jüngsten Zusammenkunft der Bischofskonferenz die Pastoralkommission Österreichs beauftragt, die Frage der Gestaltung des Katechumenats für Erwachsene auf österreichweiter Ebene anzugehen. Die Zahl der Erwachsenen, die sich taufen lassen, nimmt von Jahr zu Jahr deutlich zu. Das ist eine neue Entwicklung, die wohl auch anzeigt, daß die Kirche deutlicher eine Gemeinschaft von Menschen ist, die eine bewußte Wahl getroffen haben - und weniger eine Gemeinschaft von Menschen in die man traditionellerweise hineingehört oder hineingeboren wird.

dieFurche: Dennoch treten achtmal mehr Menschen aus der Kirche aus, als wieder zurückkehren. Was wollen Sie tun, um dieser Entwicklung zu begegnen?

Schönborn: Die Kirche ist eine Gemeinschaft, in der die Mitgliedschaft frei ist, und natürlich kann man sich in der heutigen Fülle von Sinnangeboten auch anders orientieren. Und viele Menschen orientieren sich in anderen Gruppen oder finden jenseits von Religion ihre Sinnerfüllung. Das gehört zum Bild der heutigen Gesellschaft, die sehr viel pluralistischer geworden ist.

Aber um so wichtiger ist es, daß diejenigen, die Christen sind, ihren Glauben vertiefen und diesen auch überzeugender und einladender leben. In unserer Zeit ergeht auch die Einladung an die Gemeinden, an alle Christen in diesem Land, "missionarischer" zu werden, daß wir das Evangelium als Lebens- und Glaubensweg bewußter auch anderen weitersagen: Dann wird sich zeigen, ob es wieder einmal eine Wende gibt, ob mehr Menschen in dieser Kirche ihr Zuhause finden, als es zur Zeit der Fall ist.

Das Entscheidende ist sicher, daß jeder von uns bei sich selber anfängt und sozusagen das Urwort des Evangeliums lebt, die Umkehr, die Bekehrung, die bei sich selber beginnt. Es gibt keinen anderen Weg, auf dem die Kirche sich erneuert, als den der persönlichen Umkehr, das gilt für die Bischöfe genauso wie für jeden anderen Gläubigen. Wir können es getrost Gott überlassen, wie er die Kirche weiterführt. Ob sie eine große oder kleine Schar ist, kann ich allein nicht bewirken oder verhindern, ich kann es nur ein bißchen fördern.

dieFurche: Sie haben nach der Salzburger Delegiertenversammlung von einem "Kapital" gesprochen, das man jetzt sorgsam hüten und nähren muß. Glauben Sie, daß nach den Turbulenzen der letzten Zeit noch viel von diesem Kapital vorhanden ist? Wie geht es mit dem "Dialog für Österreich" weiter?

Schönborn: Auch hier müssen wir etwas tiefer ackern. Was ist das Kapital? Das Kapital ist der Glaube, er ist das Kostbarste, was uns anvertraut ist, er ist die Kraft, aus der heraus wir als Christen leben können. Alles, was den Glauben fördert, wird auch dieses Kapital des Vertrauens, von dem ich gesprochen habe, fördern. Deshalb ist für mich die erste und entscheidende Frage: Wie können wir unseren Glauben tiefer leben, besser kennen und besser vertreten. Dieses Kapital ist uns anvertraut, wir werden einmal gefragt werden: Was hast du mit diesem Talent gemacht?

dieFurche: Das ist aber ein Kapital, das der Kirche immer anvertraut ist.

Schönborn: Konkret auf Salzburg bezogen habe ich gemeint, daß es dort einen Moment lang ein gegenseitiges vertrauensvolles Wahrnehmen des Ernstes gegeben hat, in dem wir als Kirche unterwegs sind. Ich glaube, das ist ein Kapital, das uns mit auf den Weg gegeben ist - auch nach Salzburg. Aber das gegenseitige Vertrauen muß immer neu erworben werden, gewonnen werden.

Ich kann auch hier nur bei mir selber anfangen. Ich kann versuchen, das Mißtrauen zu überwinden und aus dem Wissen, daß Christus auch für meinen Bruder und meine Schwester gestorben und auferstanden ist, ihn mit anderen Augen sehen. Und so wieder eine Grundlage schaffen, daß Vertrauen möglich ist. Aber das ist eine Sache meiner persönlichen Bekehrung. Vertrauen wächst nur in dem Maß wie ich bereit bin, meine Vorurteile, meine Ängste in das Vertrauen des Glaubens und der Gegenwart Christi in seiner Kirche zu überwinden. Das ist ein Dauerauftrag, der natürlich immer wieder Rückschläge erfährt, das Mißtrauen wächst, die Angst, die gegenseitigen Beschuldigungen: dann gilt es wieder und wieder den Schritt des Vertrauens zu wagen.

dieFurche: Das Besondere an Salzburg war also die Art des Umgangs: Man hat dem anderen vertraut, daß er es ehrlich meint, auch wenn man nicht immer seiner Meinung war.

Schönborn: Ja.

dieFurche: Aber das hat durch die innerkirchlichen Turbulenzen gelitten ...

Schönborn: ... und ist wieder zu erwerben. Ich glaube aber auch, daß wir uns längerfristigen Fragen stellen müssen, die vielleicht in Salzburg zu kurz gekommen sind: Wir haben in der Entwicklung der Gesellschaft und auch der Kirche es bisher zu wenig geschafft, uns über die neuen Herausforderungen für den Glauben in einer neuen gesellschaftlichen Situation klar zu werden.

Ein Beispiel: Ein junger Delegierter von Salzburg hat mir nachher eine Beobachtung geschrieben, die mir sehr zu denken gegeben hat: Er meinte, seine Generation habe nicht die Autoritätsprobleme, die die 68er-Generation hatte. Für seine Generation, schreibt er, stelle sich die Frage: "Worauf können wir heute ein Leben aufbauen?"

Ich glaube, dieser Perspektivenwechsel ist uns noch zu wenig bewußt. Wir erfahren vieles in der katholischen Kirche Österreichs als Abbau - so und so viele Kirchenaustritte, Rückgang der Priester- und Ordensberufe, des Kirchenbesuches. Wir sehen die Zeichen der rückläufigen Zahlen. Was wir aber zu wenig sehen, sind, wie auch der Papst in seiner Ad limina-Rede gesagt hat, die Zeichen des kommenden Heils. Viele Menschen heute bewegt nicht mehr die Frage dieser Reduktion, sondern: Wo sind Fundamente, auf die ich mein Leben aufbauen kann. Da sehe ich - auch bei uns schon deutlich sich abzeichnend, doch noch etwas zaghaft, daß Menschen wirklich aufbauen wollen.

Ich war kürzlich in einer Wiener Pfarre, in der eine geistliche Gemeinschaft entsteht, ein Versuch, ein geistliches und christliches Leben zu führen und gleichzeitig so etwas wie ein lebendiger Kern für eine Gemeinde zu sein. Ich sehe an vielen Stellen solche Versuche, ich sehe mit welchem Interesse etwa die "Exerzitien im Alltag" oder ähnliche Angebote angenommen werden: All das findet großen Zuspruch.

dieFurche: Es ist unbestritten, daß es einen gewissen Trend zur Religion gibt. Teilen Sie den Befund von Johann Baptist Metz, der meint, früher habe man gesagt: Jesus ja, Kirche nein, jetzt müßte man eher sagen: Religion ja, Gott nein?

Schönborn: Metz ist inzwischen ein ganzes Stück weitergegangen, es geht, wie er vor kurzem gesagt hat, um eine noch viel radikalere Frage, es geht um die Erkenntnis unserer irdischen Endlichkeit und damit eine viel radikalere Stellung der Gottesfrage.

dieFurche: Unter den Voten von Salzburg sind solche, die nicht zu den heißen Eisen gehören, etwa ein Sozialwort der Kirchen: Warum kommt nicht wenigstens hierzu von den Bischöfen ein Signal, daß in dieser Richtung sich Christen auch auf den Weg machen sollen?

Schönborn: Ich glaube, es sind schon zahllose Menschen, Katholiken in Österreich, gerade in diesem Bereich unterwegs. Wenn etwas intensiv gelebt wird in unserem Land, dann ist es sicher die karitative Dimension der Kirche. Sie ist eines der erfreulichsten Lebenszeichen der Kirche.

Das Gespräch führten Heiner Boberski und Otto Friedrich.

Zur Person: Kardinal in Wien In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wurde Christoph Schönborn in Böhmen geboren. Weil seine Familie das Land verlassen mußte, wuchs der Adelssohn in Vorarlberg auf. 1963 trat er bei den Dominikanern ein, 1970 weihte ihn Kardinal König zum Priester. In Fribourg/CH lehrte Schönborn Dogmatik, damals wurde er auch zum Redaktionssekretär für den Weltkatechismus ernannt; bei dessen Erscheinen 1993 war er schon Weihbischof in Wien. Im turbulenten Jahr 1995 folgte Schönborn H. H. Groer als Wiener Erzbischof nach, am 21. Feber 1998 kreierte ihn der Papst zum Kardinal. Letzten Juni übernahm Schönborn auch den Vorsitz in der Österreichischen Bischofskonferenz.

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