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Die Zeichen der Zeit erkennen

1945 1960 1980 2000 2020

„Konstruktive Gespräche über Wege in eine mögliche Zukunft“ (Untertitel) führte Dolores Bauerfür ihre ORF-Serie „Die Zeichen der Zeit erkennen“, die auch als Herder-Buch vorliegt. Wir zitieren.

1945 1960 1980 2000 2020

„Konstruktive Gespräche über Wege in eine mögliche Zukunft“ (Untertitel) führte Dolores Bauerfür ihre ORF-Serie „Die Zeichen der Zeit erkennen“, die auch als Herder-Buch vorliegt. Wir zitieren.

RUPERT RIEDL (Biologe):

Wir sind sicher anders gemacht als wir leben. Wir haben durch unser Bewußtsein die bescheidene Ausstattung unserer Sinne und unserer Vorstellungen eskaliert, haben das Richtige von ihnen extrapoliert, so wie wir erheblich gelernt haben, die Welt zu sehen, aber wir haben mit dieser Extra- polatipn natürlich auch die Fehler extrapoliert.

Vor einigen Jahren wurden mir die Augen für die Bedeutung der menschlichen Ausstattung und der menschlichen Existenz in dieser technischen Welt geöffnet. Es war ein Vortrag von Konrad Lorenz, in dem er unter anderem sagte, daß die angeborene Tötungshemmung der höheren Wirbeltiere, der Primaten, aber auch des Menschen an sich erhalten geblieben sei, aber durch die Fernwaffen überbrückt werde. Derselbe Mann, der nicht in der Lage ist, ein weinendes Mädchen zu schlagen, ist, in einem Bombenflugzeug sitzend, durchaus in der Lage, auf jenen roten Knopf zu drük- ken, der eine Bombe ausklinkt, die hunderte Kinder umbringt.

Das heißt, es ist eine menschliche Ausstattung vorhanden, die das Töten sehr erschwert. Aber durch Mittel, die wir selbst erfunden haben, haben wir diese Hemmschwelle in uns überlistet. Nun sollte Moral an ihre Stelle treten…

Wir wissen heute von den Primatengruppen, daß nur jener Großaffe seinen größeren Harem halten kann, wenn er beim Angriff eines Raubtieres auch den Kopf hinhält, als erster. Wehe, er kneift, dann verliert er sofort seine ganze Position.

Dieses Verhältnis, diese Relation zwischen Rang und Risiko hat ja zum Teil noch bis ins Mittelalter gehalten, während heute der höhere Rang dazu verwendet wird, mit seiner Machtposition das eigene Risiko zu reduzieren. •

CARSTEN BRESCH (Genetiker):

Ich möchte die Frage einschie- ben, wie die Selbstlosigkeit in die Welt gekommen ist. Die sogenannten Sozio-Biologen meinen, daß das sehr schwer zu erklären sei, denn wenn ein Mensch plötzlich einem anderen hüft, kann das ja zu seinem eigenen Schaden sein.

Prof. Riedl hat eben das Beispiel mit den übergeordneten Männchen in einer Primatenhorde genannt. Wir stehen damit vor der Frage, wie sich so etwas durchsetzen kann, denn die Gefahr, in die sich so ein Männchen begibt, kostet es möglicherweise sogar das Leben.

Das kann man nur verstehen, wenn man sagt, er sichert damit seiner Horde eine größere Uberlebenschance. Auf diese Weise, so scheint es, wurde das „Edle im Menschen“, diese Solidarität, diese Hilfsbereitschaft schon in der Horde geboren.

GUNTHER ALTNER (evang. Theologe):

Ich glaube, daß wir im Grundsachverhalt übereinstimmen, daß nämlich menschliche Verantwortung und Solidarität zunächst einmal auf kleinere Gruppe, die Horde, fixiert und orientiert sind. Es macht uns bis heute große Schwierigkeiten, den Begriff der Solidarität auf große Gesellschaften, auf eine weltweite Ebene umzusetzen.

Interessanterweise ist der Gedanke einer universellen Solida rität in Traditionen, wie etwa dem Alten Testament, zu einem relativ frühen Zeitpunkt ausgebildet. Geht man die einzelnen Schichten des Alten Testaments durch, so weitet sich hier der Gedanke der Solidarität zunächst in den Begriff der Nächstenliebe aus, schließt dann die Nachbarvölker ein, schließlich alle Völker, und dann taucht sogar ein Friedensbegriff auf, der die gesamte Kreatur miteinbezieht.

Das erscheint mir als ein Beispiel dafür, daß die Ausweitung der Solidarität, der Achtung vor dem Mit-Menschen, vor dem Mit- Wesen in religiösen Traditionen schon zu einem Zeitpunkt ausgebildet ist, als es von der gesellschaftlichen Entwicklung her noch keinen Zwang zur größeren Einheit gegeben hat.

BERND LÖTSCH (Umweltforscher):

Gerade die Erkenntnisse von Konrad Lorenz haben gezeigt, daß es Tötungsmaschinen gibt, die unsere angeborene Tötungshemmung glatt überspielen, weil wir den Moment des Tötens emotional gar nicht mehr erleben.

Ein beliebtes Beispiel von Konrad Lorenz ist, daß viel weniger Leute auf die Jagd gingen, wenn sie das Tier mit Händen und Zähnen vom Leben zum Tod befördern müßten, während der Druck auf den Auslöser im Fadenkreuz eines Zielfernrohres die emotionale Tötungshemmung überspielt. So ist es auch mit unserem N aturzerstörungspotential.

CARSTEN BRESCH (Genetiker):

An wichtigen Punkten der Evolution — und an einem solchen Punkt halten wir zur Zeit — kehren sich Werte einfach um. Um das deutlich zu machen: Was ist Krebs? Krebs bedeutet, daß in einem Organismus eine Zelle anfängt, sich hemmungslos zu teilen, zu wuchern und zu wuchern, bis schließlich der ganze Organismus kaputt ist.

Wie kann so etwas geschehen? Ganz ursprünglich gab es Leben nur in einer einzigen Zelle, aus der wir alle hervorgegangen sind. Der Einzeller mußte sich teilen und teilen. Und jener Einzeller war der beste, der sich am schnellsten teilen konnte.

Als aber dann der Vielzeller entstand, wurde die Zelle zu einem höheren Organismus zusammengebunden, mußte sich die einzelne Zelle in diesem Vielzeller nach dem Grundprinzip des Ganzen richten, sich zum Wohle des Ganzen verhalten.

Wenn eine einzelne Zelle heute diesen alten Teilungsstrategien folgt, ist das ein Rückfall. Was bis zur Entstehung des Vielzellers gut war, ist jetzt schlecht, ja tödlich. Wir sind heute in einer ähnlichen Situation…

An wichtigen Punkten der Evolution kehrt sich alles in sein Gegenteil. Was gut war, bleibt nicht gut, sondern kann sogar zum Schaden werden.

HANS-ECKEHARD BAHR (evang. Theologe):

Ich möchte einmal ganz konkret auf etwas verweisen, was ich heute sehe, was mir immer wieder auffällt. Ich sehe viele Jugendliche, die sich in einer ungeheuer interessanten Weise aufeinander einlassen, die geschwisterlich miteinander umgehen.

Ich entdecke, daß ich und viele Kollegen meiner Generation ganz anders leben, nämlich als Einzelkämpfer. Wir sind so aufgewachsen und glauben, eben auch in unseren Berufen so leben und agieren zu müssen. Und viele der Jungen machen da eben nicht mehr mit.

Die verbringen viel mehr Zeit damit, menschliche Beziehungen herzustellen, Freundschaften zu schließen, und da meine ich, kommt eine neue Kultur herauf, die sich viel stärker aus Mitgefühl und Sympathie speist als aus Rivalität, wie dies die Nachkriegskultur geprägt hat, die ja nun an ein Ende zu kommen scheint, weil sie sich selbst und womöglich noch die nächste Generation zerstört. Wir haben der Jugend nichts zu bieten, die muß sich selber helfen und tut es auch weitgehend.

HELMUT KRÄTZL (r.-k. Bischof):

Ich verstehe unter Erziehung nicht das Heranbilden einer angepaßten jüngeren Generation, sondern die gegenseitige Hilfe in der Gesellschaft zwischen jung und alt, das Bestmögliche aus seinem Leben und damit auch aus dem Leben der anderen zu machen.

Und ich glaube, daß gerade die

(Foto: Votava)

notwendige Erneuerung unserer Gesellschaft am ehesten dann geschieht, wenn diese gegenseitige Hilfe auf der Basis des Vertrauens geschieht, daß wir auch wirklich die Feindbilder, die da und dort zwischen den Generationen zu bestehen scheinen, abbauen.

Ich bin daher dafür, daß wir alles tun, um das Vertrauen zwischen den Generationen wiederherzustellen, auch das Vertrauen zwischen der Jugend und den Politikern, das zur Zeit schwer gestört ist.

DOLORES BAUER (ORF- Journalistin):

Ein Unterseeboot des Typs Trident kostet genausoviel wie ein Jahr Unterricht für 16 Millionen Kinder in Entwicklungsländern. Um den Preis eines modernen Panzers könnte man Klassenzimmer für 30.000 Kinder bauen. Um den Preis eines Kampfflugzeuges könnte man 40.000 Dorf apotheken einrichten.

GUNTHER TICHY (Wirtschaftswissenschafter):

Kleinere Staaten geben ungefähr zwei bis drei Prozent, die westlichen Großmächte und die Entwicklungsländer - die es sich doch viel weniger leisten können — etwa fünf Prozent ihres Brutto- Nationalproduktes für Rüstung und Rüstungsgüter aus. Die UdSSR wendet etwa zehn Prozent auf, und einzelne andere Staaten des Nahen Ostens, dazu gehört Is- , rael, lassen sich Rüstung schon zwischen 15 und 25 Prozent kosten.

Grob gesprochen, geben wir weltweit nicht mehr als fünf Prozent des Bruttonationalproduktes oder noch weniger für Rüstung aus. Natürlich ist das viel, aber wir könnten durchaus noch weitere zehn oder 20 Prozent für Entwicklungshilfe ausgeben. Also an den Mitteln allein liegt es sicher nicht.

EMIL SPANOCCHI (General in Ruhe):

Ich persönlich bin der Ansicht, daß wir in fast allen großen Lebens- und Uberlebensbereichen unserer Gesellschaft wahrscheinlich aus Denkfaulheit oder Gewohnheit in Kategorien leben, die in den Abgrund führen. Das gilt für den Bereich der Umwelt, für den Bereich der Bevölkerungsexplosion und selbstverständlich für den strategischen Bereich.

Wir müssen alle erkennen, daß wir als Gesellschaft, als vielleicht entwickeltster Teil der gesamtmenschlichen Gesellschaft, einfach nicht mehr so weitermachen dürfen, als ob nichts geschehen wäre. Da ist die Rüstung und das strategisch-kategorische Verhalten nur ein Teil davon.

KONRAD LORENZ (Verhaltensforscher):

Ich glaube, daß unter dem Begriff „nüchtern“, wie er heute von technischer und zum Teil auch physikalischer Seite benutzt wird, gleich einmal die Hälfte des Menschen vergessen wird, die rechte Hirnhälfte nämlich.

Die in der linken Hirnhälfte sitzende Ratio hat den Menschen soviel Macht verliehen, daß sie ihnen zu Kopf gestiegen ist und daß viele heute nur das glauben, was in der Sprache, in der Terminologie der exakten Naturwissenschaften definierbar und quantifizierend verifizierbar ist.

Das heißt: alles Gefühlsmäßige, alle Liebe und Treue, Freundschaft und so weiter, wären nichts als Illusion. Aber wenn wir unsere rechte Hirnhälfte weiterhin verleugnen und verdrängen, verleugnen und verdrängen wir das eigentlich Menschliche in uns und werden zu einem total manipulierbaren Menschen.

ALOIS MULLER (r.-k. Pasto- raltheologe und Dogmatiker):

Die Kirche steht unter dem Zwang, klare, definitive Aussagen zu machen, und da kommt es dazu, daß sie Angst vor der eigenen Meinung bekommt, die ja dann als endgültige Wahrheit postuliert werden müßte.

Das belastet einen Lehramtsträger natürlich, und daher schweigt er öfter, als er reden sollte. Daraus entstehen dann die Vorwürfe, entweder: „Ihr redet nicht, wenn ihr reden solltet“ — oder die andere Seite: „Ihr wollt etwas entscheiden, wovon ihr nichts versteht.“

Beides kommt aus dem falsch verstandenen Zwang, Endgültiges, Unüberholbares aussagen zu müssen. Man müßte den Amtsträgern Mut machen, vorläufig zu reden, aus einer momentanen und veränderbaren Einsicht heraus zu handeln, dann wäre es leichter, sich zu korrigieren, zuzugeben, daß man etwas falsch eingeschätzt, sich einfach geirrt hat…

Die Veränderungen im Sexualverhalten zum Beispiel — sind sie ein katastrophales Zusammenbrechen der Familie und all der damit verbundenen Werte oder ist es ein Weg, auf dem die Werte, die wir in der Familie schätzen, nur verwandelt, erneuert werden? Ich wage darauf heute keine eindeutige Antwort zu geben.

FRIEDRICH HEER (Kulturphilosoph):

Wir alle wissen, daß die große Kunst eines Mozart und anderer gerade in der ars amandi, vivendi, moriendi bestand, nämlich in der Erkenntnis, daß wir morgen vielleicht schon sterben werden und deshalb in dieser kurzen Zeit zwischen dem ersten Aufflackern unseres Lebens und dem letzten hier auf Erden uns etwas menschlicher aufzuführen hätten.

Wenn aber das Sterben abgeschoben wird—und ich mit meiner Endkrankheit kann schon sagen, daß ich da ein Sachverständiger bin —, dann haben sozusagen Gott und der Mensch dfts Spiel verloren.

Als sterbliches Wesen, zitternd, bebend und vali Mut und Hoffnung und Dankbarkeit, Widerstand und gleichzeitig Ergebung, nicht laxistische Ergebung, muß ich mir doch sagen: Ja, morgen bin ich vielleicht tot, aber jetzt, im Hier und Heute, habe ich noch die Chance, mich etwas menschlicher zu verhalten — in dieser kurzen Zeit, die wir beisammen sind…

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