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Abschied von kirchlicher Selbstbezogenheit

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Gelernt als Leib zu leben: Wie Kirche sich in westlichen Gesellschaften neu erfinden muss. Die Fragen dazu liegen auf dem Tisch. Etwa: Wie stellt man es an, dass Menschen am Sonntag lieber in die Kirche kommen, als auf den Sportplatz oder ins Einkaufszentrum zu gehen?

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Gelernt als Leib zu leben: Wie Kirche sich in westlichen Gesellschaften neu erfinden muss. Die Fragen dazu liegen auf dem Tisch. Etwa: Wie stellt man es an, dass Menschen am Sonntag lieber in die Kirche kommen, als auf den Sportplatz oder ins Einkaufszentrum zu gehen?

Genau zum richtigen Zeitpunkt gibt der Rennleiter von Kitzbühel sein Kommando. Alles ist vorbereitet, jeder ist auf seinem Posten, alle sind bereit: Es kann losgehen. Viele Verschiedene fügen sich zu einem funktionierenden und faszinierenden Ganzen zusammen. Unzählige Beispiele aus dem Alltagsleben bestätigen die These: Vielfalt ist notwendige Voraussetzung für komplexe Systeme. Ob bei dem Bau eines Hauses, dem Auftritt eines Orchesters, der Produktion von Industrie-und Konsumgütern, der Pflege eines Gartens, der Performance eines Teams oder der Therapie eines Menschen oder Tieres - immer geht es darum, aus unterschiedlichen Komponenten oder Beteiligten ein Ganzes mit Mehrwert zu schaffen.

Bei der Produktion eines Autos leuchtet es rasch ein, dass die richtigen Teile zur richtigen Zeit am richtigen Platz verfügbar sein müssen, um in der richtigen Weise und Reihenfolge zusammengebaut werden zu können. Wäre ja dumm, wenn nach dem Lackieren noch einmal geschweißt werden müsste oder keine Kolben in den Motor montiert werden, weil eine Lieferung ausgefallen ist.

Verzichten oder gewinnen?

In hochindividualisierten Gesellschaften ist es jedoch weniger plausibel, warum und wie sich der einzelne Mensch als Teil eines Ganzen verstehen kann und soll. Wer die drückende Atmosphäre einer auf Konformität ausgerichteten Dorf-oder Firmenkultur erlebt hat, wird verständlicherweise nur ungern auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit zugunsten einer Unterordnung unter ein respektloses Gesamtsystem verzichten. Und dennoch ist es ein Faktum, dass die besten und kompetentesten Personen oder Einzelinitiativen kaum die erwünschten Wirkungen erzielen werden, wenn sie nicht in rechter Weise verbunden sind - eine Erfahrung, die sich vor allem in den hochgradig und aufwändig organisierten Kirchen des deutschsprachigen Raums als fatale Tendenz zeigt. Wie ist es sonst erklärbar, dass auch milliardenschwere Diözesen immer mehr an Relevanz bei den Menschen und in der Gesellschaft verlieren?

Papst Franziskus will modernen Menschen die Tür öffnen für die Freude des Evangeliums: "Die große Gefahr der Welt von heute mit ihrem vielfältigen und erdrückenden Konsumangebot ist eine individualistische Traurigkeit" (Evangelii Gaudium) und: "Wenn das innere Leben sich in den eigenen Interessen verschließt, gibt es keinen Raum mehr für die anderen, finden die Armen keinen Einlass mehr, hört man nicht mehr auf die Stimme Gottes, genießt man nicht mehr die innige Freude über seine Liebe, regt sich nicht die Begeisterung, das Gute zu tun".

Dann entwickelt der Papst im Schreiben Evangelii Gaudium die Vision einer Kirche, in der alle Mitglieder existentiell und spirituell erleben, wie schön es ist, Teil des Leibes zu sein: "Die Kirche im Aufbruch ist die Gemeinschaft der missionarischen Jünger, die die Initiative ergreifen, die sich einbringen, die begleiten, die Frucht bringen und feiern".

Es sind genau diese für jeden erlernbaren Qualitäten, die kennzeichnend sind für christliche Gemeinschaften, die gegen den Trend wieder wachsen. Da in der westlichen Hemisphäre diese Phänomene unter Marktbedingungen passieren, stellt sich die Frage, warum Menschen am Sonntag wieder lieber in die Kirche gehen als auf den Sportplatz oder ins Einkaufszentrum? Am Beispiel der Catholic Church of the Nativity in Baltimore soll dies exemplarisch verdeutlicht werden. Father White hat deren Erfahrungen in nunmehr vier Büchern publiziert und war bei PfinXten 2015 zum ersten Mal im Land zu hören. Mittlerweile konnten sich kirchliche Führungskräfte aus ganz Österreich, Deutschland und Luxemburg vor Ort in den USA ein eigenes Bild machen. Die unmittelbare Folge sind mehrere Pfarrentwicklungsprogramme, in denen es nach der Devise "adopt and apply" nicht um simple Nachahmung, sondern um Kontextualisierung des Gelernten auf die konkrete Situation geht.

Erich Fromm reloaded I: Sein statt Haben

Wer als Fremder zu Nativity kommt, erlebt echte Freundlichkeit -vom Parkplatz über den Eingangsbereich und den Gottesdienst bis zum Pfarrcafé. Herzlichkeit, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit sind Qualitäten, die von allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen verlangt werden, ja, die Voraussetzung für Engagement darstellen. Wer nicht bereit ist, bei sich daran zu arbeiten, kommt für "ministry" - also jedweden Dienst in der Pfarre -nicht in Frage; da kann jemand fachlich noch so kompetent sein.

Wenn Fremde dann langsam in die Gemeinschaft hineinwachsen, werden sie echte Freunde und Freundinnen kennenlernen - in einer übertrieben ökonomisierten Welt ein Wert, nach dem sich immer mehr Menschen jenseits von Kundenorientierung sehnen.

Was nichtkirchliche Orte schon lange als Gegentrend entdeckt haben oder kirchliche Orte oft zu sehr unter den Scheffel stellen, prägt attraktive Gemeinschaften: Hier kann ich wirklich sein. Ich bin willkommen, so wie ich bin. Ich werde be- und geachtet mit meinen Stärken und Schwächen - ungeachtet meiner sozialen Stellung, meines Einkommens oder meiner Herkunft und Hautfarbe.

Das klingt "simple" und ist es auch, was aber nicht heißt, dass es "easy" ist, wie jeder weiß, der versucht, die entsprechende Kultur in seiner Familie, ihrem Betrieb oder seiner Pfarre zu verändern. Da ist echte Metanoia, Umkehr, gefragt, die Umkehr zu einem liebenden, gerechten und barmherzigen Gott. Es war und ist diese Erfahrung, die Menschen verändert und zu neuem Handeln bewegt: "Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat"(1 Joh 4,19) bringt es die Bibel auf den Punkt.

Fromm reloaded II: Kunst des Liebens

"Es war so toll, nach so vielen Proben ein Konzert vor so vielen Menschen aufzuführen und zu merken, wie es allen gefallen hat!" Dieses schlichte Zeugnis von Mitgliedern des Jugendblasorchesters Don Bosco in Graz drückt aus, wie Vielfalt in Einheit als vielfacher Mehrwert erlebt werden kann. Weder ist es möglich, mit einem Instrument allein ein Konzert zu spielen, noch könnten Hunderte gleiche Instrumente den gewünschten symphonischen Klang erzeugen. Und ist nicht die Erfahrung, dass die größte Freude und die tiefste Liebe dann geschenkt werden, wenn ich andere glücklich mache, eine zeit- und kulturübergreifende Wahrheit?

Nach solchen und ähnlichen Erfahrungen sehnen sich viele Menschen in einer übertrieben auf das Individuum setzenden Gesellschaft. Pfarren und andere Systeme, die darauf einen klaren Fokus setzen und diesen mit einer konsequenten Strategie verfolgen, werden gute Früchte bringen. Sie werden erfolgreich ausmisten - ihre Räume, Programme und Terminkalender. Sie werden attraktiv für Neue, weil sie leben, wovon sie reden. Sie werden neu sehen lernen und Diener ihrer Umgebung und aller Menschen werden. Sie werden Partner von ähnlich gesinnten Initiativen unabhängig von ihrem Türschild. Sie werden - kurz gesagt - Teil jener Veränderung der Welt, die ein unscheinbarer Jude vor 2000 Jahren durch sein Tun begonnen hat.

Der Autor ist Theologe u. Gründer der ökumenischen Initiative Pastoralinnovation

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