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Wie sollte ein Bischof sein?

Ein Bischof ist auch nur ein Mensch. Ein unvollkommener, fehlerhafter, sündiger Mensch wie jeder von uns. So wie ich als Pfarrer weit von dem Idealbild eines Pfarrers entfernt bin, wie es meine Gemeindemitglieder, würde man sie danach fragen, entwerfen würden, so ist wohl auch ein Bischof immer mehr oder weniger weit von dem entfernt, was dieses Amt von ihm erfordern würde.

Aber wir alle sollten uns gelegentlich vor Augen halten, wie wir sein sollten, schon um zu erkennen, wieviel uns dazu noch fehlt. Damit ich mich aber bei der Zusammenstellung eines „Tugendkatalogs” für einen Bischof nicht ins Utopische verliere, will ich mir dabei vorstellen, was ich gern tun würde bzw. wie ich gern sein würde, wenn ich selbst Bischof wäre. (Keine Angst, es besteht nicht die geringste Gefahr. Es geht bloß darum, daß man von andern nicht verlangen soll, was man nicht selbst anzustreben bereit ist.)

Also ich möchte als Bischof nicht nur der „Pfarrer der ganzen Diözese”, sondern darüber hinaus Priester in einer ganz konkreten überschaubaren Gemeinde sein. Zum Beispiel in St. Stephan in Wien. Ich weiß nicht, ob ich jemand andern Dompfarrer sein ließe. Ich möchte mit andern zusammen Gemeinde Jesu sein. So etwas ähnliches meint wohl Augustinus, wenn er sagt: „Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ.”

Das ist nicht zuletzt auch deshalb wichtig, weil ich dadurch mit der Basis in Verbindung bleibe. Wenn ein Bischof nicht aus dem „kurialen Milieu” des Domkapitels, des Klerus, der „Berufskatholiken” ausbricht, wie kann er denn mit dem Denken, den Freuden und Sorgen, Ängsten und Hoffnungen des Volkes vertraut bleiben?

Entweder mit dieser Gemeinde, in der ich selbst Mitglied bin, oder mit irgendeiner andern Gemeinde meiner Diözese würde ich nach Möglichkeit jeden Sonntag Eucharistie feiern. In irgendeiner Gemeinde würde ich jeden Sonntag das Evangelium verkünden, predigen. Ganz schlicht, wie es jeder Pfarrer jeden Sonntag in seiner Gemeinde tut.

Ich könnte mir vorstellen, daß durch diese sonntäglichen Predigten, wie auch durch die Art und Weise, in der ich als Bischof mit der Gemeinde die Liturgie feierte, wie durch meinen Amtsstil ganz allgemein, so etwas wie eine Tendenz erkennbar werden würde.

Wie ja überhaupt der Bischof in gewisser Weise das Image der Kirche seines Bistums prägt und damit die Richtung bestimmt, in der diese Kirche weitergeht. Man denke nur an Johannes XXIII. Er war wohl immer schon der Mensch, der er dann als Papst gewesen ist, nur bewirkte das vorher nichts. Erst als er aufs Podest gehoben war, wurden sein Lebensstil, seine gläubige Zuversicht, sein Mut bestimmend für die Kirche. Was war das doch für eine wunderbare Zeit, als diese alte Kirche auf einmal in jugendlicher Frische zum Schritt ins dritte Jahrtausend ihres Daseins ansetzte, so daß die Welt erstaunt aufblickte, viele wieder zögernd zu hoffen wagten und erwartungsvoll auf diese Kirche schauten. Bis einige dann Angst bekamen vor dem eigenen Mut und zum Rückzug bliesen. Wer erwartet heute noch etwas von einer Bischofssynode in Rom...

Daher meine ich, ein Bischof sollte ein Mann sein, der dem Gottesvolk seiner Diözese mutig vorangeht; der wegweisend die Richtung zeigt, die in die Zukunft der Kirche führt; der es wagt, neue Wege zu gehen, nicht ängstlich auf den Buchstaben des Gesetzes schaut, sondern sich vom Geist Gottes leiten läßt.

Ich wünsche mir einen Bischof, der sich von Christus in die Nachfolge der Apostel gerufen weiß und als solcher sich bewußt ist, kein Beamter des Papstes und schon gar nicht irgendeiner vatikanischen Kurienstelle zu sein, und der daher nicht bei jeder Lappalie in Rom anfragt, ob er dies oder jenes tun dürfe. Einen Bischof, der erfüllt, was Kardinal König 1969 in einem TV-Interview, in welchem es um die Kollegialität und Autorität der Bischöfe in ihrem Verhältnis zu Rom ging, gesagt hat: „Nichts in dieser Welt geschieht von sich allein. Wer will, daß etwas geschieht, muß selbst etwas tun und darf nicht nur auf die andern warten. Wenn die Kollegialität der Bischöfe wirksam werden soll, dann hängt das nicht davon ab, was sie tun dürfen, sondern davon, was sie tun wollen, es hängt ab von ihrer eigenen Initiative, von ihrer eigenen Verantwortung, von ihrer Zivilcourage.”

Mut zu Initiativen __

Und weil dieser Mut, Initiativen zu ergreifen ohne auf Befehle von oben zu warten, neue Wege zu wagen und zu verantworten, nur in einer Atmosphäre der Freiheit möglich ist, wünsche ich mir einen Bischof, der—wie Kardinal König das getan hat — den Priestern seiner Diözese diesen Freiraum gewährt; ja mehr als das — der sie ermutigt und ermuntert, Initiativen zu setzen; der nicht ängstlich bremst und aufkeimendes Leben erstickt, weil es im Codex nicht vorgesehen ist, sondern alles fördert, was dem Geist des Evangeliums entspricht. Der aber sehr entschieden darüber wacht, daß dieser Geist nicht ausgelöscht wird. Kurz, einen Bischof, der seine Brüder im Glauben stärkt.

Ich weiß nicht, ob ich es als Bischof fertigbrächte, mich nicht für alle möglichen Repräsentationszwecke mißbrauchen zu lassen, ob ich den Mut hätte, „den letzten Platz” zu wählen, also auf Privüegien und Sicherungen zu verzichten, aber eindeutig für die Rechte derer einzutreten, denen Unrecht geschieht, sowohl im Staat wie in der Kirche — aber richtig wäre es.

Selbstverständlich sollte ein Bischof den Mut haben, denke ich, dem Papst und den diversen römischen Stellen gegenüber seine Meinung zu vertreten; ihnen, wenn es sein muß, „ins Angesicht zu widerstehen”, sie auf die tatsächliche Situation in seiner Diözese und in der Welt sehr deutlich aufmerksam zu machen und die notwendigen Entscheidungen und Maßnahmen zu fordern. Er ist ja als Bischof für die gesamte Kirche mitverantwortlich und — in Kollegialität mit den andern Bischöfen und dem Papst — zur Leitung der gesamten Kirche bestellt. Also soll er diese Verantwortung auch wahrnehmen.

Ich weiß nicht, ob er sich sehr beliebt machen wird, wenn er das alles tut. Aber das sollte ihm eigentlich nicht so wichtig sein. Wichtig sollte ihm sein, ob der Herr der Kirche mit ihm zufrieden ist.

Der Autor ist Pfarrer in Schwechat bei Wien.

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