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Der Mensch stirbt nicht

Im Jahre 2074 kommt John Brown, der dank günstiger Sippenverbindungen Aussicht auf einen höheren Führungsposten in der „Autonomen Menschheitsgesellschaft“'hat, zu Schulungszwecken nach Europa. Nadi einer Kontrolle, die seine gesamte „psyohophysisohe“ Konstitution durchtestet, erhält er eine Begleiterin, die ihm sozusagen Europa zeigt; sie führt ihn in Vergnügungslokale und ihre höchst künstlichen Genüsse, in Künstlerlager, er besichtigt eine „Beamtenakademie“, in der man- Beamte körperlich und geistig zu bösartigen Apparaten herandrillt, zu Apparaten, die der erbarmungslosen Beobachtung der Mitmenschheit dienen, zu genau funktionierenden Organen des „Büros“.

Was ist das „Büro“? Vielleicht ein tatsächlich existierendes Politbüro. Vielleicht nur eine Sammlung von Denkmaschinen und Ro-botmechanismenf man weiß es nicht genau. Seine Anordnungen sind mathematisch richtig und dennoch sinnlos — sie heben einander auf, widersprechen sich, reihen sich ins Endlose auf. Auf alle Fälle sind sie widermenschlich, offiziell gelter, sie der Organisation eines Zellenstaates, in dem der einzelne nichts ist. Das Denken des Büros zeigt sich bei aller Rationalität immerhin auch gewissen außerhalb der Vernunft stehenden Tatsachen gewachsen

— und das eben macht das „Büro“ furchtbar. Es bemüht sich einerseits, den Tod des Christentums durchaus rational zu „beweisen“, indem es dem „letzten Papst“ ein groteskes Denkmal setzt; aber es baut zugleich die „Bastion Colon“, eine gigantische, fast mythische Festüngsanlage, die, teilweise auf dem Meeresgrund liegend, vorgeblich zur Abwehr von Angriffen aus dem Planetenraum bestimmt ist, In Wirklichkeit'— soweit man von einer solchen sprechen kann — dient sie dazu, den unberechenbaren Existenzängsten der entchrist-lichten Menschheit einen Sammlungs- und Ablenkungspunkt zu geben; ihre ungeheure Masse soll seelische Energien binden. Ein ausgeprägter Nihilismus ist „Religion“ der geistigen' fEl jten, völlige Stumpfheit besitzt die Masse,''

Hinter allem steht das Nichts: Jie großen Offiziere erleben es vor den Tejevisorflächen, auf denen interplanetarische Katastrophen und Sternzerstörungen sichtbar werden. Brown erlebt es in der Menschenzuchtanstalt, wo man zu Kriegs- und Arbeitszwecken neue Speziairassen züchtet, in dem Büro, in dem „Welt-meinün,g nach Rezepten gebildet wird, bei riesigeri Zirkusspielen zwischen Mensch und Tier, im Verhältnis der Menschen zueinander

— denn jeder denunziert jeden — im System der Straflager, beim überfliegen von Landschaften, die — dies eine der stärksten Stellen des Büches — nach vielen chemischen Beeinflussungen plötzlich von Vegetationskarzinomen befallen wurden. Hinter allem und jedem, was ihm begegnet, steht das Nichts, das Sinnlose, das Unsinnige ...

Hier werden — wer Augen hat, sieht'S — Tatbestände der Gegenwart evident gemacht. Die Welt dieses Buches ist die Welt der Gegenwart im Zustand der literarischen Perfektion. Die Bastion Colon, die Künstlerlager, die neuen Arenen, die Menschenzuchtanstalten und die zu Schlacke verbrannten oder krebszerfressenen Landschaften — all dies ist nicht mehr Metapher, sondern höchstens Paraphrase, Zusammenfassung und ein wenig Übertreibung. Soweit es nur auf die Schilderung dieser Dinge ankommt, bedürfte es durchaus nicht der Einführung einer fingierten Zukunft, denn eine Sammlung von Zeitungsausschnitten aus den letzten drei oder vier Monaten würde dasselbe Entsetzen erregen. (Wir sagen das, weil uns ein seltsamer und keineswegs provozier-ter Zufall im selbsn Augenblick, als das Wort „Bastion Colon“ niedergeschrieben wurde, eine Zeitung unter die Augen schob, in der, phantasievoll illustriert, eine knallige Meldung über die Errichtung amerikanischer V-2-Ab-schußbasen auf dem Meeresgrund zu lesen war. Wie man sieht, existiert sogar das schon im Grundriß.) Das bodenlose Mißtrauen eines jeden gegen jeden, die zunehmende Unfähigkeit, mit anderen oder mit sich selbst ein Gespräch zu führen — abseits aller Monologe und Selbstkommentare —, das groteske Vermögen, die nächstliegenden, einfachsten Tatsachen zu negieren, das Orwellsche „Zwie-denken“ — das alles ist da, wie die Lobotomie, das Wahrheitsserum, die Atomic-City, die Erotisierungskampagnen des Boulevardfilms und der Bildpresse da sind. Derlei bedarf keiner Prophezeiung, sondern nur der Feststellung; die Zukunftsform, in der sie niedergeschrieben wurde, ist, weil vergrößernd und verschärfend wirkend, förderlich, aber nicht a priori erforderlich. Sie wird es erst in jenem Stadium des literarischen Fortschreitens, in dem die geistige Lösung des Dilemmas aufzuzeigen versucht wird.

Es sei hier in Parenthese eingefügt, daß Heer diese ..Feststellungen“ zwar für sich, nicht aber als einziger getroffen hat; das nimmt ihnen nichts an Bedeutung, sondern erhärtet sie eher noch. Er hat, als er den „Achten Tag“ schrieb, Orwells „1984“ zweifellos nicht gekannt, und es ist sehr wahrscheinlich, daß Orwell seinerseits nichts von dem „Kal-locain'-Roman der Schwedin Karin Boje gewußt hat (dieser ist noch während des Krieges erschienen; die Autorin verübte, weil sie, wie es heißt, ihre eigenen Beobachtungen nicht ertrug, Selbstmord). Und es ist schließlich welter wahrscheinlich, daß Kuehnelt-Leddihn vor seiner Arbeit an „Moskau 1997“, das gleichfalls in die Reihe dieser neueren Romane über eine gegenwärtige Zukunft gehört, weder Orwells noch Bojes Romane gelesen hat. Dennoch kommen alle diese Autoren, der Engländer, die Schwedin und der Österreicher, obwohl sie temperaments-, glaubens- und leistungsmäßig so weit voneinander entfernt sind wie London und Stockholm von Wien, nicht nur im Thema, sondern auch in ihren „Feststellungen“ zu einer Ubereinstimmung, die in hohem Maße verwirrt und erstaunt. Man könnte tatächiieh viele Seiten dieser Bücher miteinander vertauschen, und man würde es nur am Stil, nicht am Inhalt merken. Wie es zugeht, daß vier Autoren, die nichts voneinander wissen, zu den gleichen Ergebnissen kommen, ist ein Rätsel. Aber es läßt die Vermutung zu, daß sie nach einem Modell gearbeitet haben, daß es ein solches Modell geben muß und daß unsere Gegenwart — man kann, wenn man Optimist ist, sagen: die totalitären Staaten der Gegenwart — dieses Modell bildete. Und es beweist weiter noch die innere Notwendigkeit solch ungeschminkter Lageberichte. Daß diese dort schon schwarz malen, wo man gerade noch grau hinsetzen könnte, nimmt ihnen nichts an Aufrichtigkeit, verstärkt aber ihre Wirkung, die ja nicht poetischer, sondern vorzugsweise pamphletischer Natur ist.

Wie immer dem sei, in der Schilderung der Gegenwart stimmen die vier Bücher überein; ihr literarischer Wert ist unterschiedlich,; bei Orwell und Heer ist dieser am meisten ausgeprägt. Ob man in dieser Hinsicht dem einen oder dem anderen, dem kühlen, präzisen Orwell und seinem fast monumentalen Pamphlet oder dem nach allen Seiten ausgreifenden und jedenfalls weit phantasievolleren Roman H4er# — der als Historiker in mancher Hinsicht besser zu furidieren weiß — den Vor-.zug gibt, ist, scheints“ uns, Sache des Temperaments Und nicht kühstkritischer Erwägungen, die da' nicht Viel'zu1 sagen.haben. Entscheidend Ist diese frage Picht.

Entscheidend aber ist, daß sie aus ihren Gegenwartsdiagnosen sehr verschiedene Schlüsse, ziehen und daß die Hoffnungen, die Sie bezüglich eines Auswegs aus dem schauerlichen Dilemma oder seiner Uberwindung hegen — oder den Leser hegen lassen —, gleichfalls sehr verschiedener Art sind. Die Schlußfolgerung Orwells lautet: dem „Großen Bruder“ — dem „Büro“ bei Heer — Ist nicht zu entrinnen. Die Entmenschlichung kann bis zum Äußersten vervollkommnet werden. Seine Hoffnung: daß die Pariaklasse der „Proles“, aus ihrer künstlichen Verdummung erwachend, eine Revolution — welche? — durchsetzen könnte. Das ist vage und vielleicht sogar ironisch gemeint. Denn schließlich hat ja Orwells „Engsoz“, die Gesellschaftsordnung, die er beschreibt, mit einer solchen Revolution begonnen...

Und hier die Schlußfolgerung Heers, mit Leidenschaft und brennender Anteilnahme für den Menschen, mit inniger Bemühung um die Uberzeugungskraft seiner Worte vergetragen: Der Mensch kann getötet, aber nicht vernichtet werden. Er kann betäubt oder gedopt, er kann zur Apparatur gemacht und zu jeder Niedertracht gezwungen werden. Aber seine seelische Regenerationsfähigkeit bleibt unzerstörbar. Was Apparat zu sein scheint, kann, trifft ihn ein noch so leiser Anruf von oben, plötzlich zum Menschen erwachen. So wie der Held des Buches bei seiner ersten Begegnung mit einem Christen, so wie die „Neger und Innerasiaten“ vor den Zeugnissen der „vorwissenschaftlichen Kunst“ — dieses Wort verdiente einen eigenen Essay — unvermittelt „erwachen“ und zum Widerstand gegen das Büro und also gegen das Nichts bereit sind.

Zu welchem Widerstand?

In der Beantwortung dieser Frage erreicht das Buch Heers seinen Höhepunkt und macht — endlich — den Vergleich mit Orwell hinfällig: nur eine „christliche Resistance“ ist möglich. Brown wird langsam nicht von außen bekehrt, sondern von innen her zum Christen; er sieht und hört die kleinen Scharen der Katakombenleute, die überall und immer von der Verfolgung bedroht, ihre Arbeit leisten: eine christliche Resistance, gegründet auf das Herrenwort von der Feindesund Nächstenliebe, mit dem das junge Christentum siegte — nein, nicht jiegte, sondern überwand — und mit dem das zwei-tausendjährlge Christentum wieder überwinden wird. Vor ihm löst sioh die Macht des Büros, die nur so lange wirkt, als sie grausam-sinnlos ist, in nichts auf: denn ihre abstrakte Grausamkeit bewegt die Betroffenen zu konkreten Leistungen an Nächstenliebe, ihre Strafen werden zu — Opfern. Die Homodrome, die Zwangslager, werden zu Nährböden der Nächstenliebe. Der psychische Terror versagt, weil er dem Begriff der Nächstenliebe nicht entgegenzusetzen hat, die Ideologien, weil sie sich — im Gegp.nsatz zur. Nächstenliebe — auf vorhandene oder künstlich erzeugte Klassen richten müssen. Dann ereignet es sich, daß Brown unter dem Druck des Büros und seiner raffinierten Methoden seine Begleiterin, eben jene, der er sein „Erwachen“ verdankt, als Christin denunziert; das bedeutet für sie baldigen Tod. Aber eben einen Opfertod, der einen Geretteten, nämlich Brown, hinterläßt. (Er wird übrigens dasselbe Schicksal erleiden, aber vorher seinen Teil geleistet haben ...)

Der Widerstand des Nichtwiderstandleistens, die Hingabe an das Schicksal, die Verwandlung der Geschlagenen in' Opfer, die

Resistanee der Liebe — es geht Heer darum, das immer mögliche Christentum zu zeigen. Er tut das mit aller Einfachheit — bei aller Beredsamkeit, mi{ Klarheit und Ehrlichkeit. Er sagt nichts Neues, sondern er spricht ein Wort aus, das vor zweitausend Jahren die Welt verwandelte. Aber er sagt es zur richtigen Zeit und in einem neuen Zusammenhang. Warum hat das vor ihm und in. dieser Weise niemand getan? Diese Frage schließt alle Anerkennung ein, die man seinem Buch zollen muß.

Daß manche unter den Thesen Heers ausgesprochen diskussionswürdig sind, liegt auf der Hand. Der „Achte Tag“ ist auf weite Strecken hin im Affekt geschrieben — und es ließe sich auch schwer vorstellen, daß man ein solches Thema anders als mit Leidenschaft zu behandeln vermöchte. Sache noch sehr vieler theologischer, wissenschaftlicher und politischer Debatten und Dispute wird es sein, ein allgemein akzeptiertes Urteil über die Entwicklungslinien zu bilden, die Heer in seinem Roman entwirft. Das ist nicht Angelegenheit einer Besprechung, die sich mit dem Buch als Ganzem zu beschäftigen hat und es mit Freude als bedeutend, als ein, man gestatte das Wort, äußerst zeitnahes und zutiefst optimistisches Buch empfindet.

Der Kunstkritiker hätte — dies wäre freilich einer längeren Auseinandersetzung wert — wider den Standpunkt, den Heer gegenüber den Kunstschöpfungen des Barock bezieht, mancherlei zu sagen; denn daß das Barock, „vom Innerchristlichen aus gesehen, ein einziger Krampf“ gewesen wäre, kann denn doch nicht ganz so behauptet werden. Nicht weniger angreifbar ist Heers Behauptung, daß in den letzten zweihundert Jahren kein einziger bedeutender Kirchenbau entstanden sei, wiewohl man sicherlich sich fragen muß, ob in ihnen auch nur ein einziger errichtet wurde, der gänzlich unproblematisch wäre.

Einer Neuauflage wäre die Eliminierung etlicher stilistischer Flüchtigkeitsfehler zu wünschen; unter Umständen auch eine wahrscheinlich leicht zu erzielende schärfere Trennung zwischen fiktiver und- nicht fingierter Zukunftsform. Die Ausstattung des Buches ist ausgezeichnet.

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