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GESANG ZWISCHEN DEN STÜHLEN

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Anläßlich der Verleihung des von der Vereinigung österreichischer Industrieller gestifteten Anton-Wildgans-Preises hielt Professor Dr. Fritz Habeck diese Ansprache, deren Text wir im folgenden wiedergeben. Seine Romane sind im Paul-Zsolnay-V'erlag, Wien, erschienen, „Der verliebte Österreicher oder Johannes Beer“ im Stiasny-Verlag, Graz.

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Anläßlich der Verleihung des von der Vereinigung österreichischer Industrieller gestifteten Anton-Wildgans-Preises hielt Professor Dr. Fritz Habeck diese Ansprache, deren Text wir im folgenden wiedergeben. Seine Romane sind im Paul-Zsolnay-V'erlag, Wien, erschienen, „Der verliebte Österreicher oder Johannes Beer“ im Stiasny-Verlag, Graz.

Offizielle Anlässe wecken in mir immer die geheime Sorge, daß nicht unbedingt notwendige Reden gehalten werden, und daß diese nicht unbedingt notwendigen Reden eine nicht unbedingt notwendige Dauer erreichen könnten; habe ich darum selbst bei offiziellen Anlässen zu sprechen, beschränke ich mich in meiner Erinnerung an solche Sorgen stets auf den eigentlichen Zweck meiner Rede: bei einer Ehrung also auf den Dank, den man ja mühelos in drei Sätzen formulieren kann. Diesmal wurde ich ausdrücklich aufgefordert, über meine drei Sätze hinauszugehen. Ich komme dieser Aufforderung nach.

Zunächst freilich, weil indispensabel, die drei Sätze. Erstens: ich danke den österreichischen Industriellen, daß sie diesen Literaturpreis geschaffen haben, der nicht nur innerhalb unserer Grenzen beachtet wird. Zweitens: ich danke dafür, daß der Preis heuer mir verliehen wurde. Drittens: diese Anerkennung meiner Arbeit ist für mich nicht nur eine große Freude, sondern auch Ansporn und Ermutigung, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Die drei Sätze sind gesagt. Ich stoße in Neuland vor.

Wenn ich vorhin die beiden Aussprüche Ansporn und Ermutigung verwendet habe, war das nicht gedankenlose und sprachtrunkene Verwendung von zwei verschiedenen Wörtern für den denselben Begriff; mit dem Ansporn meine ich, daß der Preis an sich stimulierend wirkt, mit der Ermutigung spiele ich auf einen Satz in der schriftlichen Mitteilung von der Zuerkehnung des Preises an, nach dem mir der Preis verliehen worden sei, weil ich mich — das nun freilich nicht wörtlich — so furchtlos zwischen die beiden Stühle Unterhaltung und Experiment gesetzt hätte — oder wörtlich: ,weil ich überlegt und bewußt jenseits alter Klischees und moderner Formalexperimente schreibe'. Ich kann mir gut vorstellen, mit welchem Hohn mancher meiner literaturbeflissenen Freunde eine solche Begründung anhören wird, besagt sie doch nach oft vertretener Ansicht, daß ich in das Reich der wahren Kunst nie habe vordringen können, weil wahre Kunst eben nur im Formalexperiment und in der Avantgarde zu finden sei. Lassen Sie mich bei dieser Gelegenheit kurz und ein wenig programmatisch erklären, warum ich mich ,bewußt und überlegt' so ungeschickt betragen habe und, durch diesen Preis ermutigt, weiter betragen werde.

Mit achtzehn Jahren zählte ich mich voll Stolz zu jener Gruppe junger Menschen, die sich für Begnadete inmitten einer Welt verlogener Spießer halten, für die einzig Fühlenden unter stumpfem Herdenvieh, als Aufrechte unter schleimigen George-Grosz-Figuren. Das Credo solcher Gruppen ist fast immer gleich: Revolution bildet den Grundwert, nur das Neue kann gut sein, sei darum neu und anders um jeden Preis, Daseinsberechtigung auf dieser Welt hat allein das Genie, das Genie aber bist du selbst. Rundum vegetieren Quallen.

Wäre meine Entwicklung geradlinig verlaufen, ich würde heute immer noch nur im Wort und für die richtige Beleuchtung meines Ego leben. Die Entwicklung verlief nicht geradlinig, weil ich mit einundzwanzig Jahren Soldat wurde, es neun Jahre blieb und in dieser Zeit mit Menschen zusammentraf, denen ich sonst nie begegnet wäre. Ich weiß, daß viele den sogenannten Grenzsituationen die Bedeutung absprechen, für mich sind sie nach wie vor entscheidend: in der Not, in der Gefahr beweist sich für mich der Wert eines Menschen, und als ich erlebte, daß mir die Verläßlichkeit eines einfachen Bauern Sicherheit gab oder die durch Religiosität begründete Ruhe eines sogenannten Spießers in Augenblicken der Lebensgefahr Achtung abrang, während ich als Begnadeter von Angst geschüttelt wurde, setzte ich nicht etwa, um mich selbst zu behaupten, die Werte der Verläßlichkeit, der Religion und des Mutes herab, sondern vergaß meinen intellektuellen und künstlerischen Hochmut, erkannte plötzlich nicht die Qualle, sondern den Menschen neben mir und kam, als ich diesen Menschen ergeben leiden sah, ohne daß er viele Worte gemacht hätte, zu der Erkenntnis, daß ich ihn liebte.

Meiner Ansicht nach lag hier der Wendepunkt, denn Liebe duldet kein egozentrisches Weltbild: sie braucht Gemeinschaft. Nach einem absoluten Nullpunkt der Werte, wie ich ihn mit etwa einundzwanzig Jahren erreicht hatte, begann ich darum langsam wieder jene alten Baustätten der menschlichen Ordnung aufeinanderzulegen, die mir stabil genug erschienen, nicht nur mich, sondern auch den Mitmenschen zu tragen. Mit der Anerkennung dieser Gemeinschaftswerte aber fiel der Grundwert der Revolution an sich, fiel der Grundwert des Neuen um jeden Preis. Jede Revolution, wenn sie ehrlich Besserung erstrebt, muß ja das erreichte Bessere zu bewahren suchen, also konservativ werden; das Neue an sich ist kein Wert, schon das nächstbeste Neue macht es zum Alten, die Moderne von heute ist notwendig das Altmodische von morgen. So wichtig Revolution und Neues sind, führen sie doch zum Untergang des Menschlichen, wenn sie zum Selbstzweck werden, denn erst durch die Erinnerung wird der Mensch zum Menschen, die Erinnerung erkannter Werte aber führt zu einem Konservatismus, der zwar gemäßigt und kontrolliert sein mag, aber doch seinem Wesen gemäß bewahrt, was sich bewährt hat. Revolution wandelt sich zur Evolution mit einem als wünschenswert erkannten Ziel.

Ich sagte vorhin, daß ich die alten Bausteine prüfte, und man wird fragen, warum ich keine neuen genommen habe. Es gibt kaum neue, im Grund sind es immer die alten, die wir nach den Zusammenbrüchen aus dem Schutt holen, und ich kenne keine Gemeinschaft — von der Gemeinschaft aber ging ich ja aus, nachdem ich den Mitmenschen gefunden hatte — die den Treubruch, den Unglauben, die Feigheit an sich als Basis genommen hätte. Kam ich also durch den Mitmenschen zur Gemeinschaft, so führte mich die Gemeinschaft zur Ethik.

In der Ethik liegt nun — um den volkstümlichen Ausdruck zu verwenden — ein so riesiger Hund begraben, daß ich ihn in dieser kurzen Erklärung nicht sezieren kann. Man behauptet

heute immer, daß die Kunst ihre eigenen Gesetze habe, die Ethik also nach den Usancen unseres bürokratischen Zeitalters wie ein fremder Ressortchef im Kompetenzbereich der Ästhetik nicht bestimmen dürfe. Das mag für Musik und abstrakte Malerei wohl richtig sein, die Sprache aber zeichnet sich ja dadurch aus, daß sie nicht nur Gefühle, sondern auch Gedanken überträgt. Wenn nun jemand unter Berufung auf die Eigengesetzlichkeit der Ästhetik sämtliche Grundwerte unserer Gemeinschaft, wie Ehe, Familie, Glaube, Treue und Hilfsbereitschaft, zu Unwerten erklärt, demnach also deutlich in die Gebiete der Ethik eingreift, sehe ich die Kompetenzüberschreitung eher bei ihm und stelle mir überdies als Jurist die Frage: cui bono? Wer hat den Nutzen davon? Die Antwort darauf gefällt mir gar nicht. Aus Liebe zu meiner Gemeinschaft lehne ich es ab, mich in den Elfenbeinturm einer Ästhetik zu setzen, der den Geheimsender einer fremden Ethik beherbergt.

Waren mir durch die Anerkennung des Mitmenschen als Mensch und nicht als Qualle inhaltlich Grenzen entstanden, die ein rückhaltloses Bekennen zur literarischen Mode unmöglich machten, wirkte sich dieselbe Anerkennung auch im Formalen aus. Worin besteht das anfangs zitierte Formalexperiment unserer heutigen Epik? In der Überwindung von Realismus, chronologischem Ablauf, kausalem Dialog und geschlossener Erzählung. Was sich wirklich ereignen könnte, wird als platt abgetan. Der Dialog muß verfremdet werden, keine Replik hat kausale Beziehung zu dem vorhergehenden Satz des Gesprächspartners, der ja kein Partner mehr sein darf, weil die Menschen angeblich aufeinander nicht eingehen, und sollten Assoziationen vorhanden sein, müssen sie so große Sprünge machen, daß sie nicht mehr verfolgbar sind oder zumindest absurd erscheinen — der Einbruch des Absurden aber erfolgt nicht wie beim Märchen durch eine Ausweitung unserer Welt in größere Bereiche, sondern durch die Auflösung dieser unserer Welt in einem Chaos. Der uns selbstverständliche zeitliche Ablauf vom Heute zum Morgen gilt als ebenso primitiv wie die geschlossene Erzählung von menschlichen Freuden und Leiden. Daß alle diese Tendenzen Zeitsymptome sind — Abkehr von Rationalismus und Wissenschaft, die uns angeblich Massengesellschaft und_ Atombombe beschert haben — wäre leicht erklärbar, ich kann aber hier nicht darauf eingehen.

Was zu meinem Thema gehört, ist die beängstigende Entfernung, welche diese Wort- und Gedankenwelt von der Welt unserer Mitmenschen trennt, die Gefahr, welche der Erzählung, wie wir sie seit Homer kennen, durch solche Experimente droht. Je weiter sich nämlich, durch die Spezialisierung begünstigt, die beiden Welten voneinander entfernen, je weniger andere als die reinen Kunstkreise Einfluß auf die Entwicklung der Kunst nehmen, desto mehr wird die Vergnügungsmassenproduktion die Aufgabe der ehemaligen Literatur übernehmen, werden Kriminalroman und Schundhefte die Dichtung , in eine Reservation verdrängen. Erklärt man Avantgarde und Experiment zur Kunst schlechthin, verlieren wir die Kunst, denn Avantgarde ist Vorhut und Experiment Versuch. Vor allem aber verbirgt sich in dieser Distanzierung des Autors von der misera plebs eine ungeheure Hybris — und wie kann ich verachten, den ich liebe? Bewußt und überlegt setzte ich mich darum zwischen die Stühle.

Um nicht mißverstanden zu werden, muß ich betonen, daß ich mit all dem nicht etwa für eine kritiklose Konvention eintrete. Wir brauchen den Vorstoß ins Neue, wir brauchen das Experiment, brauchen den Wechsel der Form — der Spieltrieb gehört ja zum Menschen wie das Lachen und die Sehnsucht nach Metaphysik. Was ich meine, will ich an einem absichtlich trivalen Beispiel zeigen: Eine Modistin kann einem Hut stets neue und noch so bizarre Formen geben, wenn sie aber versucht, Schuhe zu machen, sollte sie sich darüber im klaren sein, daß Schuhe an die Füße gehören. Wenn ich einen Roman schreibe, der kein Roman mehr sein soll, wäre die Überlegung ratsam, ob ich es nicht besser mit Lyrik, Rhetorik oder einem philosophischen Essay versuchte. Wenn Epik nicht mehr erzählt, ist sie keine Epik mehr. Wenn wir keine epische Dichtung mehr haben, läßt sich der Mitmensch von der literarischen Massenindustrie mit Escape Fiction beliefern, die Dichtung aber geht an Verfeinerung und Inzucht zugrunde.

Die zweite Einschränkung gilt der Ethik. Ich habe durch meine Bücher deutlich gezeigt, wie wenig ich von verlogenen Moralpredigten halte. Nichts ist so freudlos wie das nur Gute, nichts so langweilig wie nur Glück oder nur aufrechte Gesinnung. Man kommt in der Religion nicht ohne Sünde und in der Gemeinschaft nicht ohne das Böse aus — nehme ich ihnen aber den Reiz des Verbotenen und mache ich sie zur Norm, zerstöre ich nicht nur ihren Zauber, sondern schade auch der Gemeinschaft, weil auf diese Art das allgemeine Gewissen versehrt wird. Faust ohne Mephisto wäre ledern, Mephisto ohne Faust kein Stück. Zum Schluß und in Erinnerung an Anton Wildgans noch ein Bekenntnis zu meiner Heimat. Meinen ersten Roman habe ich über Francois Villon geschrieben, einen Franzosen, einen Dichter, einen gegen die Tradition revoltierenden Einzelgänger. Schon seit Jahren, bleibe ich mit meinen Büchern ,za Hause, und zur Zeit arbeite ich an einem Roman,, der sich mit Österreich und dem Phänomen der Tradition beschäftigt. Als junger Mann war mir österreiäi zu klein; mit der TSt-kenntnis der vanitatis vanitatum wuchs meine Liebe zur Heimat, und wenn ich Österreich oft eine milde Form der Resignation genannt habe, bin ich nun der Meinung, daß es gar nicht so schlecht ist, mit einem Augenzwinkern und ein wenig durch Liebe entschärfter Ironie milde zu resignieren. Wenn heute die Welt so weit „integriert“ ist, daß alles außer New York und Moskau als Provinz erscheint, wenn ich heute nicht mehr der Alternative Berlin — Wien, sondern New York — Amstetten gegenüberstehe, und wenn der Anschluß an die Weltliteratur davon abhängen soll, daß ich mir meinen Geschmack und mein Urteil von New York über die Außenstelle Frankfurt vorschreiben lassen soll, dann „denk ich mir mein Teil und laß die anderen reden“; denke daran, daß das Gegenteil von Provinz ja Residenz und die Residenz der Ort ist, wo man Bücklinge machen muß, denke an Grillparzers Skepsis gegenüber aller sogenannter Größe, genieße den letzten Rest an Provinzialismus, der statt des allgemeinen Rattenrennens noch Besinnung ermöglicht, erkläre selbst Amstetten noch zur Metropole, setze mich auf mein kleines Bergbauernhaus im Mühlviertel und versuche in der Ruhe der Landschaft jene eigene Ruhe zu finden, die wichtiger ist als aller Applaus der Welt.

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