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Kompetenz oder Spiritualität?

1945 1960 1980 2000 2020

Kein Unternehmen könnte sich einen solchen Mangel an Leitungs- und Führungskompetenz leisten wie die Kirche.

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Kein Unternehmen könnte sich einen solchen Mangel an Leitungs- und Führungskompetenz leisten wie die Kirche.

Kompetenz oder Spiritualität? Dies sind doch keine Gegensätze, Antipoden, Alternativen! Thema verfehlt, nicht genügend!

Aber für Kardinäle und andere kirchliche Würdenträger ist dieser Gegensatz erlaubt. Er wird als eine Erklärung für die Entlassung eines Generalvikars dargestellt (eine genaue Begründung scheint ja nicht notwendig für die Öffentlichkeit). Mir geht es nicht nur um diesen Anlaßfall; der ist sowieso schon genug zerredet worden, obwohl dieser Aspekt des Konfliktes - auch dank managementunerfahrener Kommentatoren - vernachlässigt wird. Es geht um die Frage, ob die Kirche es sich leisten darf, fernab von Managementkonzepten und Managementpraxis zu verfahren.

Die Antwort heißt natürlich: Kompetenz und Spiritualität!

"Tüchtigkeit als Legitimation" hieß es im Inneren Statut der Katholischen Hochschuljugend schon in den sechziger Jahren. Lesen Sie die Gründungsregeln des Heiligen Benedikt aus dem sechsten Jahrhundert - unter anderem ein Füllhorn modernster Managementgedanken. Schon 25 Jahre vor der modernsten Managementliteratur stellen die Konzilsdokumente (etwa "Lumen Gentium") ganz wichtige neue alte Konzepte des Leitens vor - für die Kirche, für die Bischöfe: wie das Server-Prinzip "Servus Servorum Dei" (siehe das Buch "Kirchenreform", Hrsg. P. M. Zulehner und A. Heller). Es gibt heute kaum eine effizientere Organisation als die Taize-Bewegung, die es ohne großen sichtbaren Aufwand schafft, Tausende Jugendliche in kürzester Zeit zu gemeinsam ausgerichtetem Verhalten anzuregen. Unter allen amerikanischen Organisationen (Unternehmen und Voluntary-Non-Profit-Organizations) wurden in den letzten fünf Jahren dreimal die "Girl-Scouts" (Pfadfinderinnen) und einmal die Heilsarmee von den Management-Gurus als beste Organisationen gewählt.

Nur in unseren Kirchenleitungen wird dies ignoriert.

Damit wir uns nicht mißverstehen: Ich bin unbedingt für eine spirituelle Vertiefung in der Kirche (wenn auch nicht immer nach dem Geschmack des Kardinals), es ist klar, daß die Kirche nur mit klarer Schärfe und Kantigkeit ihres Glaubens am "Markt" reüssieren kann. Einem "Markt", der Tiefe, Spiritualität und Werteorientierung sehr wohl nachfragt - und nicht nur als Minderheitenprogramm.

Nur darf der Wille zur spirituellen Vertiefung nicht verwendet werden als Ausrede für Ignoranz von Professionalität in weltlichen Dingen. Unauffällige - nicht prätentiöse - Effizienz und Professionalität sind notwendige Vorbedingung, um gelebten Glauben sichtbar zu machen, um Dienst an den Mitgliedern, Suchenden und der Welt anbieten zu können. Dieser "Zeitgeist" (inzwischen auch als Kritik am "Dialog für Österreich" zu Ehren gekommen), mit heutigen Mitteln mit den "Kunden" zu kommunizieren, ihnen zu dienen, kann doch nicht schlecht sein. Wenn die Inhalte ehrlich und genuin sind und glaubwürdig gelebt. "Zeit-gerecht" sein ist heute oft Voraussetzung, in Wort und Tat verstanden zu werden.

Daher ist es selbstverständlich notwendig, daß in der Kirche auch Leitung ("Management") und Führung ("Leadership") gefragt sein müssen. Als Vorbedingung, gleichsam als Infrastruktur, um den Glauben verkünden zu können, um Caritas zu üben.

Die Kirche hat auch zu wirtschaften. Wirtschaft ist der Umgang mit knappen Ressourcen. Nun, die Ressourcen werden für die Kirche immer knapper: Einnahmen aus Kirchenbeiträgen schwinden, aber auch die eigenen Humanressourcen, auch die "Kunden". Dies muß gemanagt werden. Geld wird noch immer verschwendet, nicht optimal genützt. Tabu ist bei dramatisch knapper werdenden Personalressourcen unter Priestern die Frage, wie viele Priester eigentlich noch immer ihre Zeit als Religionslehrer "vergeuden" und Religionslehrern und Laientheologen die Arbeit wegnehmen. Wir wissen es: es ist eine finanzielle Frage für die betroffenen Priester und die Kirche als Ganzes. Wie anachronistisch sind manche unserer pastoralen Strukturen im Zeitalter des Cyberspace und der mobilen Gesellschaft.

Um mit diesen Herausforderungen umzugehen, gehört zweierlei: * Profis heranlassen: es gibt genug Manager und Berater mit entsprechender Qualifikation und Erfahrung, die sich der Kirche verbunden fühlen. Sie müßten viel intensiver genützt werden.

* Die Verantwortlichen in der Kirche können sich nicht vor Fitneß in Führungs- und Leitungsagenden drücken. Ein "Entschuldigungskardinal", der "lieb" und voller Schnörksel - immer post factum - zugibt, in dieser Beziehung "noch viel lernen zu müssen" (das müssen wir alle!), ist unerträglich. Weil er diese "Professional Duty" fachlicher Qualifizierung seit vier Jahren nicht wahrgenommen hat. Welches Unternehmen allerdings würde auch einen Projektleiter (Weltkatechismus) ohne irgendwelche Leitungs- und Personalverantwortungserfahrung gleich zum Generaldirektor machen?

Seit zehn Jahren gibt es (dank der Initiative Paul M. Zulehners) Seminare und Universitätslehrgänge über "Leiten in der Kirche". Unzählige Bischöfe, Priester, Laien in kirchlichen Berufen haben daran teilgenommen. Wer aber nicht?

Die Kriterien, nach denen heute in der Kirche Leitungspositionen rekrutiert werden, sind eigentlich nur mehr "lustig" oder "traurig" (je nach Gemütslage) zu nennen. Ich stimme mit Helmut Krätzl überein, wenn er von den Kriterien für "Bischöfe, die den steigenden Anforderungen des Amtes gewachsen sind" (in seinem Buch: "Im Sprung gehemmt", S. 210 f) spricht: * Ein Bischof muß "hohe menschliche Qualitäten" haben. "Er muß ein Charisma für âLeitung' haben", "kommunikationsfähig und -willig sein" (siehe: Brief vor die Tür legen; Anm. des Autors). "Er muß physisch und psychisch belastbar sein und dazu geeignet, Konflikte ohne Ansehen der eigenen Person zu lösen oder auch auszuhalten."

* "Ein Bischof muß heute überdurchschnittlich theologisch gebildet sein."

* Man erwartet von ihm eine "tiefe Spiritualität", aber "nicht abgehoben ... von den ânatürlichen' Eigenschaften".

* Er soll "âpolitisch' sein, das heißt, um die Vorgänge in der âPolis' Bescheid wissen und die rechte Balance zwischen einseitigem politischen Engagement und gesellschaftspolitischer Abstinenz halten".

* Er wird "seine Meinung - gelegen oder ungelegen - äußern müssen" und die * "Verantwortung ... unerschrocken wahrnehmen", aber auch "Mitverantwortung" (Generalvikar, Gottesvolk) "gewähren".

* "Rom gegenüber soll er durch die uneingeschränkte Ausübung seiner eigenen Vollmachten die ihm übertragene Mitverantwortung beweisen" und "Versuchen zu einem anwachsenden Zentralismus entgegenwirken".

Ginge man nach diesen Kriterien bei der Bewertung (nicht nur) des österreichischen Episkopats vor, so würde wohl die aus den Sozial- und Wirtschaftwissenschaften bekannte Pareto- oder 80:20-Regel Gültigkeit haben: Nur 20 Prozent der Auserwählten erfüllen 80 Prozent dieser Fähigkeiten, und 80 Prozent sind nur zu 20 Prozent befähigt. Kirchen (und Gewerkschaften) sind die schlechtesten Arbeitgeber, sie gehen mit ihren Mitarbeitern durchaus unwürdig um. Investitionen in Personalentwicklung sind nicht gefragt (ja führen zu schweren Konflikten).

Kein Unternehmen, keine Wohlfahrtsorganisation könnte sich solche Verweigerung im Umgang mit Leitungs- und Führungskompetenzen, im Umgang miteinander und den "Kunden" leisten, ohne in Konkurs zu gehen. Wie lange wird der gütige Gott bei dieser Sünde wider die Sachlichkeit noch zuschauen?

Der Autor war die letzten 20 Jahre in Managementpositionen tätig. Er ist seit neun Jahren Lehrbeauftragter im Universitätslehrgang "Leiten in der Kirche" und Mitglied des Gesprächsforums "Kirchenzukunft".

Zum Thema: Leiten in der Kirche Seit mehr als zehn Jahren gibt es zweijährige Curricula "Leiten in der Kirche", initiiert von Prof. Paul M. Zulehner, zusammengestellt von der "Gesellschaft für Personalentwicklung". Ebenso gibt es seit zehn Jahren jährlich am Institut für Pastoraltheologie der Universität Wien einen Hochschulkurs "Leiten in der Kirche". Hier einige Seminarauswertungen: * Ausgehend von einer Diagnose der Situation der Kirche (Führungsschwäche, unglückliche Personalpolitik, Verstecken der wertvollen Botschaft der Kirche hinter einer mangelhaften Organisation, Struktur und Personaldebatten, Angst vor Know-how aus der Wirtschaft) beschreiben 70 Prozent die Kirche als funktionierend nach den Regeln von Institutionen und Organisationen mit entsprechender Hierarchie. Daraus leiten sie die Notwendigkeit für eine zielbewußte Leitung ab, die sowohl die Übernahme und auch Abgabe von Verantwortung, die Motivation und den Einbezug der MitarbeiterInnen als auch das Führen von Mitarbeitergesprächen, bei denen Ziele gemeinsam ausgehandelt werden, beinhaltet.

* Die Besonderheit des Führens in der Kirche wird in 75 Prozent der Fragebögen besonders hervorgehoben: Die Kirche sei eine Institution, die dem "Leben im Sinne des Evangeliums" dient, und ein "Instrument in der Hand Gottes für das Heil der Welt" darstellt. Um den Auftrag der Kirche in der Weit glaubwürdig erfüllen zu können, bedarf es der Zusammenarbeit von Laien und Priestern, welche die MitarbeiterInnen motiviert und qualifiziert, um an der Reform der Kirche mitzuarbeiten bzw. die Kirche bewußt mitzugestalten.

Leopold Stieger (geschäftsführender Gesellschafter der "Gesellschaft für Personalentwicklung")\r

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