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Aus gleichem Urgrund

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Nach Hegel ist Kunst die Darstellung des Ubersinnlichen, Unendlichen, im Sinnlichen und Endlichen. Paul Klee erklärte: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ Was macht sie sichtbar?, oder vielleicht besser: Was macht sie spürbar? Ein Unsichtbares, Unbeweisbares, das aber erahnbar, erfühlbar ist, was freilich gerade in unserer Zeit viele keineswegs erahnen, erfühlen, es daher leugnen. Faßt man Kunst im Sinn von Hegel, von Klee essentiell auf, muß zwischen ihr und der Religion irgendeine Beziehung bestehen. — Das wirkl heute zunächst zweifellos befremdend, ja man mag es kurzerhand abstreiten. Es sei nur an das Abwegige, Abstoßende gedacht, das uns die Maler, mit auch die besten, in ihren Bildern, die Dramatiker auf der Bühne vorführen. All das scheint Religiösem völlig fernzuliegen, wobei allerdings die Frage zu klären ist, ob es sich hiebei um Kunst handelt.

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Nach Hegel ist Kunst die Darstellung des Ubersinnlichen, Unendlichen, im Sinnlichen und Endlichen. Paul Klee erklärte: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ Was macht sie sichtbar?, oder vielleicht besser: Was macht sie spürbar? Ein Unsichtbares, Unbeweisbares, das aber erahnbar, erfühlbar ist, was freilich gerade in unserer Zeit viele keineswegs erahnen, erfühlen, es daher leugnen. Faßt man Kunst im Sinn von Hegel, von Klee essentiell auf, muß zwischen ihr und der Religion irgendeine Beziehung bestehen. — Das wirkl heute zunächst zweifellos befremdend, ja man mag es kurzerhand abstreiten. Es sei nur an das Abwegige, Abstoßende gedacht, das uns die Maler, mit auch die besten, in ihren Bildern, die Dramatiker auf der Bühne vorführen. All das scheint Religiösem völlig fernzuliegen, wobei allerdings die Frage zu klären ist, ob es sich hiebei um Kunst handelt.

Die Theologie versteht unter Religion das Verhältnis des Menschen ganz allgemein zum Heiligen, wobei das Heilige alles umfaßt, was von Menschen verehrt wird, im besonderen eine höchste, allumfassende Wirklichkeit, Gott. Es gehört dazu aber auch das Gefühl der Abhängigkeit von dieser Wirklichkeit, der Verbundenheit mit ihr. Da nun die Kunst Übersinnliches spürbar zu machen versucht, ist es verständlich, daß Augustinus die Künste als Mittel auffaßte, um den Menschen zur Erkenntnis der göttlichen Wahrheit zu führen. Diese Aufgabe versuchte die Kunst tatsächlich das ganze Mittelalter hindurch und darüber hinaus zu erfüllen. Doch nicht um eine ausgesprochen religiöse Kunst, um die Darstellungen des Lebens Christi oder der Heiligen geht es in diesen Zeilen, sondern um die Kunst insgesamt.

Als anläßlich der 750-Jahr-Feier der Diözese Graz-Seckau eine Ausstellung heutiger religiöser Kunst veranstaltet wurde, griff Candidus Cortolezis über dieses Gebiet hinaus, als er im Vorwort des Katalogs schrieb: „Im Grunde ist alle Kunst religiös“, es gehe darum, „das in und hinter den Dingen Liegende erfahrbar“ zu machen, es gehe um ein ,.Durchsichtigmachen des Diesseits“. Und auch der Dominikanerpater und Kunsttheoretiker Pie Rigamey spricht davon, daß „im Grunde jede Kunst sakral“ sei, wobei er dem Künstler empfiehlt, die erste der sechs Malerregeln des Tao zu beachten, die lautet: „Dein Geist sei in Übereinstimmung mit dem kosmischen Rhythmus.“ Also auch im kirchlichen Bereich gibt es Auffassungen, die man zunächst nur außerhalb dieses Umkreises vermuten würde. Tatsächlich geht es in der Kunst um eine Gefühlsverbindung mit dem Innersten der Welt. Doch wird die Welt hiebei nicht abgeschaltet wie in der religiösen Versenkung.

Es kann nun sein, daß der Kunst als Ausdruck des Transrealen der Vorzug gegeben wird. Das ist bei Hölderlin der Fall. Er läßt Hyperion sagen, das „erste Kind der menschlichen, der göttlichen Schönheit“ sei die Kunst, als der „Schönheit zweite Tochter“ bezeichnet er die Religion. Doch „ohne solche Liebe der Schönheit, ohne solche Religion“ sei jeder Staat ein dürr Gerippe ohne Leben und Geist. Zweifellos haben Kunst und Religion soviel Gemeinsames, sind beide so sehr von dem nicht Beweisbaren, nur Erahnbaren erfüllt, daß irgendeinmal auch die Behauptung erfolgen konnte, sie seien nahezu ident. Novalis verweist darauf, daß bei den Alten die Dichter und Priester eins waren, er kennzeichnet die Religion jener Jahrhunderte als „praktische Poesie“.

Das Wort „Schönheit“ wagt man heute kaum zu verwenden, da das Schöne besonders in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts mehr und mehr entwertet wurde. Zahlreiche Abbildungen in großen kunstgeschichtlichen Werken von früher erweisen das. Man muß viel Schutt aus dem Bewußtsein wegräumen, um in sich wieder die einstige Vorstellung des Schönen zu erwecken. In Piatos „Gastmahl“ heißt es, das Leben sei dem Menschen „erst lebenswert, wo er das Schöne“ schaue. Es ist das „göttlich Schöne“. Dies vorausgesetzt, ersteht in Piatos „Staat“ die rigorose Forderung, in das Gemeinwesen nur jenen Teil der Dichtung aufzunehmen, der Gesänge an die Götter unc Loblieder auf treffliche Männer her vorbringe. Das ist eine arge Einengung, denn das Schöne insgesam wirkt — es ist gewiß nicht beweisbar — metaphysisch bedingt, impliziert religiöse Vorstellungen, aucl wenn es nicht unmittelbar ausgesag wird. In diesem Sinn hat sich die Hingabe an das Schöne bis zu einen Schönheitskult gesteigert. Etwa be Oscar Wilde, der geradezu erklärt man habe von einem Ding nocl nichts gesehen, ehe man nicht sein« Schönheit sieht. Erst dann und nui dann trete es ins Dasein. Es ist alsc damit die Meinung ausgesprochen daß ausnahmslos alles schön sei, tatsächlich wirkt jedwede Realitä letztlich geheimnisvoll und verweis auf ein unerkennbar Bedingendes Was die Kirche angehe, meint Wildi weiter, gebe es für die Kultur eine: Landes nichts Günstigeres, als ai das Ubernatürliche zu glauben. Unc er tadelt die englischen Theologen unter denen zu Ehren gelange, wei zweifelt, und nicht derjenige, dei fähig ist zu glauben.

Eine bejahende Einstellung zur Gesamt der Welt wird für die Kuns immer wieder als selbstverständlicl erachtet. Das Ziel aller groß« Künste ist laut John Ruskin voi jeher die Unterstützung oder Er höhung des Lebens, ja es gehe al erste Zweckrichtung um die Stär kung der religiösen Andacht. Da betreffe aber keineswegs nur das re ligiöse Kunstwerk, denn die Kuns könne den Schöpfer preisen, inden sie die Schönheit und Heiligkeit sei ner Schöpfung darstelle. Der zweit Zweck sei die Verbesserung de ethischen Zustands der Menscher Ähnliche Vorstellungen hatte Tolsto der meinte, die Kunst solle dem Got tesdienst fast gleich betrachtet wer den, besonders die dramatisch Kunst sei immer religiös geweser habe erstrebt, eine geläuterte Be Ziehung des Menschen zu Gott anzu regen, kam aber von dieser „wahrei und hohen Berufung“ ab. Auch ir Symbolismus vom Ende des 19. Jahr hunderts besaß die Kunst religiös Bedeutung. In einem Manifest voi damals heißt es: „Künstler, du bis

Priester: die Kunst ist das große Mysterium, und wenn dein Bemühen zu einem Meisterwerk führt, so steigt ein Strahl des Göttlichen wie auf einen Altar herab.“

Es versteht sich, daß katholische Dichter und Schriftsteller ebenfalls die religiöse Bedeutung der Kunst hervorheben. Claudel spricht, wie schon Plato, vom Lobgesang, der, durch den Glauben an Gott ermöglicht, Ausdruck tiefster seelischer Bedürfnisse sei. Reinhold Schneider erklärt sogar, das Kunstwerk könne, wie das Leben des Künstlers, zum Gebet werden. Religion zu werden vermöge sie zwar nicht, aber es gebe keine Kunst ohne Religion. Und da nun bietet er eine Schlüsselbestimmung für alle große Kunst: Ihr höchstes Anliegen sei es darzustellen, wie die höhere Wirklichkeit in das Irdische hineinrage und das Wesen der Menschen und Dinge und Schicksale bestimme.

Wie sehr die Vorstellung von der religiösen Bedeutung der Kunst, die durch das neueste verbale und bildnerische Schaffen fast völlig verlorengeht, vordem viele Dichter beherrschte, zeigte sich auch noch an Gerhart Hauptmann, der schrieb, daß Bachs Musik, Dantes „Göttliche Komödie“, die plastische Kunst Michelangelos und Goethes „Faust“ durch und durch Religion seien. „Kunst ist Religion“, ließ er seinen Michael Kramer sagen und er selbst wiederholte es. Als sich aber manche daran stießen, änderte er dieses Wort ab: „Meine Kunst ist meine Religion.“ Doch sind auch andere Formulierungen möglich. So sagte Wilhelm Worringer in seinem grundlegenden Werk „Abstraktion und Einfühlung“ von der transzendentalen Kunst, allerdings nur von ihr, daß es da der Seele darum gehe, ein Absolutes zu schaffen, in dem . der Mensch allein von der Qual des Relativen ausruhen könne. Damit ist wohl ein Widerschein des Absoluten gemeint.

Viele Jahrhunderte hindurch hat es ausschließlich religiöse Kunst gegeben. Man könnte nun vermuten, daß die Religion die Voraussetzung für das Entstehen der Kunst bilde. Dem widerspricht Herbert Read, dies sei keineswegs der Fall, aber die Kunst habe auch nicht die Voraussetzung für die Religion gebildet, und er verweist darauf, daß es „jenseits von Kunst und jenseits von Religion Elemente beständigerer und grundsätzlicherer Natur gibt, die Religionsund Kunstformen gleicherweise bestimmen.“ Damit meint er Klimatisches, verbunden mit wirtschaftlichen Faktoren, Einwirkungen, die sich zweifellos variierend geltend machen, wenn religiöse Vorstellungen oder Kunststile importiert werden. Doch gibt es da wohl entscheidend ein viel gewaltiger Wirkendes als ursprüngliches, gemeinsames Agens: das Gegenüber einer geheimnisvollen Macht, die lebensbestimmend spürbar wird.

Die Kunst diente einst von diesem gleichen Urgrund her der Religion, kann aber die Kunst auch die Religion ersetzen? In einer Unterhaltung über das Verderben der griechischen Sittlichkeit erklärte Hegel: „Die Kunst bringt selbst den Untergang der schönen Religion herbei.“ Und Ernst Fischer stellt fest, daß der Künstler, der „einst das Mundstück Gottes“ war, in der Renaissance und in der Romantik zum Stellvertreter Gottes, zum Genie geworden sei. Danach könnte es immer noch ein Nebeneinander weltlicher und priesterlicher Stellvertreter Gottes geben. Es wurde aber auch behauptet, daß seit der frühen Romantik die Künste die Funktion der Religion einnahmen. Das ist den Künsten nun gewiß unmöglich, da sie entgegen der Religion das Ubersinnliche im sinnlichen Bereich spürbar machen und dies selbst in der abstrakten Kunst

Da ergibt sich die Frage, ob denn das heutige bildnerische Schaffen, die heutige Dramatik, die Prosawerke überhaupt nur entfernt an religiöse Vorstellungen herankommen. Diese Frage erstreckt sich aber nicht nur auf heutige Hervorbringungen, sondern auch auf weit zurückliegende und über den europäischen Kulturkreis hinausreichende Teilbereiche der Kunst. John Ruskin verweist auf die unheimlichen Äußerungen des Bösen, auf die grotesken und schrecklichen Formen, die sich bei der Kunst „wilder Rassen“ finden. Da wird also „Böses“ in aller Urgewalt dargestellt und Ruskin spricht von Kunst. Man denke aber auch an manche Ungeheuerlichkeiten des Manierismus. Gibt es da noch, mag man sich fragen, einen Konnex zum Religiösen? Sprung ins neunzehnte Jahrhundert: Lautreamont erklärte, seine Dichtung werde lediglich darin bestehen, den Menschen, diese wilde Bestie, und den Schöpfer, der ein solches Ungeziefer nicht hätte erzeugen sollen, anzugreifen. Es geschah mit giftig schillernder Phantasie. Maeterlinck aber bezeichnete Lautreamont als schwarzen, zerschmetterten Engel von unsagbarer Schönheit.

Im zweiten surrealistischen Manifest stellte Andri Breton fest: „Der einfachste surrealistische Akt besteht darin, mit einem Revolver in der Hand auf die Straße zu gehen und, so viel man kann, auf die Menge draufloszuschießen.“ Weiter erklärte er, es müssse alles geschehen, um die Ideen der Familie, des Vaterlandes und der Religion zu vernichten. Damit zeigt sich bei Breton eine berserkerhafte Antistellung zum Religiösen, verbunden mit der Aufforderung zum Verbrechen. In surrealistischen Werken ist die Auswirkung zu spüren, sie führen mit Vehemenz die Diskrepanz der Erscheinungswelt vor. Bewußt das Böse wählte Jean Genet für sich, als „Kardinaltugenden“ bezeichnet er in seinen Romanen Diebstahl, Verrat, Homosexualität, seine, wie man es benannte, „schwarze Theologie“ wird Verherrlichung des Verbrechens, er feiert den Mord als sakrale Handlung, vor der er selbst allerdings zurückscheute. Die Stücke von Fernando Arrabal bieten ein Spiel von Regungen und Trieben aus dem Inferno des Unbewußten, wobei die Gestalten zu Gefäßen dieser Triebe werden. Was sich an Abwegigem aus dem Unbewußtsein realisiert, wirkt wie das Wogen eines beklemmenden Traums.

Sind nun die manieristischen und surrealistischen Werke tatsächlich Kunst? Bieten Lautreamont, Genet, Arrabal wirklich Dichtung? Beinahe fassungslos stellt man bei Genet fest, daß das Abwegige, Abstoßende, Obszöne dichterischer Wirkungen fähig ist. Der seltsame Glanz so mancher Schilderung, das Poetische fasziniert. Wie ist das möglich? Wenn Kunst laut Klee „sichtbar macht“, das heißt Tiefenregionen aufschließt, so trifft das auf alle diese Werke zu, man spürt, daß die Realität des Vorgeführten, diese krasse Realität, durch nicht unmittelbar Erfaßtes bedingt ist. Kunst umgreift alle aus dem Unerkennbaren wirkenden Kräfte, das Heile ebenso wie das Unheile, Dämonische.

Gibt es aber noch einen Zusammenhang dieser Kunst mit dem Religiösen? Es fällt auf, wieviel Genet von der Heiligkeit spricht, von der „Heiligkeit“ des Mörders. Er erklärt auch, Heiligkeit sei sein eigenes Ziel, er wisse aber nicht zu sagen, was sie sei. Und an anderer Stelle schreibt er knapp, eindeutig: „Heiligkeit: Vereinigung mit Gott.“ Diese drei verschiedenen Aussagen zeigen das Ringen um religiöse Vorstellungen. Er spricht auch vom Entsühnen, vom Gericht Gottes und davon, daß eine Schöpfung, die nicht von der Liebe ausgehe, unvorstellbar sei. Bei Arrabal erweisen gerade die hektisch übersteigerten Blasphemien letztlich den verdrängten Glauben an Gott. Es ist das Ringen gegen eine Kraft, die er in sich wirken spürt. In allen diesen Werken ersteht eine Kunst dämonischer Bereiche, die dem Religiösen immer noch näher liegt als flacher rationaler Naturalismus, der kein Hinter-den-Dingen kennt. Leonard Bernstein meint, in der heutigen Welt falle es dem Künstler von Tag zu Tag schwerer, seine Sendung in der Kunst — nahezu Ersatz von Religion, wie er sich ausdrückt — zu erfüllen. Dazu ist festzustellen, daß das metaphysische Bedürfnis im Zeitalter gigantischer technischer Errungenschaften tatsächlich stets geringer wurde.

Halten wir dagegen, was noch in Wedekinds Theodizee „Die Zensur“ der Literat Buridan sagt: „Ich habe mein halbes Leben lang ohne Kunst gelebt. Ohne Religion könnte ich nicht eine Minute leben.“ Bei einer Gedächtnisfeier für den Dichter bezeichnete Felix Saiten die Worte Buridans als einen Schlüssel zur innersten Herzkammer Wedekinds. Kunst und Religion: Erschütternd ist das Bekenntnis des alten Michelangelo in einem seiner letzten Sonette. Die schmeichlerische Phantasie, heißt es da, habe ihm die Kunst zum Herrscher, zum Idol gesetzt, nun wisse er wohl, wie irrtumsschwer das war, Frieden spende der Seele, die auf Gottesliebe ausgerichtet ist, nicht Malen, nicht Meißeln. Das ist die Einstellung eines Mannes, der mit dem Leben nahezu abgeschlossen hat. Frieden bietet die Kunst gewiß nicht, denn sie umfaßt die ringenden Kräfte dieser Welt, aber auch sie ist durchdrungen vom Geheimnis schlechthin wie die Religion.

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