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Im Sinn des Konzils erneuern

Was Johannes Paul II. uns zur Lösung hinterlassen hat: Überlegungen des Wiener Weihbischofs Helmut Krätzl über die vordringlichen Aufgaben, mit denen der neue Papst konfrontiert sein wird.

Johannes Paul II. hat ganz neue Maßstäbe für das Papstamt gesetzt, vor allem in sei

nem Wirken hinaus in die Welt. Sein Nachfolger wird sich wohl auf Probleme konzentrieren, die sein Vorgänger innerhalb der Kirche ungelöst zurückgelassen hat. Der verstorbene Papst hat manches selbst genannt. In seinem Testament schrieb er: "Auf der Schwelle des dritten Jahrtausend will ich noch einmal dem Heiligen Geist danken für das große Geschenk des II. Vatikanischen Konzils, in dessen Schuld ich mich zusammen mit der ganzen Kirche - und vor allem dem ganzen Episkopat - fühle."

Schon 1994 rief er in seinem Schreiben "Tertio millennio adveniente" zu einer Gewissensprüfung auf, wie das Konzil "gegen Ende des zweiten Jahrtausends" angenommen sei. "Ist das Wort Gottes in vollem Ausmaß zur Seele der Theologie und Inspiration des ganzen christlichen Daseins geworden? Wird die Liturgie als Quelle und Höhepunkt' des kirchlichen Lebens gelebt? Wird in der Universalkirche und in den Teilkirchen die Communio-Ekklesiologie dadurch gefestigt, dass man den Charismen und den verschiedenen Formen der Teilnahme des Gottesvolkes Raum gibt?"

Für die Zukunft der Kirche bleibt also, sie noch deutlicher im Sinne des Konzils zu erneuern. Was heißt das konkret?

Mehr Mitverantwortung statt Zentralismus

Der Teilnahme des Gottesvolkes mehr Raum geben, heißt dezentralisieren. Ortskirchen (Diözesen) und Bischofskonferenzen müssten mehr Eigenverantwortung bekommen. Die römische Bischofssynode bringt viele Bedürfnisse der Weltkirche ein, hat aber bislang keine Entscheidungsgewalt.

In einer Weltkirche von mehr als einer Milliarde Katholiken wären Instanzen zwischen Rom und den Diözesen notwendig, etwa nach großen Kulturkreisen, um die Erneuerung in der Kirche unmittelbarer zu ermöglichen. Und "den Charismen Raum geben" heißt wohl, die Spannungen zwischen Geweihten und "nur" Getauften endlich fruchtbar zu machen, sie aber nicht durch ängstliche Vorschriften noch zu verschärfen.

Priestermangel bedeutet auch: Sakramentenmangel

Liturgie und vor allem die Eucharistie sind Höhepunkt und Quelle kirchlichen Lebens. Wegen des wachsenden Priestermangels ist es aber so weit gekommen, dass die Feier der Sakramente gar nicht mehr überall möglich ist.

Bis zuletzt hat der verstorbene Papst uns tiefer zum Geheimnis der Eucharistie hinführen wollen. Sie ist ja "die Mitte des Wachstumsprozesses der Kirche", und "baut die Kirche auf". Den Bischöfen machte er zur Pflicht, allen die Möglichkeit zu bieten, an Sonntagen an der Feier der Messe teilzunehmen. Wegen des Priestermangels gibt es aber in unseren Gemeinden an Sonntagen oft nur mehr Wortgottesdienste. In Teilen Afrikas und Lateinamerikas sind riesige Kirchensprengel mit so wenigen Priestern, dass dort nur einige Male im Jahr Eucharistie gefeiert werden kann. Wie kann dann dort Kirche im Vollsinn "auferbaut" werden? Fehlen da nicht wahrhaft "Quelle und Höhepunkt" kirchlichen Lebens?

Das Bußsakrament scheint in Vergessenheit zu geraten. Seine Erneuerung ist aber nur durch eine viel größere Zahl von Priestern möglich. Die Krankenpastoral wurde durch Laien ausgeweitet. Das schafft die Möglichkeit zu so notwendigen persönlichen Gesprächen. Wo aber Priester fehlen, bleibt den Kranken der Trost durch Beichte und Krankensalbung vorenthalten.

Die katholische Kirche hat sich immer als eine "Kirche des Sakramentes" bezeichnet im Gegensatz zu den Kirchen aus der Reformation, die eher als "Kirchen des Wortes" gelten.

Nun ist sie wegen des Priestermangels in Gefahr, immer häufiger auf Sakramente verzichten zu müssen. Den Priestermangel beheben ist offenbar nur gesamtkirchlich möglich. Also lastet die Verantwortung dafür auf dem Weltepiskopat zusammen mit dem neuen Papst.

"Gemäß dem Evangelium ..."

Der verstorbene Papst hat 1994 gefragt, ob das Wort Gottes in vollem Ausmaß zur Seele der Theologie und zur Inspiration des ganzen christlichen Daseins geworden ist. Das ist eine Aufforderung, die Heiligen Schrift noch deutlicher zu "Richtschnur und Fundament" der Verkündigung und lehramtlicher Aussagen zu machen. Das bedeutet aber auch, verbindliche Richtlinien für das christliche Dasein vor allem an der Bibel zu messen.

Die Kirche muss in einer orientierungslosen Zeit klare Ziele setzen. Selbst kritische Journalisten und auch Jugendliche haben gerade das am Papst geschätzt. Und doch haben in den letzten Jahren viele das Vertrauen in die sittlichen Weisungen der Kirche verloren, weil sie an ihren Lebenswirklichkeiten vorbeizugehen scheinen.

Das betrifft vor allem Fragen der Ehemoral oder der Pastoral an solchen, deren Ehe gescheitert ist. Die Kirche darf keinesfalls dem Zeitgeist "billig" nachgeben. Aber sie wird künftig noch viel differenzierter die neue Lebenssituation der Menschen sehen und diese zu mehr Selbstverantwortung herausfordern müssen. Dafür gibt es unaufgebbare Forderungen Jesu im Evangelium, aber auch Grundhaltungen des "guten Hirten", der barmherzig ist, Wunden heilt, neue Anfänge im Leben ermöglicht und dazu sogar ermutigt.

Künftig sollten, wie es das II. Vatikanum im Dokument "Dei Verbum" ausdrücklich sagt, Theologen und Vertreter des Lehramts gemeinsam die Heilige Schrift noch besser erforschen und für die Praxis auslegen. Und es wäre eine besondere Herausforderung für die Ökumene, in allen Kirchen Entscheidungen noch einsichtiger "gemäß dem Evangelium" zu treffen.

Ein Petrusdienst, der die Christen einigt

Zu den spektakulärsten Aussagen des verstorbenen Papstes gehört die Einladung der anderen Kirchen zu einem "brüderlichen, geduldigen Dialog" über eine neue Form der Primatsausübung.

Die Ökumene war Johannes Paul II. ein Herzensanliegen. Das zeigten viele Begegnungen mit Vertretern anderen Kirchen, ökumenische Gesten und die wiederholte Mahnung, in der Ökumene nicht nachzulassen. Im neuen Pontifikat erwartet man, dass die Ergebnisse vieler theologischer Expertengespräche nun auch offiziell rezipiert werden und den vielen Gesten konkrete Taten folgen.

Der Dialog über die Ausübung des Papstamtes aber wird erst ernsthaft beginnen, wenn vorher "vertrauensbildende" Maßnahmen gesetzt werden. So müsste in der Ausübung des Papstamtes künftig vermieden werden, was nicht einmal durch die Festlegungen des I. Vatikanums unbedingt notwendig ist. In lehrhaften Aussagen wäre behutsam zu achten, keine neuen Irritationen hervorzurufen. Und Eigenheiten der römisch-katholischen Kirche in Kult und Frömmigkeit können auch der Bereicherung der Ökumene dienen, dürfen diese aber nicht durch Übertreibungen neu belasten.

Die Erwartungen an den neuen Papst sind riesengroß. Sie konzentrieren sich vor allem auf das, was Theologen in wachsendem Konsens vorausgedacht haben, was in der Pastoral verantwortungsbewusst oft schon versucht wird und was Bischöfe aus der ganzen Welt seit Jahren in Rom an Lösungsvorschlägen deponiert haben. Dem Erbe des verstorbenen Papstes wird man nur gerecht, wenn man die Probleme, die er nicht mehr lösen konnte, nun mutig aufgreift.

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