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Ein Mann geht durch die Welt

I.

Thomas Manns Wiener Besuch liegt hinter uns; hinter ihm liegen die Fangfragen, dię ihn am ersten Morgen hier empfingen, liegen die Presseangriffe der einen, die unverfrorene parteipolitische Ausschrotung durch andere.

Der Wunsch, den er vor seiner Reise nach Wien aussprach, ist also nicht in Erfüllung gegangen: „Was mir am Vorabend der Reise wirklich und vor allem am Herzen liegt, ist der Wunsch, man möchte mir, der ich diesem späten Wiedersehen mit so aufrichtiger Freude entgegenschaue, die gerechte Freundlichkeit tun, mich so. aufzunehmen und zu nehmen, wie ich bin — und nicht, wie die einen oder anderen wohl möchten — oder argwöhnen -—, daß ich sei."

Die Ehren- und Scheltnamen, die Thomas Mann in den letzten Jahren und in diesen Tagen wieder erhalten hat: „Bolschewik“, „Friedenskämpfer", „Deutschenhasser", „Kollaborationist" usw., stimmen alle in dem einen überein: sie wollen den Dichter festlegen, verhaften auf eine politische Position und wollen, alle, von rechts und links, nicht mehr das eine zulassen, worum dieser letzte große Repräsentant des 19. Jahrhunderts (soeben ist Benedetto Croce gestorbenl) ringt: um die Behauptung einer freien Zone für den Dichter, den Künstler, den geistig Schaffenden. Um es recht deutsch zu sagen: um seine Unabhängigkeit von weltpolitischen Machtgruppen. Ich meine: wir können sehr wohl der Meinung sein, daß dies heute „unzeitgemäß" sei, daß es für uns kleine- Erdenbürger kaum mehr möglich sei, uns heraus zu halten aus dem Fangspiel der Großen, auch aus den großen Entscheidungen politischer Art — eines aber sollten zumindest geistige Arbeiter, zumindest im Hinblick auf Goethe (der sehr ähnlich wie Mann zensuriert wurde ob seiner Haltung zu Napoleon beziehungsweise zu den sogenannten deutschen Befreiungskriegen): es ist eine gültige Sehnsucht des Dichters, „frei zu singen, wie der Vogel singt". Man braucht kein Prophet zu sein, um heute schon ansägen zu können: manche, die heute so laut das 19. Jahrhundert (und diesen seinen Repräsentanten) ver- schimpfieren, werden morgen schon eine kleine Sehnsucht nach seiner Freiheit und seinen Freiheiten verspüren.

Bekenntnis zu Thomas Mann? Wer so fragt, zeigt, daß er den Sinn unseres Anliegens nicht erkannt hat. „Bekenntnis" zu einer Person, das würde bereits wieder eine sklavisch-parteiische Verhaftung bedeuten, wie sie der Meister der Ironie und freien Rede selbst nicht liebt, wie sie auch nicht einer so reichen, und das heißt an Widersprüchen reichen Persönlichkeit geziemt. Die selbst nie ein letztes Wort spricht (das tun nur Tote), der gegenüber wir uns auch alle Worte der Rede offenhalten wollen.

Wohl aber geht es hier um das große Anliegen, das eben dieser Mann heute noch für viele, die es nicht mehr können, vertritt: Hütung einer Zone, in der der Dichter und Künstler sich schöpferisch entwickeln können. Und da scheint es uns, als vertrete kaum einer so sehr Europa und seinen notwendigen Eigenstand in dieser Welt als dieser „ungläubige Thomas". Dessen „Spott" über Glaubeiisdinge aus einer empfindsamen protestaptisch-pietistiscben Spiritualität stammt; dessen „Ironie" mehr christliche Unterscheidung der Geister birgt, als viele zu ersehen vermögen. Der selbst mit Recht in einer großen Chikagoer Rede vor zwei Jahren die christlichen Theologen direkt apostrophieren konnte: ob sie es nicht bemerkten, wie sehr sein ganzes dichterisches Lebenswerk Confessio, Beichte, Nachsinnen über eigene Verschuldung sei ...

Pere Maydieu O. P. und andere französische Theologen der Gegenwart haben es zu wiederholten Malen herausgesagt: Es ist doch etwas Merkwürdiges um die Tatsache, daß so viele religiöse Aussagen in Kunst und Dichtung heute scheinbar von Gott den Ungläubigen anvertraut worden sind. Ob diese Tatsache nicht vielleicht für die Selbstkritik des Christen etwas zu bedeuten habe ...

Der „ungläubige Thomas" hat Wien verlassen; und hat denen, die ihn hier anzuhören wagten, manchen Trost gespendet. Irdischen, anfechtbaren Trost, aus Menschenwort und Menschengeist. Beachtenswert genug...

II.

Thomas Mann sprach am Dienstag, den 18. November, im Mozart-Saal des Wiener Konzerthauses über das Thema: „Der Künstler und die Gesellschaft"; ein

Thema, für ein Publikum bestimmt und zur Rede geformt, das mit der Thomas Mann eigenen Problemstellung wohl einigermaßen vertraut ist. Die Erwartung, der Dichter werde eine von Aktualitäten gespickte tendenziöse Rede halten, wurde trotz der einzigen Gelegenheit zu demonstrativem Applaus enttäuscht. Um so mehr kamen die auf ihre Rechnung, die nicht den „Wanderredner der Demokratie" — über dessen Komik sich der gefeierte Künstler sehr im klaren ist,—, sondern den Schriftsteller Thomas Mann zu hören gekommen waren.

Die Frage nach dem Verhältnis des Künstlers zur Gesellschaft hat Thomas Mann immer wieder gereizt. Lebt der Künstler wirklich in stetem Rausch des Selbstbewußtseins, in dem er sich ja als Vertreter der neben Religion und Wissenschaft höchsten kulturellen Institution des öffentlichen Lebens befinden müßte? Das Gegenteil ist der Fall, da sich der Künstler ja gar nicht als Repräsentant der „Kunst“ an sich empfindet, sondern als einen, der eine Art „Allotria“ treibt, mit dem er sich über die Satzungen der Gesellschaft hinwegsetzt. So mag es kommen, daß alle öffentlichen Ehrungen den Künstler immer nur die Kluft erkennen lassen, die zwischen seinem zuhöchst individuellen Akt der künstlerischen Konzeption und aller Publizität besteht. Wie schon des öfteren kritisierte Mann die zivilisationsliterarische These, daß der Geist von vornherein stets die Sache der „Freiheit", des „Fortschritts", kurz, die Linke vertreten müsse. Das hieße: im Geist eine Art permanente Revolution gegen das Bestehende erblicken. Thomas Mann kam es darauf an, zu zeigen, daß alles Geistige nicht der Feind des Lebens (der Gesellschaft) von Haus aus ist, der mit schadenfroh grinsender Fratze den Kampfplatz verläßt, auf dem der Zwist zwischen ihm und der Gesellschaft ausgefochten wird, nein, sondern daß gerade der „vereinigende" Grundcharakter des

Geistes im allgemeinen — wie der Kunst im besonderen — zur Vereinigung, zur Versöhnung, zum polaren In-Spannung- Setzen der Gegensätze drängt. So steht der Geist weder rechts noch links. Edmund Burke, Joseph de Maistre, Knut Hamsun und Ezra Pound wurden als Beispiele hoher geistiger Kraft im Dienste konservativer Ziele bewundernd genannt. Nun soll es aber nicht heißen, ein Werk der Kunst sei „schön". Dieses Wort will Mann durch das Vokabel „gut“ ersetzt wissen. In ihm trifft sich das Ästhetische und das Ethische. Schönheit, bellezza, machte ja schon Tonio Kröger „etwas nervös". Nicht auf das Interessante, Ästhetizistische kommt es Thomas Mann in seiner Werteskala des Geistes an, sondern nur auf die Güte und Liebe, die das Urwesen des Geistes ausmache. Diese Liebe und Güte ist es, die uns auch den Trost gibt, den große Kunst eben spendet. „Sie ist keine Macht, sie ist nur ein Trost, und doch ein Spiel tiefsten Ernstes. Paradigma alles Strebens nach Vollendung, ist sie der Menschheit zur Begleiterin gegeben von Anfang an, und diese wird von ihrer Unschuld nie ganz das schuldgetrübte Auge wenden können.“ Das ist im Geist Schopenhauers gedacht, der sagt: „Neben der Weltgeschichte geht schuldlos und nicht blutbefleckt die Geschichte der Philosophie, der Wissenschaften und der Künste."

Somit darf man Thomas Manns Vortrag wohl eine Rechtfertigung der Kunst, noch mehr des Künstlers nennen. Wie Goethe und Schopenhauer sieht auch Thomas

Mann Welt, Leben und Gesellschaft — wollte man sie ohne Kunst denken — als eine Art Tollhaus an. Der Geist ist es, der uns dieses Tollhaus erst überhaupt wohnlich macht und uns im tiefsten Schmerz über dieses Tollhaus tröstet. Nicht daß er uns die Kraft gäbe, in dem Chaos Ordnung zu schaffen, nein, dieses besteht nach wie vor. Er hat noch „nie den Sieg des Bösen zu verhindern vermocht". Wie Schopenhauer rechtfertigt auch Thomas Mann den Künstler als den Befreier, der dem Leben nicht den Kampf ansagt, sondern es durchleuchtet, seinen Krampf löst, seine Verzweiflung aufhebt. Damit sind Geist und Leben nicht Feinde, Widersacher wie zum Beispiel bei Klages.

Es darf nicht verschwiegen werden, daß Thomas Mann sich zu der humanistischen These bekannte: das Ethische bedürfe keiner Begründung durch den Glauben, an den er nicht recht zu glauben vermöge. Die Güte und Liebe geistigen Verhaltens entstamme vielmehr einer skeptischen Einstellung. Bedeutsam war das Bekenntnis, daß seine Werke „verzweifelt deutsch" seien, womit sich Mann einwandfrei als deutscher Dichter — auch wesensgemäß — erklärte. Dieser Vortrag, der ein altes Anliegen in sachlichen Formulierungen zu neuer Darstellung brachte, war ein Selbstbekenntnis, das man wohl dahin zusammenfassen darf, daß der Künstler wohl gerne helfen, bessern und dem Weltunheil zu Leibe rücken möchte. Allein sein Werkzeug ist stumpf. Er kann die Verwundung der Menschheit nicht verhindern, er kann nur trösten. Er ist des Zaubers mächtig, der dem Mutlosen Mut gibt und den Verzweifelnden aufrichtet.

Das sind Attribute, wie sie nur der Religion als solcher zukommen. Daß Thomas Mann diese Attribute der Religion dem Künstler und der Kunst zuerkennt, kann denjenigen, der die tiefe Verbundenheit des Dichters mit dem romantischen Denken des 19. Jahrhunderts kennt, nicht überraschen. Das 19. Jahrhundert ist eben die Epoche, in der die Kunst sich als Religion, der Künstler als Erlöser dekle Tierte. Es war das Hauptanliegen Schopenhauers, zu zeigen, daß gerade der Künstler der Erlöser der Welt sei. Dies ist auch das Hauptanliegen Thomas Manns, wenngleich Selbstironie und Resignation der

Zuversicht einem so vollendet inhumanen Zeitalter gegenüber; wie es unsere Epoche ist, die großen Töne genommen haben.

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