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Krise als Chance zur RefoRm

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Die Kirche muss ihre gegenwärtige lage zum anlass für tiefgreifende Änderungen ihrer leitungsstruktur begreifen. Ein Gastkommentar.

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Die Kirche muss ihre gegenwärtige lage zum anlass für tiefgreifende Änderungen ihrer leitungsstruktur begreifen. Ein Gastkommentar.

Für kommenden Februar ist eine Zusammenkunft des Papstes mit den Vorsitzenden der Bischofskonferenzen zur "Missbrauchskrise" angekündigt. Offensichtlich will Papst Franziskus damit die Krise in den Griff bekommen. Aber kann das gelingen, ohne dass auch die Kirchen(leitungs)struktur selbst zum Thema gemacht wird? Eine Struktur, die diese Krise überhaupt erst so groß hat werden lassen. Einerseits durch eine übersteigerte Übergeordnetheit der Geweihten, die allzu leicht zum Missverständnis verliehener Vollmachten als Macht über Menschen verleitet. Oder auch Menschen den Priesterberuf anstreben lässt, die hier eine von "oben" her legitimierte Spielwiese für ihre gestörte Beziehungsstruktur suchen -bis hin zur sexuellen Ausbeutung von Menschen. Groß hat die Krise aber auch werden lassen, dass Transparenz und Rechenschaft gegenüber dem Kirchenvolk genauso wenig zu den Pflichten der Leitenden gehören wie die Einbeziehung der Kirchenmitglieder in Entscheidungen, die alle betreffen. Meinen der Papst und die Bischöfe auch jetzt, dass sie die Krise bewältigen werden -und müssen? Derzeit erwecken sie den Eindruck und laden sich damit unerfüllbare Erwartungen auf. Sitzen sie damit doch in der Allzuständigkeitsfalle als der Kehrseite der Alleinverantwortung in der Kirche. Das Kirchenvolk hat vorerst abzuwarten. Und es hat danach auch keinen verbürgten Weg, Entscheidungen oder Nicht-Entscheidungen wirksam zu beeinspruchen oder auch gutzuheißen. Obwohl es, was immer das Ergebnis oder Nicht-Ergebnis ist, zum überwiegenden Teil auszulöffeln hat.

Kirchenvolk kein pastoraler Versorgungsfall

Dabei hatte sich das II. Vatikanische Konzil schon vor mehr als fünfzig Jahren an eine Neuaufstellung der Kirchenstruktur herangearbeitet. Das "Volk Gottes" war wiederentdeckt worden, und die hierarchischen Ämter sollten als Dienst an diesem Volk verstanden werden. Was schon damals von mancher Seite als unerwünschte Nachahmung der "bösen" weltlichen Demokratie gesehen wurde, war in Wirklichkeit der Würde der Getauften geschuldet, dem gut neutestamentlichen Respekt vor dem Volk Gottes und der Wertschätzung und Nutzung der mit Taufe und Firmung geschenkten Charismen. Das Kirchenvolk sollte nicht als Fußvolk gesehen werden oder als pastoraler und sakramentaler Versorgungsfall. Es sollten auch nicht mehr einige wenige, wenn auch mit Ämtern Ausgestattete bestimmen und beschließen, was für alle gut sein soll. Die Charismen der Getauften sollten fruchtbar sein für das Leben der Kirche und ernsthaft in die Entscheidungen der Leitenden einbezogen werden. Soweit das Konzept des II. Vaticanums damals.

Dass dieses Konzept bis heute auf Verwirklichung wartet, wird auch an anderen "Krisenpunkten" schmerzlich spürbar. Etwa am Krisenpunkt "Zukunft der Gemeinden im Priestermangel". Wiederum entscheiden einige wenige, wie es weitergehen soll und welche Optionen für eine Überwindung der Krise ausscheiden. Alle zugelassenen Lösungsstrategien werden rund um die Geweihten konstruiert: Wie viele es von ihnen noch gibt, so viele Gemeinden kann es noch geben. Dass die daraus entstehenden Großgebilde von "Gemeinden" nicht mehr überschaubar sind; dass in ihnen communio rund um den eucharistischen Tisch immer weniger gelebt werden kann, weil Eucharistie nur mehr gefeiert werden kann, wo und wann die weniger werdenden Geweihten Zeit dazu haben: das alles geht am Kirchenbild des II. Vatikanischen Konzils weit vorbei.

Respekt vor den Charismen der Gläubigen

Alternativen liegen vor: die Erweiterung des Zugangs zum Priesteramt für Verheiratete, für Frauen. Die Beauftragung von Menschen aus den Gemeinden selbst mit den sakramentalen Diensten -eventuell im Team, wie der emeritierte Bischof Fritz Lobinger und Paul M. Zulehner seit Jahren vorschlagen. Aus den Gemeinden Vorgeschlagene, die ihr Dienstamt eventuell ehrenamtlich, mit Familie ausüben: das würde das Weiheamt deutlich erweitern und mit dem "Volk Gottes" mehr verflechten. Und wiederum ist damit die Frage des Kirchenbildes, der Kirchen(leitungs)struktur angeschnitten. Die Frage auch des Respekts vor den Charismen, die Erfahrung mit Glauben im Alltag, das Urteilsvermögen der Getauften und des Vertrauens in sie. Die Frage nach der Mitwirkung der Getauften an den Entscheidungen, nach deren Rechten in der Kirche.

Dabei hat Paul VI. seinerzeit als Folgerung aus dem II. Vaticanum eine "Lex Ecclesiae Fundamentalis", eine Verfassung, eine Ordnung der Grundrechte für alle in der Kirche, in Auftrag gegeben. Nach Jahren der Arbeit von Experten daran wurde das Projekt unter Johannes Paul II. beendet. Man darf vermuten, dass einigen die Eigendynamik dieses Projektes im Hinblick auf die geltende Kirchenstruktur klar geworden war. Der neue Codex Iuris Canonici wurde dann ganz im bisherigen Verständnis von Kirche verfasst.

Die Katholikinnen und Katholiken haben sich daran gewöhnt, dass sie Bürger zweier Gesellschaften sind: einer demokratisch verfassten "weltlichen" mit ihnen selbstverständlichen Grundrechten und einer absolutistisch-monarchistischen ganz ohne solche. Am ehesten bewusst ist dem Kirchenvolk dieser Widerspruch in der Frage des Ablaufs der Bestellung von Bischöfen. Aufwändige Ermittlungen von Vorschlägen aus den Diözesen verlaufen nach wie vor im Sand. Stattdessen wird rund um intransparente Befragungen mittels geheim zu haltender Briefe gerätselt und jedes Mal neue Frustration über diese Missachtung der Einschätzung derer ausgelöst, die die Hauptbetroffenen der Entscheidung sind.

Enttabuisierung bereitliegender Vorschläge

Papst Franziskus setzt immer wieder Signale der Unzufriedenheit. So geißelt er aufs Schärfste jeglichen "Klerikalismus" als persönliche Fehlhaltung Einzelner. Aber spricht er damit auch die klerikale Struktur der Kirche an, die dem Klerikalismus den Boden bereitet und auch Menschen mit einem problematischen Verständnis von Weihevollmacht zum Priesterberuf führt? Er fordert die Bischöfe zu "mutigen Vorschlägen" bezüglich der Zukunft der Gemeinden im Priestermangel auf. Aber meint er damit auch die Enttabuisierung verschiedener, schon seit Jahrzehnten auf dem Tisch liegender Vorschläge?

Papst Franziskus will glaubwürdig dem tiefsten Übel in der Kirche den Kampf ansagen: dem Menschen ausbeutenden Missbrauch durch Menschen mit Macht und Autorität in der Kirche. Kann ihm das gelingen, ohne an die Kirchen(leitungs)struktur zu rühren? Sollte nicht gerade diese schwere Krise des Vertrauens in die Kirche endlich eine Umsetzung der Reform der Struktur und des Leitungsmodells im Sinne des II. Vatikanischen Konzils in Gang setzen? Ganz sicher wird auch eine in Grundstruktur und Leitung reformierte Kirche nicht jeden Missbrauch von Macht verhindern können. Auch in Vereinen und Gesellschaften mit Machtkontrolle gibt es ihn immer wieder. Wenn die Kirche aber das Maximum an Verhinderung ausschöpfen will, dann muss auch die Kirchenstruktur in den Blick genommen werden. Vielleicht wird die geplante Zusammenkunft des Papstes mit den Vorsitzenden der Bischofskonferenzen den Mut zu diesem großen Wurf finden.

| Der Autor ist Pfarrer von Probstdorf/NÖ sowie Obmann der Pfarrerinitiative |

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