priester & papst - © AFP / Osseravtore Romano

Die änderungsresistente Hierarchie

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Zur derzeitigen Situation der katholischen Kirche kann man sich nur verwundert fragen: Welche Sorgen, Ängste und Hoffnungen hat eigentlich die Führungsriege? Womit beschäftigt sich eigentlich die Führungsmannschaft?

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Zur derzeitigen Situation der katholischen Kirche kann man sich nur verwundert fragen: Welche Sorgen, Ängste und Hoffnungen hat eigentlich die Führungsriege? Womit beschäftigt sich eigentlich die Führungsmannschaft?

Wie man aus der Wirtschaft weiß, gibt es immer wieder neue Management-Methoden. Diese sind im Wesentlichen aus neuen Erkenntnissen abgeleitet. Manche sind auch schon wieder veraltet. Das wirtschaftliche Umfeld ändert sich, neue Produkte entstehen, neue Märkte tun sich auf, die Menschen haben andere Vorstellungen vom Leben (Stichwort work-life-balance), gesellschaftliche Änderungen durch externe Einflüsse (Stichwort Migration), Verschiebungen und Brüche im politischen Umfeld. Ohne eine Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen kann kein Unternehmen überleben. Werden dabei Veränderungssignale zu spät erkannt, bleibt für eine Reaktion meist zu wenig Zeit. Das Prinzip Hoffnung oder ein einfaches Aussitzen sind schlechte Ratgeber. Veränderungswille, Anpacken und Innovationen sind gefragt.

Auch wenn manche meinen, die Kirche ist nicht mit einem Unternehmen vergleichbar, so gibt es trotzdem Erkenntnisse, die die Kirche klugerweise übernehmen sollte. Welche sind für die Kirche relevant?

Konzentration auf Kern-Eigenleistung

Die Diskussion von "Nebenkriegsschauplätzen" ist uninteressant geworden. Wer versteht noch die Problematik der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene? Selbst der Zölibat wird nicht einheitlich innerhalb der Familie der katholischen Kirche gelebt. Diese Themen und noch viele andere binden zu viele Kräfte, die Diskussionen dazu sollten sofort gestoppt werden und die entsprechenden Änderungen umgesetzt werden. Das ist ganz klar Führungsverantwortung. Zusätzlich muss das Angebotsprofil der Kirche geschärft werden. Dazu gehören z. B. neue Gottesdienstformen. Angesichts des Priestermangels genügt es nicht, sogenannte Wortgottesdienste als Ersatz für eine Messe anzubieten, denn damit schafft man erst wieder eine Abhängigkeit von den immer weniger werdenden Priestern und zementiert ein veraltetes Hierarchieverständnis. Die Wortgottesdienstleiter werden als Personal zweiter Klasse gesehen. "Heute ist nur ein Wortgottesdienst?", hört man oft. Es braucht eine vom Priester unabhängige, neue und vielfältigere Liturgie, dafür geeignete Räume (ohne Altäre) und mehr qualifiziertes Personal. Die Zusammenlegung von Pfarren ist nur bei einer gleichzeitigen Verbesserung und Erweiterung des Angebots sinnvoll. Konzentration der Kräfte auf die Kern-Eigenleistung.

Gerade seit dem Luther-Gedenkjahr ist vielen klar geworden, dass die Trennung der katholischen von der evangelischen Kirche nicht mehr nachvollziehbar und verständlich ist. Beinahe krampfhaft wird an nicht mehr verständlichen Differenzen festgehalten anstatt zu kooperieren. Gerade in schwierigen Zeiten sind Kooperationen notwendig. Einerseits müssen die Kräfte gebündelt werden, denn es gibt mehr anstatt weniger in den Kirchen zu tun. Andererseits können beide durch die Zusammenarbeit voneinander lernen. Learning by doing ist zielführender als die Unterschiede immer und immer wieder theoretisch zu untermauern, rechthaberisch im Elfenbeinturm zu verharren und keinen Schritt aufeinander zuzutun. Dass dabei Kompromisse notwendig sein werden, ist eigentlich eine Binsenweisheit. Wie oft muss man selbst im Alltag oder müssen Politiker Kompromisse eingehen. Um das alles wirksam werden zu lassen, sind der klar ausgesprochene Wille zur Vereinigung und Führungsstärke gefragt.

Glauben neu definieren

Die Kirche ist immer noch durch das in den ersten Jahrhunderten formulierte Glaubensbekenntnis geprägt, das Glauben als ein "Für-wahr-halten", als ein "Glauben an jemanden oder etwas" oder als eine Abgrenzung gegenüber Andersgläubigen definiert.

Glauben heißt aber vielmehr im Vertrauen auf Gott Neues in Gang zu setzen, neue Gegebenheiten zu schaffen, sich für Veränderungen einzusetzen, sich zu engagieren. Darüber soll man nachdenken, meditieren und konkrete Vorhaben umsetzen. Die Kirchenführung muss aus strategischen Gründen einen derartigen Prozess in Gang setzen, Forscher, Fachleute, Hochschulen und auch "einfache Gläubige" mit der Erarbeitung und Erprobung von Innovationen beauftragen. Mein Vorschlag, an österreichischen Universitäten "Innovations-und Experimentierinstitute" an den Theologischen Fakultäten zu installieren, ist leider nicht aufgenommen worden.

Führung und Personalpolitik

In den letzten Jahren hat es sich herumgesprochen, nicht erst seit dem Facharbeitermangel, dass der Mensch die wichtigste Ressource in einem Unternehmen ist. "Im Mittelpunkt steht der Mensch" steht in vielen Visions-und Missions-Statements von Firmen. Entsprechend wird Personalpolitik auch betrieben. Mitarbeiterauswahl,-evaluation, -qualifizierung und -förderung sind Standardmethoden, die sich etabliert haben. Führungskräfte werden entsprechend ihrer Eignung, Menschen zu führen, zu fördern und zu fordern ausgewählt und geschult. Deshalb ist die Personalpolitik der Kirche kritisch zu hinterfragen. Zuerst ist das Führungsverständnis der Pfarrer, Dechanten und Bischöfe neu zu definieren. Sind alle diese Personen auch wirklich für Führungspositionen geeignet? Eine "Doppelspitze" für Pfarren wäre eine Alternative. So könnte sich der Pfarrer wirklich auf die Seelsorge konzentrieren. Außerdem werden in den Pfarren mehr Mitarbeiter benötigt, nicht nur Ehrenamtliche, sondern fix angestellte Profis, auch Teilzeitbeschäftigte. Ich höre schon die Einwände, wer das alles bezahlen soll. Womit wir beim Kern der notwendigen Veränderungen sind.

Angebot und Nachfrage

Jedes Unternehmen, das erfolgreich auf dem Markt bestehen will, muss permanent sein Angebot hinterfragen und die Nachfrageseite sehr gut verstehen. Beides ist notwendig. Die Verantwortung dafür liegt bei der Führungsmannschaft. Nur das Produkt zu variieren, zu verbessern oder ganz neue Produkte auf den Markt zu bringen, ohne die Kunden zu berücksichtigen, genügt nicht. Die Einbeziehung der Erwartungen, Bedürfnisse, der Lebenssituation und auch die Emotionen der potenziellen Kunden müssen in die Produktentwicklung einfließen. Seitens der Kirche wird auf Basis diverser Umfragen immer wieder der Schwarze Peter den Menschen in die Schuhe geschoben, weil angeblich deren Glaube verdunstet. Das Angebot wird nicht verändert. Mittelalterliche Lieder, Texte in einer Sprache, die niemand mehr versteht, ein Priesterverständnis, das aus einer absolutistischen Zeit stammt, Riten, die uns fremd geworden sind. Alte Gebäude, die nur mehr kunsthistorisch interessant sind, die unbeheizt, feucht, mit Statuen und Bildern ausgestattet, die nicht mehr einem zeitgemäßen Glaubensverständnis entsprechen und insgesamt nicht attraktiv sind, sollen durch Neubauten an den Gemeindegrenzen ersetzt werden, sodass sich Pfarrgemeindezusammenlegungen ganz von selber lösen.

All das entspricht nicht den Erwartungen eines Menschen von heute, geschweige dass es die Emotionen anspricht. Angebote an Festtagen werden gerade noch geschätzt, weil es Tradition ist. Mehr nicht.

In Summe ist es unglaublich, wie änderungsresistent die Kirchenhierarchie ist. Hier ein bisschen nachschärfen, dort eine kleine Änderung, die falschen Themen auf dem Radar, das alles genügt nicht. Die Kirche muss den Reset-Knopf drücken und in Vielem von Neuem beginnen. Dafür sind wie in einem Unternehmen Vision, Mission, Strategien, Ziele, deren Umsetzung und Soll-Ist-Vergleiche zwingend notwendig. Die Verantwortung dafür liegt bei der Führung.

Der Autor war in der Automobilindustrie tätig und beschäftigt sich mit gesellschaftlichen, theologischen und philosophischen Zukunftsfragen

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