Dialog auf Otto Mauers Spuren

Der Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und Kirche vertrocknet zusehends. Der "Künstler-Theologen-Gesprächskreis", eine private Initiative, setzt sich dafür ein.

Der Otto-Mauer-Preis ist einer der bedeutendsten Kunstpreise in Österreich. Die charismatische Aura des kunstbegeisterten katholischen Priesters, der in der Nachkriegszeit die Grenzen zwischen Kirche und Kunst aufweichte, ist noch immer das Maß aller Dinge. Mit unermüdlichem Eifer bemüht sich in Wien der "Künstler-Theologen-Gesprächskreis" um den evangelischen Theologen Kurt Lüthi und den Künstler Manfred Gruber-Seibt, die Tradition des Dialogs zwischen Kunst und Kirche fortzusetzen. Am 25. Jänner luden sie die beiden Otto Mauer Preisträger Michael Kienzer und Tobias Pils zu einem Gespräch in eine Hinterstube des Restaurant Jelinek ein.

Eine Gruppe kunstinteressierter Menschen sitzt um einen viereckigen Tisch, nach anfänglicher Befangenheit entwickelt sich eine lebhafte Diskussion. Kataloge der beiden Künstler machen die Runde, mit interessiertem Blick blättern alle durch den dicken Ordner, den Michael Kienzer mitgebracht hat. Lose Bezüge zur Kirche sind in seinem Werk immer wieder zu finden. Kienzers Kunst bezieht sich stark auf den Raum, er hat ein Glasfenster in einem Priesterseminar gestaltet oder eine Kapelle in Hartberg 1999 mit rotem Spannteppich überzogen. "Rot ist für mich die Farbigkeit überhaupt. Ich wollte einen gemeinsamen Gebetsteppich für den Kirchenraum schaffen, den alle benutzen, damit ein Gefühl der Gemeinschaft aufkommt", erklärt Kienzer seinen Ansatz. Einschränkungen hat er im kirchlichen Umfeld nie erlebt, dafür nach anfänglicher Skepsis eine sehr ernsthafte Art der Auseinandersetzung. Die beherrschte auch das Klima im Restaurant Jelinek.

Exkurs bei K.U.S.C.H.

Immer wieder initiiert der "Künstler-Theologen-Geprächskreis" interessante Begegnungen. Letzten Juli lud man etwa zum Exkurs ins Atelier K.U.S.C.H. Hinter dem Kürzel verbirgt sich das Künstlerehepaar Renate Krätschmer und Jörg Schwarzenberger. 1990 veranstalteten sie in neun Stationen ein Stück Prozessionstheater rund um die Wiener Albertinarampe. "Annäherung an das Fremde" lautete das Motto dieses Gesamtkunstwerk-Spektakels. "Die Stimmung der christlich-kirchlichen Tradition der Fronleichnamsprozessionen ist mir von der Kindheit an in Erinnerung, ich wollte etwas anderes daraus machen", sagt Schwarzenberger. Er wartet am Bahnhof, um die Gruppe rund um Lüthi und Gruber-Seibt abzuholen. Ein Taxi folgt dem Wagen, die Stimmung ist angeregt, interessiert, offen. Künstler, engagierte Laien aus dem kirchlichem Bereich, Architekten sind dabei.

Die Initiative "Künstler-Theologen-Gesprächskreis" wurde 1998 von Kurt Lüthi, emeritierter reformierter Theolgieprofessor, und dem bildenden Künstler Manfred Gruber-Seibt gegründet. Gattin Renate erledigt ehrenamtlich die Pressearbeit, Interessierte erhalten immer rechtzeitig den folgenden Termin. 50 Personen hat Frau Gruber-Seibt in ihrer Kartei, vor allem Künstler, Architekten und Theologen. Auslöser für die Initiative war die große Leere, die der Tod des charismatischen Monsignore Otto Mauer im Dialog zwischen Kirche und zeitgenössischer Kunst auslöste. "Die Kirche vernachlässigt die Kunst des 20. Jahrhunderts. In den sechziger Jahren bewunderte ich als evangelischer Theologe die Dominikaner in Ronchamps, die von Le Corbusier Kloster und Kirche bauen ließen. Dort herrschte so eine starke Rückkoppelung zwischen Religion und Kunst, wie ich sie im Protestantismus nie erlebt hatte. Dann kam in Wien Otto Mauer. Mich fasziniert dieses Dialogische in der Kunst zwischen Werk und Betrachter."

Solch ein Dialogmeister ist Lüthi jetzt im ökumenisch orientierten "Künstler-Theologen-Gesprächskreis". Immer wieder gelingt es ihm und dem Ehepaar Seibt, Künstler und Architekten so zu begeistern und zu motivieren, dass sie Arbeiten im kirchlich-spirituellen Bereich zur Diskussion stellen. Architekt Helmut Hempel hielt ein Referat zum Licht im Bezug zum liturgischen Handeln, der erfahrene Kirchenbauer Johann Gsteu leitete eine Exkursion zu neuen Gotteshäusern in Wien, Architekt Heinz Tesar führte die Gruppe zum jüngsten Sakralbau der Stadt "Christus, Hoffnung der Welt", selbst der Grazer Bischof Egon Kapellari konnte schon zum Gespräch gewonnen werden. Karlheinz Essl stellte sich in Klosterneuburg einer Diskussion zur Ausstellung "I.N.R.I", die 2000 kurz Aufruhr sorgte. Ob die Fotografien von Bettina Rheims & Serge Bramly nun ein hervorragend gemanagter Publicity-Gag oder Kunst sind, daran scheiden sich im K.U.S.C.H. Atelier noch die Geister.

Das Video der Prozession auf der Albertina findet einhellig positive Resonanz. Mit sakral anmutender Ernsthaftigkeit, in archaisch-antike, einfache Gewänder gehüllt, tragen unzählige Statisten in einem eindrucksvollen Prozessionszug Masken auf einer Stange vor sich her. Einige der Originale stehen im Atelierhaus, sind zu Mitbewohnern der Künstler geworden. Viel Reflexion steckt in der großangelegten Inszenierung. Der Rhythmus der Begleitmusik, der gemessene Schritt, die plötzlichen, extaktischen Ausbrüche einiger Akteure, die knapp und prägnant formulierten Sätze, die Dramaturgie der neun Stationen, die Bewegung im Stadtraum, die Reaktionen der Passanten und einige humoristische Bezüge zur Tagespolitik machen dieses Video zum Zeitdokument einer Kunst, die grenzüberschreitend mehrere Disziplinen vereint. Konzeptueller Ansatz, Einmaligkeit, Dokumentation und Agieren im öffentlichen Raum machen das Spektakel trotz der formalen Anlehnung der traditionellen Prozessionsform eindeutig zur zeitgenössischen Kunstintervention.

"Das Reizvolle am katholischen Brauchtum ist für mich, dass es aus dem Heidnischen kommt. Das muss neu belebt und neu übersetzt werden. Der Dialog mit dem Christentum interessiert mich. Das einzig Enttäuschende war, dass diese Prozession öffentlich kaum wahrgenommen wurde", sagt Jörg Schwarzenberger heute.

Kunst ist religiös

Im "Künstler-Theologen-Gesprächskreis" ist das Interesse groß, so leicht ist zeitgenössische Kunst außerhalb des Kirchenbaus, die sich reflexiv mit Religion auseinandersetzt, nicht zu finden. Lüthi freut sich über die Einladung ins Atelier: "Die zigfache Auflage der Nazarenerschule kann nicht die einzige heutige künstlerische Antwort sein." Er sucht unermüdlich nach neuen Ausdrucksformen. Seine glühend verehrte "Moderne" hat im Zeitalter der Postpostmoderne Patina angesetzt. "Mir geht es in der Religion um Spiritualität, nicht darum, Neues zu finden. Abstrakte Bilder muss man oft malen, bis sie sich vertiefen. Dann werden sie Aufforderung zur Meditation. An diesem Punkt kommen Kunst und Religion wieder zusammen", erklärt der Maler Gruber-Seibt seine Motivation zur Gründung des Gesprächskreis".

Linda Christanell, eines der Mitglieder von Angang an, kannte Otto Mauer; sie hat Malerei an der Wiener Akademie der Bildenden Künste bei Herbert Boeckl studiert und ihr ursprüngliches Genre zugunsten von Performances, Film und Foto verlassen. "Kunst ist ein religiöser Vorgang. Es ist ein schöpferischer Akt, der viel mit Existenz und dem Umsetzen von Erfahrungen zu tun hat", sagt Christianell. Atelierbesuche und Gesprächsrunden des Kreises schätzt sie sehr: "Es ist unheimlich interessant und anregend."

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