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Sich Gott gönnen

Religiöse Traditionen werden wieder zu einem Reservoir der Literatur. Erzdiözese und Literaturhaus Salzburg haben jüngst einen Lyrikwettbewerb zum Thema "Offener Himmel" veranstaltet (Preisträgerin Christine Heidegger) und zu einer Diskussion über das Verhältnis von Literatur und Religion eingeladen. Das Furche-Dossier dokumentiert die Statements von Anna Mitgutsch, Ferdinand Schmatz und Cornelius Hell; weiters plädiert es dafür, die Bibel als Literatur ernst zu nehmen und die Literatur nicht theologisch zu vereinnahmen. Redaktion: Cornelius Hell

Literatur und Religion kommen nicht zufällig in Verbindung, denn die Grunddokumente der "Buchreligionen" sind Literatur. Im jüdisch-christlichen Bereich wird die Weltschöpfung als Erzählung entfaltet, und Jesus spricht in Gleichnissen vom Reich Gottes. Die ältesten Gebete, die Psalmen, sind Gedichte.

Umso erstaunlicher, dass sich das Christentum mit Literatur schwerer tut als mit anderen Künsten. Bis in die Gegenwart wurden führende Architekten mit Kirchenbauten und Komponisten mit sakraler Musik beauftragt, literarische Werke hingegen sollen nach den römischen Liturgievorschriften im Gottesdienst nicht zu Gehör gebracht werden. Das evangelische Kirchenlied ist bis dato der letzte Ort, wo Poesie ersten Ranges und christliche Liturgie zueinander gefunden haben. Das ist einige Jahrhunderte her.

Religion als Tabu

Auch die Literatur tut sich mit der Religion schwerer als die anderen Künste. Spitzenkomponisten des 20. Jahrhunderts von Igor Strawinsky bis Krzysztof Penderecki oder Arvo Pärt haben Sakralmusik komponiert, ohne deswegen als Kirchenmusiker zu gelten, und Arnulf Rainer wurde nicht als katholischer Künstler abgetan, weil er sich in seinem Werk immer wieder auch mit dem Kreuz auseinander gesetzt hat. Für die Literatur bezeichnete die Kritikerin Klara Obermüller 1991 "das explizite Reden von Gott" als "die vielleicht letzte Tabuzone der ernstzunehmenden Gegenwartsliteratur".

Nach dem Ende einer deklariert "christlichen" Literatur in den 1960er Jahren - mit nur ganz wenigen Werken von hohem Rang - traten Autorinnen und Autoren an, die die negativen Erfahrungen ihrer religiösen Sozialisation literarisch abgearbeitet und Religion sprach- und ideologiekritisch dekonstruiert haben. Dass sie der Religion näher standen als jene Autoren, die sich gar nicht mit ihr beschäftigten, hat der immer zum Aufschrei bereite Glaubenseifer gerne übersehen. Fünf Jahre nach dem Tod von Ernst Jandl ist es an der Zeit zu sehen, wie sehr seine obsessiven Paraphrasen katholischer Gebetsformeln auch Ergebnis intensiver Nähe sind. 1966 bestand übrigens der Walther-Verlag darauf, das Gedicht "fortschreitende räude" zu entfernen, damit der Gedichtband "laut und luise" erscheinen konnte. Das katholische Milieu hat gerne Zensur ausgeübt, solange es noch dazu imstande war.

Traditionen wieder offen

Seit den 1990er Jahren hat sich die Literatur zunehmend in eine neue Situation hineingeschrieben: inhaltlich wie formal ist nicht mehr nur keine Tradition mehr geboten (auch nicht die der sprachkritischen Moderne), sondern auch keine mehr verboten. Unbefangen werden wieder Hymnen und Elegien geschrieben, und Reime sind nicht mehr tabu. Aber auch konservative Überzeugungen oder private Idyllen sind wieder salonfähig. Plötzlich sind alle Töpfe wieder offen und verfügbar - auch der der religiösen Traditionen. Als Patrick Roth in seinen Prosabänden "Riverside. Christusnovelle" (1991), "Johnny Shines oder Die Wiedererweckung der Toten" (1993) und "Corpus Christi" (1996) christliche Themen in "hoher" hymnischer Sprache gestaltete, war die Irritation noch groß.

Ein Jahrzehnt später wurde Andreas Maiers Roman "Kirillow" (2005) - sein Stoff ist zweifellos "heutiger" als der von Patrick Roth - sehr positiv aufgenommen; die Dostojewski-Bezüge, über die auch eine sehr unmittelbare (um nicht zu sagen naive) religiöse Komponente ins Spiel kommt, störten dabei keineswegs. "Irgendwann habe ich damit angefangen, mir das Wort Gott zu gönnen", sagte Maier im März 2005 in einem großen Zeit-Interview. Die Formulierung "sich gönnen" sagt zweierlei: dass in diesem Bereich normalerweise Askese angesagt ist und dass es sich um einen sehr subjektiven Entschluss handelt. Ein Entschluss, der allerdings aus literarischen Einsichten kommt, denn: "Wenn man sich dieses Wort verbietet, hat man extreme Schwierigkeiten, bestimmte Dinge zu sagen." Maier redet nicht ewigen unverrückbaren Wahrheiten das Wort, sondern einer Literatur, die Fragen offen hält. Und da ist es plötzlich nachchristlich-selbstverständlich, auch von Transzendenz zu sprechen.

Wie Patrick Roth und Andreas Maier nähert sich auch Lutz Sailer in seinem Essay "Sonntags dachte ich an Gott" (2004 in der gleichnamigen Aufsatzsammlung) einer religiösen Thematik, ohne durch religiöse Sozialisation geprägt zu sein und ohne etablierte christliche Traditionen aus den Angeln heben oder bestätigen zu wollen. Ein Unfall am Sonntag legt bloß, dass die suggerierten Hilfsversprechen der urbanen Gesellschaft nicht eingelöst werden. "Die moderne Welt funktionierte nicht im Unglück dieses Mannes auf der Hebebühne."

Religion frei verfügbar

"Es geht ja um Leben und Tod, um Gott und die Welt ... Darum können wir uns nicht herumdrücken. Wer sagt, das interessiert ihn nicht, der lügt ... Das hat nicht unbedingt mit der katholischen Glaubenswelt zu tun, aber gewiss mit Religion im weitesten Sinn des Wortes." Von Peter Henisch, der in seinem neuesten Roman "Die schwangere Madonna" (2005) auch religiöse Bilder weiterschreibt, hätte man eine solche Position schon lange hören können. Dass ihm die Literaturzeitschrift Volltext jetzt ein Forum dafür bietet, ist vielleicht auch Indikator einer neuen Situation, in der Religion in der Literatur nicht mehr automatisch diskreditiert ist.

Klar ist dabei natürlich: Die etablierten Religionen und Konfessionen haben kein Monopol mehr auf den Vorrat religiöser Formeln, Bilder und Traditionen, sondern sie sind künstlerisch frei verfügbar. So neu ist diese individuelle Beerbung freilich auch wieder nicht, war doch schon Friedrich Schlegel überzeugt: "Nur derjenige kann ein Künstler sein, welcher eine eigene Religion, eine originelle Ansicht des Unendlichen hat." Und Rilke konnte "religiöse Naturen nicht begreifen, die Gott als das Gegebene hinnehmen und nachfühlen, ohne sich an ihm produktiv zu versuchen". Diese künstlerischen Möglichkeiten stehen wieder offen. Es ist nicht gesagt, dass da nicht Rückgriffe auch in solche religiöse Töpfe gemacht werden, die man mit gutem Grund geschlossen glaubte. Doch areligiöse Selbstverständlichkeiten haben jedenfalls abgedankt. Ein interessantes Feld steht offen.

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