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Kein Zitatenschatz für Predigt

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn eine Religion auf die Literatur verzichtet, gerät sie in Gefahr, die Welt nicht zu kennen. Solche Religion wird ideologisch und totalitär.

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Wenn eine Religion auf die Literatur verzichtet, gerät sie in Gefahr, die Welt nicht zu kennen. Solche Religion wird ideologisch und totalitär.

Wer nicht liest, kennt die Welt nicht", hat Arno Schmidt kurz und bündig formuliert. Möglichst viel zu erleben reicht dafür nicht aus, denn erst aus der Deutung von Erlebtem wachsen Erfahrung und Weltkenntnis. Literatur ist ein wichtiges Medium der Welt- und Lebensdeutung. Eine Religion, die darauf verzichtet, gerät wirklich in Gefahr, die Welt nicht zu kennen. Das ist deswegen doppelt fatal und gefährlich, weil Religion ja den Anspruch erhebt, die Welt zu deuten und dabei nicht nur eine von vielen möglichen Deutungen anzubieten, sondern die (einzig) richtige. Eine Religion, die das große Spektrum literarischer Weltbilder ausblendet, wird mit einiger Sicherheit ideologisch und totalitär.

Schnittstellen: Erinnerung, Fremdheit Zumindest zwischen der jüdisch-christlichen Tradition und einem breiten Strom der Literatur gibt es wenigstens zwei große inhaltliche Berührungspunkte: Die Erinnerung an die Opfer - ein zentrales Anliegen der Theologie von Johann Baptist Metz - wurde und wird in großen literarischen Werken immer wieder Gestalt. Das komplexe Werk der 1998 verstorbenen tschechischen (aber deutsch schreibenden) Autorin Libuse Monikova ist dafür ein überzeugendes Beispiel aus jüngster Zeit.

Der ungarische Romancier Imre Kertesz (*1929), für den Jude-Sein vor allem bedeutet, aus dem Erleben der Nachtseite der Geschichte als Künstler zu arbeiten, will "die Sprache bewahren, in der das Opfer seinem Leid noch Ausdruck zu geben, in der es seine Anklagen noch zu formulieren vermag. Was aber immer schwieriger wird, einfach weil niemand da ist, zu dem sich sprechen lässt. Einst war der Mensch das Geschöpf Gottes, eine tragische, erlösungsbedürftige Kreatur." Kertesz darf deswegen keineswegs als religiöser Schriftsteller vereinnahmt werden. Wenn er von Gott spricht, so ist das "metaphorisch, wenn ich so sagen darf: poetisch, und nicht im konfessionellen Sinn zu verstehen, so wie mir der Gottesgedanke vertraut, jegliche Konfession aber fremd ist".

Eine zweite Schnittstelle ist der Blick auf den oder die Fremde beziehungsweise gerade der Blick des (der) Fremden selbst. Die hebräische Bibel kennt Fremde als Verheißungsträger(innen), und die Literatur ist voll von Geschichten des Fremd- und Andersseins. Jüngstes beeindruckendes Beispiel aus der österreichischen Literatur: Peter Henischs "Schwarzer Peter", der Roman eines schwarzen Besatzungskindes in Wien und New Orleans als Geschichte einer doppelten Fremdheit.

Dennoch: Es ist nicht selbstverständlich, dass sich Religion auf das Feld der Literatur vorwagt, begegnet sie dabei doch einem Bereich, aus dem ihr einige Skepsis entgegenschlägt. "Die Götter tot, die Kreuz- und Weingötter, mehr als tot: schlechtes Stilprinzip, wenn man religiös wird, erweicht der Ausdruck", hat Gottfried Benn, der Sohn eines protestantischen Pfarrers, notiert - ein sehr grundsätzlicher Vorbehalt, der sich nicht nur gegen das Christentum richtet, wie die Anspielung auf Jesus und Dionysos, in den Plural gesetzt, deutlich macht.

Sehr ähnlich sah es der rumänisch-französische Denker E. M. Cioran (1911-95): "Mit Gewissheiten kann man keinen Stil machen. Die Sorgfalt des sprachlichen Ausdrucks ist das Privileg jener Menschen, die in keinem Glauben Ruhe finden", schreibt Cioran in seinen "Syllogismen der Bitterkeit". Diese Ruhe kann man freilich nicht nur in den verschiedenen Formen "religiösen Behagens" (Ingeborg Bachmann hat diesen schönen Ausdruck in einer Rezension verwendet) finden, sondern in allen weltanschaulichen Gewissheiten. Und in authentischer Religiosität findet der sprachlich kreative Motor der Unruhe allemal ein besseres Betätigungsfeld als in der Welt konsumistischen Behagens.

Sprachliche Kreativität war immer auch ein Kennzeichen religiöser Aufbrüche, wie ein Blick auf die Mystiker eindrucksvoll zeigt. Aber etablierte Religion wird nur zu leicht von "Sprachsklerose" befallen - eine treffende Diagnose, die der Schweizer reformierte Pfarrer und Dichter Kurt Marti gestellt hat. Literatur ist Arbeit mit dem Material Sprache. Sich darauf einzulassen, verlangt eine Askese, die für manche religiöse Gemüter schmerzlich ist: Absichtslosigkeit. Die Schriftsteller gehen auch mit religiösen Bildern absichtslos um, wie Marie Luise Kaschnitz über Georg Trakl gesagt hat: "Trakl wollte nichts, weder sich wie Werfel von Gott zerreißen lassen, noch wie Däubler das Werk der Umkehr tun."

Nichts wollen - das ist auch ein wichtiger Grundsatz im Umgang mit Literatur. Wo Religion Literatur instrumentalisiert - als Zitaten-Schatzkästlein für Predigt und Meditation, als modischen Aufputz, als billige Aktualisierung - verfehlt sie das literarische Kunstwerk.

Hinter der Ironie lugt Existenzielles hervor Eine Beschäftigung mit der Literatur um ihrer selbst willen kommt aus der "Lust am Text" (so der französische Essayist Roland Barthes, 1915-80). Wer sich von ihr anstecken lässt, ist nicht nur für politische Phraseologie verloren, auch religiöse (oder als solche getarnte) Sprachhülsen und Stehsätze zerfallen vor dieser Faszination in ihre Bestandteile oder entwickeln ein spielerisches Eigenleben. Dafür gibt es viele literarische Beispiele. Für Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind auch religiöse Formeln und Bilder Material, das neu gestaltet, verändert und verfremdet wird. Gerade das wird von religiösen Menschen oft als Provokation empfunden; sie tun sich oft leichter mit Autorinnen und Autoren, die sich mit Religion gar nicht beschäftigen als mit denen, die es auf unerwartete Weise tun.

Reservoir für den eigenen Bildervorrat Ich selbst muss allerdings bekennen, dass ich bisweilen am biederen Glaubensernst erstickt wäre oder mir viele religiöse Bilder abgestanden und uninteressant geworden wären ohne die Ironisierungen von Heinrich Böll, Günter Grass oder Ernst Jandl. Hinter dem ironischen Spiel steckt oft mehr existenzielle Auseinandersetzung als hinter der bürgerlichen Behäbigkeit einer wohltemperierten Religion, die sich so gerne darüber empört.

Besonders deutlich ist mir das in einem Radiogespräch mit dem dieser Tage verstorbenen Ernst Jandl geworden - einem der unmittelbarsten Gespräche über Religion, die ich je mit einem Menschen geführt habe. Jandl sagte da: "Ich glaube, dass ein gewisses Spiel mit religiösen Vorstellungen diese nicht unbedingt in Frage stellen muss und nicht das Ziel hat, sie in anderen Menschen zu zerstören. Der ursprüngliche Text kann, glaube ich, in Menschen, für die er wirklich etwas Wertvolles bedeutet, gar nicht angetastet werden. Es kann natürlich meine spielerische Version eine gewisse Empörung darüber auslösen, dass jemand, also ich, sich in einer ernsthaft spielerischen Weise eines solchen Textes bemächtigt. Das erschüttert seinen Glauben meines Erachtens nicht. Eine solche Empörung kann eher dazu führen, dass sein Glaube gefestigt bleibt, wenn er schon nicht dadurch gefestigt würde, aber so weit will ich nicht gehen; ich bin ja kein Prediger."

Spätestens im 20. Jahrhundert hat das Christentum das Deutemonopol über seine eigenen Traditionen verloren. Damit sind auch neue und unbefangene künstlerische Auseinandersetzungen möglich geworden. "Ich kann religiöse Naturen nicht begreifen, die Gott als das Gegebene hinnehmen und nachfühlen, ohne sich an ihm produktiv zu versuchen", hat schon Rainer Maria Rilke in einem Brief geschrieben. Bereits Friedrich Schlegel war überzeugt: "Nur derjenige kann ein Künstler sein, welcher eine eigene Religion, eine originelle Ansicht des Unendlichen hat."

Durch den Blick auf diese eigenständigen religiösen Welten in den literarischen Werken kann Religion nicht nur das Verständnis und die Wirkung ihrer eigenen Impulse besser verstehen, sondern vor allem der Erstarrung und Verfestigung entgehen. In Evelyn Schlags Roman "Die göttliche Ordnung der Begierden" aus dem Jahr 1998 spricht ein Priester, der durch die Liebe zu einer Frau eine Individualisierung seiner Lebenswelt erfährt, den zentralen Satz: "Ich kann nicht mehr wie ein anderer glauben" - ein Satz, den wohl viele unterschreiben würden, die sich heute noch oder wieder neu als religiös verstehen.

Der Religion (und erst recht den Kirchen) ist das Eigene und Individuelle oft verdächtig. Sie sollte aber nicht vergessen, dass die individuellen Zeichen und Bildwelten das Widerstandspotential der Literatur gegen die Okkupation der Wahrnehmung durch das automatisierte Zeichenrepertoire der Werbung und der Bedienungsanleitungen, der Slogans und standardisierten Sprachregelungen sind. Literatur ist ein großes Reservoir für den eigenen inneren Bildervorrat. Und ohne den verblassen auch die religiösen Bilder und verkommen die heiligsten Riten zur Farce.

Bei der Literatur in die Schule gehen Wenn Religion sich darin einüben will, individuelle Lebenswelten und ihre Deutungen wahrzunehmen, sollte sie auch bei der Literatur in die Schule gehen. Doch auch in dieser Schule darf und muss es Widersprüche geben können. Der Unterschied zwischen der Literatur, die das Recht zur freien Gestaltung haben muss, und der Religion, die das Interesse und das Recht hat, bestimmte Traditionen wachzuhalten, ist nicht einfach aufzuheben.

Bezogen auf die Gestalt Jesu spricht der Salzburger Theologe Gottfried Bachl vom "Veto des Evangeliums: Du sollst die Gestalt nicht hinter die Gestaltung setzen". Übrigens hat gerade Jesus in der Literatur der letzten Jahre eine starke "Konjunktur", nachdem man den Jesus-Roman schon zwanzig Jahre für tot erklärt hatte. Nobelpreisträger wie Jose Saramago oder Toni Morrison haben sich mit Jesus auf neue Weise auseinandergesetzt.

Auch wenn sie diesen Entwürfen nicht immer zustimmt, ist meines Erachtens die christliche Religion auf sie geradezu angewiesen, weil sie anders ein fundamentales Problem nicht lösen kann: Sie muss das Evangelium weitersagen und kommt dabei nicht umhin, Geschichten zu erzählen, deren Ausgang jede(r) kennt, der oder die von der europäischen Kultur geprägt ist. Neue literarische Gestaltungen können auch auf den Evangeliumstext und seine Deutungen ein neues Licht werfen.

Mit dem Blick auf die Bibel hat das Plädoyer für einen Dialog der Religion mit der Literatur auch seine tiefste Begründung erreicht: Die abrahamitischen Religionen sind Buchreligionen, und das heißt nichts anderes, dass die Offenbarung in (durchaus sehr verschiedenartigen!) literarischen Formen vorliegt. Sie adäquat zu verstehen, bedarf der Einübung in die Literatur. Das ist nicht nur ein Hobby für einige Ästheten am Rande der Religion, sondern ein zentrales Moment gelebter religiöser Kultur.

Auch Gebete sind Literatur Auch Gebete sind nichts anderes als Literatur - wie umgekehrt die Gebetsform nicht wenige Gedichte geprägt hat. So leuchtet es ein, wenn Dorothee Sölle einmal gemeint hat, das Christentum setze voraus, dass jeder Mensch ein Dichter sei, weil er beten könne. Gleichzeitig ist dieser Satz hochproblematisch, weil er jeden Niveau-Unterschied zwischen Texten verwischt. Nicht jeder, der betet, Tagebuch oder Briefe schreibt, ist ein Dichter - und muss es zum Glück auch nicht sein. Aber schon manches Schriftsteller-Tagebuch hat Menschen dazu bewegt, selbst ein Tagebuch zu beginnen. Gebets-Gedichte könnten eine ähnliche Wirkung haben. "Ich wünschte ein Gebet mit Worten wie Dolche. Unglücklicherweise muss man, wenn man betet, so beten wie alle. Darin legt eine der größten Schwierigkeiten des Glaubens", schrieb Cioran. Vielleicht kann die Literatur ein Weg sein, um herauszufinden, dass das nicht wahr ist.

Der Autor ist Kulturpublizist in Printmedien und Radio sowie Gemeralsekretär des Katholischen Akademikerverbandes Österreichs.

BUCHTIPPS Die Bibel in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Band 1: Formen und Motive, Band 2: Personen und Figuren. Hg. von Heinrich Schmidinger. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1999. 1248 Seiten, geb. , öS 935,-/e 63, 91 Schwarzer Peter. Roman. Von Peter Henisch. Residenz Verlag, Salzburg 2000. 544 S.., geb., öS 348,-/e 23,58

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