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Provokation oder bloße Ästhetik?

"Ritual.Macht.Blasphemie" - unter diesem Titel setzte sich ein Symposium in Wien mit den vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Religion und Kunst auseinander - nicht zuletzt am Beispiel des Katholizismus: Ob Elfriede Jelinek oder Hermann Nitsch, viele (Kunst-)Werke sind vom "Katholischen" der Gesellschaft geprägt.

"Ich weiß es, aber ich glaube es nicht!" Mit diesem paradoxen Ausspruch Goethes polemisierte Julian Schutting in der Diskussion zum Thema Kunst und interreligiöser Dialog - und brachte damit die Auseinandersetzung zwischen Kunst und Religion auf den Punkt. Schutting war einer der vielen repräsentativen Gäste des interdisziplinären Symposiums "RITUAL.MACHT.BLASPHEMIE. Kunst und Katholizismus in Österreich seit 1945".

In fünf Tagen und an drei Orten wurde in Wien die Frage diskutiert, welche Rolle der Katholizismus in Österreich in Politik, Kunst und Medien seit 1945 spielt und welche Bedeutung christliche Werte als gesellschaftliche Faktoren heute einnehmen.

An drei Orten fand die Auseinandersetzung mit dem Thema auf je unterschiedliche Weise statt: Nach der wissenschaftlichen Eröffnung an der Universität Wien bot das Volkstheater Raum für Performances, Lesungen, Vorträge und Gespräche; am Wochenende wurde in der Sammlung Essl zur bildenden Kunst, aber auch über Musik, Literatur und Film diskutiert.

Während zu Beginn der Tagung das Spiel als Verbindungselement zwischen Religion und Kunst thematisiert wurde, dominierte am Wochenende das Bild von Religion als Pulverfass: Skandalisierung, Blasphemie oder christliche Botschaft? Kunstsammler Karlheinz Essl, praktizierender protestantischer Christ, stellte die Frage ganz pragmatisch anhand dreier Artefakte: Für die Symposiumsteilnehmer wurden fünf Bilder vorbereitet, anhand derer Essl die Blasphemie-Debatte aufgriff und ad absurdum führte: So präsentierte er etwa aus Damian Hearsts Fotoserie "Stations of the Cross" zwei Arbeiten, wovon eine ein Kreuz mit Zigarettenstummeln abbildet. Für Essl präsentiert Hearst damit eine zutiefst christliche Botschaft, indem er die Kippen als Symbol für jene einsetzt, die am Rande der Gesellschaft stehen.

Bei Bettina Rheims' Triptychon (das Bischof Andreas Laun des blasphemischen Inhalts verdächtigt hatte; er revidierte jedoch sein Urteil wieder, nachdem er sich mit dem Kunstwerk auseinandergesetzt hatte) wird der Gekreuzigte nicht mehr konkret gezeigt, sondern es zeichnet sich auf schwarzem Hintergrund nur mehr ein roter Fleck ab. Die beiden Schächer, die Christus flankieren, sind eine Frau und ein Mann, also: Beide Geschlechter tragen das menschliche Los. Und auch Hermann Nitschs Schüttbilder aus Blut und Öl, immer wieder der Skandalisierung ausgesetzt, fehlen in Essls Präsentation nicht.

Kirche soll nicht so wehleidig sein

Der Kunsttheoretiker Wieland Schmied konzentrierte sich in seinem Beitrag auf die Frage nach dem dialektischen Prozess: Pier Paolo Pasolinis Arbeiten zeigten, dass "Ekstase und Erlösung" einander bedingen, Alfred Hrdlickas Skulpturen stellten "fleischgewordene Wünsche" dar und Arnulf Rainer treibe "die Askese bis zum Absoluten".

Im anschließenden Gespräch "Fleisch und Blut" diskutierten neben Hermann Nitsch der Kulturhistoriker Manfred Wagner sowie der Kunstexperte und Rektor der Wiener Jesuitenkirche Gustav Schörghofer. Als Leiter der Jury des Otto Mauer Kunstpreises vertritt Schörghofer, der die Jesuitenkirche und die Zacherlfabrik für Ausstellungen und Installationen zeitgenössischer Künstler öffnete, die Haltung, dass die katholische Kirche "nicht so wehleidig" sein solle. So seien etwa Nitschs Kunstobjekte zwar liturgische Materialien, die aber als Artefakte nicht zugleich auch den Glauben oder gar christliche Werte in Frage stellen, sondern zu Objekten seines ästhetischen Ausdrucks werden.

Dass der verbohrte Blick auf die Verwendung liturgischer Geräte in der Kunst nicht unbedingt allein in Kirchenkreisen zu finden ist, betonte auch Zeithistoriker Oliver Rathkolb, der in seinem Eröffnungsvortrag auf die Rolle der politischen Parteien einging. Gerade in der Nachkriegszeit stand die Auseinandersetzung mit der eigenen Heimat im Vordergrund, die Rekatholisierung der Gesellschaft erwies sich vielmehr als politischer Pragmatismus, d. h. die Forderung nach "christlicher Volkskultur" wurde mit der österreichischen Identitätsdebatte gleichgesetzt.

Rathkolb setzte sich mit dieser Entwicklung auseinander, auch unter Einbeziehung der Rolle von Jörg Haider, Alfred Gusenbauer und vor allem Kardinal König: Letzteren hob er besonders für einen Umorientierungsprozess der katholischen Kirche hervor. Im Vergleich zu Nordamerika stellte Rathkolb jedoch einen massiven Unterschied in Bezug auf die Bedeutung moralischer Aspekte von Religion fest. Während Begriffe wie "Hölle" oder "Erlösung" in den USA hoch im Kurs stehen, urteilen Europäer differenzierter. Für Rathkolb zeichnet sich hier auch die "Intensivierung der religiösen Wertedebatten als Folge von Migration, Terrordebatte und Nahost-Konflikt" ab.

Rathkolbs These vom Bedeutungswandel der Werte zog sich durchs gesamte Symposium: So machte auch Evelyne Polt-Heinzl im Gespräch mit dem Autor Josef Winkler - nach dessen beeindruckender Lesung "Die an den Wolken kratzen, brauchen keine Schutzengel" - grundsätzliche strukturelle Veränderungen, etwa in der Pädagogik, fest. Die sogenannte schwarze Pädagogik, die sich katholischer Fegefeuer- und Schuldszenarien bediente, sei zunehmender Aufklärung gewichen.

Das "katholische" Frauenbild

Die Differenzierung in der Verwendung und Darstellung von christlichen Symbolen und Ritualen war ebenso Themenschwerpunkt in der Diskussion zum Bild der Frau in der katholischen Kirche, über das Johanna Schwanberg, Christa Gürtler und Erika Schuster sprachen: Wenn die Aktionskünstlerinnen Valie Export oder Elke Krystufek die "Faszination am Ritual" deutlich machten, dann gehe es in erster Linie um deren Kritik am Bild der Frau als Opfer, als passivem und entsexualisiertem Menschen. Mittlerweile, so die Analyse, habe sich der Blick geweitet: Die künstlerische Auseinandersetzung verlaufe differenzierter.

Dieser Paradigmenwechsel werde auch in der Literatur deutlich: Während Barbara Frischmuth in ihrem Roman "Die Klosterschule" (1968) katholische Mädchenerziehung mit ihrer Sprachlosigkeit und Körperfeindlichkeit thematisiert, gehe es Autorinnen jüngerer Werke vor allem um Katholizismus als Diskurs. Jelinek-Expertin Bärbel Lücke machte bei ihren Ausführungen zum Internetroman "Neid" deutlich, inwiefern Elfriede Jelinek ihre Protagonistinnen über eine patriarchalisch/katholisch geprägte Sprache entwickelt, die deren Denken prägt: Bei Jelinek werde der Katholizismus zum Stilmittel.

Einen neuen Zugang brachte die Performance "Kuscheltiere. Liebet und vermehret Euch!", in der Texte von Papst Benedikt, Judith Butler, Elfriede Jelinek, Wilhelm Jensen, Andreas Okopenko, Karin Rick, Josef Winkler und Werner Schwab montiert wurden. Die Performance brach damit gängige Geschlechterdiskurse auf und parodierte sie; ganz ähnlich verfuhr Lisa-Frederike Danulat in ihrer postmodernen Variante "Read after Burning - Ein Testament", in der sich die Autorin des Topos' der Gottsuche bediente.

Eine öffentliche Diskussion

Das christliche Erbe hat sich zu frei verfügbarem Material etabliert - so lautet die These von Cornelius Hell in der Schlussdiskussion mit Weihbischof Helmut Krätzl und dem Kulturphilosophen Franz Schuh. Hell zitierte aus dem Lyrikband "Psalmen" des deutsch-iranischen Dichters SAID - vom Verlag als religiöse Renaissance vermarktet - sowie Patrick Roths "Riverside" (1991), eine "Christusnovelle", in der der Autor auf biblisches Personal, Bilder und Motive zurückgreift.

Trotz dem von Glaubensfragen entkoppelten Umgang von religiösen Symbolen in der Kunst sieht Bischof Krätzl die Aufgabe und Verantwortung der Kirche auch darin, "sich - nicht als Zensur, aber sehr wohl und gegebenenfalls kritisch - zu Wort zu melden", anstatt sich "vergrämt zurückzuziehen". Wechselseitiger Respekt, der bedeute, dass das religiöse Empfinden wahrgenommen und berücksichtigt werden müsse, heiße bisweilen auch Grenzen zu ziehen. Konflikte können aber auch als Chance begriffen werden, eine öffentliche, niveauvolle Diskussion fortzuführen.

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